Artikelserie “Heavy Metal Locations”: Backstage – “Wo die Besucher VIPs sind”

Interview mit Hans Georg Stocker (Backstage)

Wo die Besucher VIPs sind

Nachdem wir in unsere Serie deutscher „Heavy Metal Locations“ bisher hauptsächlich Standorte innerhalb NRW vorgestellt haben, findet in dieser Ausgabe nun ein Münchner Club seinen Platz. Das BACKSTAGE ist und war noch nie ein reiner Metal-Schuppen, kämpft aber seit seiner Gründung für die Rockszene und Subkultur in der sonst so schicken bayerischen Landeshauptstadt.

Text & Fotos: Elvis Dolff

Das Backstage ist keine kleine Eckkneipe oder eine einfache Disco. Auf insgesamt vier Locations (mit Biergarten fünf) werden hier Partys und Bands verschiedener Genres von Reggae bis Rock und Dark Wave bis Metal gefeiert. Die Club-Wundertüte liegt direkt an der Haltestelle „Hirschgarten“ der neuen S-Bahn-Stammstrecke und relativ zentral am Rande der Münchner Innenstadt. Beste Voraussetzung also, dass die Münchner Rocker und Roller allabendlich auf ihr Partyprogramm kommen. Doch das war nicht immer so, wie Hans Georg Stocker, Gründer und Geschäftsführer der Backstage GmbH, zu berichten weiß. Ganz im Zeichen des zwanzigjährigen Jubiläums im nächsten Jahr zieht er im Bürocontainer neben den Hallen des Backstage gerne ein Resumee der Geschichte seines Ladens: „Anfangs wollten wir eigentlich eine Zeitung gründen, die die Münchner Subkultur vernetzt und für Musik, Theater und künstlerische Darbietungen steht. Damals gab’s ja noch kein Internet. Um dann dafür Geld zu sammeln, haben wir mehrere Veranstaltungen organisiert. Im Endeffekt ist aus der Zeitung leider nichts geworden. Es blieben aber die Veranstaltungen und Vernetzungstreffen, wo wir Kulturinteressierte und auch Leute von der Stadt an einen Tisch bringen konnten.” Bei einem dieser Treffen fiel dann der magische Tipp, dass es in Fürstenried, etwas außerhalb von München, eine ungenutzte Turnhalle gibt. Und auch wenn der Standort mehr als abgeschieden und damals noch nicht mal an die U-Bahn angebunden war, waren er und Brigitta (Erdödy – ed), die zweite treibende Kraft hinter den Anfängen des Backstage, Feuer und Flamme und sprühten vor Ideen. Nur ein Name musste her. „Uns war klar: wir machen keine Konzerte im ‚Freizeitheim‘“, so Stocker. „Da musste was anderes her und wir haben uns gefragt: Was ist uns denn wichtig? Es sollte null arrogant wirken und die Leute vor der Bühne sollten sich genauso wichtig fühlen, wie die Leute dahinter. Auch in Abgrenzung zu der damals noch größeren Schicki-Micki-Gesellschaft in München fiel die Entscheidung auf Backstage. Ein Begriff aus der Musik. Das gab es noch nicht.”
Mit purer Eigenorganisation wurde die Halle mit Stoffen „von Bekannten“ jedes Wochenende zu einer Veranstaltungshalle umdekoriert, mit Bar, Musik und Bands ausgestattet  und lockte alternatives, partywütiges Volk. Da es aber im „normalen“ Leben in der Woche immer noch eine Turnhalle war, musste der ganze Spaß auch jedes Wochenende wieder abgebaut und bei anderen Bekannten im Getränkemarkt untergestellt werden. Eine aufwendige Angelegenheit, die sich aber über drei Jahre einen beachtlichen Ruf und Kultstatus erarbeiten konnte – und das nicht nur in der Münchner Region. Nicht selten gab es auch Besucher aus Wien im Backstage.

STREIT WEGEN FANTA4
Nach drei Jahren kamen die ersten Probleme auf das Backstage zu. Die Überlegung, die Fantastischen Vier für einen Gig zu engagieren, spaltete das Team. Stocker dazu: „Heutzutage hören ja auch viele Metalfans mal Hip Hop, aber damals war das anders. Hip Hop sei doch keine Musik, bekam ich da zu hören. Ich sagte nur: ‚Ihr seid doch genauso borniert wie eure Eltern damals als sie sagten, Rock’n’Roll sei keine Musik.‘ Wenn man die Musik nicht mag, okay, aber gleich einer ganzen Musikrichtung Qualität abzusprechen, das geht nicht“, ist Stocker sich sicher.
Die unzufriedene Teamhälfte zog ihre Konsequenz und stieg aus. Vor ein weiteres Problem stellte der Kreisjugendring die Veranstalter, der sich das Projekt zunehmend zueigen machen wollte. „Da wir uns aber quergestellt haben, weil das in den Händen einer Behörde wohl alles eingeschlafen wäre, gab es echt einen Kleinkrieg mit Sabotage-Aktionen an unserer Technik. Irgendwann schauten wir uns nach einer neuen Location um.“ Schließlich zog das Backstage nach München. Dass das aber erst der Anfang der Bewährungsproben war, sollte sich schon sehr bald zeigen.

KEIN ENDE IN SICHT
Am neuen Standort entstand vieles, was das Backstage bis heute ausmacht: Zum einen gab es dort schon sehr bald zwei Areas und einen Biergarten. Zum anderen wurde die „(Psychedelic) Freak Out“-Partyreihe gestartet, die heute auf eine 17-jährige Geschichte zurückblicken kann und zum festen Programm des Backstage gehört. Die nächste Hiobsbotschaft ließ dennoch nicht lange auf sich warten und bedingte den zweiten Umzug der Location: das langfristige Projekt München 21 der Bahn, welches eine andere Nutzung der Grundstücke an der Bahnstrecke vorsah. Nachdem man drei Jahre lang den neuen Standort für sich eingenommen hatte, folgte der bisher letzte Umzug an den heutigen Standort. Ein Ende ist trotzdem nicht in Sicht, wie Stocker erklärt: „Das sind schon die Pläne für das nächste Backstage”, erklärt Stocker mit einem Fingerzeig auf einen Gebäudeplan, der an der Wand neben seinem Schreibtisch hängt. Diesmal wird der Umzug allerdings nur auf dem jetzigen Gelände stattfinden. „Mittlerweile haben wir die Hälfte des Geländes, auf dem sich das Backstage befindet, gekauft. Die andere soll laut Bebauungsplan Grünfläche werden”, so Stocker über die Aussichten.

POLITIKER UND IHR POPULISMUS
Für ganz andere Diskussionen gerät das Backstage aber auch ins Kreuzfeuer. Als ein Sprachrohr der Szene ist Politik auch ein wichtiges Thema. Just ist die Debatte um Frei.Wild ein großes Thema in München – ein klares Bekennen zur politischen Einstellung hält Stocker hier für unabdingbar. „Politiker betreiben hier schlimmern Populismus und stecken auch Pagan-Bands wie Varg in eine rechte Ecke,  nur weil sie Runen benutzen. Im Endeffekt ist Metal für die an sich rechts und damit auch wir als einer der Metalclubs hier.“
Generell findet Stocker, dass Metal die gebührende Anerkennung der Gesellschaft fehlt: „Es ärgert mich am meisten, dass der Metal von vielen kulturkritisch gar nicht geschätzt wird. Das ist oft hochvirtuose Musik, die internationalen klassischen Künstlern in nichts nachsteht.“ Auch, was die vielen verschiedenen Konzerte im Backstage angeht, kann er sich laut Eigenaussage am meisten auf die Metalbands verlassen. „Da läuft es am stabilsten, weil es keine Modeerscheinung ist.“

RAPPER VERSUS POLIZEI
Dennoch sei ein Konzertladen wie das Backstage immer eine finanzielle Gratwanderung. Die vielen Umzüge, die Planung dieser – all das kostet Zeit, Geld und Kraft. Dass man da nebenbei auch noch eine Jubiläumsfeier plant, zeugt vom vollen Einsatz der Backstage-Crew. Belohnung sind bei so viel Arbeit und Ärger die vielen lustigen Geschichten, die die Backstage-Macher im Laufe der Zeit erlebt haben und die die öffentlichen Behörden nicht immer im besten Licht erstrahlen lassen. So spielte am Ostersamstag diesen Jahres Method Man im Backstage und in der Nacht nach dem Konzert wurde in den Tourbus eingebrochen. Am nächsten Morgen sind die Jungs direkt zur Polizei und haben das ganze gemeldet. Diese ist ihnen aber direkt hinterher gefahren und unterzog den Bus kurzerhand einer „Routine-Kontrolle“, in der Hoffnung Drogen zu finden. Binnen weniger Augenblicke wurden die Rapper von Opfern zu Tätern. Krönung des Ganzen: die Polizei ließ die Band den Vorfall ohne weiteres auf Video aufnehmen. Diese stellten das Video bei youtube rein, so dass die bayerische Polizei mit ihrem Kindergarten-Englisch und peinlicher Vorgehensweise für immer medial verewigt wurde. Wie auch das Backstage aus München ist dieses Video wohl kaum mehr wegzudenken.

www.backstage.eu