Interview: Todtgelichter – “Von der Angst befreit”
Von der Angst befreit
Nagelfar scheinen Geschichte, Lunar Aurora liegen auf Eis, Nocte Obucta haben sich umbenannt und vom Black Metal abgewandt – es scheint, als habe die deutsche Black-Metal-Szene seine wirklich anspruchsvollen Helden verloren. Wären da nicht TODTGELICHTER, der vielleicht hellste Hoffnungsschimmer, der einen durch das triste Einheitsgrau der Stangenware entgegen strahlt.
Interview: Dorian Gorr | Foto: Todtgelichter
Tentakel Parkinson, euer neues Album bricht mit vielen Black-Metal-Klischees…
…wir haben durchaus damit gerechnet, dass einige Fans der ersten Stunde mit diesem Album gar nicht klarkommen werden. Das war uns schon vorher bewusst, hätte uns aber niemals davon abhalten können. Wir wollen nicht stehen bleiben. Black Metal ist ein zweischneidiges Schwert. Es gibt einerseits diese sehr orthodoxe Seite und dann gibt es Bands wie Mayhem, die bewegen sich immer weiter. Bei denen klingt kein Album wie das andere. Das reizt mich. Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass mich der Black Metal ankotzt. Aber aus dem orthodoxen Bereich kommt eben nichts mehr, was frisch klingt. Seit über zwanzig Jahren werden da die gleichen Sachen gemacht. Irgendwann muss man sich weiterbewegen.
Die deutsche Szene hat ihre wichtigsten Protagonisten, wie Nagelfar, Lunar Aurora und Nocte Obducta, mittlerweile verloren. Ist da jetzt der Weg frei für euch? Sind Todtgelichter das nächste Aushängeschild für den anspruchsvollen, deutschen Black Metal?
Wir sind nicht angetreten, um irgendwelche Plätze zu füllen. Ich würde uns auch gar nicht mehr als Black-Metal-Band bezeichnen, weil ich vor diesem Begriff sehr viel Respekt habe. Ich weiß zwar nicht, wie man die Musik sonst nennen soll, deswegen sage ich immer, dass wir Extrem-Metal spielen. Das lässt genug Interpretationsspielraum. Wir sind nach wie vor eine harte Band, trotz Synthesizer und Frauenstimme. Wir können uns nur nicht mehr als Black-Metal-Band bezeichnen, weil wir dieser Richtung nichts mehr hinzuzufügen haben. Wir haben alles zum Black Metal gesagt, was wir sagen wollten. Mit „Angst“ geht die Reise für uns weiter.
Vor allem die weiblichen Vocals werden dabei etlichen Leuten vor den Kopf stoßen.
Ja, den Black-Metallern bestimmt. Aber wenn denen das nicht gefällt, sollen sie es sich nicht anhören. Wir haben nicht bewusst eine Frauenstimme eingesetzt. Es ging uns nur um Klargesang. Und Marta ist unser bester Klargesang. Nils, der den männlichen Klargesang macht, entwickelt sich da noch und hat mit dem Album angefangen, sich selbst zu entdecken. Da wird zukünftig noch mehr gehen. Martas Klargesang klingt sehr gut, also warum sollten wir ihn nicht einsetzen? Das Geschlecht war uns dabei vollkommen egal. Es zählte nur die Qualität der Stimme.
Eure Musik ist beklemmend und wird dadurch dem Albentitel „Angst“ durchaus gerecht. Wovor hast du persönlich Angst?
Ich habe Angst davor, zu sterben bevor ich alles erreicht habe, was ich erreichen möchte. Dabei weiß ich selbst noch gar nicht, was das alles ist, was ich erreichen möchte.
Warum sucht ihr euch ein so beklemmendes Thema aus? Als Form einer Katharsis?
Ja, definitiv. Es soll eine Läuterung sein. Die Musik ist das Ventil, ist es immer gewesen. Wenn du dich Tag für Tag fragst, ob das jetzt alles ist, dein Leben, dein Job, ob da vielleicht noch mehr geht, all diese Alltagsängste eben, die fließen bei uns ein und erfahren durch die Musik eine Reinigung. Für uns stand das Thema sehr früh im Raum. Wir behandeln das Thema Angst von den unterschiedlichsten Aspekten. Es geht um die instinktive Angst, um Beklommenheit, um Angst als Medienelement, um Menschen zu lähmen, Selbstzweifel, Angst vor Einsamkeit, das Abfinden mit der eigenen Angst und auch um Hoffnung. Für uns ist das eine Art Bewältigung der eigenen Angst.



