Vom Erfolg verwöhnt
Vier Jahre lang wurde die Geduld der Fans auf die Probe gestellt. Jetzt ist es soweit: „Khaos Legions“ wartet auf hungrige Melodic-Death-Metal-Fans. Bassist Sharlee D‘Angelo erklärt den Grund für die lange Pause, die eigentlich keine war, sondern die Band weiter vorangebracht hat, so dass ein Plan B nach ARCH ENEMY gar nicht mehr von Nöten sei.
Text: Jenny Bombeck | Fotos: P. Ullaeus
Ihr Sound ist unverkennbar und auch das Genre wäre um eine wichtige Band ärmer, wenn sie sich eines Tages auflösen würden. Toi, toi, toi, dass ihnen dieses Schicksal nicht allzu schnell auf ihrem Weg nach oben begegnen wird. So wie es derzeit scheint, ist dieser Weg für Arch Enemy nicht mehr allzu steil und holprig. Laut und brutal haben sich die Schweden ihren Platz in der Szene erkämpft. Die letzten vier Bandjahre waren besonders durch konstantes Touren geprägt. Globale Präsenz war das Mittel zum Ruhm, erzählt Bassist Sharlee:
„Wer glaubt, dass wir in den vergangenen Jahren auf der faulen Haut gelegen haben, der irrt sich gewaltig. Wir haben in der Zeit zwar kein neues Album aufgenommen, waren aber ständig unterwegs. Man kann also die vier Jahre nicht als Pause bezeichnen. Mittlerweile haben sich so viele neue Plätze auf dieser Welt ergeben, auf denen wir spielen können. Diese Chance wollten wir intensiv nutzen und auch auskosten.“
Keine Deadline
Irgendwann bemerkten auch Arch Enemy von selbst, dass ihr Drang nach neuem Material immer größer wurde. Eine fehlende Deadline für eine neue Veröffentlichung ist dennoch Luxus, den sich mittlerweile nur etablierte Bands leisten können. Die meisten Gruppen haben recht schnell Angst davor, in Vergessenheit zu geraten oder gar eingefleischte Fans zu verprellen. Und wer kann sich das im heutigen Musik-Geschäft schon leisten? Da muss spätestens alle zwei Jahre ein neues Album gepresst werden. Basser Sharlee kann diese Angelegenheit aus einem viel entspannteren Blickwinkel betrachten:
„Wir haben zwar schon während der vielen Reisen an Songs gearbeitet, aber das geschah nur recht sporadisch. Es ist viel effektiver, sich eine kleine Auszeit zu nehmen und zu fünft in einem Raum auf die klassische Art und Weise Songs zu komponieren. Ich verstehe es nicht, warum es derzeit so in Mode ist, getrennt an kleinen Song-Parts zu arbeiten und dann die einzelnen Teile via PC-Kommunikation zusammenzufügen. Das Gefühl einer Einheit bekommt man nur, wenn man auch ordentlich zusammen arbeitet.“ Druck von außen seitens Fans und Label hatte die Band glücklicherweise nicht gefühlt, da ihre Tourneen so gut liefen.
Selbstbewusstsein und Mut
Arch Enemy sind sich ihrer Sache sicher. Das Touren rund um den Globus gab ihnen ein Gefühl von Sicherheit. Sie sind sich mittlerweile ihres Status in der Szene bewusst. Dieses Gefühl spiegelt sich in ihrem neuen Silberling wieder. Kollege Amott geht sogar so weit und behauptet, dass „Khaos Legions“ das verrückteste Album in ihrer Diskografie sei. Von Progressivität ist sogar die Rede. Kann Sharlee dies bestätigen? Ja, zumindest teilweise:
„Wir waren bereit, neue Dinge auszuprobieren. Aber dies passierte alles in einem Rahmen, den wir für ungefährlich einstuften. Es ist kein super verrücktes Album, aber wir haben schon versucht, die Grenzen für Arch Enemy ein wenig auszuweiten. Das war unser Ziel. Unser Song ‚Through The Eyes Of A Raven‘ bringt dies wohl am besten zum Ausdruck, da er auch einen nordischen, düsteren Touch hat. Er ist einfach anders und das finden wir großartig.“
Arch Enemy befinden sich auf der Sonnenseite des Bandlebens. Die Zeiten, wo man um jeden Auftritt und Fan kämpfen musste, sind lange Geschichte. Besonders durch ihre Fronterin Angela Gossow gewann die Truppe an Wiedererkennungswert. Eine Frau, die derartig grunzen und schreien kann, ohne dabei das passende Körpervolumen zu haben, ist eine Ausnahme. Ob dieser Erfolg mit Vorgänger Johan Liva möglich gewesen wäre, bleibt fraglich. Schließlich munkelt man in der Gerüchteküche, dass einer der Gründe für seinen Weggang seine mangelhafte Performance auf der Bühne sei. Mit Angela sieht da die Welt schon ganz anders aus und Sharlee erinnert sich noch gerne an den ersten Auftritt mit ihr:
„Sie war einfach der Wahnsinn. Die fehlende Bühnenerfahrung hat man ihr wirklich nicht angemerkt. Sie hat einfach alles und jeden umgehauen. Angela wirkte so, als ob sie bereits jahrelang auf den großen Bühnen der Welt gestanden habe. Von diesem Zeitpunkt an waren wir uns sicher, dass es mit ihr klappen wird.“
Plan B?
Und es hat schließlich geklappt. Die Band befindet sich auf einem momentanen Höhenflug. Doch wie sagt man so schön? Erfolg kann ein Bastard sein und dich im nächsten Moment schnell wieder verlassen. Viele Musiker klammern sich an dem Traum fest, von der Musik leben zu können. Wohin das führt, haben uns schon Anvil visuell gezeigt. Doch wie sieht es bei einer Band aus, die gerade diesen Traum lebt und sich keine Gedanken um die nächste Miete machen muss? Hat man einen Plan B in der Hinterhand, der einem vor dem großen Absturz rettet? Herr D‘Angelo hat ihn nicht. Und daran denken, das will er auch nicht. Schließlich beschwöre man damit das Schicksal geradezu herauf. Als Antwort bekommt man als Journalist oft plakative Floskeln zu hören. Doch jeder weiß, dass wenn man einmal vom Kuchen namens Ruhm und Erfolg genascht hat, nur schwer wieder davon los lassen kann. Daher versucht Sharlee jeden Augenblick und jede Tour mit Arch Enemy zu genießen.
„Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass von heute auf morgen der Erfolg vorbei sein könnte. Zudem würde es, wenn es so weit wäre, noch dauern bis ich total blank wäre. Wir leben den Traum jedes Musikers und verdienen nicht nur unseren Lebensunterhalt mit unserer Musik. So bleibt am Ende noch etwas übrig, dass man auf die hohe Kante legen kann. Ich denke auch, dass ich nach Arch Enemy noch mit Musik zu tun haben werde. Zumindest erhoffe ich mir das.“
Er wisse, dass viele Bands darunter leiden, nicht den großen Durchbruch zu schaffen. Umso mehr weiß man den Erfolg zu schätzen. Aber dies war auch für Arch Enemy ein großes Stück Arbeit. Kein Wunder, dass sein Lieblingsort auf der Welt seine Couch ist, wenn man derartig viel umher reist, um seine Musik zu promoten.









