In 600 Seiten zur Finsternis
Serienmörder, Okkultes, Hexenjagd, britische Geschichte und jede Menge dunkle Prominenz – Willkommen in der Welt der dunklen Künste. Schriftsteller GAVIN BADDELEY und DANI FILTH haben gemeinsam ein Buch veröffentlicht, das ein Wegweiser sein soll. Ein Gespräch mit dem Autor.
Text: Dorian Gorr
Fotos: Gavin Baddely, Dani Filth & Fatpress
Der Heavy Metal hat seit seiner Geburt schon immer einer Faszination für das Böse, Okkulte und Finstere gehabt. Satanismus und Black Metal gehen seit Jahren Hand in Hand, Death-Metal-Bands veröffentlichen Konzeptalben über Serienmörder und eine neue Generation von Psychedelic- und Black-Metal-Bands begreift sich als spirituelle Okkult-Elite. Keine Frage, Heavy Metal und die dunklen Künste gehören unweigerlich zusammen. Demnach ist es eigentlich schon verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis ein Wegweiser herauskommt, der versucht, all die verschiedenen Facetten unter einen Hut zu bekommen. Gavin Baddeley ist der Autor des Buches, das diesen Versuch als erstes wagt und dabei monströse Formen angenommen hat. Fast 600 Seiten umfasst der gebundene Wälzer, der so groß und schwer ist, dass man damit problemlos jemanden erschlagen könnte.
Und der Wegweiser in die Finsternis hat einen besonderen Paten: Dani Filth, oft geächteter Frontkeifer und Hobbypoet bei Cradle Of Filth, ziert nicht nur das Cover-Artwork des Buchs. Er kommentiert außerdem jedes Kapitel, die wiederum alle nach Alben von Cradle Of Filth benannt sind. Alleine dieser Umstand wirft viele Fragen auf. Zeit also für ein Gespräch mit dem Autor des finsteren Machwerks, das durch seine reizende Schwarz-Weiß-Ästhetik besticht.
Quer durchs Land gejagt
„Es ist ein verrücktes Buch, nicht wahr?“, lacht der britische Autor fröhlich zur Begrüßung ins Telefon. Seine gute Laune ist berechtigt. Sein ganzes Leben habe er quasi an diesem Wälzer gearbeitet. All sein Interesse sei schließlich in einem Buch zusammengegossen worden. Fünf Jahre aktive Arbeit waren nötig, um das Buch zu veröffentlichen. Der Grund für viele Verzögerungen – man ahnt es bereits – war Dani Filth. „Cradle Of Filth sind eine Band, die nonstop unterwegs ist. Sie arbeiten durchgehend an neuen Songs oder sind auf Tour. Ich jagte sie immer wieder quer durchs Land, nur um ein paar Stunden irgendwo mit Dani verbringen zu können. Dann tranken wir eine Flasche Wein und unterhielten uns über die unterschiedlichsten Themen, er kommentierte Buchauszüge und steuerte seine Ideen bei. Das kostete alles sehr viel Zeit.“
Der Grund, trotz dieser terminlichen Querelen Dani Filth mit ins Boot zu holen, ist ein sehr simpler: Marketing. All die verschiedenen Themenbereiche, die Gavin in seinem Buch behandelt, vom Serienmörder bis zur britischen Geschichte, basieren auf dessen Nachforschungen, Literaturrecherche und das in vielen Jahren angelesene Wissen. Danis Rolle ist, wenn man einmal genauer hinschaut, beinahe schon nebensächlich. Zwar erfreuen die kleinen Anekdoten, die der Sänger hier und da in schwarzen Kommentarboxen einstreut, aber essentiell für die Richtung des Buches sind sie keinesfalls. Gavin stimmt zu: „Natürlich ist er für die Inhalte des Buches nicht absolut ausschlaggebend. Das hat natürlich auch mit Marketing zu tun. Ich brauchte einen Rahmen, in denen ich diese unterschiedlichen Thematiken gießen kann. Ohne einen solchen Rahmen wäre es sehr viel schwerer gewesen, jemanden zu finden, der das Buch bereitwillig veröffentlicht. Und wenn ich schon einen Rahmen haben wollte, dann bitte Dani Filth und seine Band“, lobt der Brite den Sänger.
Seine Argumente liegen dabei auf der Hand: Cradle Of Filth waren eine der ersten Bands, die sich tiefergehend mit Okkultem befassten. Während die Urväter des Genres sich eher von Horror-DVDs und Comics zu ihren lyrischen Schaudergeschichten inspirieren ließen, war es vor allem der rastlose Geist von Dani Filth, der der Band eine intellektuellere Stoßrichtung verpasste.
Der Experte für Okkultes
Für Gavin war es leicht, mit Dani Kontakt aufzunehmen und diesen zu einer Zusammenarbeit zu bewegen. Baddeley gilt als internationaler Experte für Okkultes. Er ist Mitglied der Church Of Satan und aufgrund seiner Eloquenz und Fachkompetenz oft bei Fernsehsendern als Gast eingeladen. Dani und Gavin lernten sich kennen, als Gavin sein weltweit publiziertes Buch „Lucifer Rising“ herausbrachte. Schon oft hatten die beiden darüber gesprochen, dass Gavin eines Tages ein Buch über Cradle Of Filth schreiben sollte.
„Wir trafen uns immer mal wieder und kamen öfter mal darauf zu sprechen. Ich sagte ihnen nur ganz klipp und klar, dass ich keine Rockband-Biographien schreibe, weil ich diese Biographien alle ausnahmslos langweilig finde. Und ich kann nur über Sachen schreiben, die mich selbst interessieren. Also war dieses Buch das perfekte Mittel, um einmal zusammenzuarbeiten.“
Dass die Band dabei nicht bei allen Musik-Fans den besten Ruf genießt, war für den ehemaligen Geschichtsstudenten eher zusätzlicher Anreiz als Abschreckung.
„Sobald mir jemand sagt: ‚Hey, darüber kannst du nicht schreiben‘, bin ich nur noch interessierter an dem Thema. So ging es mir auch bei Cradle Of Filth. Es ist derzeit sehr in Mode, diese Band für ihren Erfolg zu hassen. Mich faszinieren diese extremen Reaktionen. Irgendwas löst die Band in den Menschen aus, entweder Euphorie oder totale Ablehnung. Ich für meinen Teil kann übrigens nicht bestätigen, was viele Leute behaupten: Dani ist ein netter Kerl“, versichert Gavin.
Vielleicht ist es ihr gemeinsames Interesse für die dunklen Seiten des Lebens, die die beiden so gut miteinander auskommen lässt. Danis Affinität zu britischer Geschichte, Serienkillern, Horror-Filmen und lesbischen Vampirfrauen sind nicht erst seit seiner Mitarbeit an „Das Kompendium der dunklen Künste“ wohlbekannt. In vielerlei Hinsicht passt dieses Buch also nicht nur zu ihrem extravaganten Fronter, sondern zur gesamten Band, ihrem Auftreten, ihrer Musik und vor allem ihren Texten. Als ein Buch nur für Cradle-Fans möchte Gavin es dennoch nicht verstanden wissen: „Ich habe schon von vielen Leuten gehört, die die Band hassen, aber das Buch lieben. Das ist okay. Es ist ja auch kein Buch über Cradle Of Filth, sondern ein Wegweiser hin zur dunklen Seite.“
Eine schwarze Bibel
Die dunkle Seite. Genau definieren lässt sich diese ominöse Vokabel eigentlich nicht. Die dunkle Seite, so scheint es zumindest nach Lektüre der fast 600 Seiten, ist ein sehr breitgefächertes Netzwerk. Das Themenspektrum, das „Das Kompendium der dunklen Künste“ anschneidet, ist riesig. Wohlgemerkt: Anschneidet. Denn selbst wenn einen die gigantische Seitenzahl zu erschlagen droht, so reichen diese Seiten nicht aus, um all die Themen gleichermaßen tiefgehend zu behandeln. Über diesen Umstand ist sich auch Gavin im Klaren. „Das Buch behandelt so ziemlich alles, wofür ich mich interessiere, seitdem ich denken kann. Die dunkle Seite steckt in mir. Ich bin mit dieser Vorliebe geboren worden und habe natürlich entsprechend viel Wissen darüber angehäuft. Natürlich konnte ich nicht all das in ein Buch packen. Aber meine Bücher sind hervorragende Sprungbretter. Sie enthalten neben den vielen Informationen auch etliche Verweise auf andere Schriftsteller, Künstler und Musiker.“
Einen hohen Anspruch an sich selbst haben Buch und Autor dennoch. Als ein Artefakt, vergleichbar mit einer Art Bibel bezeichnet Gavin sein umfangreiches Werk. Die Intention: Die Denkweise der Menschen revolutionieren. „Wenn mir jemand sagt, dass er eine neue Blickrichtung auf die Welt gewonnen hat, nachdem er mein Buch gelesen hat, dann ist das die größte Belohnung, die ich mir als Schreiber wünschen kann“.
Abgesehen vom finanziellen Erfolg natürlich. Nicht zuletzt deswegen ist schließlich Dani Filth auf dem Cover.









