Interview: Dornenreich – “Dem Leben auf der Spur”
Dem Leben auf der Spur
Mit ihrem neuen Album „Flammentriebe“ gehen die österreichischen Black-Metal-Lyriker DORNENREICH scheinbar offensichtlich einen Schritt zurück. Bandchef Eviga philosophiert…
Interview: Jenny Bombeck | Fotos: Prophecy
Dornenreich standen schon von Anfang an für Musik auf höchstem Niveau. Eure musikalische Tiefgründigkeit hat euch einen besonderen Status verliehen. Woher stammt das Interesse für lyrische Musik?
Prägung – würde ich sagen. Wir drei kommen aus künstlerisch aktiven bzw. künstlerisch äußerst interessierten Familien. Bei mir persönlich verhielt es sich so, dass ich als einziges Kind einer literarisch aktiven Mutter und eines Vaters aufwuchs, der Maler und Bühnenbildner ist. Dementsprechend viel Rückhalt hatte ich, als ich im Alter von dreizehn Jahren die Gitarre für mich entdeckte und mich im Alter von fünfzehn Jahren mit Dornenreich auf meinen Weg machte. Zudem hatte ich mich schon relativ früh im Leben mit dem Tod mir nahestehender Menschen auseinander zu setzen und solche Erfahrungen führen einen Menschen mitunter sehr direkt an die Quelle des Eigentlichen.
Vermittelt euer neues Album „Flammentriebe“ ein konkretes Gefühl?
Für mich persönlich ist „Flammentriebe“ so lebendig, weil es die ursprünglichsten Gefühlszustände des menschlichen Individuums in einem künstlerischen Rausch vereint – nämlich Freude und Leid. Im Symbol des wärmenden und verzehrenden Feuers ist das auch schon im Albumtitel und im Artwork angedeutet. Das letzte Stück „Erst deine Träne löscht den Brand“ vereint in meiner Wahrnehmung Freud und Leid in einer Wahrhaftigkeit, die mich in meinem nackten Menschsein ankommen lässt.
Seid ihr sehr von Philosophie inspiriert?
Seit frühester Jugend bin ich an Philosophie interessiert – und das merkt man allen Dornenreich-Texten auch an, meine ich. Allerdings bin ich im Herzen ein Lyriker, ein Mystiker, ein Kelte – und in letzter Instanz gewiss kein Vernunftmensch bzw. Analytiker. Mir ist es deswegen z. B. wichtig, dass sich meine Texte wie schlüssige Aneinanderreihungen von Aphorismen lesen lassen, von Sinnsprüchen also, die für sich stehen können und die für sich vieles aussprechen und andeuten. Ich denke, dass man über alles Mögliche interessante Texte verfassen kann und es ist auch gewiss möglich, vor scheinbar philosophischem Hintergrund belangloseste Buchstabenkombinationen abzufeuern. Das ausgesprochene Geheimnis Dornenreichs ist die bedingungslose Hingabe, mit der wir Dornenreich leben. Wenn ich auf die Bühne gehe oder vor das Studio-Mikrofon trete, dann sterbe ich für den gelebten Moment – und genau das fühlen unsere Hörer. Kunst ist mir – abseits religiöser Konnotationen – etwas Heiliges, das für das Wesen des Lebens sensibilisieren kann.
Es gibt Stimmen, die sagen, dass „Flammentriebe“ ein Schritt zurück in Richtung Vergangenheit ist. Wie kam es dazu?
Dieses Album bietet einen zyklischen Wechsel zwischen kraftvollen und fragilen, sanften Passagen. Betrachtet man den getriebenen, drängenden Opener „Flammenmensch“ und das offene, schwebende Schlussstück „Erst deine Träne löscht den Brand“, so wird der Zyklus, den das Album ausgestaltet, ganz klar. „In Luft geritzt“ ist ähnlich aufgebaut. „Flammentriebe“ vereint für mich die Intensität von „Her von welken Nächten“ mit der tiefen Mystik von „Hexenwind“ und „Durch den Traum“ und fasst all das ein in die zupackenden Arrangements von „In Luft geritzt“. Das Frontcover verweist einerseits deutlich in die Vergangenheit, weil es vor mehr als zehn Jahren zur Zeit der Entstehung des „Bitter ist’s, dem Tod zu dienen“-Covers entstand, präsentiert aber andererseits freilich auch zentrale Gefühle und Gedanken rund um „Flammentriebe“. Nach dem rein akustischen Album „In Luft geritzt“ fühlte es sich genau richtig an, ein Album entstehen zu lassen, das – seiner oberflächlichen Erscheinung nach – mit „In Luft geritzt“ kontrastiert. So gewinnen beide Alben an zusätzlicher Tiefe, finde ich. Und die scheinbar gegensätzliche Ausrichtung beider Alben verdeutlicht unsere umfassende Liebe zu künstlerischem Ausdruck an sich. Dornenreich ist dem Leben auf der Spur und versucht ein Gefühl für das Ganze des Seins zu beschwören, indem es scheinbar Gegensätzliches in einer künstlerischen Vision vereint.
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