Interview: Sodom – “Macht der Worte?”

Sodom - Interview mit Tom Angelripper

Macht der Worte?

Krieg, Ungerechtigkeit und Kinderschänder: SODOM sind auf ihrem neuen Album nicht weniger wütend als zuvor. Noch immer schreibt sich Sänger und Bassist Tom Angelripper die Wut über die Welt von der Seele. Doch kann man mit sozialkritischen Texten überhaupt noch etwas bewegen? Ein Gespräch mit dem Ruhrpott-Urgestein bringt Klärung.

Text: Dorian Gorr | Fotos: SPV

Tom Angelripper ist kein Gelehrter. Er ist kein Politiker und auch kein Wissenschaftler. Er ist die Stimme des Volkes. Ein Sprachrohr für die Arbeiterklasse, zu der er sich noch heute zählt, obwohl er mit Sodom schon längst den internationalen Durchbruch in der Metal-Szene geschafft hat. Wäre der Mittvierziger mit den langen Haaren nicht Profimusiker geworden, er würde vermutlich noch heute „unter Tage“ schuften oder wie viele seiner ehemaligen Kollegen arbeitslos sein und von Hartz IV leben. Ein Leid, dass Tom im Alltag ständig mitkriegt. Es ist jene soziale Ungerechtigkeit, mit der sich der Sodom-Boss nicht abfinden mag. Gegen diese wettert er – auch auf dem neuen Album „In War And Pieces“.

„So Texte wie ganz am Anfang, diese Klischeetexte, die sagen nichts aus. Das gefällt mir nicht. Ich würde nicht mal sagen, dass meine Texte sozialkritisch sind. Ich beschreibe nur all das, was mir auf‘n Sack geht“, nuschelt Tom mit Original-Ruhrpott-Akzent in den Hörer.

Inspiration findet er zuhauf in den Medien. Das Unleid als Inspirationsquelle für die eigene Musik. Die Konflikte der Welt als Vorlage, um wütenden Thrash Metal zu fabrizieren.

„So schlimm es klingt, aber für mich ist der Krieg natürlich Inspiration. Ich beschreibe auf meine Art und Weise den Zustand der Welt. Das reicht vom Israel-Palästina-Konflikt bis hin zu Kinderschändern. Diese ganzen Sachen, die einen so richtig ankotzen. Man braucht ja nur die Zeitung aufschlagen, da findet man genug Scheiße.“

Doch kann Musik heute noch etwas bewegen? Fungieren die Texte der (erweiterten) Rock-Musik noch immer als Sprachrohr einer wütenden Generation oder sind sie längst zur Belanglosigkeit verkommen? Der Sodom-Boss ist ehrlich:

„Man kann nichts ändern, aber immerhin habe ich ein Ventil. Ich kann den Scheiß aus mir rausschreien. Es muss Leute geben, die den Finger heben. Und das können die Musiker sein. Meine Wut merkt man dem Gesang richtig an. Gerade auf der neuen Platte. Aber auch wenn man nichts ändert, sollten die Texte ordentlich sein. Sonst bin ich nicht zufrieden.“

SODOM UND DAS WÖRTERBUCH

Der Text ist genau so wichtig wie die Musik – das ist Toms Statement. Dass es einem Großteil seiner Hörerschaft ganz anders gehen wird, weiß er jedoch auch.

„Natürlich achten die Leute in erster Linie auf die Musik. Damit werden die als erstes in Berührung gebracht, aber ich weiß auch, dass es viele gibt, die sich mit den Texten auseinandersetzen. Ich kriege das doch bei unseren Shows mit. Da werde ich nach den Shows angesprochen, was denn dieser und jener Text aussagen soll. Und manche von den jungen Kids, die sich Sodom anhören, sitzen dann später zuhause mit einem Wörterbuch und entschlüsseln meine Texte. Man kann schon zum Nachdenken anregen“, so Tom.

Sein Ziel sei es jedoch nie primär gewesen, die Leute zu erreichen. Letztlich wolle er nur seine eigenen Gedanken zu Papier bringen.

„Wäre es mein Hauptziel, Leute zu beeinflussen, dann würde ich anders schreiben. Meine wirkliche Meinung findet man in den meisten Texten gar nicht. Auch nicht zwischen den Zeilen. Ich beschreibe meist nur.“

Dennoch: Auch wenn die Texte seine Meinung über Krieg, Gewalt und Bombenhagel nicht preisgeben, in den Interviews bezieht der Gelsenkirchener stets Stellung.

„Natürlich bin ich irgendwo ein politischer Mensch. Sich überall herauszuhalten, das wäre mir zu einfach. Mein Umfeld hat mich dafür zu sehr geprägt, als dass ich einfach nur resigniert zuschaue. Die Welt ist nicht gerecht, da darf es nicht soweit kommen, dass es einem einfach nur egal wird“, ist sich der Angelripper sicher.

„EIN BISSCHEN PANNE…“
Paradoxerweise waren es gerade Sodom, die sich einst in Militäruniform und mit Panzer ablichten ließen. Die Fotosession zu „M-16“ (2001) ist Tom auch heute noch lebhaft in Erinnerung:

„Ich gebe zu, das war vielleicht ein bisschen panne von uns. Die Bilder hatten eine eigene Ästhetik, deswegen gefielen sie uns. Letztlich ist es aber schon ein bisschen bekloppt, sich für ein paar Bandfotos so einen Stahlhelm aufzusetzen. Das war in der Tat ein Fehlgriff, auch wenn es zu dem sonst sehr geilen Album konzeptionell passte. Damals dachten viele, dass wir den Krieg glorifizieren würden. Totaler Blödsinn. Ich habe selbst mal eine Uniform tragen müssen, als ich beim Bund war. Glaubt mir: Schön ist das nicht!“

Dass Sodom eine Band sind, die sich stets gegen jede Form von Krieg aussprachen, weiß heute jeder, der sich nur wenige Minuten mit der Thrash-Legende befasst hat. Doch es ist vor allem die soziale Ungerechtigkeit direkt um die Ecke, die Tom auf die Palme bringt. Geprägt wurde er dabei durch das Umfeld, in dem er aufgewachsen ist.

„Meine Eltern hatten ein schweres Leben. Mein Vater hat ewig gearbeitet. Der hat sich im Bergbau krumm gemacht für ein paar Mark Rente. Das ist einfach ungerecht. Mittlerweile werden alle Leute aus dem Bergbau gnadenlos rausgeschmissen. Ich habe so viele Kumpels, die leben jetzt von Hartz IV. Die wollen arbeiten. Die können noch arbeiten. Aber die kriegen nichts mehr, sind dazu verdammt zuhause rumzugammeln und nichts zu tun.“, sprudelt es wütend aus Tom heraus.

WIRTSCHAFTSBOOM IM POTT?
„Deutsche Wirtschaft boomt“ liest man derzeit in den Wirtschaftsmagazinen. Tom ist skeptisch.

„Von dem angeblichen Wirtschaftsboom merken wir hier im Pott nichts. Da können die Politiker erzählen, was sie wollen. Wenn ich einen Westerwelle sehen, das ist für mich kein Politiker. Schmidt, Strauß – das waren noch richtige Staatsmänner. Heute ist es egal, wo man sein Kreuz macht. Dass die Leute den Politikern nicht mehr trauen, braucht die doch nicht wundern. Da werden Milliarden für einen Bahnhof ausgegeben, aber nebenan wird eine Kindertagesstätte zugemacht. Da kriege ich das Kotzen.“

Immerhin: Genug Stoff für weitere Sodom-Alben scheint also vorhanden.

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