Artikel: EPs – “Halbes Album, halber Preis”

Halbes Album, halber Preis

Gamma Ray tun es, U.D.O. auch, Impiety und Negura Bunget ebenso wie Marduk. Manowar sowieso. Die Rede ist von EP-Veröffentlichungen. Auf vielen Release-Schedules finden sich diese Mini-Alben derzeit wieder. Sieht die Heavy-Metal-Musikindustrie darin eine neue Möglichkeit, um Umsätze zu generieren? METAL MIRROR hat sich mit Musikern von GAMMA RAY und NEGURA BUNGET sowie mit Mitarbeitern von AFM RECORDS und VIVA HATE RECORDS unterhalten, um dem Phänomen auf die Schliche zu kommen.

Text: Dorian Gorr

Die Musikindustrie sucht nach neuen Erlösmodellen. Das Internet und die mit sich gebrachten illegalen Downloads haben viele Labels an den Rande des Ruins getrieben. Kaum noch Musiker sind in der Lage, ausschließlich von der Musik zu leben. Geld verdienen die meisten Bands nur noch mit Merchandising, physische Tonträger kaufen bei vielen Bands nur noch ein eingeschworener Fankreis. Doch wird das Veröffentlichen von EPs als eine neue Methode gesehen, um die paar wenigen Fans, die noch so couragiert sind, physische Tonträger zu kaufen, doppelt zur Kasse zu bitten? Eine Antwort auf diese Frage fällt nicht leicht. Schon gar nicht, wenn man sie versucht, als Außenstehender zu beantworten. Doch irgendeinen Mehrwert werden Label und Band aus einer EP-Veröffentlichung herausziehen. Anders lässt sich der derzeit spürbare Anstieg dieser Veröffentlichungen kaum erklären. Wenn man Timo Hoffmann, Mitarbeiter bei AFM Records, glaubt, so können es keine rein monetären Gründe sein.

„Wir verdienen an einer EP fast gar nichts. Natürlich zahlen wir auch nicht drauf, aber den dicken Reibach macht man im Heavy Metal nicht mit dem Veröffentlichen von EPs“, ist er sich sicher.

Und doch hat das Label jüngst eine EP von Udo Dirkschneiders Band U.D.O. herausgebracht. Auf ihr enthalten: Songs des bevorstehenden (und in dieser Ausgabe rezensierten) Albums „Rev-Raptor“, bisher nur als Bonus-Versionen erhältliche Tracks und Extra-Videoclips.
„Dass wir eine U.D.O.-EP veröffentlichen, hat bei uns fast schon Tradition. Das haben wir bisher bei jedem Album gemacht, das wir gemeinsam mit der Band herausgebracht haben“, erklärt der AFM-Mitarbeiter.
Doch Tradition alleine kann es nicht sein, um eine solche Veröffentlichung zu rechtfertigen. Für AFM steht bei einer solchen Scheibe der Werbeeffekt im Vordergrund. Eine Band in die Köpfe der Fans zurückrufen, auf ein bevorstehendes Album aufmerksam machen – das ist der Zweck, den viele dieser Mini-Veröffentlichungen erfüllen. Neue Fans mit einer solchen EP zu erreichen? Für Timo Hoffmann und AFM Records wäre das zwar ein wünschenswertes, laut Eigenaussage jedoch auch unrealistisches Szenario. Es seien die bereits bestehenden Fans, die man erreichen wolle. Diejenigen, die eine solche EP als Sammelobjekt begreifen und die Sammlung einer ihrer Lieblingsbands auch gerne um eine Scheibe mit geringer Spielzeit erweitern wollen.

So weit scheint der Gedanke des Doppelt-zur-Kasse-gebeten also gar nicht hergeholt zu sein. Doch Timo sieht es gelassen: „Kritik an diesen Vorgeschmacks-EPs habe ich seit Ewigkeiten nicht gehört. Ich glaube eher, dass sich die Fans beschweren würden, wenn wir auf einmal keine EP von beispielsweise U.D.O. veröffentlichen würden. Wir sprechen einen klar fixierten Kreis an Leuten an. Wenn man bedenkt, dass man bei einer EP für rund sechs Euro durchschnittlich fünf Songs geboten bekommt, dann muss man auch erkennen, dass wir uns da fast auf Preishöhe eines Downloads bewegen. Wie gesagt: Das Label verdient an einer solchen EP nicht viel.“

Ripp-off-Charakter?
Eine ganz ähnliche Aussage trifft auch Thomas Respondek, Inhaber des Underground-Labels Viva Hate Records. Anfang Juli wird er über sein Label die neue EP der aufstrebenden Black-Metal-Band Der Weg Einer Freiheit veröffentlichen. Große Gewinne erwartet er dabei nicht. Thomas rechnet vor: „Die Herstellungskosten sind bei einer EP genau so hoch, wie bei einem Album. Die Hülle, das Artwork, die Pressung, der Vertrieb, das alles muss wie bei einem vollwertigen Album bezahlt werden. Auf der anderen Seite kostet die EP vielleicht die Hälfte eines Full-Length-Albums. Man kann sich leicht vorstellen, dass da nicht übermäßig viel für uns abfällt.“
Von EPs, die zu großen Teilen aus Songs des bevorstehenden Albums bestehen, hält er jedoch nichts. „So etwas erhält sehr schnell diesen Rip-Off-Charakter und hinterlässt einen faden Beigeschmack. Wenn man schon eine EP macht, dann sollte diese EP ein abgeschlossenes, eigenes Produkt sein, nicht nur ein Auszug eines bevorstehenden Albums. Der Konsument darf sich nie verarscht fühlen. Und bei solchen EPs ist die Gefahr, dass das passiert, leider sehr groß.“
Thomas deutet es an: Eine EP ist nicht gleich eine EP. Bei Der Weg Einer Freiheit sei diese dafür gedacht, um zu zeigen, dass die Band sich nach dem Release ihres oft gelobten Debüts nicht auf den Lorbeeren ausruhen möchte, sondern dabei ist, das eigene musikalische Schaffen zu fokussieren. Die EP stünde jedoch für sich allein.
Und damit sind Der Weg Einer Freiheit nicht die einzige Band, die diesen Weg wählt. Auch die rumänischen Black-Metal-Waldschrate Negura Bunget veröffentlichten kürzlich „Poartă De Dincolo“, eine EP, die laut Bandchef Negru ein geschlossenes Werk darstellt: „Wir haben jeden einzelnen Song ganz gezielt nur für diese Mini-CD geschrieben. Wir hatten nicht vier Songs übrig und wollten sie verheizen. Diese Songs verbindet ein Konzept, das nur so für sich alleine stehen kann.“
Geld habe bei der Veröffentlichung gar keine Rolle gespielt, beschwört Negru. Auch mit Werbung für zukünftige Werke habe „Poartă De Dincolo“ nichts am Hut. „Für uns war das lediglich eine willkommene Gelegenheit, einmal mit diesem Konzept und neuen Ideen zu spielen. Unsere kommenden Alben werden nicht unbedingt ähnlich klingen.“

Die Werbetrommel rühren
Als Vorschau für kommende Alben kann man auch die EP von Gamma Ray nicht deuten. Zumindest werden Fans das inständig hoffen. Auf „Skeletons & Majesties“ präsentieren die Hanseaten zwei normal neu aufgenommene Stücke sowie zwei als Akustikversion neu aufgenommene Bandhits. Dirk Schlächter, Bassist bei Gamma Ray, gesteht: „Das sollte Werbung sein, aber nicht für eine kommende Scheibe, sondern für ein Tourkonzept, das wir uns überlegt hatten.“ Derzeit planen Gamma Ray, geteilte Shows auf die Bühne zu bringen: Neben dem normalen Set soll es auch einen Akustikpart geben. Den meisten Veranstaltern gefiel das jedoch nicht. „Die haben das nicht verstanden oder machten sich Sorgen, dass die Fans das nicht mögen würden. Also wollten wir das Konzept erst einmal mit diesem Mini-Album bewerben und etwas greifbarer machen“, erklärt Dirk.
Dass eine EP eigentlich immer für Werbezwecke eingesetzt wird, bestätigt auch er. „Meistens soll das doch ein Vorgeschmack aufs neue Album sein. Das haben wir auch schon gemacht.“
Kann man also ein Fazit ziehen? Nur schwer. Der Sinn und Zweck einer EP scheint so vielschichtig wie die Musikszene selbst zu sein. Die EP ist ein Kurzwerk, dessen Veröffentlichungsintention zwischen künstlerischem Anspruch und Werbemaschine schwankt. Nur eines scheint gesichert: Ein neues Erlösmodell für die Labels ist das Veröffentlichen von EPs keineswegs. Wie groß der Werbeeffekt für Folgewerke ist, lässt sich natürlich kaum messen, doch die von Thomas Respondek ins Feld geführte Rechnung leuchtet ein. Ein halbes Album zum halben Preis, bei gleichen Herstellungskosten – man muss nicht BWL studiert haben, um zu erkennen dass sich das kaum rentiert. Dennoch: Auch zukünftig werden etliche EPs, je nach geliefertem Inhalt, nicht drum herum kommen, nicht nur bei Rezensenten, sondern auch bei Fans den bitteren Nachgeschmack der Fan-Abzocke nach sich zu ziehen. Aber: Zum Kauf wird ja glücklicherweise niemand gezwungen.

www.afm-records.de
www.vivahaterecords.com
www.negurabunget.com
www.gammaray.org

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