Die Samstags-Kolumne: Kleider machen Leute?

Kolumne von Jenny Bombeck

Die Autorin schreibt seit sieben Jahren beim Metal Mirror und ist stellvertretende Herausgeberin des Magazins.

Vergangenes Wochenende war es mal wieder so weit. Die Auszeichnung des Jahres wurde verliehen. Die Oscars zogen die Filmzunft nach Hollywood wie das Obst die Fruchtfliegen. Immerhin ist dies Grund genug, es sich mit einer großen Portion Nachos mit dreierlei Dip und Käse überbacken vor dem heimischen Fernseher gemütlich zu machen. Doch bevor die feierliche Zeremonie vonstatten geht, muss man sich als Zuschauer erst einmal durch den Vorbericht vom Red Carpet quälen, der einem die Nachos im Halse stecken lässt. Immerhin überlegt sich das Who is Who der Hollywood-Prominenz Monate im Voraus, mit welchem außergewöhnlichen Dress sie auf dem roten Teppich glänzen wollen. Ein bisschen Make-Up hier, ein bisschen Botox da und ab geht es zum Posieren.

Dass jemand besonders schön aussehen will, ist allein noch nicht verwerflich. Immerhin will man auch als Rock- oder Metal-Fan zu einem Großereignis standesgemäß gut aussehen. So sieht man auch beispielsweise im Backstage-Bereich des Wacken Open Airs gut geschminkte Frauen in einem netten Metal-Outfit, das aus Leder-Hot-Pants und Corsage besteht. Auch die Männer wählen ihr bestes Band-Shirt oder Hemd aus. Es gibt jedoch einen großen Unterschied:

Anscheinend geht es bei den Oscars nicht mehr hauptsächlich um die Filme, sondern um das was die Schauspieler am Leibe tragen. Da steht mitten auf dem roten Teppich ein sogenannter Journalist im mittleren Alter, seinem Gesicht fehlt dank des Nervengifts jegliche Mimik, und er befragt Größen wie George Clooney und Sandra Bullock. Doch anscheinend fallen dem Herren keine interessanten Fragen ein, sondern nur die eine: „Sandra, who are you wearing?“ Diese darf daraufhin stolz verkünden, welchen Designer sie an ihrem Körper trägt, woraufhin sie noch ein überzogenes Kompliment a la „You look so amazing and beautiful“ erntet.

Diese Interviews und Oberflächlichkeit darf man sich knapp zwei Stunden lang zu Gemüte führen. Wem dabei nicht übel wird, der hebe bitte die Hand.

Ist unsere Gesellschaft wirklich derartig oberflächlich geworden, dass nur noch Kleidung zählt und nicht nicht etwa die Filme, die wir gedreht haben, die Musik, die wir gespielt haben oder die Texte, die wir geschrieben haben?

Und kann man diesen Schuh nur den Mainstream-Leuten anziehen oder ist man auch als Metal-affiner Mensch diesem Schuh ausgesetzt?

Ich denke in gewissen Teilen schon. Natürlich tragen nicht alle eine Designer-Robe und laufen umher und erzählen voller Stolz, dass sie die neueste Iron-Maiden-Kreation tragen und sich in ihren Lederhosen sehr wohl fühlen. Aber auch in unserem Musik-Bereich spielt die Kleidung eine wichtig Rolle. Sie definiert uns und sie bietet auch zeitgleich Angriffsfläche. In etlichen Boulevard-Blättchen kann man nach den Oscars die In-and-Out-Rubrik betrachten, in denen die Sternchen und ihre Roben kategorisiert werden. Aber auch im Metal-Bereich gibt es In-And-Out, während Shirts von Old-School und Metal-Bands als äußerst cool gelten, werden Männer in Nightwish- oder Lacuna-Coil-Shirts insgeheim belächelt. Nicht nur das Motiv, nein auch die Marke besser gesagt: Band spielt dabei auch eine Rolle.

Trägt man etwas aus der Guns’n’Roses-Kollektion kombiniert mit einer Fliegersonnenbrille, gilt man als cooler Rocker. Kleider machen Leute. So ist es und so war es schon immer. Und wer hat nicht schon einmal vorschnell aufgrund des Kleidungsstiles geurteilt? Der hebe bitte wieder die Hand.

Das Schöne ist, dass wir uns aber immer noch überwiegend auf die Musik konzentrieren und mit der Kleidung lediglich unseren Geschmack präsentieren.

 

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