Die Samstags-Kolumne: Eine Liebeserklärung

Kolumne von Dorian Gorr

Der Kolumnist: Dorian Gorr ist seit 2004 Herausgeber vom Online-Magazin METAL MIRROR.

Seit ein paar Wochen habe ich einen Plattenspieler. Einen richtigen. Das war längst überfällig. Seit Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, dabei aber immer abgewogen, ob sich die Investition für mich lohnt. Immerhin verbringe ich fast meine gesamte Zeit hinter irgendwelchen Rechnern. Die viele Musik, die ich als Musikjournalist dabei höre und hören “muss”, will ich schnell und komfortabel anhören, durchskippen und notfalls wieder aus meiner Playlist rausschmeißen können. Da bietet sich das Hören über den Rechner (natürlich mit guter Soundanlage) einfach an.
Dennoch: Für die unsterblichen Alben, die man nicht hört, weil es die Aufgabe ist, etwas über sie zu schreiben, sondern die man am Abend beim Bierchen auf der Couch anhören möchte, für diese Alben wollte ich einen Plattenspieler. Mittlerweile ist das Schmuckstück seit ein paar Wochen in Betrieb. Und ich habe viel gelernt.
Man fühlt sich der Musik weit mehr verbunden. Es ist ein richtiges Ritual, an das das Einlegen einer CD, geschweige denn das Mausklick-Laden einer MP3-Datei nicht einmal entfernt herankommen kann. Es beginnt damit, dass einen das Artwork einer Vinyl wirklich gefangen nimmt. Es gibt viel mehr zu entdecken, man sieht selbst auf bekannten Plattencovern so viele neue Details, die einem vorher noch nie aufgefallen sind. Es ist atemberaubend. Dann zieht man diese (im besten Fall) schwere Vinylplatte heraus, pustet einmal drüber und legt sie vorsichtig auf den Plattenteller. Die Nadel wird positioniert, heruntergelassen, der protektive Glaskasten geschlossen. Die Reise geht los.
Dadurch, dass man so viel “Aufwand” (in sehr deutliche Anführungszeichen gesetzt) betreibt, um an die Musik zu kommen, nimmt man diese viel bewusster wahr. Man fühlt eine ganz andere Verbindung. Das ist das hundertprozentige Gegenteil des eh zu vermeidenden Nebenbeihörens.

Dann folgt der Sound. Es mag wie ein High-Fidelity-Klischee klingen, das man nur allzu gern glauben möchte, obwohl man es eigentlich besser weiß, aber in diesem Fall entspricht es einfach der Wahrheit: Vinyl klingt anders. Es klingt viel wärmer und voller. Auf einer guten Anlage abgespielt, umarmt einen die Musik. Man kann sie unmöglich ignorieren.

Die Musik gewinnt in diesem Format so unglaublich viel Kraft. Ich habe schon jetzt einige meiner absoluten Lieblingsalben auf Vinyl. Von diesen Alben dachte ich im Vorfeld, dass sie eigentlich nicht mehr zu toppen wären; dass ich sie bereits vollkommen erschlossen hätte. Ich lag falsch. Diese ohnehin vergötterte Musik mit so viel Wärme zu erleben, ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die ich nie wieder missen möchte. Es ist ein Rausch, wirklich. Fast intim. In diesen Momenten leistet man Bis-in-den-Tod-Schwüre für seine Lieblingsbands.

Die emotionalsten Momente, die man mit Musik haben kann, wird man auf diesem Weg machen können, da bin ich mir sicher. Als ich das erste Mal Golden Earrings Überalbum „Moontan“ auflegte und „Are You Receiving Me“ hörte, einer der für mich bedeutendsten Songs in meiner musikalischen Entwicklung (danke Papa!), hatte ich wirklich Tränen in den Augen, weil es mich so umhaute. Nie zuvor – so hatte ich das Gefühl – habe ich diesen Song so abgöttisch geliebt.

Ich bemitleide all die Leute, die solche Erfahrungen niemals machen werden, weil sie physische Tonträger für tot erklären und sich stattdessen lieber per Mausklick bei iTunes eine Datei herunterladen. Weil das doch komfortabler ist. Ich frage mich nur: Warum sollte gute Musik komfortabel sein? Gute Musik sollte kein Nebenbeiding sein. Nicht ein Instrument zur Ablenkung oder zur Hintergrundbeschallung. Gute Musik hat es verdient, dass man ihr die gesamte Aufmerksamkeit schenkt. So wie man es bei einem guten Film auch macht. Vor allem, weil man Musik dadurch ganz neu entdeckt, im besten Fall noch aufs Cover starrt oder die beigelegten Texte liest und auf sich wirken lässt. Es ist eine Rundum-Erfahrung, eine fast schon spirituelle Reise in die Welt der Musik.

Was ich mit all dem eigentlich nur sagen möchte, ist: Ich liebe dich, mein Plattenspieler.

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