Soziales Ketzertum
PRIMORDIAL entpuppen sich spätestens mit „Redemption At The Puritan‘s Hand“ als ein Dauergarant für hochqualitative, melancholische und klischeefreie Musik. Während die vermeintliche Konkurrenz plakativ über die Edda sinniert, befasst sich die Band um ihren charismatischen Fronter Alan „Nemtheanga“ Averill lieber mit dem Hier und Jetzt. Ein Gespräch mit dem irischen Sänger und seiner Sicht auf die Szene, die Welt und die Musik.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Metal Blade
Alan, vor einem Jahr befanden sich Primordial kurzfristig an einem Tiefpunkt in ihrer Karriere. Wie groß war die Gefahr, dass sich die Band aufgrund des Ausrutschers eures Schlagzeugers Simon bei der Athen-Show auflöst?
Die Chance bestand durchaus. Allerdings nicht allzu lang. Simon ist essentiell für den Primordial-Sound, er ist genauso wichtig wie ich und all die anderen. Ich kenne ihn schon seit meiner Schulzeit, also seit über 23 Jahren, und habe hunderte Shows mit ihm gespielt. Diese eine Show war ein Desaster, aber solche Dinge passieren. Wir sind Menschen. Wir schmissen ihn kurzfristig raus, auch um ihn vor sich selbst zu schützen. Er sollte die Dinge wieder auf die Reihe bekommen. Zum Glück hat uns das Publikum in Athen verziehen. Wir haben versprochen, dass wir zurückkommen und diese Sache wieder gut machen werden. Shit happens!
Du hast zwar gesagt, dass du nicht drüber sprechen möchtest, ich hake trotzdem nach. Was war los mit Simon? War er betrunken?
Du wirst dir vorstellen können, welche Versuchungen auf einen warten, wenn man auf Tour ist. Da gibt es Alkohol und viel anderes Zeug. Die meisten Leute machen solche Sachen nach der Show, da war das Timing diesmal etwas unglücklich. Wir kämpften uns durch vier oder fünf Songs, aber es endete in einem großen Streit. In allen Bandmitgliedern existieren gewisse Dämonen. Nur deswegen können wir auch diese Musik erschaffen. An diesem Abend kamen Simons Dämonen zum Vorschein. Falsche Zeit, falscher Ort. Wir sind nicht die letzte Band, der das passiert ist. Ich hoffe nur, dass wir das nicht nochmal erleben müssen.
Du hast verlauten lassen, dass das neue Album euer „Todesalbum“ ist. Wieso das?
Ich habe mich diesmal in den Texten sehr mit der menschlichen Beziehung zum Tod befasst. Wie gehen wir mit dem Tod um? Was fürchten wir am Tod? Welche Bedeutung hat dieses religiöse Konstrukt dahinter? Ich selbst werde älter. Meine Jugend liegt hinter mir. Auch dadurch hat sich meine Einstellung zum Tod verändert.
Bist du religiös?
Nein, gar nicht. Das ist ja der springende Punkt. Es ist deswegen umso interessanter, wie ich als Gottloser dieses Thema betrachte. Ich verstehe, warum Religiöse an ein Leben nach dem Tod glauben. Es gibt ihrem Dasein eine weitere Dimension. Ich wünschte ich könnte daran glauben, aber es ergibt in meinen Augen einfach gar keinen Sinn. Und das besinge ich auch. Dabei bin ich nicht wertend oder plakativ antichristlich. Mit dem Christentum hat das nichts zu tun, eine solche Beziehung zum Tod baut eine Band wie Watain ebenso auf wie die fundamentalen Christen. In meinen Augen sind wir jedoch nach dem Tod nichts anderes als Wurmfutter, unabhängig davon, wer wir im Leben waren. Das besinge ich auch in „No Grave Deep Enough“.
Es scheint, als würden Songtexte heute unwichtiger denn je sein. Vor allem für das jüngere Metal-Publikum. Ihr legt aber sehr viel Wert auf die Texte und habt die schon vorab als PDF für alle Journalisten bereitgestellt.
Ja, die heutige Metal-Generation ist ohnehin seltsam. Als ich 16 war, da wollte ich bei einem Konzert alles sehen, also wirklich alles! Jeden Moment der gesamten Show wollte ich einfangen. Die Kids sind heute anders. Es ist Samstagabend, die fahren auf ein Konzert, stehen still in kleinen Gruppen, sind ruhig und höflich. Bei ihrer Lieblingsband springen die auf und ab, kaufen anschließend viel Merchandise, aber trinken nichts an der Bar. Mit dem früheren Metal-Ding hat das nichts zu tun. Da ging man auf Shows, betrank sich, guckte sich alles an, versuchte flachgelegt zu werden und manchmal prügelte man sich auch. Das ist die Google-Generation. Die suchen sich in einer Szene etwas heraus, hören sich das gezielt an, haben aber kein Interesse an der Geschichte und Entwicklung dieser Szene. Allerdings gibt es auch in dieser Generation Ausnahmen, die sich mit dem Underground befassen.
Zurück zu den Texten: Ich finde es interessant, wenn man Geschichten erzählt, aber wie wichtig ist der Bezug zur heutigen Welt?
Das ist für Primordial unabdingbar. So gut wie jeder Song bezieht sich auf die heutige Welt. Selbst die historischeren Songs wie „Coffin Ships“. Da geht es nicht um Fantasy. Diese Hungersnot war Realität und ihre Folgen sind bis heute spürbar. Das ist ein Song über nationale Tragödien, den der Hörer nehmen und auf seine eigene nationale Tragödie anwenden soll. Die Leute denken immer, nur weil wir Folk-Elemente haben, dass wir über keltische Mythologie und irische Folklore schreiben. Komplett falsch. Zu null Prozent tun wir das. Ich habe kein Interesse daran, Fantasy-Geschichten zu schreiben. So sehr ich Bands wie Manowar liebe, aber ich habe kein Interesse an Eskapismus. Deswegen sind Primordial auch nicht größer. Die meisten Leute möchten Musik nutzen, um zu fliehen. Dafür wird Heavy Metal gemacht. Aber wir machen das nicht. Die Welt ist ein düsterer Ort und wir erinnern euch daran! Es ist wichtig über diese Themen zu schreiben, denn wir leben nicht in einer Fantasy-Welt, sondern im Hier und Jetzt.
Ist diese typisch irische Melancholie ein Klischee oder ist die wirklich allgegenwärtig?
Die gibt es durchaus. Die Iren sind freundlich, offenherzig und manchmal etwas rau, aber darunter verbirgt sich viel Melancholie, die im Alkohol ertränkt wird. Diese Melancholie hört man ja auch Primordial an. Diese Musik kommt nicht aus dem Nichts. Musik entsteht nicht im Vakuum. Diese Nation wird immer der Underdog und Außenseiter sein. Eine tragische Nation, die sich Unabhängigkeit erkämpft hat, um sich anschließend gegenseitig umzubringen. Ich bin trotzdem stolz darauf, Ire zu sein. Ich liebe und hasse dieses Land.
Ist es heute schwieriger, stolz auf die eigene Kultur zu sein?
In Westeuropa wurden wir darauf konditioniert, unsere nationalen Gefühle nur noch über Sport auszudrücken. Die Linke hat die Mitte zerstört, indem sie sie die Rechte nennt, ohne dabei zu verstehen, dass man einen Ausgleich, eine politische Balance braucht, damit keine Seite zu mächtig wird. Es ist nicht alles Schwarz-Weiß. Sobald ich sage, dass ich meine Herkunft und Kultur mag, kommt der erste an und sagt, ich sei rechts, was totaler Blödsinn ist. All die -ismen, ob Faschismus, Rassismus, Stalinismus, Kommunismus oder was-weiß-ich-ismus gehören ins vergangene Jahrhundert. Sie alle haben bewiesen, dass sie nicht funktionieren. Auf all diese Themen reagieren die meisten mit Schnellschussreaktionen und nehmen von einem das Schlimmste an. Man muss über alles reden dürfen, wie soll man sonst verstehen? Ich muss über Integration, Islamismus, Zuwachs der Rechtsextremisten, Kapitalismus, Bankenstrukturen und globalen Nationalismus sprechen, wenn ich diese Themen verstehen möchte. Das Leben ist niemals schwarz und weiß. Die politisch Rechten und Linken wollen einem das beide einreden und vergessen dabei, dass es eine gewaltige Mitte in unterschiedlichsten Grautönen gibt. Ich sehe mich selbst als sozialen Ketzer: Ich spreche aus, was viele Menschen denken. Ich stelle diese Fragen. Ich mache mir beispielsweise Sorgen um meine Kultur und Sprache. Es ist ein Fakt, dass es in Irland Grundschulen gibt, in denen die Kinder die hiesige Sprache nicht mehr verstehen. Da muss etwas gegen getan werden. Wie soll man solche Probleme verbessern, wenn man nicht drüber spricht?
Was ist denn die Lösung?
Ich habe keine. Ich bin ja auch kein Politiker, nur Sänger einer Metal-Band. Ich stelle Fragen, auf die ich selbst keinesfalls die Antworten habe. Die Menschen auf der Welt hassen sich wegen der unterschiedlichsten Gründe. Ob Religion, Herkunft oder falscher Sockenfarbe. Wir müssen überlegen, wie wir das überwinden können. Und leider weiß ich da auch keine richtige Antwort. Ich frage nur.









