Festival-Tagebuch: Hellfest 2011

Gerne mal französisch

Wer hat die letzten Jahre nicht mit Neid nach Clisson geschielt, wenn die Highlights der Highlights der anderen Festivals sich beim Hellfest in Frankreich die Klinke in die Hand gaben? Eben, nicht viele! Grund genug für uns, uns diesmal auch auf den knapp 900 Kilometer langen Weg zum Hellfest zu machen. David Dankert hat die Erlebnisse in einem Tagebuch festgehalten.

Text: David Dankert | Foto: Dorian Gorr

Erster Tag: Wasserbier
Nach locker-flockigen elf Stunden Fahrt, platt gesessenem Hintern und ordentlich Bock auf Festival heißt es erstmal schleppen, denn zelten am Auto ist beim Hellfest nicht. Danach lockt jedoch das Partyzelt, wo aber nicht viel Party geht. Englisch verstehen, geschweige denn mit uns Deutschen reden, will irgendwie keiner. Statt Hits aus der Konserve gibt es lediglich stümperhafte französische Underground-Bands und wässriges Bier gegen das einem selbst Kölsch wie Schnaps vorkommt…

Zweiter Tag: Minicrepes
Früh aufstehen heißt es, denn um 12.30 Uhr stehen schon In Solitude im Terrorizer-Zelt in den Startlöchern. Deren Sänger singt nicht nur saustark, sondern hat obendrein einen ausgestopften Fuchs um den Hals hängen. Ob der echt oder unecht ist? Die Stimmung ist jedenfalls top!

Da Dodheimsgard live total hektisch herüberkommen und nur Flair entsteht, wenn ältere Songs gespielt werden, geht es erstmal zurück zum Zelt. Der Pegel für The Exploited muss ja erhöht werden. Zu deren Auftritt schaffen wir es aber gar nicht. Der einzige Bierstand auf dem Gelände, der sein Bier nicht mit Mineralwasser panscht – wie pervers ist das denn bitteschön? – sieht irgendwie verlockender aus. Und essen muss auch mal sein, also eins der zahlreichen günstigen Angebote genutzt und ein Crêpes für 2,50 € mit den Maßen 4 Zentimeter mal 4 Zentimeter abgestaubt…

Währenddessen spielen Belphegor, klingen aber eingestaubt. Ganz anders Morbid Angel, die legen mit „Immortal Rites“ los und geben mächtig Gas. „Fall From Grace“ und „Chapel Of Ghouls“ walzen alles nieder. Die neuen Songs walzen einen hingegen erneut zum Bierstand. Nicht ganz so cool präsentieren sich Possessed. Wieder einmal. Wobei Possessed spielen ja eh nicht so wirklich. Eher Jeff Becerra und Freunde.

Mayhem bringen an dem Abend als Rausschmeißer auch nicht mehr viel. Hellhammer ist komplett hinter einem Altar und Atilla, der ständig mit einem Totenschädel rumfuchtelt, versteckt und auch sonst sind Songauswahl und Sound eher dürftig. Ab in die Heia, denn am nächsten Tag stehen ja…

Dritter Tag: Männerpower
…HAMMERFALL auf dem Plan! Also schnell zu Mäces pilgern, eine Stunde unnötigerweise in der Toilettenschlange stehen und dann realisieren, dass wenn man jetzt nicht wieder losgeht, es doch noch knapp wird mit HammerFall. Angel Witch fallen dem Besuch somit auch zum Opfer, uns dafür der Jägermeister als Vorbereitung. „One More Time“ und „Let The Hammer Fall“ treiben dafür die Stimmung um 14 Uhr mächtig in die Höhe. Okay, die Franzosen sind keine Partymonster, dafür schmettert Joacim erstmal ein „Grab Your Balls“ entgegen. Bei Municipal Waste starre ich Löcher in die Luft und warte auf Sodom, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Stark!

Dafür versprüht Zakk Wylde gegen 21 Uhr ordentlich Männerpower auf der Mainstage. 10-Minuten-Gitarrensolo, dicke Oberarme und lässige Songs machen Spaß. Viel Spaß hat auch der Dönerbudenboy, der geschmeidige 8 Euro für Döner und Pommes (ohne Salat) verlangt. Egal, der Hunger treibt es rein. Bei Bolt Thrower müssen die 8 Euro allerdings urplötzlich wieder raus. Qualität kann man bei solchen Dumpingpreisen natürlich nicht erwarten. Die Scorpions begleiten mich ab da an auf dem Dixie.

Vierter Tag: Grasgeruch
Der Tag der Tage: OZZY ist am Start. Doch zuerst starten wir mit Orphaned Land, die gute Laune haben. Ganz im Gegensatz zu Tsjuder. Die dürfen das aus Imagegründen nicht. Der Sound ist killer, die Band top eingespielt und Songs wie „Mouth Of Madness“ verdeutlichen den Sinn der Reunion.

Da man bei Ghost nicht mehr ins Zelt kommt, vernichten wir am Zeltplatz die letzten Bierreserven. Weit entfernt von Vernichtung sind hingegen Grand Magus, nur ganz nett, mehr nicht. Morgoth geben dafür Vollgas. Lediglich die peinlichen Kontaktlinsen vom Sänger sind nicht so das Highlight. Judas Priest langweilen anschließend, da Rob Halford mal wieder im Schildkrötenmodus über die Bretter schleicht. Stimmlich geht es aber trotzdem in Ordnung, vor allem im Gegensatz zu Doro, die man vorher mit Fremdscham ertragen muss.
Ab der Hälfte des Sets sind Priest aber eh uninteressant. Electric Wizard rufen zum Ritual und das Zelt platzt aus allen Nähten und riecht nach Gras. Die Band zieht alles in ihren Bann. Und nicht nur, weil im Hintergrund kuriose Siebziger-Folter-Sadomaso-Pornos laufen. Klingt komisch, aber es passt.
Bei Ozzy passt sowieso alles. Dem Hellfest gibt der Altmeister trotz lahmem Publikum ordentlich Feuer und lässt die anderen Headliner alt aussehen. „Paranoid“ kann selbst der letzte anti-englische Franzose mitsingen.

Den Abschluss markieren Cradle Of Filth mit einem fast schon gruselig guten Sound. Ein schöner Abschluss für ein schönes Festival – abgesehen vom schlechten Essen, den nicht Englisch sprechen wollenden Franzosen und der langen Anreise.