Die Samstags-Kolumne: Musik, die sich hinter Brüsten versteckt?

Kolumne von Dorian Gorr

Der Kolumnist: Dorian Gorr ist seit 2004 Herausgeber vom Online-Magazin METAL MIRROR.

Diese Woche war ja mal wieder internationaler Frauentag. Ein Tag um ein Bewusstsein für die Frauen dieser Welt zu schaffen. Und vor allem ein Tag, der in meinen Augen ziemlich unsinnig zelebriert wird (darüber habe hier ausführlich geschrieben). Eigentlich ist dieser Tag ein wunderbarer Anlass, um auch einen Blick auf die Macho-Bastion der Musik zu werfen – die Metal-Szene.

Dabei soll es heute mal nicht um die weiblichen Fans gehen, die ja meist in der Unterzahl sind. Auch nicht um peinliche Förderprogramme wie irgendwelche Girls-Rock-Camps, mit denen man dafür sorgen möchte, dass die Quote auch in Metal- und Rock-Fankreisen stimmt. Nein, ich möchte heute einen Blick auf die weiblich angeführten Bands und genauer: auf deren Genrebezeichnung werfen. In jüngerer Vergangenheit fällt mir nämlich vermehrt auf, dass man Metal, der von Frauenstimmen vorangetrieben wird, als eigenständiges Genre zu etablieren versucht. Mit “man” sind in dem Fall die Labels und Promoter gemeint, die – so befürchte ich – diese Etablierung für einen taktischen Supercoup halten.

Und deswegen kriege ich häufiger und häufiger Post auf den Schreibtisch, bei der ich ins Stutzen komme, wenn ich einen Blick auf den beiliegenden Promozettel werfe. Da steht dann so etwas wie “Genre: Female fronted”. Verwunderung. Was soll das denn bitte für eine Stilrichtung sein?

Natürlich ist mir klar, welche Form von Musik man mit dem Genre “Female fronted” vermarktet. Das sind die Nightwish-Klone, die Möchtegern-Within-Temptations, die oft (auch von mir) abwertend Elsenbands genannten Truppen, die ein Power- oder Gothic-Metal-Fundament verwenden, jede Menge symphonische Elemente dazupacken und das ganze dann von einer mal mehr, mal weniger talentierten Pseudo-Opernsängerin veredeln. So klingt also “Female fronted”.

Mich stört diese Genrebezeichnung, die letztlich nichts anderes als ein purer Sexismus der Musikbranche ist, denn sie legt die Rolle der Frau in der Musik sehr starr fest. Female fronted heißt doch eigentlich nichts anderes, als dass die Fronterin weiblich ist. Punkt. Mehr Aussage hat der Terminus nicht. Allerdings führt uns dieser synthetische Genre-Begriff in die Irre. “Frau an der Front? Muss kitschiger Gothic Metal sein.” Das ist die Heuristik, die durch diesen Marketing-Schachzug geschaffen wird. Außer Acht gelassen wird dabei, dass es etliche Bands mit Frauen an der Front gibt, die kein normaler Metaller jemals mit “Female fronted” gleichsetzen würde. Sind Arch Enemy female fronted? Oder Holy Moses? Wortwörtlich ja. Musikalisch würde die da aber niemand verorten. Selbst eine Band wie wie von mir abgöttisch verehrten The Devil’s Blood, bei der die Sängerin nicht rumbrüllt, sondern durch ihre klare Stimme begeistert, könnte man nicht ohne Bauchschmerzen mit dem Etikett “Female fronted” behaften.

Was soll das also? Kann man Gothic Metal nicht einfach auch als diesen brandmarken? Sind die Brüste an der Front ein so wesentliches Merkmal des Stils, dass man diese gleich mit ins Genre packen muss? Verkauft sich Musik, bei der man von Anfang an klar macht, dass da jemand mit weiblichem Geschlecht singt, besser? Ist es in den Augen dieser Leute etwas so besonderes, dass da eine Frau bei einer Metal-Band singt? Viele Fragen. Keine Antworten. Nur eine Theorie meinerseits: Wer sich hinter diesem Etikett versteckt, will vermutlich eh nur über die mittelmäßig bis unterdurchschnittliche Musik hinwegtäuschen und schiebt deswegen die Brüste in den Vordergrund. Aber wen lenkt das schon von dem langweiligen Hörerlebnis ab? Mich jedenfalls nicht. Also: Schafft diesen Unfug bitte unverzüglich wieder ab. Danke.

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