Interview: Devin Townsend – “Vier Schritte zum neuen Devin”

Vier Schritte zum neuen Devin

Mit dem Ende von Strapping Young Lad 2006 begann für DEVIN TOWNSEND ein neuer Lebensabschnitt. Er machte nicht nur Schluss mit dem Projekt, sondern auch mit Drogen und wurde Vater. Mit dem „Devin Townsend Project“ verarbeitet Townsend seinen Lebenswandel in einem Vier-Alben-Zyklus, der nun mit der Veröffentlichung der letzten zwei Releases „Deconstruction“ und „Ghost“ seinen Abschluss findet. Wir sprachen mit dem oft als „Verrückten Professor des Heavy Metals“ bezeichneten Musiker.

Text: Elvis Dolff | Fotos: Inside Out

Devin Townsend ist bekannt als Musiker, Sänger und Produzent und man verliert leicht den Überblick, wo der Kanadier überall seine Finger drin hat. Allein seine eigenen Auskopplungen veröffentlicht er von außen betrachtet immer mal unter einem anderen Namen. Dann vereinnahmt auch noch die außeriridische Handpuppe „Ziltoid The Omnisicient“ einfach mal ein ganzes Album und einem wird fast schon egal, was genau auf der Packung steht, so lange Devin Townsend drin steckt.

Nichtsdestotrotz hat Devin da schon ein klares Muster, was er einmal mit der Welt des Filmes verglichen hat. Jedes seiner Projekte ist eine Serie, eine Trilogie oder sogar Quadrologie – wie Herr der Ringe Teil eins bis drei sind z.B. die Alben von Strapping Young Lad die Teile eins bis fünf. Sie sind gewissermaßen in sich geschlossen, und von den anderen Filmen beziehungsweise Projekten zu trennen. So lässt sich dann auch das „Devin Townsend Project“ als abgeschlossener Vier-Alben-Zyklus einfacher verstehen. „Ki“ (2009), „Addicted“ (2009), „Deconstruction“ und „Ghost“ (beide 2011) gehören mehr zusammen als es vier aufeinanderfolgende Alben einer Band im Normalfall tun.

Insgesamt beschreibt jedes Album einen Schritt des Lebenswandels von Devin Townsend: „Es war nicht wirklich meine Absicht, ein Vier-Alben-Projekt über meine Persönlichkeit zu machen, so selbstverherrlichend bin ich bestimmt nicht. Aber sie beschreiben den Übergang von einem Punkt in meinem Leben zu einem anderen. „Ki“ ist gewissermaßen die Einleitung dazu. Die Entscheidung, ob man die Veränderung machen könnte oder sollte. „Addicted“ ist fast eine Epiphanie, eine Erleuchtung und Erkenntnis über den Mechanismus in mir, der so lange so selbstzerstörerisch war. Dass meine Aktionen mehr zählten als meine wahre Natur. „Deconstruction“ ist die Erkenntnis, dass diese selbstzerstörerische Kraft keine Macht mehr über mich hat und „Ghost“ ist die Verwirklichung von etwas, das lange in mir schlummerte.“
In anderen Worten und etwas kürzer beschreibt Devin das Ganze auch als eine Art Mahlzeit: „Mit einem Salat als Vorspeise (Ki), Pasta mit Hähnchen danach (Addicted), einem Steak mit Kartoffeln als eine Art Hauptgang (Deconstruction) und einer Obstschale zum Nachtisch (Ghost)“.

Das beschreibt auch den Verdaulichkeitsgrad der verschiedenen Alben am besten. Von ihrer Intensivität zumindest ist keine Steigerung auszumachen. Devin: „Wenn dann nur durch Zufall. Ich wollte jedes Album zu einem guten Album für sich selbst machen. Nicht in der Art, dass eine Scheibe ein gutes Metal- oder Dance-Album ist, sondern dass sie in ihrer Art so stark wie möglich sind. Jedes ist auf seine Art intensiv. Doch das hängt auch wiederum von deinem eigenen Gemütszustand ab. Im Fokus stehen nun die aktuellen Veröffentlichungen. „Ghost“ ist ein reines Ambient-Album, das wohl eins der sanftesten Alben ist, die ich je gemacht habe. Die Songs von „Ghost“ habe ich schon vor vier Jahren geschrieben. Ich entschloss mich zu dem Album, nachdem ich mich meiner Angst harte Musik zu schreiben gestellt hatte. Als ich realisierte, ich konnte nicht nur harte Musik schreiben, sondern auch die Kontrolle darüber behalten. Ich fühlte mich befreit zu wissen, dass ich ein Album machen kann, das wie ein ungeniertes, schönes Gefühlsbekenntnis ist.“

„Alles so groß wie möglich“

Daher holte er sich auch Musiker dazu, die ihn passend unterstützen konnten. „Ich wollte Leute haben, die genau zu diesem Gefühl beitrugen. Ich wollte auf jeden Fall kein Drama. Es sollte unterhalten, entspannen, einnehmen und simpel sein. Deswegen hab ich Freunde aus meinem Umfeld gewählt, die genau diese Charaktereigenschaften hatten. Dave Young an den Keyboards, Mike St. Jean an den Drums und Kat Epple an der Flöte.“

Bei „Deconstruction sah das anders aus. Allein vom Line-Up: Zwei Drummer (Dirk Verbeuren und Ryan van Poederooyen), ein 60 Mann starkes Orchester und ein Chor mit 20 Stimmen sind zusammen mit vielen kleinen Beiträgen verschiedenster Musiker die Credits der zweiten aktuellen Scheibe. Alles sollte so groß wie möglich sein.
„Wenn du es dir anhörst, klingt es fast so, als wenn acht Platten gleichzeitig spielen“, so Devin. Aber nicht nur das beschreibt die Bedeutung von „Deconstruction“ wie Devin weitererzählt: „ Es ist der Höhepunkt des gesamten Projektes. Alle anderen Alben sind darum arrangiert. Ein Grund ist, dass in letzten Jahren so viel Wirbel darum gemacht wurde, dass ich nicht mehr Strapping Young Lad mache und einige Leute immer noch finden, sie wurden unfair behandelt, auch Fans, die mich so lange unterstützt haben. Dabei war ich so offen und lautstark, wie ich nur konnte über meine Beweggründe: Es funktioniert einfach für mich nicht mehr. Ich will niemanden diskreditieren und bin sehr stolz über das, was wir mit der Band erreicht haben. Es ist ähnlich wie mit Marihuana. Ich habe nichts dagegen, nur es funktioniert nicht mehr für mich und deswegen habe ich aufgehört. Manchen reicht diese Erklärung aber einfach nicht.“

Für das Album bedeutete, dass auch eine ganz andere Herangehensweise: „Ich habe nicht versucht zu sein, wie ich war als ich 23 war. Es war ganz natürlich. Wenn ich jetzt gerade eine harte Scheibe machen würde, dann klingt sie halt so. Und mein Interesse für harte Musik ist so gering wie noch nie. Deshalb bedeutete das für mich, dass es nicht komplett linear, ernst oder brutal sein konnte. Es musste theatralisch sein, etwas in „Stream Of Consciousness“-Art – einfach übertrieben. Es ist kein Album, das ich mit Strapping Young Lad gemacht hätte und genau das ist es: Dieses Album betont, dass ich in Zukunft andere Sachen machen werde.“
Beide Alben zur gleichen Zeit herauszubringen, war gewissermaßen auch dem natürlichen Schaffensprozess geschuldet, wie Devin sagt, aber hätte er nicht beide gleichzeitig rausgebracht, hätte es auch einen falschen Eindruck hinterlassen, in welche Richtung es mit ihm jetzt weitergeht. Schizophren ist das nicht, meint er. Es sei eher absurd, dass manche Menschen nicht beide dieser Seiten in ihrem Leben gleichermaßen wahrnehmen würden.
Seine Pläne umfassen unter anderem eine Ziltoid-Online-TV-Show (Z-TV unter ziltoid.tv), in der er Musiker interviewen möchte. Er hat einige Pop- und Folk-Songs geschrieben und will Bass spielen. Es geht also weiter. PREPARE YOUR FINEST COFFEE!

www.hevydevy.com

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