Die Samstags-Kolumne: Sargeist und der braune Dreck

Die Samstags-Kolumne: Sargeist und der braune Dreck

Kolumne von Dorian Gorr

Der Kolumnist: Dorian Gorr ist seit den Anfängen im Jahr 2004 Herausgeber des Online-Magazins METAL MIRROR.

So etwas erlebt man auch nicht alle Tage: Ein Festival heuert eine Band an, nur um diese dann keine 24 Stunden später wieder vom Billing zu schmeißen. Die Rede ist vom PartySan Open Air. Am 5. Januar verkündete die Pressestelle des Festivals, dass man unter anderem die Black-Metaller Sargeist für die im August stattfindende Veranstaltung verpflichten konnte. Am 6. Januar folgte ein zweiter Pressenewsletter, der bekannt gab, dass man sich dazu entschieden habe, die Band wieder vom Billing zu streichen.

Was war geschehen? Sargeist sind eine finnische Black-Metal-Band, deren Sänger Shatraug wohl Dreck am Stecken hat, wie etliche Zuschriften von Szenekennern und potenziellen Festivalbesuchern anmerkten. Dabei ist dieser Dreck nicht einmal so offensichtlich, wie es beispielsweise bei Shatraugs gutem Kumpel Nazgul von Satanic Warmaster ersichtlich ist. Aber eben doch wahrnehmbar, wenn man sich die Mühe macht, ein wenig zu recherchieren: Ein Artikel auf dem manchmal übers Ziel hinausschießenden Internetportal indymedia listet einige Misstrauen erweckende Fakten auf. Da wäre zum Beispiel Shatraugs eigenes Label, das unter anderem auch Bands vertreibt, die in rechtsextremen Kreisen einschlägig bekannt sind. Ansonsten moniert der Artikel vor allem die Schnittstelle zwischen Sargeist und den weitaus populäreren (und oftmals genreweit geduldeten) Horna. Nun mögen sich die Übertoleranten der Black-Metal-Szene wieder einmal darüber streiten, ob man eine Band wegen solcher Querverweise an den Pranger stellen sollte, vor allem, wenn doch die Musik „unpolitisch“ ist. Aber Sargeist hatten ihre Chance: Es wäre kein großes Problem gewesen, sich auf Anfrage der PartySan-Veranstalter zu erklären. Die Möglichkeit wurde – sofern wir dem Newsletter glauben dürfen – den Jungs geboten. Sargeist lehnten ab. Einerseits passt das. Die Band besteht aus einem Haufen Querulanten, die alle gerne provozieren und sich nicht in der Pflicht sehen, irgendwem Rede und Antwort zu stehen. Nur haben die Jungs nicht bedacht, dass das PartySan einen Ruf zu verlieren hat – ein Ruf, der schon einmal auf der Kippe stand.

Vor einigen Jahren schien das Festival ohne ersichtlichen Grund wie ein Magnet auf die rechtsextremen Teile der Metal-Szene zu wirken. Mein Kollege David, seit Jahren ein alljährlicher Besucher auf dem PSOA, berichtete mir vor geschätzt vier oder fünf Jahren von Hitlergrüßen, SS-Uniformen und Landser-Dauerbeschallung auf dem Festivalgelände. Ein trauriges Bild. Das PartySan reagierte und bezog einmal mehr Stellung, indem man ein entsprechendes Shirt herausbrachte, das die Message klar machte: Rechtsextremismus wird auf dem Festival, das jahrelang in Bad Berka stattfand und 2012 zum zweiten Mal in Schlotheim veranstaltet wird, nicht geduldet. Seitdem scheinen sich die Wogen etwas geglättet zu haben. Zumindest habe ich seit ein paar Jahren kaum noch etwas in dieser Richtung wahrgenommen.

Sargeist treten nicht auf dem PartySan auf

Sargeist-Sänger Shatraug auf dem Pressefoto der Band

Dennoch: Das PartySan ist bei diesem Thema zurecht übervorsichtig. Ich weiß nicht, wie viele erboste E-Mails bei den Veranstaltern eingegangen sind, aber es müssen genug gewesen sein, um die Verpflichtung von Sargeist zu überdenken. Grundsätzlich begrüße ich das. Ich hatte Sargeist bis dato als halbwegs unspektakuläre, aber was dämliches Faschotum anbelangt unauffällige Truppe aus Finnland abgespeichert. Und in der Tat muss man schon etwas buddeln, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass die Jungs nicht ganz koscher sind. Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass das PartySan aus Angst um den eigenen Ruf die Band unverzüglich wieder vom Billing schmiss.

Ich wünschte nur, ich könnte den Organisatoren diesen Schritt als aufrichtige Geste aus Besorgnis um die Einflüsse dämlichen Gedankenguts auf die Black-Metal-Szene abkaufen. Tu ich aber nicht. Dem Festival geht es – und das ist natürlich irgendwo ein gutes Recht – um den eigenen Ruf. Das ist strategisches Kalkül. Dass man nämlich grundsätzlich auch mal ein Auge zudrückt, solange sich jemand geläutert gibt, das zeigte man erst im vergangenen Sommer, als man die einst wegen der Essener Swastika-Affäre geschassten Taake wieder auftreten ließ.

Wenn Sargeist demnächst ein geläutertes Statement veröffentlichen, können sie vielleicht in ein paar Jahren ihren für 2012 geplanten PartySan-Auftritt nachholen. Das mag eine sehr zynische Sichtweise sein. Auf den zweiten Blick wirkt das jedoch gar nicht so unrealistisch.


Hinweis: Jeden Samstag erscheint ab sofort auf METAL MIRROR eine neue Online-Kolumne.

Verwandte Beiträge:

  1. PartySan Open Air: Neues Gelände
  2. Neue Bands fürs PartySan
  3. Feuer frei: Die Metalnews des Tages – 6. Januar 2012
  4. Update Black Troll Winterfest
  5. Festival-Saison 2011: Zuwachs an allen Fronten