Interview: Marienbad – “Kamikaze im Märchenwald”
Kamikaze im Märchenwald
Verwunschene Wälder in Märchen, heimgesuchte Gemeinden in Filmen oder sagenumwobene Stätte in Romanen – Legenden ranken sich um allerlei Orte und faszinieren damals wie heute. Mit MARIENBAD schildert Eisregen-Frontkehle Michael Roth einen solchen Mythos um ein kleines tschechisches Dorf auf seine eigene, ganz spezielle, Weise.
Text: Miriam Görge | Foto: Massacre Records
Wir Menschen werden von jeher von unerklärlichen Dingen magisch angezogen. Doch was uns noch deutlicher charakterisiert als die Faszination für unfassbare Geschichten, ist die Begierde diese zu entmythifizieren. Jener Drang erklärt, warum ein kleiner, aber feiner Kurort in Tschechien dieser Tage auf seiner Website einige Besucher mehr als üblich verzeichnen dürfte. Fündig wird jedoch keiner von ihnen. Etwa doch alles nur erfunden, was Marienbad auf ihrem Debütalbum „Werk 1: Nachtfall“ so düster schildern? „Nein!“, klärt Michael auf. „Die Geschichte, wie ich sie in unserem Forum vorgestellt habe, ist echt.“ Dort schildert Roth, wie ihm schon im Kindesalter von seiner Oma von einem Dorf berichtet wurde, in dem vieles nicht so war, wie es sein sollte: Immense Mord- und Suizidraten und auch sonst allerhand seltsame Geschehnisse, die schließlich dazu führten, dass man beschloss, das Örtchen zu vernichten und an seiner Stelle einen Stausee zu errichten.
Fakten, Fakten, Fiktion…
„Die Geschichten, die wir mit Marienbad erzählen wollen, beruhen auf Tatsachen. Aber natürlich haben wir auch viele Ausschmückungen vorgenommen, um das Ganze interessanter zu gestalten. Beispielsweise haben wir die geografische Lage etwas verändert. Der ursprüngliche Name des Ortes war als Bandname gänzlich ungeeignet, Marienbad gibt da phonetisch viel mehr her und bleibt auch besser im Gedächtnis. Außerdem gibt es zu der Legende einen Film namens „Beneath Still Waters“, dort hieß der Ort „Marinbad“. Diesen Bezug haben wir übernommen, um da auch einen kleinen Kreis zu schließen.“
Abhilfe für Neugierige
Für alle, die ihre Google-Recherchen enttäuscht abgebrochen und den Mythos als erfunden abgetan haben, verspricht Roth Abhilfe: „Wir sind dran, sowohl für Eisregen als auch für Marienbad wieder Websites anzulegen. In der Vergangenheit hatten wir leider immer das Problem, dass unsere Seite ständig von irgendwelchen Gegnern gehackt und dabei sehr viel politischer Scheiß mit ins Spiel gebracht wurde, der mit uns eigentlich nichts zu tun hatte. Momentan läuft das meiste ja über unser Fleischhaus-Forum, da ist die Überwachung eben optimal. Aber wir werden versuchen, mit den Leuten demnächst wieder was Neues auf die Beine zu stellen.“
Viele Pläne, wenig Zeit
Die Aktualisierung der Internetpräsenz ist nur eines von vielen Zielen, die der Fleischhauschef vor Augen hat. Da weiß man oft gar nicht, wo man anfangen soll. Fest steht zumindest, dass der Buchhandel noch eine Weile auf Roth verzichten muss, auch wenn wie er sagt „die Idee ein Buch zu schreiben mir schon lange im Hinterkopf herumschwirrt.“ „Priorität hat nun erstmal das kommende Eisregen-Album. Wenn alles nach Plan läuft, schaffen wir das hoffentlich noch bis Ende dieses Jahres. Die Bandchemie ist da mittlerweile auf hohem Niveau und wir haben wieder unwahrscheinlich viel Spaß an der Sache. Da werden noch einige Alben kommen, das komplette Umfeld spricht inzwischen dafür.“
Während die Zukunft der Mutterband also langfristig gesichert scheint, weiß man bei den Nebenprojekten nie so genau, was die Zukunft bringt. Michael, der konsequent schweigt, wenn er für eines seiner Schäfchen gerade keinen Redebedarf sieht, nimmt es gelassen. Für ihn hat immer der Spaß an der Musik Vorrang. Und den hatten er und sein Eisregen-Kollege Ronny allemal. Trotzdem bleibt vorerst ungewiss, ob und wann auf „Werk 1“ die Nummer 2 folgt: „Yantit und ich haben über ein Jahr Arbeit in Marienbad gesteckt, was uns sehr viel Freude bearbeitet hat. Langfristig haben wir großes Interesse, das Projekt fortzuführen, müssen aber auch immer einen Blick darauf werfen, wie sich das ganze zeitlich koordinieren lässt. Wir schauen einfach mal weiter, wenn das Eisregen-Album im Kasten ist.“
Neue alte Horizonte
Kein Weg führt an Eisregen vorbei. Trotzdem ist es Sänger Roth wichtig, nicht nur nach Parallelen zwischen den beiden Bands zu suchen, sondern auch die Unterschiede herauszuhören. Viel zu vorschnell zeigen sich immer wieder erstere auf, was bei der mehr als charakteristischen Stimme der „Blutkehle“ nur allzu nahe liegt. Ebenso wenig lässt sich auch bei Marienbad Michaels Vorliebe für die düstere Seite des Lebens leugnen, wenn auch sehr viel jugendschutzfreundlicher. Trotzdem bietet das neue Projekt Aspekte, die es so von den Thüringern vorher noch nicht gab. „Natürlich haben wir durch unsere Hauptband Charakteristiken in der Musik, die sich nicht leugnen lassen und die du auch hier raushörst. Aber prinzipiell war Marienbad von der Thematik etwas, was ich nicht unter Eisregen hätte veröffentlichen wollen. Ich denke, unter dem Banner wären viele Fans unzufrieden gewesen, wenn sie das Album gehört hätten. Deswegen war eine Trennung nicht nur uns, sondern gerade auch für die Fans wichtig, um etwaigen Enttäuschungen Splatter-verwöhnter Anhänger vorzubeugen.“
Darüber hinaus bietet Marienbad auch für Hörer Einstiegsmöglichkeiten, die ob der zeitweise latent obszönen Eisregenwortwahl die Nase rümpfen. „Nachtfall kann gerade für Leute interessant sein, die mit unserer eigentlichen Horrorschiene nichts anfangen können“, bestätigt Roth.
Thüringer Exportschlager
Welcher Kelch allerdings an (fast) niemandem vorbeigeht, ist das auch bei Marienbad systematisch gerollte „R“ des Sängers, was nicht jeder Rezensent mit Wohlwollen aufnimmt. Michael sieht diese Diskussion beim Albumfeedback gelassen: „Das gehört zu meiner Stilistik einfach dazu und ändert sich nicht, je nachdem welcher Name auf dem Cover steht. Es wegzulassen stand nie zur Diskussion. Wenn ich mich richtig konzentriere, könnte ich es zumindest, wenn ich wollte!“
Aber Herr Roth möchte nicht, was auch völlig legitim ist. Wer sich dennoch allzu sehr daran stört, der hört entweder komplett weg oder nutzt die Chance, sich „Nachtfall“ in englischer Sprache anzuhören. Auf dieser, dem deutschen Album beiliegenden Version beweist er, dass es auch annährend ohne „Errrrrr“ geht. Grund für das witzige Gimmick war jedoch etwas anderes: „Das war eine persönliche Entscheidung. Ich finde diese Sprachbarriere, die es bei Eisregen gibt, schade. Die Texte lassen sich unmöglich adäquat ins Englische übersetzen, dafür sind sie zu speziell. Bei Marienbad war es mir wichtig, dass das Konzept komplett verstanden wird und vielleicht auch mal Leuten im Ausland die Möglichkeit zu geben, uns kennen zu lernen. Wenn wir ein weiteres Album machen sollten, werden wir das wohl beibehalten. Das war eine interessante Erfahrung und auch eine Herausforderung, zumal wir nicht bloß übersetzt, sondern auch die Musik ganz leicht abgewandelt haben.“
Am wohlsten fühlt sich Michael Roth dann aber doch mit seiner Muttersprache und, soviel darf verraten werden, persönlich präferiert er die deutsche Version. Doch dazu möge sich jeder sein eigenes Bild machen, indem er der gesungenen Aufforderung der Band Folge leistet: „Komm nach Marienbad…“



