Live: Molly Hatchet in Hannover, Capitol
15.12. – Hannover, Capitol
Text: Dorian Gorr
Foto: Stefan Junge
Southern Rock gehört keinesfalls zu den beliebtesten Musikrichtungen der deutschen Rocklandschaft. Während die Bands in den USA mühelos riesige Hallen füllen, schaffen Bands wie Lynyrd Skynyrd es hierzulande meist „nur“ rund 4000 Zuschauer anzulocken. Schwere Ausgangsvoraussetzungen also für Molly Hatchet, die ohnehin hierzulande nicht so populär sind wie ihre Kollegen. Und der Auftritt in Hannover wird zusätzlich erschwert: Draußen tobt ein Schneesturm und es ist mitten in der Woche. Dass das Capitol heute seine 1600 Plätze nicht ansatzweise füllen wird, scheint schon im Vorfeld offensichtlich. Doch die Band nimmt es gelassen. Ihre Vorband TIMMY ROUGH lockert das Publikum mit Schmuse-Songs, Country-Gitarre, AC/DC-Riffs und schließlich einer sehr überzeugenden Version von Led Zeppelins „Rock’N’Roll“ gekonnt auf.
Sind die Haare eigentlich schon grau oder nur wirklich hellblond? Genau lässt sich diese Frage bei Bobby Ingram, Gitarrist, Songwriter, Chef und Sprachrohr von MOLLY HATCHET, nicht beantworten. Dass die Jungs in die Jahre gekommen sind, merkt man ihrem Äußeren mittlerweile an – glücklicherweise nur ihrem Äußeren. Sänger Phil McCormick schiebt mittlerweile eine überaus stattliche Bierwampe vor sich her. Dave Hlubek, Lead-Gitarrist und Gründungsmitglied, sieht aus wie ein verschlafener, überaus korpulenter Trucker und Keyboarder John Galvin sieht mit Sonnenbrille und steifer Mimik aus wie eine Götzenstatue, die man hinter dem Keyboard positioniert hat – mehr Bühnendeko als mitwirkender Musiker. Und doch: Molly Hatchet haben es noch. Das Gefühl für den erdigen Rock’n’Roll ist der Band aus Jacksonville nicht abhanden gekommen. Bobby Ingram spielt verflucht krasse Solos, Phil McCormick wirkt zwar immer etwas ungestüm auf der Bühne, strapaziert aber anderthalb Stunden sein geschwollenes Organ ohne qualitative Einbußen zu erfahren. „Whiskey Man“, „Beating The Odds“ und „Been To Heaven, Been To Hell“ würden Staub aufwirbeln, wenn denn welcher im Capitol liegen würde.
Ihre Zugehörigkeit zur Heavy-Metal-Szene drücken die Jungs dadurch aus, dass „Gonna Live Til I Die“ Ronnie James Dio, der ein langjähriger Freund von Bobby Ingram war, gewidmet wird. Phil reckt dazu die Pommesgabel in die Luft. Zwischendurch wird noch die Südstaatenflagge herausgeholt und Schlagzeugmonstrum Shawn Beamer spielt ein eher belangloses Drum-Solo. Vom neuen Album werden noch „Deep Water“, „Vengeance“ sowie der Titeltrack „Justice“ präsentiert. Unbestrittenes Highlight ist dennoch das Cover von Lynyrd Skynyrds „Free Bird“, dem vielleicht großartigsten Rock-Song aller Zeiten, dessen ewig lange Solopassagen Molly Hatchet fast so genial wie die Meister selbst darbieten. Beeindruckend. Nach dem abschließenden „Flirting With Disaster“ muss man da erstmal durchatmen.



