Artikelserie: “Mein bestes Stück” – “Wahrhaft beschissenes Publikum”

Wahrhaft beschissenes Publikum

In dieser Artikelserie stellen Musik-Fans Accessoires vor, mit denen sie eine besondere Geschichte verbinden. Diesmal berichtet Claus Karcheter, welche Geschichte er mit seiner Eintrittskarte zum Dynamo-Festival 1999 verbindet: eine wortwörtlich beschissene Angelegenheit…

Aufgezeichnet von: Elvis Dolff | Foto: Elvis Dolff

Freitagmorgen sollte es los gehen. Sechs Leute in zwei Autos. Vorräte, Bier und Zelte waren schon gepackt. Also aufstehen, Zähne putzen, Mettbrötchen schmieren und die erste Dose Bier öffnen, um ein großartiges Wochenende zu begießen. Mit der Hand an der Dose ging ich ans Telefon: „Der Start verschiebt sich, ich muss noch ein verstopftes Rohr mit dem Gesellen frei machen.“

Als ich bei meinem Bekannten ankam, waren die anderen schon da und teilten mir lachend mit, dass ich der einzige sein werde, der bei dem Kollegen mitfährt. Warum, das sollte ich früh genug erfahren. „Der duscht noch eben und dann geht’s los!“ Er duschte noch eine Stunde. Dann kam er aus der Tür, gereinigt und gestylt, zumindest auf den ersten Blick. Er kam die Treppen seines Elternhauses runter und ich verstand das blöde Grinsen der anderen und seine Duschorgie. Aus dem verstopften Rohr war ein echtes Scheißproblem geworden. Im Keller hatte sich der Kot einer vielköpfigen Familie über Jahre festgesetzt und war mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr zu beheben gewesen. Mein Kollege hatte mit dem Hammer das Rohr aufschlagen müssen und dabei die Verstopfung direkt gefunden. Mit dem Aufschlagen des Rohres kam der Rest der Exkremente in Fahrt. Liter über Liter Scheiße hatten seinen Körper überdeckt. Eine Stunde duschen und eine Flasche Deo brachten da gar nichts. Ich hatte das Pech, im anderen Auto keinen Platz mehr zu bekommen und musste in der „Scheißkarre“ mitfahren. Beim Losfahren roch es nach Sonntagmorgenschiss und als wir in Holland ankamen, hatte sich daran nichts geändert – richtig übel. Ich versuchte, mit einer Palette Karlsquell den Geruch aus meiner Nase zu trinken, einziger Nebeneffekt war allerdings, dass ich dringend pinkeln musste. Wenn es im Auto nach Klo riecht, muss man automatisch dringender auf ein solches. Das ist wie an Wasserfälle denken.

Letztlich kamen wir aber in Holland an, fanden einen Parkplatz, gefühlt an der Grenze zu Belgien, und kamen nach einer einstündigen Bus-Odyssee am Festivalgelände an. Der Tag neigte sich dem Ende und wir mussten das Zelt im Mondlicht aufbauen. Schon der nächste Morgen begann mit Scheiße. Wir betraten das Festivalgelände und ich wollte durch eine Pfütze rennen, die lustig aussah. Es hatte allerdings länger nicht geregnet und so stellte sich die Pfütze als Überlauf einiger Dixiklos heraus. Ich rannte durch, erst blieb mein Schuh stecken, dann mein Socken und dann stand ich mit einem Fuß knietief in menschlichen Resten.
Ich zog meinen Fuß aus den Exkrementen und trat mit Schuh und Socken voller Scheiße die Busreise an, da sich der Ersatz im Auto befand. Alle im Bus schauten mich an. Auch sie rochen streng, aber keiner so wie ich. Scheiße.

„Plötzlich fiel das Dixi um“

Der Rest des Tages verlief normal. In der Nacht ging es jedoch weiter. Einige Gestalten fingen gegen 1 Uhr an, mit Stahlrohren „Ratamahatta“ auf einem Müllcontainer zu trommeln. Wir hatten uns in die Nähe des Spektakels gesetzt. Plötzlich fiel neben uns ein Dixiklo um. Der Inhalt des Klos flog meterweit durch die Luft, wir saßen im Radius und bekamen einige saftige Spritzer ab, lecker.

Im letzten Hemd sollte der letzte Tag bestritten werden, der Kollege roch immer noch nach Klo, ich aber inzwischen auch, allerdings mit einem Hauch von Feuer und altem Schweiß. Während ich bei Fear Factory neben einem komplett betrunkenen Friesen stand, holte mich die Klogeschichte wieder ein. Er konnte sich und seinen Schlauch nicht mehr beherrschen und pisste mir auf meinen letzten Schuh und an mein Hosenbein. Böse war ich ihm nicht, er hatte eigentlich alles richtig gemacht, war betrunken und ich roch nach Klo. Mir war es egal, ich schüttelte ab und genoss Fear Factory. Dann war es endlich soweit, Metallica betraten die Bühne, die Stimmung kochte über und alles andere war scheißegal und vergessen!
Bis auf den immer noch allgegenwärtigen Scheißgeruch, blieb die Rückfahrt ohne weitere Vorkommnisse. Aber eines war mir klar: das war das beste Scheißwochenende meines Lebens! Und die Karte erinnert mich daran.