Live: Primordial in Essen, Turock
PRIMORDIAL
(+ TODTGELICHTER)
23.4. – Essen, Turock
Text & Foto: Dorian Gorr
Dass die Release-Shows für Primordials neues Meisterwerk „Redemption At The Puritan‘s Hand“ in Deutschland stattfinden und nicht etwa in der Heimatstadt Dublin, wo man auch zuletzt eine DVD aufnahm, ist ungewöhnlich und für die deutschen Fans umso erfreulicher. Kein Wunder also, dass sich schon eine Stunde vor Konzertbeginn eine lange Schlange vor dem Essener Turock bildet, die ungeduldig darauf wartet, die wichtigste irische Metal-Band live in Aktion zu erleben.
Ganz in weiß präsentieren sich jedoch vorab noch die Hamburger TODTGELICHTER. Mit vertracktem Black Metal, der sich bei typischen Post-Elementen, technischen Kabinettsstückchen und verstörenden Melodien bedient, versucht das einheitlich weiß geschminkte und gekleidete Sextett das Publikum aufzulockern. Das gelingt aber nur zum Teil. Auf Platte kommt diese Band (ihr aktuelles Album „Angst“ landete in unserem Kreuzfeuer immerhin auf dem ersten Platz) weitaus überzeugender, verspielter und mitreißender rüber. Seltsam auch, dass sich die in manchen Momenten überflüssig wirkende, weibliche Zweitstimme bei ihren Pausen in eine eigens eingerichtete Ecke inklusive Sichtschutz zurückzieht und erst wieder auftaucht, wenn ihre Dienste an der Sangesfront gebraucht werden.
Die PRIMORDIAL-Musiker haben ebenfalls einen Sichtschutz und dieser hört auf den Namen Alan „Nemtheanga“ Averill. Schlägt man in einem Wörterbuch den Begriff Charisma nach, so müsste dort eigentlich das Konterfei des irischen Ausnahmesängers prangen. Alan strahlt von der ersten Sekunde an eine solche Bühnenpräsenz aus, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft. Klar, dass da die übrigen Musiker, so wichtig sie auch für den Primordial-Sound sind, in erster Linie zu Statisten degradiert werden, mit denen das Publikum so gut wie gar nicht interagiert. Die Blicke, die Fäuste, die Beifallsbekundungen – alles richtet sich gen Alan, der diesen Zuspruch aufsaugt wie ein Schwamm. Wie von der Tarantel gestochen eilt er über die Bühne, peitscht das Publikum immer wieder an und singt mit seinem ganzen Körper, während das Publikum an seinen Lippen hängt.
Selbst bei den neuen Songs, wie „No Grave Deep Enough“, dem Titeltrack oder der Vielzahl anderer neuer Großtaten singen bereits etliche Fans jede Silbe mit. Ein beeindruckendes Schauspiel, das seine Höhepunkte bei den schon jetzt als zeitlos geltenden Songs findet: „Coffin Ships“, „Gallows Hymn“, „As Rome Burns“, „Heathen Tribes“ und „Empire Falls“, das schließlich den Sack zumacht, machen eines mehr als deutlich: Primordial gehören zu den besten Bands, die dieses Genre zu bieten hat. Nicht nur auf Platte, auch live kann sich hiermit kaum jemand messen.



