Die Hölle erhebt sich
Sechs Ausgaben lang habt ihr in der Artikelserie „Heavy Metal Locations“ alles über sechs wichtige deutsche Standorte für den Heavy Metal erfahren. Für den letzten Teil der Serie hat es uns nach Leipzig ins berüchtigte Hellraiser verschlagen.
Text: Carolin Teubert
Fotos: Carolin Teubert & Hellraiser
Etwas außerhalb des Leipziger Stadtzentrums befindet sich das Hellraiser. Direkt an einer großen Straße erstreckt sich die Halle, in der sich ein großer und ein kleiner Konzertraum befinden. Beide verbindet ein Bar-Bereich. Derzeit wird gerade ein wenig umgebaut, sodass die Türen verschlossen bleiben. Im Hinterhaus befindet sich jedoch ein Jugendclub, in dem Wito, einer der Besitzer, arbeitet. Also wird das Gespräch dorthin verlagert.
Aller guten Umzüge sind drei
Angefangen hat alles 1992. Damals gründete man einen Verein, mit dem Ziel, eine Disco zu errichten, in der Metal läuft. Wito erinnert sich an die Zeit. „Du bist damals in die Disco gerannt und da kam nichts. Da lief nur Musik wie Modern Talking. Als Metal-Clique hast du den DJ redlich angebettelt und wenn du Glück hattest, kam dann früh um 4 mal ein Song, den du mochtest.“ Das war so nicht tragbar. Mit einem eigenen Club, der eigene Metal-Partys veranstaltet, sollte Abhilfe geschaffen werden. Bis man schließlich sogar Konzerte organisierte, verging noch einige Zeit. „Nach zwei Jahren kam ein Freund, Torsten Kohl, der damals eine eigene Band in Grimma hatte, zu mir und fragte mich, ob er nicht in unserem Club ein Konzert spielen dürfte. Wir hatten damals alle keinen Plan davon.“
Daraus entstand die Idee, regelmäßig Konzerte zu veranstalten, natürlich in einer viel kleineren Größenordnung als heute. Doch der Partykeller, über dem sich heute eine Videothek befindet, wurde irgendwann zu klein und man zog in eine größere Location um. Monatliche Konzerte waren bereits die Regelmäßigkeit. „Das war auch unser Sprung zu internationalen Agenten. Plötzlich spielten bei uns Bands wie Dark Funeral und Cannibal Corpse“, erinnert sich Wito. Für diese Größenordnung wurde die aktuelle Location zu klein. Wieder einmal zog man um – in die heutige Location. Zur Walpurgisnacht 1999 eröffnete das Hellraiser erneut und ist seitdem eine bekannte Adresse im gesamten Osten Deutschlands.
Das Hellraiser intern
Man mag vielleicht denken, dass der Name des Vereins vom Horrorfilm aus den Achtzigern stammt. Dem ist aber nicht so. Der Name stammt von einem Motörhead-Song, der kurz vor der Gründung des Vereins herauskaum.
Mittlerweile hat sich über die Jahre ein fester Stamm entwickelt. „Es ist wie eine große Familie geworden. Ich erinnere mich noch an ein Mitglied, das damals, Anfang der Neunziger, noch seine Eltern nach einer schriftlichen Erlaubnis fragen musste, damit er länger bleiben durfte und heute ist er immer noch ein fester Bestandteil im Verein.“ Viele sind mit dem Hellraiser-Club aufgewachsen. Die beiden zentralen Ansprechpersonen sind jedoch Wito und Kathrin. „Es muss immer jemanden geben, der das Sagen hat. Sonst endet es in einem Chaos“, weiß Wito, der sich täglich einer Doppelbelastung ausgesetzt sieht. Tagsüber arbeitet er als Sozialarbeiter im Jugendclub, in seiner freien Zeit als Veranstalter. Dass das nicht immer einfach ist, weiß Wito nur allzu gut. „Als Veranstalter gibt es viele Dinge, über die man sich freuen kann. Es kann schön sein, am Ende eines erfolgreichen Abends das Geld zu zählen, aber wichtiger ist meist, dass alles reibungslos lief. Wir hatten schon Konzerte, da fiel der Strom aus oder man kriegt als Veranstalter natürlich auch einen Schock, wenn plötzlich jemand mit einer Platzwunde vor dir steht.“
Schock und Spaß liegen da oft nah beieinander. „2001 waren Atrocity mit Pain bei uns auf Tour. Als sie ihren Bus verließen, kamen gerade Stichflammen aus dem damaligen Backstagebereich. Die Bands dachten ironischerweise, dass die Party schon in vollem Gange sei. Sie verstanden den Ernst der Lage etwas anders. Doch die Feuerwehr stand schon bereit und löschte das Feuer. Es ist nichts passiert. Wir mussten daraufhin nur viel improvisieren. Der Backstagebereich war für den Abend nicht mehr benutzbar und draußen herrschten dazu Minusgrade. Zum Schluss mussten sich die Tänzerinnen auf der Toilette umziehen und die Band suchte sich halt irgendwoanders ihr Plätzchen. The show must go on.“
Entschädigend wirkt da das Veranstalter-Privileg, viele Bands näher kennenlernen zu dürfen. „Irgendwann geht es über die Fanbasis hinaus und man wird zu Freunden. Das heißt jetzt nicht, dass ich jede Woche zum Kaffee trinken zu den Bands fahre, aber man kennt sich, weil man eben zu Arbeitskollegen wird.“ Hin und wieder fungiert Wito auch als Stadtführer für die Bands. Als beliebten Ausflugsort nennt er das Völkerschlachtdenkmal. Dort führte er beispielsweise Kataklysm und auch Legion Of The Damned hin.
Sex, Drugs und Rock´n Roll?
Im Gegensatz zu den vielen Bands, die sich „Sex, Drugs und Rock‘n‘Roll“ zum Lebensinhalt machen, trinkt Wito nicht. Der 46-Jährige raucht nicht und treibt täglich Sport, um fit zu bleiben.
„Ich war auch mal jung und kann sicherlich verstehen, wenn einige Jugendliche ihre Grenzen überschreiten. Aber das passiert hier nur in Maßen. Es gibt natürlich immer Ausnahmen. Andere wissen manchmal nicht, wo ihre Grenzen liegen und überschätzen sich. Ich glaube Sex, Drugs and Rock´n´Roll wird immer ein Leitspruch sein, weil es eben passt.“ Dabei gehe laut ihm eine erhöhte Gefahr durch zu viel Alkoholkonsum aus – vor allem für die Bands. „Ich kenne viele Bands, die daran auseinander gebrochen sind. Für einige gehört das zum Job. Das Tourleben ist sicherlich nicht einfach und man kommt schneller mit diesen Sachen in Berührung. Es sind auch nur Menschen und jeder geht anders damit um.“
HELLRAISER GOES FESTIVAL
Am 5. März wird erneut das Paganfest im Hellraiser stattfinden – eine von vielen Touren, die von Rock The Nation veranstaltet wird, und die beinahe immer im Hellraiser einen Halt einlegen. Im Januar war der Neckbreakers Ball vor Ort und auch das Thrashfest und das Heidenfest zogen viele Metal-Fans ins Hellraiser. Den kritischen Stimmen gegenüber diesen Veranstaltungen, bei denen zum Teil bis zu sieben Bands an einem Abend auf der Bühne stehen, widerspricht Wito. „Viele vergessen, dass es sich bei solchen Abenden um kleine Festival-Veranstaltungen handelt. Sprich: die Bands sind nur ein Bestandteil unter einem Banner. Zudem eröffnet es vielen kleineren Bands den Zugang zum Publikum. Die Zeiten haben sich geändert. Es geht nicht mehr jeder zu einem Konzert, nur weil da Metal läuft, sondern man sucht die Konzerte nach den Bands aus. Wenn man also keine Band kennt, geht man nicht hin. Deshalb braucht man einfach einige Namen auf dem Programm, um genügend Publikum zu ziehen“, verteidigt Wito das von manchen Fans kritisierte Konzept.
So entwickelte sich auch das Metalfest, von dem kaum jemand weiß, dass sich dieses aus dem ehemaligen Hellraiser-Festival entwickelte. „Dreimal haben wir ein Hellraiser-Festival veranstaltet. Für das Jahr 2008 haben wir den Platz in Wurzen nicht mehr bekommen und so versuchten wir, uns woanders zu beteiligen.“ So kam es zur Kooperation mit dem Legacyfest, dem jetzigen Metalfest, das derzeit jährlich stattfindet.
www.hellraiser-leipzig.de








