Hauptartikel: “Musik still geschaltet” (Musikzensur in Deutschland)

Musik still geschaltet

„Eine Zensur findet nicht statt“ heißt es im Grundgesetz. Doch die Realität sieht anders aus. Jährlich werden Filme und Musik indiziert. 2009 waren es 132 Tonträger. Die Gründe sind meist Volksverhetzung, Rassenhass und Verherrlichung des Dritten Reichs. Doch auch Alben, deren Texte oder Cover nach Ansicht der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (kurz: BPJM) durch Gewaltdarstellung zur Verrohung führen, landen auf dem Index. Ein Artikel über die Musikzensur in Deutschland. Mit Stimmen von EISREGEN, CANNIBAL CORPSE und der Vorsitzenden der BPJM

Text: Dorian Gorr
Fotos: Jenny Bombeck, Metal Blade & Massacre

„Mit jedem Schwung meines Hammers schlage ich deinen verdammten Kopf ein, bis das Gehirn raustropft. Durch die Ritzen tropft das Blut“, singen Cannibal Corpse in ihrem vielleicht bekanntesten Song „Hammer Smashed Face“. Der Song hat einen Text, der nur einer von vielen ist, in denen die US-amerikanische Death-Metal-Band Gewalt- und Horrorfantasien überaus detailliert schildert. Unterstrichen werden die blutrünstigen Texte von Cover-Motiven, die voll von Leichen, Gedärmen und Blut sind. Für Fans von Death-Metal-Bands gewohnte Ästhetik, die die Band Cannibal Corpse bereits seit den frühen Neunzigern begleitet. Mit ihrer eigenwilligen Ästhetik wurde in Deutschland aber auch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien ein stetiger Begleiter der Band. Sechs ihrer elf Studioalben befinden sich derzeit auf dem Index, wegen verrohender Darstellung von Gewalt in Cover-Artwork und Texten. „Diese Texte passen einfach enorm gut zu einer extremen Musikform wie dem Death Metal. Es gibt dabei keine versteckte Botschaft. Und selbst wenn es eine gibt, würde ich diese niemals verraten. Das macht einen Text doch aus, dass man beim Lesen die eigene Vorstellungskraft benutzen kann und dadurch jeder Leser eine eigene Erfahrung mit dem Text macht“, erklärt Cannibal-Corpse-Bassist Alex Webster die Motivation, auch nach über 20 Jahren noch immer solche Texte zu schreiben. Dass es viele Personen gibt, die der Musik und den Texten von Cannibal Corpse den Kunstgehalt absprechen, stört den Mitgründer der Band nicht. „Ich weiß, dass sowohl die Musik als auch die Texte nicht für jedermann sind. Die Kunst bei solcher Musik versteht nicht jeder“, so der 40-Jährige, der sich auf die künstlerische Freiheit beruft und damit auf den Konflikt hinweist, mit dem eine Behörde wie die BPJM tagtäglich konfrontiert wird.
Das Abwägen von Jugendschutz und Kunstschutz ist Hauptbestandteil der Arbeit der BPJM, deren Vorsitzende Elke Monssen-Engberding ist. Die Vorschläge, welche Alben einer Prüfung unterzogen werden sollen, gehen allerdings nicht von der BPJM aus, sondern kommen von Jugendämtern und anderen anerkannten Trägern der freien Jugendhilfe, also letztlich aus der Bevölkerung selbst. Wird ein Album erst einmal einer Prüfung unterzogen, entscheidet ein zwölfköpfiges Gremium, das sich aus Repräsentanten unterschiedlicher Verbände zusammensetzt, was im aktuellen Falle höher zu achten ist: der Jugendschutz oder die künstlerische Freiheit. Glaubt man Elke Monssen-Engberding, so führen die meisten Anträge auch zu einer Indizierung. „Die Jugendämter, die uns die Vorschläge einreichen, die wissen ja, wo die Grenzen überschritten werden. Sonst würden die ein Objekt ja nicht einreichen. Meist sind diese Sachen also sehr gut begründet“, erklärt die BPJM-Vorsitzende. „Wenn eine Band in ihren Texten dazu auffordert, Juden ins KZ zu stecken und Dunkelhäutige zu erschießen, dann braucht man ja nicht mehr lange darüber diskutieren, ob das mit der künstlerischen Freiheit zu entschuldigen ist“, ist sie sich weiterhin sicher.

SPIEGEL DER GESELLSCHAFT
Schwieriger wird es bei Bands wie Cannibal Corpse, deren beschriebene Gewaltdarstellungen weit weniger eindeutig sind. Von diesen Fällen gibt es auch einige in Deutschland. Das bekannteste Beispiel hierzulande ist die Dark-Metal-Band Eisregen. Drei ihrer Alben finden sich derzeit auf dem Index wieder. Die Texte, die allesamt der Feder von Sänger Michael Roth entstammen, seien laut BPJM-Urteil grausam, menschenverachtend, frauenfeindlich und verrohend – ein Urteil, über das Roth, selbst verheiratet und Vater von zwei Kindern, nur müde lächeln kann. „Natürlich sind die Texte offensiv, aber das ist ja nur eine Reaktion auf den Zustand der Gesellschaft“, erklärt der Sänger. „Wenn man die Nachrichten anschaltet, dann sieht man vieles, was schlimmer ist als die textliche Aufarbeitung dessen. Unsere Gesellschaft steht meiner Meinung nach nur noch zwei Meter vom Abgrund entfernt und der Künstler reagiert immer nur auf die aktuelle Lage und verarbeitet so etwas auf seine Weise. Dass ich offensive Texte schreibe, ist doch eine Reflektion der Gesellschaft, nicht die Wurzel der Missstände“, so Roth, der die Eltern in ihre Pflicht ruft. „Texte können nicht schädlich sein. Eine solche Schädigung hat andere Ursachen. Ich habe selbst zwei Kinder und weiß, was ich denen zutrauen kann und was nicht. Es gibt harmlose Eisregen-Songs, die ich denen vorspielen kann und andere Songs, die natürlich nichts für sie sind. Unsere Texte sind natürlich für Erwachsene oder reifere Jugendliche gedacht. Hier stehen die Eltern in der Verantwortung, ihren Kindern richtige Medienkompetenz beizubringen. Aber viele Eltern machen es sich einfach. Die schieben ihre Kinder vor den Fernseher ab. Von solchen Situationen geht die Hauptgefahr aus, nicht von einer Band wie Eisregen, die sich an ein Publikum richtet, das mit unseren Texten umgehen kann.“ In diesem Punkt unterscheidet sich Roths Ansicht gar nicht mal sonderlich von den Ansichten von Elke Monssen-Engberding. „Medienschutz muss natürlich auch medienpädagogische Bemühungen tragen. Der Jugendmedienschutz dient dazu, die Eltern bei ihrer Erziehung zu unterstützen“, ist sich die Vorsitzende der Bundesprüfstelle sicher. Und auch Alex Webster von Cannibal Corpse sieht vor allem die Eltern in der Verantwortung. „Ich kann es verstehen, dass die Eltern unser Platten-Artwork nicht bei ihren jungen Kindern sehen wollen. Aber das ist doch noch lange kein Grund dafür, dass sich die Regierung einschaltet und sagt, was erlaubt ist und was nicht“, so der Bassist, der sich nicht zu Unrecht ärgert. Immerhin erfährt eine Band für jedes Album, das auf dem Index landet, finanzielle Einbußen, die es in Zeiten der ohnehin kriselnden Musikwirtschaft nicht leichter machen, sich als Band über Wasser zu halten.

POLITIK ODER UNTERHALTUNG?
Es ist jedoch ein weit verbreiteter Mythos, dass man ein indiziertes Album nicht mehr käuflich erwerben kann. Kommt ein Antrag bei der BPJM durch, ist in erster Linie nur damit gemeint, dass das Album für Jugendliche unzugänglich gemacht werden muss. Ein Verkauf ist jedoch nicht illegal. Da diese Werke aber nicht beworben werden dürfen und meist unter den Ladentheken Staub ansetzen, gestaltet sich der Absatz solcher Alben als überaus zäh, wie Roth berichtet. Ein wirkliches Verbreitungsverbot tritt erst in Kraft, wenn festgestellt wird, dass es sich bei dem indizierten Objekt um einen Straftatbestand handelt. Dies prüft der Gesetzgeber, wenn die BPJM eine entsprechende Empfehlung ausspricht, so geschehen im Falle von Eisregen und ihrem indizierten Album „Krebskolonie“, das sich aufgrund dieser Empfehlung auf der sogenannten Liste B befindet. „Ich musste damals bei der örtlichen Polizeidienststelle vorsprechen, um klarzustellen, dass sich auf dem Album keine verfassungsfeindlichen Inhalte befinden. Natürlich wurde das auch sofort anerkannt, aber in dem Moment, in dem man seine Kunst vor der Polizei als solche verteidigen muss, kommt man sich als Musiker doch ziemlich fremd vor“, berichtet der 39-jährige Sänger, der es obendrein als Beleidigung für seine Texte empfindet, dass sich diese auf Liste B neben einer Vielzahl rechtsextremer Songtexte einreihen müssen.
Mit den durchaus morbiden Texten sind die Eisregen-Alben ein Außenseiter auf den Listen der BPJM. Rund 80 Prozent aller Indizierungen, so schätzt Elke Monssen-Engberding, würden dem rechtsextremen Lager entspringen. Bei diesen leugnet selbst ein Zensur-Gegner wie Michael Roth nicht, dass eine staatliche Kontrolle nicht unbegründet ist. Ein Widerspruch zu den eigenen Ansichten? In seinen Augen nicht. „Eine rechtsextremistische Band, wie beispielsweise Landser, sind ja in dem eigentlichen Sinne keine Band, die einen Kunstgehalt erschaffen wollen. Die instrumentalisieren die Musik, um politische Botschaften zu verbreiten. Da muss man unterscheiden zwischen Bands, die unterhalten und Bands, die versuchen Politik zu betreiben. Landser sind ein Politikum. Eisregen eine Band, die unterhalten möchte“, erklärt Roth. Doch so nachvollziehbar diese Begründung vielleicht sein mag, verdeutlicht sie doch auch den schmalen Grat, auf dem diese Argumentation wandelt. Denn wer ist schon berechtigt, darüber zu urteilen, welche Band unterhalten möchte und ab wann politische Botschaften verbreitet werden?
www.fleischhaus.de
www.cannibalcorpse.net
www.bundespruefstelle.de

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