Interview: Graupel – “Das Leben ist schön”

Interview mit Zingultus (Graupel)

Das Leben ist schön

Von wegen finstere Misanthropen: Zingultus, Sänger der Finsterlinge GRAUPEL, entpuppt sich im Gespräch als klischeefreier Black-Metaller, der Sozialkritik statt Satanismus thematisiert.

Interview: Dorian Gorr | Fotos: Ván

Zingultus, auf eurem neuen Album „Am Pranger…“ hat mich am meisten überrascht, dass ihr mittlerweile einen sehr viel besseren Sound habt als noch bei eurem Debüt „Auf alten Wegen“. Eine bewusste Entscheidung?

Ja. Wir waren nicht mit dem Sound des Debüts zufrieden. Das war ein Schnellschuss. Auch wenn die Leute von diesem rohen Sound fasziniert sind. Wir wollten diesmal einen fetteren Sound haben, aber ohne uns zu sehr entfremden. Dadurch verzögerte sich das Album auch sehr, weil wir uns immer wieder an den Songs tothörten.

Werdet ihr solch lange Spannen, um Abstand zu gewinnen, auch zukünftig benötigen?
Wir sind motiviert, neue Songs zu schreiben. Die Band hat unter dieser Platte gelitten. Auch menschlich. Es gab viele Zeiten, wo wir wirklich voneinander angepisst waren und Freundschaften beinahe kaputt gegangen wären. Kurzfristig galt die Band sogar als aufgelöst, weil wir unsere Freundschaft erhalten wollten. Bei vielen Proberaum-Sessions haben wir uns irgendwann hingesetzt und versucht, diese Dinge zu beseitigen. Wir waren alle der Meinung, dass diese Songs die besten sind, die wir je geschrieben haben. Die mussten einfach rausgebracht werden. Das hat uns zusammengehalten. Wir werden mit Graupel also auf jeden Fall weitermachen. Aber wir haben einen hohen Preis gezahlt: Ratatyske, unser Drummer, ist ausgestiegen, weil er nicht mehr gleichzeitig mit uns Musik machen und befreundet sein konnte. Er wählte die Freundschaft, nicht die Musik.

Wäre es bei dem Ärger nicht auch eine Option gewesen, Nagelfar wiederzubeleben?
Jein. Wir haben erst neulich bemerkt, dass wir alle noch immer auf einer Wellenlänge liegen – trotz allem, was vorgefallen ist. Es wird definitiv noch einmal ein Nagelfar-Konzert geben, bei dem jeder, der jemals in der Band war, mit dabei sein wird. Das liegt aber noch in weiter Zukunft. Mir ist wichtig, dass so etwas in einem authentischen Rahmen stattfindet.

Mal ganz objektiv betrachtet: Ist der Kultstatus, den Graupel genießen, deiner Meinung nach gerechtfertigt?
Lass es mich so sagen: Wir haben hart daran gearbeitet, wirklich true zu sein. Ich benutze das Wort „true“ in seiner Ursprungsform: Ehrlichkeit. Wir sind ehrlich. Ich bin kein finsterer Typ, Meuchelmörder oder Satanist. Mein Privatleben kann nur harmonisch sein, weil ich das Ventil Musik habe, über dass ich meine Aggressionen freilasse. Das Album heißt ja nicht grundlos „Am Pranger“. Ich prangere an. Im weitesten Sinne ist das Sozialkritik. Eine Kritik an den Menschen in der heutigen Gesellschaft. Ich hasse es, wie wenig wert sich mancher Mensch selbst ist. Was haben die Leute, die sich draußen vollkippen und in ihrer eigenen Kotze liegen für eine Selbstwahrnehmung? Und welche Wertschätzung haben die für ihr eigenes Leben? Das geht weit über Misanthropie hinaus. Ich bin kein Menschenhasser. Im Gegenteil: Jedes Leben verdient Wertschätzung. Das Leben ist ein hohes Gut, das man pflegen sollte. Das Leben ist nicht scheiße, wie viele immer behaupten. Es ist nur so scheiße, wie man es sich selbst macht. Wir verkommen in dieser Gesellschaft, weil sich niemand mehr zurecht findet.

Ist es eigentlich ein bewusster Schritt, dass euer Album am Heiligabend erscheint?
Als klar war, dass das Album Ende Dezember erscheinen würde, hatte Sven (Labelchef von Ván – dg) die Idee dazu. Wir fanden das lustig. Allerdings können wir an dem Abend keine Release-Party feiern, denn Weihnachten feiere ich mit meiner Familie, auch wenn die Black-Metal-Elite jetzt aufschreit. Ich bete da keine Rosenkränze, aber für mich ist das ein reines Brauchtum. Ich habe mich als Kind immer auf Weihnachten gefreut. Und so wird es all den harten Black-Metallern auch gehen. Warum sollte ich meinen Kindern diese Freude vorenthalten?

www.myspace.com/graupel666