Jetzt oder nie!
LONG DISTANCE CALLING sind Deutschlands instrumentale Speerspitze. Keine Band, die Rockmusik ohne Gesang fabriziert, kommt derzeit beim Publikum besser an. METAL MIRROR traf die Jungs im Rahmen ihrer Köln-Show.
Text: Dorian Gorr | Fotos: Long Distance Calling
Einladend sieht die vergilbte Bettwäsche, mit der die vielen Hochbetten bezogen sind, nicht aus. Überhaupt: Selbst wenn man sich über das Leben im Backstage-Bereich keine Illusionen macht, wirkt das Musiker-Refugium im Kölner Underground besonders uneinladend. Zwischen Buffet, Laptop und einem Schlafraum, indem in Jugendherbergs-Manier reihenweise Hochbetten nebeneinander stehen, haben es sich Long Distance Calling gemütlich gemacht. „Wir schlafen heute auch nicht hier. Wir fahren alle nach Hause“, kommentiert Schlagzeuger Janosch Rathmer grinsend. Es ist ein weiter Weg an die Spitze. Und der Weg führt über vergilbte Bettwäsche, kleine Clubs und hundertprozentige Hingabe – das haben Long Distance Calling in den vergangenen Jahren am eigenen Leib gespürt. Mit ihrem neuen, selbstbetitelten Album hat sich das Ziel für die Band aus Münster deutlicher denn je abgezeichnet: „Wir wollen es schaffen“, so Janosch bestimmend. „Diese Band ist so zeitintensiv geworden, dass man nebenbei nicht einfach einen normalen Job machen kann, sofern man nicht zeitlich total flexibel ist.“
Derzeit hat das gut funktioniert. Ein Großteil der Band sind Studenten, man ist selbständig oder jobbt im Gitarrenladen. Doch je erfolgreicher die Instrumental-Rocker unterwegs sind, umso zeitaufwendiger wird es, diese Band am Leben zu erhalten. Doch kann Musik, die keinen Gesang hat, so populär werden, dass sie fünf Mitglieder über Wasser halten kann? Janosch gibt sich realistisch. „Wir machen uns jetzt keine riesigen Vorstellungen. Aber wir haben ein fantastisches Album in der Tasche und wir wollen in diesem Jahr austesten, welche Möglichkeiten sich dadurch für uns ergeben und ob es überhaupt möglich ist, von der Musik zu leben – aber ohne dass man sich anpassen und verbiegen muss.“
RAUS AUS DER SCHUBLADE
Immerhin: Bis hierhin hat es ganz gut geklappt. Auch ohne sich zu verbiegen oder anzupassen. Der Erfolg hat Long Distance Calling immer bestätigt, dass sie keinen Sänger brauchen, um eine breite Masse anzusprechen. Mehr noch: Gitarrist David Jordan ist fest davon überzeugt, dass sie heute nicht soweit wären, wenn sie nicht eine Instrumental-Band geblieben wären. „Dass wir so viele verschiedene Geschmäcker ansprechen, liegt doch daran, dass wir keinen Gesang haben. Eine Stimme drückt einen sofort in eine bestimmte Schublade“, stimmt Janosch seinem Bandkollegen nickend zu.
So ganz auf Gesang verzichten will die Band aber dann doch nicht. Mit dem jetzt dritten Album hat es bereits Tradition, dass es erneut einen Song gibt, dem ein Gastsänger seine Stimme leiht. Diesmal ist das niemand geringeres als John Bush. „Unser Promoter in den USA kennt John über ein paar Ecken und der schickte ihm das Angebot. John guckte sich keine Fotos an, schaute nicht, wie erfolgreich wir sind. Er hörte sich nur zwei Songs an und sagte sofort zu“, ist Janosch hörbar stolz. Im Gegenzug hatte John freie Hand. Wie er singt, was er singt – Long Distance Calling vertrauten dem ex-Anthrax-Sänger blind.
„John sagte auch zu, dass er den Song sofort live mit uns spielen würde, sobald wir die Gelegenheit dazu haben sollten“, versichert Janosch. Ob sich John dann zum Schlafen in die vergilbten Jugendherbergs-Betten legen wird?
www.longdistancecalling.de








