Titelstory: Thrashfest – “Backstage auf der Tour des Jahres”
Backstage auf der Tour des Jahres
Nicht nur für Thrash-Metal-Fans, nein, eigentlich für die gesamte Heavy-Metal-Szene ist das THRASHFEST die Tour des Jahres. Drei der wichtigsten Thrash-Ikonen aller Zeiten zusammen auf Tour mit der hoffnungsvollsten Newcomer-Band des Thrash Metals – für viele wird da ein Traum wahr. Doch was geschieht hinter den Kulissen, wenn KREATOR, EXODUS, DEATH ANGEL und die SUICIDAL ANGELS unterwegs durch Deutschland sind? METAL MIRROR hat sich bei drei deutschen Shows im Backstage-Bereich eingenistet und einen Blick hinter die Kulissen gewagt. Das Ergebnis: Veganes Essen, Football, Alkoholexzesse und Tabasco. Doch lest selbst…
Text: David Dankert, Elvis Dolff & Dorian Gorr
OBERHAUSEN, 27.11.
Samstag den 27. November 2010, noch nicht mal 18 Uhr Abends. Vor der Oberhausener Turbinenhalle zieht sich eine riesige Menschenschlange vom Eingang runter bis zum Parkplatz. Dort stehen gleich vier Nightliner neben den unzähligen Autos, wo bei Temperaturen jenseits der humanen Gefilde ordentlich vorgeglüht wird.
Als um kurz nach 18 Uhr die Türen öffnen, strömt ein Wulst aus Jung-Thrashern, Alt-Rockern und Normalos mit Metallica-Shirt in die Halle, teilweise wird unmittelbar nach dem Betreten der Halle die erste Reihe vor der Bühne besetzt. Während es in der Halle also schon recht hektisch zugeht, ist es im Backstage-Bereich noch eher ruhig.
Exodus-Gitarrist Lee Altus schaufelt Teller um Teller von dem monströsen Catering in sich rein und auch Drummer Tom Hunting ist sichtlich zufrieden mit dem aufgefahrenen Buffet. Aus dem Death-Angel-Lager sind die beiden Gitarristen Ted und Rob gerade dabei, das Buffet zu inspizieren, als Tourmanager David freundlich aber bestimmt klar macht, dass im Essensraum das Rauchen verboten ist. Soviel also zum Thema Sex, Drugs and Rock‘n‘Roll.
Kurze Zeit später erscheint Suicidal-Angels-Fronter Nick, der allerdings keinesfalls so selbstbewusst auftritt wie es die anderen Musiker tun. Für sie ist das Leben auf Tour noch neu, das spürt man ebenso deutlich wie den Stolz darüber, mit dabei zu sein.„Bands wie Exodus oder Kreator sind die Bands, die das was wir heute Thrash Metal nennen, überhaupt erst erfunden haben. Diese Bands sind seit über 20 Jahren unterwegs im Business. Es ist einfach eine riesige Ehre für uns, mit solchen Bands auf Tour zu sein.“ Mittlerweile reisen die Jungs geradezu komfortabel in einem gemeinsamen Nightliner mit Death Angel. Auf der „Chaos-Tour“ mit Bonded By Blood und Fueled By Fire sah das noch anders aus, wie sich Nick erinnert. Dort gab es weder Nightliner, noch Hotels. Stattdessen schliefen die Musiker auf dem Fußboden der Locations. Plötzlich springt der Fronter hektisch auf: „Scheiße, ich muss los. Wir sind in zehn Minuten dran.“
Als für die Suicidal Angels die Lichter der Halle ausgehen, wird klar, welch großen Zuspruch diese Tournee erfährt. Schon bei der ersten Band ist die Turbinenhalle gut gefüllt, rund 1000 Leute warten gespannt auf die Thrash-Newcomer, die hochmotiviert die Bühne betreten. Sofort bildet sich ein Pit, Fäuste gehen in die Luft und nicht wenige scheinen viele der Refrains zu kennen.
Im Backstage-Bereich macht sich Mille derweil rar. Da er nach wie vor in der Nachbarstadt Essen wohnt, verbringt der Kreator-Fronter den Abend bis zur Show bei seiner Familie. Lediglich Gitarrist Sami streunt durch den Backstage-Bereich – locker und entspannt wie immer. „Für unsere Verhältnisse ist diese Tour ja schon eher kurz, das sind ja nur 24 Shows glaube ich. Aber dafür gefällt mir das Line-Up diesmal deutlich besser als auf der letzten. Hier passen alle Bands besser zusammen und Exodus sind gute Kumpels von uns. Mille kennt die Death-Angel-Jungs auch noch von ganz früher“, erzählt der Kreator-Gitarrist.
Besagte Death Angel legen im gleichen Moment im Hintergrund los, doch unbeeindruckt dessen plaudert Sami gelassen weiter: „Nee, also Groupies und so was gibt es ja auch nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Mille und die meisten anderen sind ja mittlerweile eh verheiratet.“
Death Angel rackern sich indes auf der großen Bühne ab, die Menge geht euphorisch steil. Klassiker wie „Evil Priest“ oder das legendäre „Voracious Souls“ peitschen den Pit immer mehr an und die rappelvolle Turbinenhalle jubelt lauter und lauter.
Als 50 Minuten später Exodus euphorisch empfangen werden, mustern die Death-Angel-Jungs Damien und Sänger Mark kritisch das Buffet. Vorsichtig kaut Bassist Damien auf etwas Salat rum, fängt an zu grinsen und redet von da an wie ein Wasserfall: „Letzte Nacht haben wir ordentlich was getrunken. Rob von Exodus hat uns alle angestachelt und uns in einer Tour Kurze eingeschenkt. Dummerweise trinke ich kaum Alkohol und vertrage kaum welchen, also habe ich die ganze Nacht gegen das Kotzen angekämpft…“ – „… und letztlich doch verloren“, ergänzt Mark lachend. „Ja mir ging es richtig beschissen heute, aber jetzt langsam geht es wieder. Das hier ist das erste was ich heute esse und ich bin glücklich, dass es im Magen bleibt“, sagt Damien.
Als im Hintergrund der Exodus-Klassiker „Bonded By Blood“ angestimmt wird, sprudelt es aus Mark heraus: „Es ist echt lustig, bis gestern Abend habe ich Exodus noch nie mit Rob Dukes gesehen, immer nur mit Paul Baloff. Rob sieht so lustig aus, wenn er singt. Er wird immer roter und roter im Gesicht und man denkt, er explodiere bald“, so Mark und legt dabei eine authentische Rob-Dukes-Imitation hin. Dann wird er ernster: „Ich hab nie verstanden, wieso auf einmal alle Bands anfangen, ihre alten Alben neu einzuspielen. Ich bin wirklich ein großer „Bonded By Blood“-Fan, doch diese Neueinspielung ist doch nichts. Gary, Lee, Rob, alles sind total coole Typen aber ich finde trotzdem die Platte mit Paul hundert mal besser. Das ist einfach eine legendäre Scheibe, die kann man doch nicht einfach neu aufnehmen und diesen Kult-Status, diese Atmosphäre und diesen speziellen Sound zerstören. Wir werden definitiv niemals die „Ultra Violence“ neu aufnehmen“, verspricht er, während er hastig rote Bohnen in sich reinschaufelt. Abgesetzt wird nur für ein breites Grinsen, als Tourmanager David den beiden eine große Flasche Gin und eine große Flasche Wodka auf den Tisch knallt. Damien muss weitere Witze auf Kosten seines gestrigen Absturzes ertragen, bis er schließlich die Wodka-Flasche greift und sich in die Death-Angel-Umkleide zurückzieht. Mark folgt ihm, die Gin-Flasche in der Hand, wird jedoch unterwegs von etlichen Mädels angequatscht, die reihenweise Fotos mit ihm schießen.
Exodus befinden sich derweil im Endspurt und holen alles mit „Strike Of The Beast“ heraus. Das Publikum feiert die kaum wiedererkennbare Version des Klassikers ab. Kreator präsentieren danach die gleiche Beamer-Show wie auch schon bei den Sommer-Festivals. Große Änderungen der Setlist gibt es ebenfalls nicht, auch wenn Sami das vorher ankündigte. Dennoch punkten Kreator wie immer. Bei Songs wie „Violent Revolution“ oder dem aggressiven „Terrible Certainty“ bangt nahezu die ganze Turbinenhalle und auch die ständigen, nahezu schon penetranten Forderungen nach Pits seitens Mille zeigen ihre Wirkung. Backstage ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr allzu viel los, der Essensraum ist größtenteils leer, die Musiker befinden sich in ihren Umkleiden oder Bussen, während Kreator routiniert, aber gebührend den Abend beenden, wonach gefühlte 80 Prozent der Anwesenden den Merchandise-Stand plündern. Gibt‘s da etwa was umsonst?
HANNOVER, 10.12.
Die Stadt an der Leine begrüßt das Thrash-Gespann zwei Wochen später mit eisigen Temperaturen. Der Weg zum Capitol ist vereist und rutschig. Am Mittag rollen die drei großen Tourbusse auf das Gelände. Auch wenn der Einlass erst in einigen Stunden ist, stehen schon jetzt einzelne, vornehmlich junge Fans vor dem Capitol und machen große Augen, während Crew und Bands sich in die Wärme des Capitols flüchten. Lange kalt ist niemandem. Unzählige Cases werden aus den Bussen gerollt und nach und nach die Bühne für den heutigen Abend vorbereitet. Während ein Drum-Roadie das Schlagzeug aufbaut, liefert sich Exodus-Drummer Tom Hunting ein Football-Duell mit den anwesenden Security-Kräften und Teilen der Crew. „Ich liebe Football und kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass der Sport in Deutschland nicht so populär ist wie in den Staaten“, verrät er, während er das Leder durch die Halle schmeißt. „Ich bin zwar kein sonderlich guter Quarterback, aber ich bin ein guter Fänger.“ Death-Angel-Drummer Will Carroll grinst schelmisch: „Gegen mich hat Tom keine Chance.“
Die Stimmung ist überaus entspannt in der Halle, die rund 1600 Fans auf zwei Ebenen fasst. Im Backstage-Bereich hat der Haus-Caterer zum Mittagssnack eine große Flipsschale aufgebaut, aus der sich die vorbeigehenden Musiker bedienen. Lediglich die Kreator-Jungs lassen sich bisher nicht blicken. Die Umkleide der Essener befindet sich in einem anderen Gang als die der anderen drei Bands. Zwischendurch schaut mal Schlagzeuger Ventor vorbei. Mit schläfrigem Blick, ungekämmten Haaren und kurzer Kreator-Jogginghose schlurft er durch die Gänge, verkriecht sich jedoch schon bald wieder im Kreator-Raum – von außen stellt man sich das Backstage-Treiben definitiv glamouröser vor. Von Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll auch hier keine Spur. Ohnehin wird vor einer Show nicht getrunken, wie Tom Hunting verrät. „Ich habe das ein einziges Mal gemacht, das war 1985. Wir kamen von der Bühne und unser Manager sagte uns: ‚Jungs, ihr wart total scheiße.‘ Seitdem startet die Party immer erst nach einer Show.“
Und wenn man den Gerüchten glauben darf, nicht zu knapp. Vor allem Lee Altus hat in den vergangenen Wochen den Ruf des trinkfestesten Tour-Mitglieds aufgebaut. „Der Typ trinkt jeden unter den Tisch“, weiß Suicidal-Angels-Fronter Nick. „Ich war so dumm und habe ihn herausgefordert. Seitdem versuche ich ihm aus dem Weg zu gehen. Alleine die Shots, die der trinkt, haben die vierfache Größe eines normalen Kurzen.“
Die Schüchternheit haben die Suicidal Angels in den vergangenen zwei Wochen abgelegt. „Am Anfang waren wir wirklich sehr zurückhaltend“, gibt Bassist Angel zu. „Man kann ja schlecht zu einem seiner Idole gehen und sagen: ‚Hey, what‘s up motherfucker?!‘ Für uns sind diese Musiker Helden. Dass man sich auf einmal mit denen betrinkt, ist immer noch wie ein verrückter Traum.“ Rockstar-Allüren seien keine vorhanden, versichern die Youngsters der Tour. Kreator-Mille sitzt derweil entspannt nach dem Abendessen im Aufenthaltsraum. Vor ihm steht eine Packung Soja-Reis-Milch. Seit zwei Jahren ist Mille Veganer. „Auf vielen anderen Touren ist das echt ein Problem. Aber auf dieser Tour sind drei Veganer mit dabei, deswegen gibt es immer genügend veganes Essen. Zur Not habe ich immer einen Plan mit den besten veganen Restaurants der jeweiligen Stadt dabei und gehe dann dort essen“, verrät der Kreator-Chef, dem die Restaurantsuche bei eisigen Temperaturen heute jedoch erspart bleibt.
Währenddessen zerlegen die Suicidal Angels die Halle und Death Angel stehen spürbar unter Strom – trotz fast 30 Jahren Bandgeschichte. Dreadlock-Träger Mark Osegueda schleicht nervös von links nach rechts, stretcht sich und hüpft auf und ab, mit konzentriertem Blick und doch einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen. Schlagzeuger Will malträtiert mit seinen Sticks das Treppengeländer. Grund zur Nervosität besteht jedoch nicht. Hannover frisst den Bay-Area-Thrashern auch so aus der Hand. Death Angel liefern problemlos die energiereichste Show des Abends ab. Wie ein Hyperaktiver auf Koffein springt Mark über die Bühne, wirbelt seine Dreadlock-Mähne durch die Luft, während sich die Gitarristen-Front in die coolsten Rockstar-Posen schmeißt. Die Band hat abermals Bock auf ihre aktuellen Songs, von denen sie gleich eine Handvoll spielt. Am besten kommen jedoch nach wie vor Klassiker wie „Thrown To The Wolves“ an, mit dem die Band auch das Set beendet. Anschließend zeigen sich die Jungs fannah. Schon vor dem Konzert hatten Musiker von Death Angel und Exodus gemütlich neben Fans an der Bar Platz genommen und sich geduldig ablichten lassen. Fünf Minuten nach der Show sieht man Schlagzeuger Will und Gitarrist Ted schon wieder mit einem Bier in der Hand zwischen ihren Fans.
Und sie sind nicht die einzigen Musiker, die sich nicht im Backstage-Bereich verkriechen. Zwischen den teils sogar etliche Jahre älteren Fans fallen die Suicidal Angels nicht weiter auf. Und letztlich sind sie ja genau das geblieben: Fans. Als Exodus die Bühne stürmen, flippt Fronter Nick völlig aus. Mit einem Satz stürmt er die Bühne und hechtet über den Fotograben ins Publikum, das ihn bereitwillig auffängt. Exodus-Gitarrist Gary Holt wird diesen ersten Sprung ins Publikum später beim Feierabendbier lachend als „worst stage dive ever“ bezeichnen. In Sachen Energie stehen Exodus ihren Kollegen Death Angel in nichts nach. Sänger Rob Dukes lässt seinen Aggressionen freien Lauf und scheidet dabei so viele Liter Schweiß aus, dass die Fans in den ersten Reihen feuchte Spritzer ins Gesicht bekommen, wenn der Sänger mit seinem Glatzkopf im Takt des Thrash Metals mitwippt. „Bonded By Blood“ und „A Lesson In Violence“ sorgen heute unter anderem für gute Laune auf und vor der Bühne. „Ein unfassbar geiles Publikum ist das heute“, lässt Bassist Jack Gibson seinen Tourkollegen Sami Yli-Sirniö von Kreator kurz nach dem Exodus-Auftritt wissen. Dieser ist – wie immer – die Ruhe selbst, grinst, nickt und raucht gemütlich zwischen bergeweise Bühnen-Equipment. Während sich Kreator für die Bühne fertig machen, startet für Exodus die große Party. Bandchef Gary Holt stürmt die Treppe zum Backstage-Bereich empor, mit einer Flasche Jägermeister in der Hand. Lee Altus hat sich längst in der Umkleide der Band verkrochen und Tom Hunting gönnt sich eine Feierabend-Zigarette.
Für Kreator ist der Feierabend noch anderthalb Stunden weit entfernt. Mit Videoprojektion und Johnny-Cash-Song betritt die Thrash-Legende Hannovers Bühne und liefert eine routinierte Show ab, die langjährige Kreator-Fans nicht überrascht, aber auch gewiss nicht enttäuscht. Mille nutzt den Platz auf der Bühne, wechselt alleine während des Openers „Violent Revolution“ zwischen drei an unterschiedlichen Stellen aufgebauten Mikrofonen, während Bassist Speesy den berüchtigten Kreator-Katzenbuckel vorführt. Gewohnte Kost für all jene, die Kreator schon mal live erlebt haben. Aber eben eine zuverlässige Abrissbirne, die nicht klein zu kriegen ist. „Phobia“, „Enemy Of God“, „Hordes Of Chaos“, „People Of The Lie“, ganz am Ende natürlich „Tormentor“ – große Überraschungen gibt es nicht. Die Halle verwandelt sich dennoch in einen totalen Hexenkessel.
Backstage ist die Stimmung ebenfalls ausgelassen. „Man kann nicht jeden Abend durchsaufen und Weed rauchen, aber man kann es versuchen“, grinst Suicidal-Angels-Fronter Nick. „Selbst wenn man sich nach zehn Tagen in einen Zombie verwandelt.“
Dass Tom Hunting noch vor der Show ankündigte, man ließe es mittlerweile auch oft ruhiger angehen und begebe sich mit Müsli und einem Buch in den Feierabend, entpuppt sich zumindest heute als dreiste Lüge. Stattdessen steht bei den Exodus-Jungs Jägermeister und der neue Lieblingsdrink, ein Wodka-Shot mit einem Schuss Tabasco, auf dem Plan. „Dieses Zeug ist wie ein Schlag in die Fresse“, verspricht Tom, der seine Liebe für Tabasco auch gerne mal dadurch zum Ausdruck bringt, dass er sich eine Line von dem scharfen Zeug in die Nase zieht, wie die Suicidal-Angel-Jungs breit grinsend berichten. „Die Stimmung zwischen den Bands ist so super, da geschehen unfassbar viele lustige Dinge. Die meisten dieser Sachen darf man gar nicht erzählen. Vielleicht erzähle ich die irgendwann mal meinen Enkeln – wenn sie alt genug sind. Bis dahin gilt: Was auf der Straße passiert, bleibt auf der Straße.“ Ein bisschen wie in Las Vegas.
KÖLN, 19.12.
In winterlich-frostigen Rahmenbedingungen wartet die Kölner Veranstaltungshalle darauf, dass das Thrash-Metal-Quartett auch hier hereinschneit. Bei unaufhörlichen Schneefällen ist um 17 Uhr noch sehr wenig vor der Halle los. Zwei tapfere Fans warten schon seit 15 Uhr vor der Halle und begründen das mit einem lockeren „Wir dachten, bei dem Wetter nehmen wir lieber ein paar Züge früher!“ Ob man dann nicht besser in irgendeine Fastfood-Filiale wechselt als wirklich knallhart vor verschlossenen Türen zu stehen? Geschmackssache – eventuell sind die Jungs auch schon festgefroren.
Drinnen läuft hingegen gerade der Soundcheck der Suicidal Angels. Die noch leere Live Music Hall erinnert an einen Sonntagmorgen nach durchzechter Nacht. Backstage ist da mehr los. Lee Altus von Exodus steht relativ sinnfrei in der Gegend herum, Sami von Kreator fläzt sich auf einer roten Couch, die gemütlicher nicht aussehen könnte, und Damien von Death Angel sitzt mit einem Mädel auf dem Schoß an dem großen, zentralen Esstisch des Backstage-Raums. Im ganzen Wirrwarr umherrennender Sound-Menschen, Bandmitglieder und wie auch immer gearteter Tourbegleiter erscheint auch Mark von Death Angel. „Das war echt die beste Tour, auf der ich je war – die Achtziger eingeschlossen“, schwärmt er. „Die Bands haben einfach jeden Abend alles gegeben. Auch gegenseitig haben wir uns da hochgestachelt – und was da Backstage alles abging…. Unsere Freundschaft mit Exodus ist jetzt größer als je zuvor. Wir haben zwar schon mal eine Show zusammen gespielt, aber nie zusammen getourt.” Ein weiteres Zeichen für die erstarkten freundschaftlichen Bande zwischen den Bands bringt Lee Altus, der plötzlich den Raum betritt und betont, dass Mark „Me&Lee“ nicht vergessen soll – Mark zufolge ein „Projekt“ zwischen ihm und Lee Altus, bei dem es hauptsächlich um Alkohol geht und eventuell auch um etwas Musik. Wirkliche Katastrophen blieben bei der Tour aus. Selbst der Gig in Prag, der kurz auf der Kippe stand, weil die Bands im Stau standen, habe rückblickend richtig gerockt.„Da gibt es zum Glück keine Sperrstunde“, erzählt Mark, weswegen kurzerhand die Plätze getauscht wurden und die Suicidal Angels an das Ende der Show rutschten. Denkwürdig sei auch die Show in Leipzig gewesen, wo Backstage Flaschen, Tische und Schnebälle durch die Gegend flogen. Mark schwelgt in Erinnerungen, während er in dem mit „The Homo‘s Dressing Room“ markierten Raum sitzt.
Nebenan prangt groß „The 300‘s Dressing Room“ an der Tür. Hier residieren die Suicidal Angels. Deren Fronter findet ähnlich lobende Worte. „Die Tour ist wie eine Schule für uns, jede Show wie eine Unterrichtsstunde. Sie zeigen uns, was und wie man alles macht. Das ist einfach nur großartig“, schwärmt Nick. Was die Partys angeht, seien neben Wodka-Tabasco mit Zitrone und Salz auch die Jungs von Death Angel und Exodus große Faktoren für das alltägliche Spektakel hinter der Bühne. Auch hier prescht Lee Altus in den Raum und wird von Nick mit „My Dad“ begrüßt: „Sie könnten unsere Eltern sein. Ohne sie wären wir und Thrash Metal nicht hier.“ Insgesamt ist Nick aber gespaltener Meinung über die letzte Show. „Draußen wird dir heute jeder sagen, dass er froh ist, endlich nach Hause zu kommen und etwas Ruhe zu haben. Ich freue mich auch auf Familie und Freunde, aber in einer Woche wünschen sich alle wieder auf Tour zu sein, ALLE!“, ist sich der Suicidal-Angels-Fronter sicher. Lee steht immer noch dabei und ergänzt lachend: „Ja, eventuell bleiben wir ja direkt hier bis zum Frühling. Der scheiß Flughafen in Düsseldorf ist eventuell morgen noch gesperrt.”
Während sich die Suicidal Angels auf ihre letzte Show auf dieser Tour vorbereiten, finden sich am großen Esstisch die verschiedenen Musiker der Bands zum Essen ein. Neben großem Lob für das Catering, welches eines der besten auf der Tour sei – mancherorts gab es wohl nur kleine Fastfood-Rationen, die man auch noch teilen musste – philosophieren vor allem Death Angel und Exodus über das Besäufnis der letzten Nacht, was wohl teils darin geendet ist, das alte Folgen von Happy Days geschaut und ob ihres rassistischen Hintergrundes analysiert wurden. Lee ergreift auch hier am Tisch wieder das Wort und empfiehlt Will Carroll von Death Angel ganz viel Rotkohl zu essen, damit er zur Ehre des letzten Gigs heute Nacht blutig kotzen könne. Die Szenerie untermalt Death-Angel-Sänger Mark, der gerade aus der Dusche kommt und mit seinen hochgesteckten langen Dreads ein ungewöhnliches Bild abgibt. Dazu gibt es Tee – Duschen und Tee sind also doch Heavy Metal.
Als die Suicidal Angels ihr Set runterprügeln, füllt sich die Live Music Hall gerade erst. Vereinzeltes Kopfnicken und marginale Aktionen unterstreichen die anfänglich müde Stimmung bei Band und Publikum an diesem Abend. „Apokathilosis“, „Dead Again“ oder „Bleeding Holocaust“ machen trotzdem Spaß und zeigen im Endeffekt eine solide Vorstellung der Griechen, die den Tourabschluss-Abend würdevoll in die Wege leiten.
Death Angel setzen danach direkt auf diesem Niveau auf und pushen das Publikum weiter. Endlich bewegt sich die Meute und erweist dem zweiten Viertel der Quattro Thrashzioni die Ehre. „Mistress Of Pain“, „Truce“, „River Of Rapture“ oder „Seemingly Endless Time“ decken viele Phasen der Diskographie ab. Zwischendurch wird Geburtstagskind und Gitarrist Ted Aguilar beglückwünscht und ein „Happy Birthday“ von Mark angestimmt.
Anschließend geht es Backstage rund. Ein großer Pulk bildet sich um den Jubilanten und gratuliert Ted: die Party scheint eröffnet – aber noch nicht ganz, denn Exodus müssen noch ein letztes Mal ihr Set herunterreißen. Frontsau Rob Dukes wärmt sich mit mehreren High Kicks auf. Auf der Bühne explodiert er schließlich und wirft dem Publikum nach zwei Songs voller Soundprobleme die üblichen, saftigen Beleidigungen und Mittelfinger entgegen, da es sich schon den ganzen Abend auf keinen Moshpit einlasse. Lustig auch, dass der harte Rob später Backstage fast heult, weil keine Bratkartoffeln mehr da sind. Auf der Bühne markiert er jedoch den harten Mann. Exodus stimmen kurz „Rock You Like A Hurricane“ von den Scorpions an, woraufhin das Publikum auch plötzlich feiert. Als hätte Rob das erwartet, folgt die nächste Beleidigung und die Frage, wer denn heute überhaupt die Eier hätte, zu ihm zu crowdsurfen, zu moshen oder morgen mit einer Fahne auf die Arbeit zu gehen. Das ist genug Provokation: Plötzlich geht es los. Das lässt Köln nicht auf sich sitzen und ab jetzt herrscht Bewegung in der Live Music Hall.
Anschließend gratuliert Rob ebenfalls Ted, der mittlerweile am Bühnenrand die Exodus-Show filmt. Bei „Bonded By Blood“ stürmt noch Mark von Death Angel die Bühne und singt teilweise Robs Parts. Den wirklichen Höhepunkt bildet aber das AC/DC-Cover von „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“, bei dem auch noch Sami von Kreator und die restliche Death-Angel-Meute die Bühne entern, um gemeinsam mit Exodus zu zocken.
Kreator wurde somit schon mal im Vorfeld die metallische Butter vom Brot genommen. Als wenn man sich auf einmal in einer ganz anderen Show befindet, spielen Mille und Co. ihr Set herunter. Backstage auch erst später erschienen, könnte man mutmaßen, dass die Bande dieser Tour hauptsächlich zwischen den vermeintlich partytauglicheren Vorbands geknüpft oder verstärkt wurden. Kreator überzeugen nichtdestotrotz und liefern altbewährte Qualität – von „Hordes Of Chaos“ über das großartige „Phobia“, „People Of The Lie“, bis zurück zu „Tormentor“, „Flag Of Hate“ und „Betrayer“.
Backstage feiern die Jungs der anderen Bands mittlerweile eher beschaulich. Das Bier ist schon aus und die müde Stimmung des Vorabends scheint zurückgekehrt zu sein. Mit dem kleinen Live-Special hat man sich und auch den Fans ein schönes die Tour abschließendes Weihnachtsgeschenk gemacht. Den Urlaub haben sich die Bands verdient.



