Interview: Enter Shikari

Interview mit Enter Shikari

Auf Entwicklungskurs

Vor ihrem Auftritt in Köln standen ENTER SHIKARI, in Form von Sänger Roughton „Rou“ Reynolds und Gitarrist Liam „Rory“ Clewlow Rede und Antwort zum gegenwärtigen Album, dem erscheinenden Remix, intoleranten Schreihälsen und Backstage-Quatsch.

Text: Marcel Reefmann | Foto: Enter Shikari

Bei ein wenig Smalltalk über ihr aktuelles Werk „Common Dreads“ und die entscheidenden Einflüsse der Band beim Schreiben des Albums, geht Rou zunächst einen ordentlichen Schritt zurück in die Vergangenheit. So erzählt er, dass man gerade einmal 16 bis 17 Jahre alt war, als Songs für den Erstling geschrieben wurden. Zu dieser Zeit habe man viel Musik aus dem Hardcore-Genre gehört. Erst danach habe man sich neuen Stilen geöffnet und im Zeitraum nach der Veröffentlichung des Debüts viele Dinge ausprobiert und teilweise Zeug gehört, das sich sonst eigentlich niemand antue, wie zum Beispiel völlig abgedrehte World Music, aber auch viel in Richtung Prodigy und Musik aus der Londoner Dub-Step-Szene. Eine Änderung des Sounds sei in jedem Fall beabsichtigt, so war die Band bei den Aufnahmen in Rous Augen vor allem darum bemüht, die Hardcore-Parts noch heftiger zu machen, während man die melodischen Teile noch weiter in diese Richtung ausbauen wollte.
Die Reaktionen der Fans auf den Wandel beschreiben die beiden als durchweg positiv, auch wenn Rou bedauert, dass es immer noch die Leute gebe, die weiterhin Shouts und Screams, wie sie auf „Take To The Skies“ vertreten waren, verlangen würden.

„Solche Parts sind bei reinen Shouter- oder Hardcore-Bands besser aufgeboben als bei Enter Shikari“, mutmaßt er. „Wir werden immer eine sehr experimentelle Band bleiben und ein Großteil der Fans weiß das zu schätzen und hält uns deswegen die Treue.“

Angesprochen auf die Kuriosität, dass in dem Intro zu „Common Dreads“ die deutschen Sprecher einen russischen Akzent aufweisen, reagieren die beiden sehr amüsiert und geben zu, davon bisher noch gar nichts gewusst zu haben. Mit einem immer noch breiten Grinsen erklärt Rou, dass dahinter eine Fanaktion steckt, bei der Fans aus allen möglichen Ländern den Satz „Wir müssen uns vereinigen“ aufnahmen und einschickten.

„Wir haben da ein bisschen auf gut Glück gespielt, denn die Aufnahmen wurden so gut wie gar nicht überprüft. Rein theoretisch hätte auch jemand ein Sample mit ‚Tod allen Engländern‘ einschicken können“, gesteht der britische Sänger mit einem Schmunzeln.

Elektronisch remixt
Zusätzlich zu „Common Dreads“ wird die Band demnächst ein Remix-Album herausbringen. Rory fasst die Details im Wesentlichen zusammen.

„Es wird zwei neue Lieder und zahlreiche Remixes vom letzten Album und zusätzlich noch mindestens eine B-Side, vielleicht sogar einige mehr, beinhalten Außerdem wird die Scheibe drei Live-Tracks präsentieren.“

Die Idee dahinter sei aus dem Gefühl entstanden, den Fans noch etwas mehr zu bieten. Die Scheibe wird in enger Zusammenarbeit mit dem Label Hospital Records, das vor allem im Dance-Bereich arbeitet, und deren Acts sich für sämtliche Drum‘n‘Bass-Remixes auszeichnen, veröffentlicht. Außerdem werde es noch DubStep-Remixes geben, die in etwa die gleiche Richtung einschlagen würden.
Gedanken über ein Cover-Album habe man sich hingegen noch nie gemacht, man habe zwar ein- oder zweimal Last-Minute-Cover aufgenommen, darunter auch „Can‘t Stop The Dance“ von Prodigy, doch Sänger Rou gefalle es prinzipiell nicht, die Lyrics anderer Songwriter zu singen, da es sich für ihn irgendwie falsch und nicht richtig anfühle.

„Es gibt zwar einige interessante Songs, die man aus dem Bereich covern könnte, aber es passt nicht wirklich, Hardcore-Songs in ein Electro-Gewand zu verpacken. Stell dir nur einmal vor, wie ein Hardcore-Genre-Purist auf ein Electro-Trance-Cover reagieren würde: ‚AAAHH, what the hell are you doin‘?! What the…?!?‘„, veranschaulicht Rou eindrucksvoll und lautstark die antizipierten Folgen einer solchen Unternehmung.

Andere Künstler würde die Band lieber in einem anderen Rahmen featuren. So gab es in letzter Zeit eine Zusammenarbeit und viele Anregungen eines befreundeten Drum‘n‘Bass-Acts namens The Chemists, mit denen sie gemeinsam im Studio experimentierten und ein paar Gesangs-und Gitarrenspuren eingespielt haben.

„Wir versuchen immer möglichst viel auszuprobieren. Ich hätte nur nie Lust darauf, eine sogenannte Supergroup zu bilden. Mir gefällt der Gedanke nicht, dass sich große Pop- und Rockstars zusammenschließen“, erzählt Rou, der anschließend alle Fans beruhigt, die angesichts des Remix-Albums Angst um die Ausrichtung der Band haben.
„Wir haben keinesfalls vor, noch tiefer in die Drum‘n‘Bass-Szene einzusteigen. Wir wollen in Zukunft weiterhin aggressive und leidenschaftliche Musik machen“, verspricht Rou.

Pflicht und Kür
Das Stichwort leidenschaftliche Musik leitet schon fast automatisch zum Punkt der außergewöhnlich guten Live-Performances über, die Enter Shikari in diesem Jahr nicht nur während der Tour unter Beweis stellen wollen, sondern unter anderem auch beim Hurricane-Festival. Ihrer Ansicht nach stellen Festivals keine Pflicht- sondern eher die Kür-Elemente im Tourplan dar. Bedingt wird dies unter anderem dadurch, dass nicht so viel Druck auf ihnen laste, wie bei eigenen Shows, da es mehr Bands gebe, auf die sich dieser aufteile. Außerdem habe man Backstage immer eine Menge Spaß mit Freunden und trage lustige Wettkämpfe untereinander aus.
Die Freizeit bei regulären Auftritten versuche die Band sich so weit es geht in den jeweiligen Städten zu vertreiben und von allem einen Eindruck mitzunehmen.

„Man liest viele Bücher, hört viel Musik und feiert gerne tolle Aftershow-Partys. Ich ziehe übrigens das deutsche Bier dem englischen vor, keine Ahnung wieso. Vor allem euer Lager schmeckt toll“, so Rory, der auch noch einen Geheimtipp fürs Musik hören auf Tour bereit hält: Es sei ziemlich fett, einfach mal einen iPod oder Laptop an das Bühnen-Soundsystem anzuschließen, um die Musik mal so richtig laut und mit fettem Sound hören zu können.

Auf Tour war die Band unter anderem in Australien bei der Warped Festival Tour mit Rage Against The Machine.

„Es war großartig, dieser Band jeden Abend zuzuschauen. Sie sind seitdem meine absoluten Wunsch-Tourpartner“, schwärmt Rou.
Auch jetzt ist der Terminplan von Enter Shikari voll ausgefüllt: Man werde noch etwa fünf Monate unterwegs sein und im Sommer entweder schon neue Songs aufnehmen oder welche schreiben, sodass Ende des Jahres bereits das nächste Album in der Startlöchern stehen wird.

www.entershikari.com