Die Samstagskolumne: Rock’n’Roll bis zur Apokalypse

Online-Kolumne von Elvis Dolff

Der Kolumnist: Elvis Dolff schreibt seit den Anfängen im Jahr 2004 für den METAL MIRROR und ist in der Werbeindustrie tätig.

21.01.2012 – hm, also nach den Maya noch genau 11 Monate? Versteht mich nicht falsch, aber gebt euch doch einmal der Vorstellung hin, dass wirklich alles im Jahresablauf nur noch einmal in eurem Leben geschieht. Nur noch ein Frühling, ein Festivalsommer, eine Urlaubsreise und eine Vorweihnachtszeit (wohl gemerkt: OHNE Weihnachtsklimax!). Wäre man sich dessen hundertprozentig gewiss – wie es in so manch einem pseudo-wissenschaftlichen Apokalypse-Epos im TV der Fall ist (Bsp.: Komet fliegt mit haargenauem Countdown auf die Erde zu, Welle trifft in genau 20 Min ein etc.) – würde man wohl versuchen, die letzten Wochen und Monate auf Erden so besonders wie möglich zu erleben. Auch in dem Morgan Freeman/Jack Nicholson-Film „Das Beste Kommt Zum Schluss“ (The Bucket List) wird mit diesem Gedanken gespielt. Beide Hauptdarsteller erkranken an Krebs und bekommen ihre Restlebenszeit-Diagnose. Daraufhin beschließen sie, noch alles zu tun, was sie immer schon mal machen wollten (Fallschirmsprung, mit’m Motorrad über die chinesische Mauer etc.). Würden alle wissen, dass sie bald sterben, würde doch jeder den höchstmöglichen Kredit aufnehmen und mehr als nur einen drauf machen. So ne kleine Eurokrise wäre dann wohl nichts. Eine Art Prä-Apokalypse also auch vorprogrammiert.

Im Metal-Universum sähe das wohl so aus: Absolut ALLE Bands sind auf Abschiedstournee! Erhöhen also die Preise auch auf apokalyptisches Niveau. Jeder spricht von seiner ober-trven Reunion in der Hölle und „Die Apokalyptischen Reiter“ bekommen tausende Fanmails, den Gig am 21.12. ein paar Monate weiter zu verschieben. Pagan-Bands packen alle ihre musikalische Ragnarök-Version aus und spielen einmalige Live-Gigs am Vorabend des Weltuntergangs. Event-Reisen auf dem „Ausflugsschiff“ Naglfar, kleine Plüsch-Fenrizwölfe, die auf Knopfdruck Feuer spucken können und Kondome in der Sonderedition „Midgardschlange“ werden angeboten. Aber auch fernab der mythologischen Schauplätze geht die Post ab. Absolut jeder sieht das Ende kommen und lässt seine Arbeit Arbeit sein, wird spirituell oder versucht halt einfach mit jedem, den er auf der Straße trifft, zu vögeln – natürlich ohne Kondom, da AIDS, Babys und der ganze Quatsch in diesem Szenario auch keine Rolle mehr spielen (weswegen „Modell Midgardschlange“ wohl eher ein Ladenhüter sein wird).

Egal wie man sich das nun ausmalt, genau zu wissen, wann man stirbt, löst etwas im Menschen aus, was er aber eigentlich jeden Tag leben sollte: er würde aktiv und kreativ werden wie niemals zuvor. Kennt man ja von Prüfungen: meistens arbeitet man nur wirklich unter Druck. Aber gibt einem der 21.12. oder die Krebsvorhersage die Gewissheit, dass dich kein Auto, Blitz oder Wildschwein bis dahin erwischt? Wohl kaum.

Der Kern des Rock’n’Roll war für mich immer ein Lebensstil, in dem man das Leben in jeder Minute auszukosten versucht und nicht an den Morgen danach denkt. Was andere im ganzen Jahr unternehmen, in einer durchschnittlichen Woche durchziehen und bei aller Erschöpfung weiter zu machen – so lang man nur kann. Keine kultige Gelegenheit auszulassen. vom Alltag abzuweichen und durchzuziehen. Die Geschichten waren es meistens wert.

Mit genug Abergläubigen auf unserer Welt wird dieses Jahr also geprägt sein von sehr viel Rock’n’Roll, Action und hammergeilen Storys! Yeeehah!

Verwandte Beiträge:

  1. Die Samstags-Kolumne: Metal from Hellas
  2. Die Samstags-Kolumne: Eine Seefahrt, ist die Metal?
  3. Die Samstags-Kolumne: Kleider machen Leute?
  4. Die Samstags-Kolumne: Dave Mustaine und die Homoehe.
  5. Die Samstags-Kolumne: Steht uns das große Sterben bevor?