Artikel: “Bei dir piept’s wohl?!” (Tinnitus-Special)

Bei dir piept’s wohl?!

Heavy Metal ist die lauteste Musikrichtung der Welt. Die Bands sind stolz auf ihren massiven Sound und die Fans lieben es, die Musik am ganzen Körper zu spüren. Die Nebenwirkung: Das Klingeln in den Ohren. Oft ist der Tinnitus am nächsten Tag verschwunden. Doch leider nicht immer. Die Zahl derer, die unter einem dauerhaften Tinnitus leiden, steigt stetig – vor allem in Heavy-Metal-Kreisen. Für Aufklärung sorgt nun eine Kampagne, die in Australien gestartet ist. METAL MIRROR sprach mit dem Gründer der Kampagne, mit Musikern deren Karriere vom Tinnitus bedroht war und unterhielt sich mit Deutschlands Tinnitus-Experten.

Text & Titelfoto: Dorian Gorr

Juni 2002.  Ein 16-jähriger Musik-Fan, der noch nicht einmal im Traum daran denkt, dass er eines Tages Herausgeber eines Musikmagazins sein wird, liegt im Bett und starrt an die Decke. Kurz zuvor war er auf seinem ersten Motörhead-Konzert. Etwas ist anders. Die Stille der Nacht wird ganz unscheinbar durchbrochen. Im linken Ohr piept es. Vielleicht Kreislaufprobleme? Flüssigkeitsmangel? Schnell etwas Wasser getrunken. Hilft aber nicht. „Wird morgen wieder weg sein“, denkt er sich. Doch weit gefehlt. Das Piepen ist noch heute da. Jeden Abend, wenn er ins Bett geht, piept es. Mittlerweile auf beiden Ohren. Er hat gelernt, damit umzugehen. Im Schlafzimmer steht eine CD-Anlage mit Sleep-Modus. Jeden Abend schläft er mit leiser, ruhiger Musik ein, um ein Geräusch zu haben, das das Piepen übertönt. Es gab Zeiten, da fiel es ihm nicht so leicht, mit dem stetigen Geräusch in seinen Ohren umzugehen. Zeiten, in denen er daran verzweifelte, nie wieder das Gefühl der kompletten Stille erleben zu können. Er war bei Ärzten, nahm Medikamente, verwendete hochprofessionellen Hörschutz, verzichtete für einige Wochen sogar ganz auf Musik. Geholfen hat nichts davon. Das Piepen wird wohl immer da sein. Sein Leben lang.

DIE LAUTESTEN DER LAUTESTEN

So wie dem heute 24-Jährigen geht es jährlich mehr und mehr Menschen. Tinnitus nennt sich die Volkskrankheit, die sich in den westlichen Industrieländern rasend schnell ausbreitet und für ein stetiges Geräusch in den Ohren sorgt. Fans von Heavy Metal, Hard Rock und Co. haben dabei ein besonders hohes Risiko, am Tinnitus zu erkranken. Unsere Musik verlangt es, laut gespielt zu werden. Ob bei Konzerten, Festivals oder auf der heimischen Anlage – die Musik wird stets laut aufgedreht. Es gehört zum Heavy Metal dazu, daran besteht kein Zweifel. Und die Bands, die uns auf den Open-Air-Wiesen mit einer Lautstärke von weit über 100 Dezibel beschallen, sind stolz auf ihre Akustik. „Everything louder than everything else“ lautet der Wahlspruch von Motörhead, die offiziell auf Platz 2 der lautesten Bands der Welt stehen. Die Nummer Eins sind Manowar. Albentitel wie „Louder Than Hell“, Songzeilen wie „Don‘t try to tell us that we‘re too loud,  because there ain‘t no way that we‘ll ever turn down“ und ein Eintrag ins Guiness Buch der Rekorde zeugen davon, dass die Band stolz darauf ist, die Lautesten der Lautesten zu sein. Keine Frage: Jeder von uns, der Monat für Monat auf Konzerte geht, sich unterwegs mit dem mp3-Player beschallt und in der Festivalsaison von morgens bis abends Live-Atmosphäre genießt, hat ein erhöhtes Risiko eines Tages einen Tinnitus davonzutragen.

Und die Fans sind nicht die einzigen, deren Ohren Schaden nehmen. Auch die Musiker muten ihren Hörorganen dauerhaft zuviel zu. Einer, den es besonders schwer getroffen hat, ist Micke Backelin, Schlagzeuger bei der schwedischen Black-Metal-Band Lord Belial. Anfang 2009 gaben Lord Belial ihre vorläufige Auflösung bekannt. Der Grund: Mickes Tinnitus hatte ein Ausmaß angenommen, das er nicht länger tolerieren konnte.

Angefangen hatte alles im Alter von nur 15 Jahren. Zu der Zeit spielte Micke bereits in einigen Bands aus seinem Ort. „Niemand von uns trug irgendeine Form von Hörschutz. Je lauter eine Band war, als desto cooler galt sie“, sagt Micke heute rückblickend. „Ich habe damals absolut verantwortungslos gehandelt. Hörschutz interessierte mich einen Scheiß. Es sollte immer lauter sein als zuvor.“
Den Preis dafür bezahlt er heute. Seit Mitte der Achtziger leidet er unter einem Tinnitus auf beiden Ohren. Für den kurzfristigen Split von Lord Belial sorgte schließlich ein Vorfall während eines Festivalauftritts. „Wir spielten auf einem deutschen Festival. Der Sound dort war katastrophal. Einfach nur laut. Ich trug wie üblich Hörschutz, aber der Sound war trotzdem ziemlich laut und schlecht. Mitten während eines Songs fiel einer der Ohrstöpsel aus meinem Ohr. Ich versuchte meinen Kopf von der Monitorbox wegzudrehen, bekam aber trotzdem die volle Ladung ab. Am gleichen Abend, als ich im Hotel lag, kam zu meinem Tinnitus noch ein dunkles Brummen dazu. Ich dachte zuerst, es käme vom Ventilator, aber das Geräusch verfolgte mich zurück bis Schweden. Ich hatte wirklich Schiss, dass ich jetzt endgültig taub werde“, erzählt Micke.

GIBT‘S NOCH WAS ZU SCHÜTZEN?

Micke hat immerhin aus seinen Fehlern gelernt. Hörschutz trägt er bei jedem Konzert von Lord Belial. Dass es auch Musiker gibt, die unbelehrbar scheinen, verdeutlicht Exciter-Gitarrist John Ricci, seit 30 Jahren aktiver Musiker. Der Kanadier hat mittlerweile nur noch 50 Prozent seines Hörvermögens, ein Klingeln im Ohr hat er bereits seit über 30 Jahren. Doch auch wenn er zugibt, dass es ihn stört, dass er nur noch schlecht höre, schützt er seine Ohren nicht. „Zu Beginn meiner Karriere habe ich versucht Ohropax zu tragen, aber die haben mich live auf der Bühne einfach gestört. Also habe ich sie während eines Gigs weggeschmissen und nie wieder welche getragen“, so John. „Vielleicht hole ich mir demnächst mal so einen Hörschutz, die an die eigene Ohrform angepasst werden. Mal schauen.“ Ob John Ricci jedoch noch viel hat, was er schützen könnte, scheint fraglich.

STRESS? ABSOLUTER QUATSCH!

Doch inwiefern können Ohrstöpsel davor schützen, einen Tinnitus zu entwickeln? Immerhin behaupten HNO-Ärzte seit Jahren, dass Tinnitus ein Relikt von zuviel Stress sei und keinesfalls durch zu laute Musik verursacht würde. „Absoluter Quatsch, die Ursache ist die Überforderung der Hörzellen“, sagt nur einer: Dr. Lutz Wilden, Tinnitus-Experte aus Süddeutschland. „Das Innenohr ist unser militärisches Frühwarn- und Überlebensorgan. Evolutionär bedingt ist unser Ohr massiv stressresistent. Natürlich spürt man den Tinnitus mehr, wenn man stressbedingt überfordert ist, aber das ist nur möglich, weil schon vorher eine Überforderung des Ohres stattgefunden hat.“

Die Überforderung werde sowohl durch zu laute als auch zu viel Musik bedingt. Doch das Problem sieht Dr. Wilden nicht in der Musik, sondern in der fehlenden Aufklärung zum Thema Tinnitus.

„Wir haben eine weltweite Krise, aber es wird seitens des Gesundheitssystems nichts dagegen unternommen. Die HNO-Heilkunde hat sich aus Frust darüber, dass sie den Tinnitus nicht therapeutisch behandeln kann, mit der Hörgeräteindustrie zusammengeschlossen, die wiederum seit Jahren durch diese Tinnitus-Krise Milliardenumsätze verdient. Die Hörgeräteindustrie hat kein Interesse daran, dass die Menschen über die Gefahren von Tinnitus aufgeklärt werden und lernen, wie man ihn richtig behandelt“, prangert der Arzt aus Bad Füssing an.

Aufklärung. Das ist das entscheidende Stichwort. Für diese setzt sich Daniel Lalor ein, wenn auch bislang nur in Australien, wo laut Lalor jeder Sechste unter Tinnitus leidet. Er selbst ist einer von ihnen. Nachdem er vor zwei Jahren, nach einer Nacht in einem Club, einen dauerhaften Tinnitus davontrug, startete der Mitarbeiter eines Radiosenders außerhalb von Brisbane die Kampagne „Music To My Ears“, die sich zum Ziel gesetzt hat, Australien und den Rest der Welt über die Notwendigkeit von Hörschutz und über die Gefahren von zu lauter Musik aufzuklären. „Unsere Motivation ist es, den Leuten deutlich zu machen, dass man seine Ohren schützen und gleichzeitig die Musik genießen kann. Außerdem wollen wir das Verantwortungsbewusstsein von Betreibern von Konzerthallen und Clubs erhöhen. Es gibt zwar Gesetze in Australien, die das regeln sollen, aber die werden eigentlich nie eingehalten oder überprüft“, beschwert sich Daniel.

Eine gut gemeinte Aktion ist „Music To My Ears“ mit Sicherheit. Dennoch stellt sich die Frage: Macht so eine Aktion einen Unterschied? Kann ein Internetauftritt für Aufklärung sorgen? Daniel Lalor ist sich ziemlich sicher. „Es ist wichtig, dass die Leute verstehen: Wie laut ist laut eigentlich? Kaum jemand weiß, ab welchem Level Musik die Ohren dauerhaft beschädigen kann. Bei einem regulären Konzert, bei dem über 100 Dezibel verwendet werden, braucht es oft nur 15 Minuten, um das Gehör dauerhaft zu schädigen. Solche Informationen müssen die Leute erreichen.“

Ebenfalls ein Ziel der Kampagne: Das Image der Ohrstöpsel aufpolieren. Hörschutz zu tragen sollte nicht als uncool gelten, fordert Daniel Lalor. Solch ein Problem sieht Dr. Lutz Wilden jedoch nicht. „Die jungen Leute kapieren es. Die wissen, dass es um ihr Gehör geht. Die greifen nach dem Strohhalm.“ Micke Backelin von Lord Belial ist ebenfalls der Meinung, dass es längst nicht mehr als uncool gilt, wenn man Ohrstöpsel trägt. „Sieh dich doch um! Mittlerweile tragen sehr viele Leute Ohrstöpsel. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Früher war das anders. In den Achtzigern und Neunzigern trug niemand Hörschutz“, weiß der Schlagzeuger, der eine Aufklärungskampagne für eine Notwendigkeit hält. „Ich finde solche Kampagnen sehr gut. Informationen bringen sehr viel mehr als Regeln und Verbote. Hier in Schweden versuchen sie es auf die falsche Weise. Sie haben einfach beschlossen, dass das Lautstärke-Limit bei 100 Dezibel liegt. Und die denken, dass dadurch das Problem gelöst sei. Bullshit! Mein Schlagzeug verursacht schon ohne Mikrofone zwischen 112 und 115 Dezibel.“

Schützt man seine Ohren bei solcher Lautstärke nicht, können innerhalb kürzester Zeit Hörschäden entstehen. Glaubt man Daniel Lalor, so wird die Gefahr durch drei wesentliche Faktoren bestimmt: 1. Die Häufigkeit, wie oft man laute Musik hört. 2. Die Intensität der Lautstärke in Dezibel. 3. Die Dauer, wie oft man Musik auf einem solchen Level hört. „Wenn man nur einen der drei Faktoren reduziert, verringert sich bereits das Risiko, einen Hörschaden davonzutragen“, ist sich Lalor sicher.

Seine Ohren will Micke Backelin von Lord Belial auch zukünftig schützen. Mittlerweile ist die Black-Metal-Band wieder aktiv – nach einem Jahr Auszeit. „Das Brummen in meinem linken Ohr verschwand nach zehn Monaten nach und nach. Nach einem Jahr beschloss ich schließlich, dass ich wieder Musik machen möchte. Zuerst startete ich eine andere Band, merkte dann aber, dass ich wieder mit Lord Belial spielen will. Andere Möglichkeiten als vorher, um meine Ohren zu schützen sehe ich jedoch nicht. Ich habe nach wie vor meine eigene Mischkonsole, mit der ich die Lautstärke gut regulieren kann, außerdem trage ich Kopfhörer. So etwas wie damals möchte ich wirklich nicht mehr erleben. Ich hatte Glück, dass das Brummen wieder verschwunden ist, sonst hätte ich mich definitiv einer komplizierten Behandlung unterziehen müssen.“

HOFFNUNG DURCH DEN LASER?

Doch wie kann man Beschwerden wie den Tinnitus behandeln? Schutz und Aufklärung sind wichtige Themen, doch welche Möglichkeiten bieten sich denen, die bereits einen Tinnitus haben? HNO-Ärzte verschreiben Blutverdünnungstabletten, es wird mit Druckkammern experimentiert und manch ein selbsternannter Experte versucht sogar, durch Hypnose-Therapie das störende Ohrgeräusch beim Patienten ausblenden zu lassen – wirklichen Erfolg kann keine dieser Methoden nachweisen. Eine neue Behandlungsmethode hat Dr. Lutz Wilden entwickelt: Die Lasertherapie, bei der das Innenohr mit 2000 Milliwatt hochdosiert bestrahlt wird. Laut Eigenaussage mit viel Erfolg. Allerdings gänzlich ignoriert vom Gesundheitssystem.

„Meine Therapie ist avantgardistisch. Und avantgardistische Medizin hat es immer schwer. Meine Therapie ist weltweit führend und kann eindeutige Regenerationsergebnisse vorweisen. Ein junges, frisch geschädigtes Ohr kann damit bereits binnen einer Woche therapiert werden. Bereits nach einer Stunde Therapie am Tag, kann jeder erleben, dass das Ohr darauf reagiert. Mehr noch: Man könnte diese Therapie sogar prophylaktisch anbieten, wie beim Zahnarzt“, versichert Wilden.

Zusammenfassung: Eine Therapie, die Erfolge zeigt. Eine Methode, mit der man das Ohr prophylaktisch schützen könnte. Nebenwirkungen seien bei der Lastertherapie gänzlich ausgeschlossen. Es drängt sich die Frage auf: Wenn diese Therapie so gut ist, wie sie verspricht zu sein, warum ist sie nicht populär? Die Antwort findet Wilden schnell.

„Man könnte vielen Leuten ein Hörgerät ersparen, aber sehen Sie sich doch in den Medien um: Die sind plattgewalzt von Hörgeräteanzeigen. Es wird darüber nicht berichtet. Das ist ein geschlossenes System. Meine Therapie wäre populär, wenn die Krankenkassen dafür zahlen würden. Aber das tun sie nicht. Das ist blanker Lobbyismus“, beschwert sich Wilden, der für eine Stunde Lasertherapie 200 Euro veranschlagt, aber über seine Webseite auch kostenlose Vorabberatung per E-Mail anbietet.

Daniel Lalor ist von diesem Service begeistert: „Es ist wichtig, dass ein Verständnis für den Tinnitus geschaffen wird. Schützt eure Ohren, Leute! Ihr wollte eure Lieblingsmusik doch auch noch im hohen Alter hören oder etwa nicht?“