Portrait: Urfaust – “Das Weltall belauschen”

Urfaust

Das Weltall belauschen

In dem Veröffentlichungssud an neuen Bands, finden sich leider nur noch wenige, die wirklich originell sind. Zu den wenigen Ausnahmeerscheinungen gehören URFAUST. Die niederländische Band hat sich in der Black-Metal-Szene längst zum Underground-Kult hochgearbeitet. Doch so geheimnisvoll wie die Musik ist auch die Band selbst. METAL MIRROR mit einem Portrait über ein unorthodoxes Duo.

Text: Dorian Gorr | Fotos: Ván

Die Geschichte von Urfaust ist gleichzeitig die Geschichte einer Freundschaft. 15 Jahre ist es her, dass sich zwei niederländische Musiksüchtige erstmals über den Weg liefen und sofort Freundschaft schlossen. Rund 150 Kilometer trennten Jim (bei Urfaust: VRDRBR) und Villem (aka IX), als sich diese kennen lernten. Beide wuchsen in kleinen Dörfern mit rund 1500 Einwohnern auf. VRDRBR, in der niederländischen Black-Metal-Szene auch unter seinem Pseudonym Nachtraaf bekannt, nahm damals gerade mit seiner ersten Band eine Demo auf, die IX zufällig in die Hände bekam. „Villem schrieb mir eine Mail, in der er mir sagte, dass ihm die Musik gefiel. Und er empfahl mir seine Band, Grimm, die ich aber ohnehin schon kannte und mochte“, denkt VRDRBR heute an seinen ersten Kontakt mit IX zurück. Freundschaft war schnell geschlossen. Eines Abends trafen sich beide, um bei ein paar Bier über Musik zu reden. Inspiriert von Burzum, Isengard und den Werken von Goethe und Nietzsche errichteten beide ein Projekt, bei dem sie keinen Regeln zu folgen hätten: Urfaust.

DIE GRENZEN DURCHBROCHEN
Wie ein Befreiungsschlag wirkte die 2004 veröffentlichte Debütscheibe „Geist Ist Teufel“, ein Album, das weit über den Tellerrand des Black Metals blickt. Ein okkultes Manifest, mit schrägem Gesang, seltsamen Synthesizern, suizidalen Black-Metal-Passagen – alle Grenzen ließen die beiden hinter sich. „Als ich noch mit Fluisterwoud Musik gemacht habe, da war die Richtung immer so starr vorgegeben. Wir trugen Corpsepaint, wir spielten Black Metal, es musste also genau wie Darkthrone und Mayhem klingen. Aber Urfaust ist totale Freiheit. Wir könnten jederzeit Gospel spielen, wenn wir denn wollen würden“, seufzt VRDRBR beinahe erleichtert über den Bruch mit den Genrekonventionen.
Dabei war er selbst mal ein eiserner Verfechter der konservativen Auffassung des Black Metals. Alles was nicht wie Darkthrone klang, habe er früher konsequent abgelehnt. Erst später sei er in der Lage gewesen, zu erkennen, dass Black Metal eine Musikform ohne Grenzen sei. „Ich sehe heute so viele Bands, vollgepackt mit okkulten Symbolen, mit Farbe im Gesicht und Nieten am ganzen Körper. Sie schreien über Satan, aber für mich hat das nichts mit dem Left Hand Path zu tun“, ist sich VRDRBR sicher.
Der Left Hand Path steht seit jeher als Synonym für das Beschreiten eines alternativen Religionspfades. Er ist die Antithese zu den meisten Weltreligionen und bedeutet je nach individueller Auslegung etwas völlig anderes. Auch VRDRBR gibt sich geheimnisvoll. „Es ist das Feuer in einem und ein Pfad, den man am besten alleine beschreitet. Je mehr man damit prahlt, umso weniger ernst ist es einem. Man sollte nicht alles zeigen und erzählen, was man auf diesem Pfad erlebt, da es schlichtweg zu persönlich ist“, versichert der sonst sehr gesprächige Niederländer, der heute in Groningen, im Norden des Landes, lebt. Viel Inspiration zieht die Band seit jeher nicht nur aus der Musik, sondern auch aus vornehmlich deutscher Literatur von unter anderem Goethe und Nietzsche. „In den Texten finden sich viele solche Elemente wieder. Das neue Album wurde sehr stark von Nietzsches ‚Also sprach Zarathustra‘ beeinflusst“, erklärt der Schlagzeuger.
Den unbestreitbar größten literarischen Einflusse hatte jedoch Goethe und dessen Monumentalwerk „Faust“. „Die vielen Charaktere, die in Faust widergespiegelt werden, sie alle stellen die unterschiedlichsten Emotionen dar. Und je nachdem wie ihre Emotion ist, ändert sich ihr Ausdruck in der Literatur. Mal gibt es nur kurze Reime, dann Gesang, weil jemand verärgert ist. Dadurch entstehen viele Stimmen. Diese Idee haben wir auf Urfaust übertragen. Die verschiedenen Atmosphären wollten wir durch unterschiedlichen Gesang abbilden“, so VRDRBR.

RAUS AUS DER IDYLLE
Und noch ein Hobby neben der Lektüre deutscher Klassiker hatte seit jeher einen Einfluss auf Urfaust und hat sich zu einem obskuren Hobby von Fronter IX entwickelt: Deep-Space-Monitoring. Mit einem Satelliten bewaffnet hört IX regelmäßig daheim den Weltraum ab. „Er findet das sehr inspirierend und auch ich finde es sehr interessant, zu hören, wie der Weltraum klingt“, versucht sich VRDRBR an einer Erklärung für dieses außergewöhnliche Hobby.
Allzu oft treffen sich die beiden Köpfe hinter Urfaust jedoch nicht mehr, um gemeinsam dem Weltraum zuzuhören und Bier zu trinken. Die räumliche Distanz und unterschiedliche Arbeitszeiten haben es schwerer gemacht. Während es VRDRBR in den Norden des Landes, nach Groningen, verschlagen hat, lebt IX 100 Kilometer weiter im Süden, in der Nähe von Venlo und Eindhoven. Die ländliche Idylle vermisse er ab und an. „Wenn man auf dem Land wohnt, kann man so viel Lärm machen, wie man will. Früher bauten wir oft unsere Verstärker unterm Sternenhimmel auf, betranken uns, machten ein Feuer und spielten Musik. Nachbarn gab es keine. Aber in der Stadt braucht man nur fünf Minuten, um in der nächsten Bar zu landen“, wägt VRDRBR die Vor- und Nachteile des Lebensraumwandels gegeneinander ab. Wirklich viel geprobt habe man jedoch auch früher nie. „Auch als wir dicht beieinander wohnten, probten wir maximal einmal im Monat. Wir haben das nie gebraucht. Wir sind keine normale Band. Momentan schreibt Villem die meisten Songs. Er sammelt Ideen, ich sammle Ideen und ein paar Mal im Jahr treffen wir uns, um alles zusammenzufügen. So hat das bei Urfaust seit jeher funktioniert. Minimaler Aufwand führt bei uns zum bestmöglichen Ergebnis.“
Und so selbstsicher das auch klingen mag, kommt man nicht umher, zuzugestehen, dass VRDRBR Recht hat. Anders ließe sich der Status, den die Band heute hat, mit so wenigen Veröffentlichungen und noch weniger Konzerten nicht erklären. Wenn Urfaust spielen, treten Musikverrückte aus ganz Europa die Reise an, um eine halbe Stunde in die seltsame Atmosphäre einzutauchen, die die beiden Niederländer erzeugen. „Wir wählen bei den Live-Shows einen eigenen Weg. Viele Bands sind darauf bedacht, so viel wie möglich zu spielen, bei uns ist es anders herum. Wir wollen so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich live spielen. Unsere Konzerte sind nicht einfach ein Gig, sondern ein Ritual, aus dem wir versuchen, Energie zu bekommen. Dafür braucht man nicht jedes Wochenende vor fünf Leuten in einem beschissenen Club zu spielen. Das habe ich mit Fluisterwoud hinter mich gebracht. Wir spielen lieber wenige ausgewählte Shows.“
Es ist Urfausts Erfolgsrezept, das die oft herangezogenen Einzigartigkeits-Floskeln eben keine Floskeln sind. Selbst das Klischee der ewig Andersdenkenden trifft bei ihnen nicht zu. „Wir sind eigentlich ganz normale Typen, die Musik machen, die in ihren Augen normal ist“, beschreibt VRDRBR, wohlwissend, dass das genaue Gegenteil der Fall ist. An Urfaust ist nichts normal. Und gerade deswegen ist diese Band so faszinierend.
www.myspace.com/urfaustfans