Super-Nanny goes Metal
Geht es um LEAVES’ EYES überschlagen sich Kritiker seit geraumer Zeit mit Superlativen. Frontdame Liv Kristine plaudert über das neue Album „Meredead“, den Schlüssel zum Erfolg und ihre Rolle als Managerin eines Familienunternehmens der etwas anderen Art.
Text: Miriam Görge | Fotos: Napalm
Tourvorbereitungen gehören meistens zu einem neuen Release dazu und sind natürlich mit einer guten Portion zusätzlichem Stress verbunden. Hat man allerdings eine Armada an positiven Kritiken für den aktuellen Output im Rücken, lässt sich einem solch großen logistischen Unterfangen relativ entspannt entgegenfiebern. Entsprechend positiv aufgelegt ist Liv Kristine, wenn „Meredead“ zur Sprache kommt. „Es ist fantastisch, was sich gerade abspielt. Etwas Besseres kann einem Künstler überhaupt nicht passieren, als dass Freunde, Fans und auch Kritiker der Meinung sind, dass du gerade das abwechslungsreichste und emotionalste Album der Bandgeschichte veröffentlicht hast. Das geht direkt ins Herz. Ich schlafe momentan gut und mit reinem Gewissen. Dieses Gefühl möchten meine Jungs und ich mitnehmen auf die Tour, auf die wir uns momentan vorbereiten.“ Ganz neu sind derartige Hochgefühle für Leaves’ Eyes gewiss nicht, durfte man ja zuletzt für „Njord“ mehr als gutes Feedback verbuchen. Umso überraschender ist es dann, dass der Druck, den Erfolg zwangsweise mit sich bringt, beim Entstehungsprozess von „Meredead“ kaum eine Rolle gespielt hat. „Wir haben vor 18 Monaten angefangen, ohne große Visionen Songs zu schreiben“, gibt Liv Kristine zu. „Wir machen einfach das, worauf wir Lust haben, weshalb alle Einflüsse, die uns prägen eine große Rolle spielen.“ So erklärt sich auch beispielsweise, dass ihr Ehemann Alex Krull diesmal vokaltechnisch eher eine kleine Rolle spielt, einfach weil es sich im Entstehungsprozess so ergeben hat. Dass dies auf einem fünften Longplayer wieder ganz anders sein kann, schließt Liv nicht aus. „Das sind alles Dinge, die einfach so passieren.“
Mit der Schwester unterwegs
Je mehr Entwicklungen bei Leaves’ Eyes scheinbar wie von Zauberhand von Statten gehen, umso schwerer wird es für denjenigen, der versucht, der Band einen präziseren Stempel als das „Female-fronted Metal“-Eisen aufzudrücken. Für Liv und ihre Männer ist eine solche Kategorisierung eh nicht wichtig, da man sowieso wenig Gedanken an mögliche Genrekonkurrenz verschwendet. So stellt die Frontdame klar, dass es noch nie wirklich wichtig war, was andere machen oder was gerade cool und im Kommen ist, sondern dass nur das eigene gute Gefühl zählt, um zufrieden zu sein. „Steh einfach dazu, was du machst. Und wenn es sein muss, dann sag ich auch 150 Mal am Tag das Wort „Gothic“, das ist mir egal!“
Wenn es Leaves’ Eyes schon nicht machen, so fällt zumindest dem ein oder anderen Betrachter bei der Konkurrenzsichtung auf, dass Midnattsol, die Band um Livs Schwester Carmen Elise Espenæs, ihr neues Album auf den Tag genau mit „Meredead“ auf den Markt bringen. Das mutet etwas seltsam an, zumal besonders Carmen Wert darauf legt, den ewigen Vergleichen mit ihrer großen Schwester aus dem Weg zu gehen. Doch Liv Kristine weiß zu schlichten: „Ich finde es gut, dass die Alben zur gleichen Zeit erscheinen. Carmen hat einen Part auf „Meredead“ und es war immer ein großer Wunsch von mir, gemeinsam mit Carmen auf Tour zu gehen. Die Möglichkeit ergibt sich nun endlich. Dass der Release jedoch auf den exakt selben Tag fällt, finden wir beide etwas unglücklich, leider lag diese Entscheidung jedoch nicht in unseren Händen. Für die Zukunft haben wir auf jeden Fall gelernt, dass wir Ansagen an unser Label diesbezüglich viel früher machen müssen. Jetzt machen wir aber das Beste aus der Situation!“
Ein Herz für die Kelly Family
Neben Livs Schwester konnten Leaves’ Eyes auch diesmal wieder viele verschiedene Gastmusiker für ihr Album gewinnen. Darunter auch John Kelly, seines Zeichens Mitglied der legendären Kelly Family und dessen Ehefrau Maite Itoiz. Eine nachvollziehbare Entscheidung, denn was nicht allzu viele wissen, haben sich die beiden mit ihrem Projekt Elfenthal seit geraumer Zeit mittelalterlichen Folklore-Klängen verschrieben. Für Liv geht mit dieser Zusammenarbeit ein kleiner Traum in Erfüllung: „Maite Itoiz hat eine der schönsten Stimmen auf diesem Planeten. Ich kann vor diesen beiden Musikern nur den Hut ziehen!“ Und auch vor der Leistung der Kelly Family in den Neunzigern hat Frau Krull den größten Respekt. „Die haben über 20 Millionen Alben verkauft. Das wäre toll, wenn ich das auch machen würde! Ich finde es nicht fair, dass man sie belächelt. Ich glaube, da spielt viel Neid mit. Was wir selbst nicht haben können, das wollen wir partout nicht mögen.“
Pädagogisches Potential
Zugegeben, 20 Millionen ist eine ganz schöne Marke. Eine Verwendung für Plattenverkäufe in solch metalfernen Regionen wäre jedoch schnell gefunden. Denn Liv, die in der Vergangenheit in einer Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche gearbeitet hat, legt nicht nur auf die eigene Familie sehr viel Wert, sondern hegt auch darüber hinaus große Ambitionen: „Sollte es mal nicht mehr mein Ding sein, auf Tournee zu gehen, träume ich davon, hier meine eigene Musikschule aufzumachen, für Kinder, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Musik hat viele positive Seiten. Gerade wenn es um den Ausgleich von Defiziten geht. Diese sind es, die viel zu oft falsch fokussiert werden. Musik kann helfen, solchen Defiziten mit gestärktem Selbstbewusstsein entgegenzuwirken.“
Unterfordert fühlt sich Liv mit ihrer aktuellen Meute jedoch sicher nicht. Ob Freunde, Familie oder ihre Bandkollegen, im Endeffekt sind es alle ihre Kindern, die die offzielle Leaves’-Eyes-Super-Nanny unter ihren Fittichen hat. „Ich muss schon sagen, dass ich hier auch zu der Erziehung der großen Jungs beigetragen habe. Es ist für alle Musiker eine komplett neue Situation plötzlich auf Tour mit einer Familie zu sein. Ob es dreckige Socken auf dem Boden, saufen im Tourbus oder herumfliegende Flaschen sind, so etwas gibt es bei uns nicht mehr, denn mein siebenjähriger Sohn Leon ist öfter mal mit dabei. Der ist inzwischen schon ein kleiner Rockstar!“ Na, bei den Eltern wohl kein Wunder.









