Ich habe das Licht gesehen
Was ein normales NACHGEFRAGT-Interview werden sollte, verwandelte sich in eine emotionale Achterbahnfahrt. Dorian Gorr führte mit Bobby Ingram von MOLLY HATCHET ein skurriles und doch bewegendes Gespräch. Die Reportage eines Interviews.
Text: Dorian Gorr | Foto: Molly Hatchet
Ursprünglich war mit Molly Hatchet lediglich ein Live-Bericht geplant. „Haste nicht auch Bock auf‘n Interview?“, fragt mich einige Wochen vor der Show der zuständige SPV-Promoter. Das aktuelle Album „Justice“ ist zu diesem Zeitpunkt schon seit vielen Monaten draußen und die Band deswegen nicht unbedingt ein Thema für eine aktuelle Ausgabe. Aber ein Fragebogen-Interview ist drin.
Einige Wochen später: Molly Hatchet haben soeben ihre Show beendet (siehe Konzertbericht in dieser Ausgabe). Mit Bier aus dem Backstage-Kühlschrank, netter Plattenfirma-Gesellschaft und einem Tablett voller Nachos wird sich die Zeit vertrieben, bis schließlich Gitarrist Bobby Ingram in den Backstage-Bereich gestolpert kommt. Das NACHGEFRAGT-Interview, normalerweise eine Sache von 15 Minuten, kann starten. Ob ich was härteres zu trinken möchte, fragt Bobby mich. Danke, Bier genügt. Er selbst begnügt sich mit Plätzchen und Cola Light. Schon während der ersten Fragen schweift er ab. Aber das macht nichts. Irgendwie hört man ihm gerne zu, wenn er sich in seinen eigenen Worten verliert. Er erzählt davon, wie die Lynyrd-Skynyrd-Jungs privat sind und dass er sich der Heavy-Metal-Szene zugehörig fühle. „Fuck Country!“, lacht er schallend und strahlt mich an: „You know what I‘m saying?“ Diesen Satz wird er in den folgenden vierzig Minuten noch häufiger sagen.
Zunehmend wird das Gespräch emotional. Unbeabsichtigt. Keine der Fragen zielte darauf ab. Aber Bobby hat ein hohes Redebedürfnis. Plötzlich wird er still. „Ich bin ziemlich einsam, weißt du?“ Stille. Ich glaube eine Träne in seinem rechten Auge zu sehen, während er an mir vorbei in Richtung Kühlschrank starrt. Er erwartet keine Antwort von mir. Er möchte mir einfach nur seine Geschichte erzählen. Er erzählt mir von seinem wunderschönen Haus am See. Von seinem Whirlpool, von seinem Boot und von dem elektrischen Zaun, durch den das Grundstück geschützt ist. Dass es besonders in den Feiertagen schwer sei, wenn man ganz alleine sei. Bobby hat keine Geschwister, seine Eltern starben vor zwanzig Jahren beide durch Herzinfarkte. Kinder hat er auch keine. Seine Frau Stephanie kam 2004 bei einem Unfall ums Leben. Eine Minute lang schweigen wir uns an. Bobby schaut mich an. Freundlich und gut gelaunt, aber doch traurig.
Ich versuche mich weiter an dem NACHGEFRAGT-Bogen entlangzuhangeln, stolpere allerdings über die Religions-Frage. „Ich hatte kürzlich einen schweren Herzinfarkt. Als es passierte, sah ich das Licht.“ Bobby strahlt mich wieder an. „Seitdem weiß ich, dass es Gott und Jesus gibt. Sie haben mit mir gesprochen.“ Bobby bemerkt, dass sich meine Augenbrauen skeptisch verziehen. „Du bist noch jung. Eines Tages wirst du es sehen. Lass dir alle Zeit der Welt. Sie werden zu dir sprechen, wie sie zu mir gesprochen haben. Sie fragten mich, ob ich mit ihnen kommen möchte oder ob ich noch auf der Erde bleiben will. Ich wollte bleiben, weil ich spüre, dass ich den Menschen noch helfen muss. Aber seitdem weiß ich, wie es sein wird, wenn ich sterbe: Es ist wunderschön, glaube mir. Es ist das zufriedenste, wärmste Gefühl, das ich jemals gespürt habe“, sagt der 53-Jährige mit einem seligen Lächeln.
Er wolle den Menschen helfen sagt er. Und ich glaube ihm. Bobby spielt nicht. Er trinkt nicht, raucht nicht, nimmt keine Drogen. Seine Emotionen sind echt, kein Zweifel. Derzeit arbeite er mit dem Militär zusammen. Das Ziel: Ein funktionierendes Kinderortungssystem zu entwickeln. Details? „Die darf ich noch nicht verraten.“
Die Interviewzeit wird knapp. Wo er sich in zehn Jahren sieht, lautet die letzte Frage des Fragebogens. „In zehn Jahren möchte ich wieder mit dir reden. Genau hier. Bis dahin wirst du verheiratet sein und Kinder haben. Ich freue mich darauf. Wirklich!“, lässt er mich wissen, bevor er mich herzlich in den Arm nimmt. „Pass auf dich auf“, sagt er zum Abschied und irgendwie bin ich angesichts der Echtheit dieser Worte noch gerührt, als ich zehn Minuten später in der U-Bahn sitze.
(Info: Den NACHGEFRAGT-Bogen mit Bobby Ingram gibt es im nächsten Monat)









