Die Samstags-Kolumne: Metal from Hellas

Kolumne von Benedikt F.

Der Kolumnist: Benedikt F. arbeitet als freier Journalist und war früher selbst als Musiker aktiv.

Als Dorian mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, eine monatliche Kolumne im Metal Mirror zu machen, begründete er dies damit, dass ich „meinungsstarker, aneckender Retro-Typ“ sei. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher gewesen, ob dies als reines Kompliment zu verstehen war, habe aber dennoch zugesagt. Dann also die Frage: Womit einsteigen? Worüber schreiben? Und: Was wird von mir erwartet? Ein Retro-Kolumnist in einem Magazin, dessen aktueller Titel Blind Guardian zeigt und ein Interview mit Wolfgang Hohlbein beinhaltet. Ja, da hätte ich eine starke Meinung zu. Die Metal-Szene an und für sich schreit ohnehin danach, eine Polemik nach der nächsten abzufeuern. Das wäre wohl ein einfacher Job gewesen.

Nun ist es aber so, dass wir uns seit einigen Jahren in einem Zustand einer umfassenden Dauerkrise befinden. Und wenn es in Krisen an einem nicht mangelt, dann ist das wohl Polemik. Zum Beispiel in der Griechenland-Frage. Zumindest auf dem Boulevard-Sektor scheinen griechische Redaktionen mit ihren deutschen Kollegen in einen gnadenlosen gegenseitigen Unterbietungs-Wettbewerb getreten zu sein. Ginge es danach, müsste man etwas vereinfacht ausgedrückt davon ausgehen, dass alle Deutschen alle Griechen für stinkfaul und alle Griechen alle Deutschen für Nazis halten

Ich habe für diese Kolumne eine Untersuchung angestellt. Ein absolut nicht empirischer, höchst subjektiver, aber dennoch natürlich unfehlbarer Erklärungsansatz. Ich möchte ihn die „High Fidelity“-Methode nennen. Wenn Rob, der Held aus dem Kultbuch von Nick Hornby, eine Trennung zu verarbeiten hat, sortiert er seine Plattensammlung neu. Meine deutsche Plattensammlung hat ganz eindeutig eine Beziehung zu Griechenland. Eine, die über ein flüchtiges Verhältnis hinausgeht. Die Ergebnisse dieser musikalischen Introspektion lassen sich in drei Punkten zusammenfassen.

Zum Vorschein kam zunächst ein mittlerweile zwar durch Aussortierung kleiner gewordener, aber immer noch vorhandener Stapel an Bootlegs griechischer Herkunft. Eine Zeit lang schien es dort Volkssport gewesen zu sein, jede musikalisch noch so irrelevante, aber als Original unbezahlbare Rarität als billig aufgemachte CD auf den Markt zu schleudern und sich so zumindest eine halb vergoldete Nase zu verdienen.

Eine bessere Geldanlage sind da die vielen großartigen offiziellen Veröffentlichungen griechischer Plattenfirmen, die auf lizensiertem Wege die obskursten Schätze der Metal-Historie zugänglich gemacht haben. Was mir alleine aus dem Hause Arkeyn Steel alles an völlig großartigen Platten in die Hände gefallen ist, spottet jeder Beschreibung. So etwas ist nur möglich mit einem positiven Metal-Wahnsinn, mit Engagement und mit Leidenschaft.

Last, but not least: Niemand, der sich ernsthaft für traditionellen Heavy Metal interessiert, kommt an den griechischen Bands vorbei. Ob nun die absoluten Klassiker wie RUST, SPITFIRE, CRUSH oder neuere Gruppen wie BATTLEROAR, deren 2009er Album „To Death And Beyond“ für mich ohne wenn und aber zu den besten europäischen Heavy Metal-Alben der letzten 20 Jahre gehört.

Fazit: Mit der „High Fidelity“-Methode gelange ich zu einer 2:1 Wertung. Um die deutsch-griechischen Beziehungen in meinem Plattenschrank ist es also weiterhin gut bestellt. Ein Heavy Metal-Europa ohne Hellas scheint mir schwer vorstellbar und wenig sinnvoll. Es bleibt der Wunsch, dass deutsche und griechische Heavy Metal-Fans auch in diesem Jahr auf dem „Keep It True“ in Lauda-Königshofen und dem „Up the Hammers“ in Athen friedlich zusammen feiern. Das wäre das eindrucksvollste Zeichen dafür, dass zumindest wir uns von den politischen wie medialen europäischen Irrwegen nicht irritieren lassen, weil wir wissen, dass uns immer noch viel mehr verbindet als uns trennt. In diesem Sinne:

All hail, here we rise again!
Metal from Hellas!
Gods sing, in the land of pride!
Metal from Hellas!

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