Interview: Pain – “Teestunde im Paradies”

Interview mit Peter Tägtgren (Pain)

Teestunde im Paradies

Das von vielen lang ersehnte PAIN-Album „You Only Live Twice“ ist endlich in den Läden. Ein Grund mehr, eine Audienz mit dem Mastermind und Landlord Peter Tägtgren zu erbitten. Diese wurde dem METAL MIRROR gewährt, der erfährt, dass der kreative Kopf sich sein eigenes Paradies geschaffen hat, um seiner Sucht nach Musik nachzukommen.

Text: Jenny Bombeck | Fotos: Nuclear Blast

Peter Tägtgren: Wer kennt diesen Namen nicht? Jeder, der sich auch nur wenig mit der Metal-Szene befasst, kennt diesen Herren. An ihm kommt man nicht so schnell vorbei und auch wenn man vielleicht seine beiden Bands Hypocrisy und Pain nicht mag, so hat man mindestens ein Album im Regal stehen, dass von ihm in seinen Abyss-Studios produziert und abgemischt wurde.

Kein Wunder, dass mittlerweile dunkle Augenschatten den Workaholic zieren. Jeder Erfolg hat seinen Preis und jeder würde wohl diesen gerne zahlen, um seinen Namen um den gesamten Globus zu verbreiten. 2011 ist bisher ein sehr hartes Jahr für Peter gewesen, denn das neue Pain-Album „You Only Live Twice“ hat ihm jegliche vorhandenen Kraftreserven geraubt. Die Konsequenz: das Mastermind leidet unter einer anhaltenden Erkältung, die man ihm selbst am Telefon anmerkt. Im Hintergrund pfeift der Teekessel und Peter nimmt erst einmal Teetasse und Beutel, um sich ein Heißgetränk zuzubereiten.
„Sorry, ich habe seit einiger Zeit eine schlimme Erkältung und muss mich schnell gesund kurieren, damit ich für das kommende Graspop-Festival fit bin. Das neue Album hat mich kreativ so ausgelaugt, dass ich mich darauf freue, meine Songs einfach nur live zu performen.“

Auslaugender Alleingang
Mit einer kurzen zeitlichen Verzögerung, schließlich muss ja der Tee aufgebrüht werden, erzählt Peter weiter:
„Die anstehenden Auftritte werden für mich wie Urlaub sein. Ich werde um die Welt reisen und einfach nur Spaß haben. Ich glaube, dass habe ich mir auch redlich verdient, schließlich habe ich ein paar sehr harte und anstrengende Monate hinter mir. Du glaubst gar nicht, was für ein Kraftakt das war, ‚You Only Live Twice‘ zu schreiben und aufzunehmen.“
Dies ist wohl der Nachteil, wenn man Pain komplett in Eigenregie führt. Bei Hypocrisy hat Herr Tägtgren schließlich tatkräftige Unterstützung von zwei weiteren Mitgliedern. Ein weiterer Gegensatz zur eben genannten Band ist auch die textliche Ausrichtung. Während bei Hypocrisy Science-Fiction die Songs beherrscht, werden bei Pain persönliche Dinge verarbeitet. Während der Aufnahmen zum vierten Album erlitt der Schwede einen kurzen Herzstillstand. Dies inspirierte ihn schließlich zum Titelsong „Dancing With The Dead“.
„Der Titel des neuen Albums hat aber nichts mehr mit diesem einschneidenden Erlebnis zu tun. Auf der Scheibe geht es vielmehr darum, dass jeder eine zweite Chance verdient hat. Es gibt immer wieder Situationen, die man bereut und ich denke, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zu ändern“, hüstelt der Musiker ins Telefon.
Was den Inhalt der Texte angeht, gibt sich Peter mysteriös. Wer also mehr erfahren möchte, der sollte sich selbst ein Bild machen und die Lyrics genau studieren. Auf einigen Internetseiten steht, der Song „Leave Me Alone“ sei ein Sonic-Syndicate-Cover. Auf dieses recht ungewöhnliche Cover angesprochen stellt der verschnupfte Peter schnell klar:
„Ich habe mit der Band einen ähnlichen Song für ihr Album in meinem Studio aufgenommen. Aber mir gefiel die Ausrichtung des Songs überhaupt nicht und deshalb habe ich die Truppe gefragt, ob ich den Song neu ausrichten und verwenden darf. Und als sie nichts dagegen hatten, war die zweite Version sofort geritzt.“
Dennoch war Peter überrascht wie sehr ihn das Album dieses Mal in Beschlag genommen hatte und so erzählt er, während er die Verandatür quietschend öffnet und der Wind ihm um die Nase pfeift:
„Du glaubst gar nicht, wie sehr ein Album dein ganzes Leben in Beschlag nehmen kann. Ich mache während eines Entstehungsprozesses nichts anderes, als an die Musik zu denken. Egal, ob ich esse, schlafe oder einfach nur atme. Das zerrt ganz schön an deinen Nerven. Zumindest war es dieses Mal so. Das Resultat ist dann, dass ich danach eine Zeit lang nichts mache. Ich habe seit der Fertigstellung keine Gitarre berührt oder Musik gehört. Ich mache nichts, was meinen Kopf zu sehr anstrengen könnte.“
Auf die Frage hin, ob er dann nur auf der Couch säße, antwortet das einzig feste Pain-Mitglied: „Ja natürlich“. Dies kann man sich bei einem so viel beschäftigten Menschen gar nicht vorstellen. Trotz der vielen Arbeit werden ihm seine zwei Bands nicht zu viel. Er findet es gut, sich unterschiedlich austoben zu können und könne sich auch nicht vorstellen, jemals einen anderen Job auszuführen:
„Ich bin für die Musik geboren. So einfach ist das.“

Hippie-Community
Der Erfolg gibt ihm schließlich recht. Peter Tägtren zählt nicht nur zu den beliebtesten Vertretern der Metal-Szene, sondern wohl auch mit zu den erfolgreichsten. Schließlich gehört ihm ein kleines, aber sehr feines Dörfchen in der Nähe von Stockholm namens Pärlby. Bürgermeister Tägtgren ist sozusagen der Landlord dieses Dorfes und bestimmt, wer zuziehen darf und wer nicht.
Warum er sich dieses Dorf gekauft hat? Um es einmal direkt zu formulieren: Nach einer langen Tour möchte er keine Idioten um sich haben. Er brauche seine Ruhe, um sich zu regenerieren und da braucht man keine Freaks, die ihm auch noch den letzten Nerv rauben würden. Und so hat Peter nach und nach die paar Grundstücke und Häuser des Dorfes gekauft, bis ihm schließlich der gesamte Ort gehörte. Er ist nicht wirklich der Bürgermeister, aber kümmere sich um die Rechnungen und Steuern. Im Internet wird Pärlby als eine kleine Hippie-Community angepriesen. Und da der Ort sehr einsam und weit weg gelegen ist, gibt es auch nicht allzu viele Einwohner.
Peter hat sich seine eigene Welt geschaffen, in die er sich zurückziehen kann, um sich kreativ auszuleben. Vielleicht ist gerade dieses persönliche Paradies mit ein wichtiger Faktor für den Erfolg als Musiker und Produzent. Auch wenn er manchmal der geistigen und körperlichen Erschöpfung sehr nahe ist, würde er niemals tauschen wollen und dies betont er immer wieder während des Gespräches.
„Es macht mir einfach zu viel Spaß mit vielen Menschen in Kontakt zu treten. Wenn mich Fans auf Festivals oder Konzerten ansprechen, ist dies ein großartiges Gefühl. Auf Tour bin ich ein sehr kommunikativer Mensch. Dafür lebe ich zuhause wie ein kleiner Einsiedler. Dieser Kontrast tut mir gut. Genauso wie mir der musikalische Kontrast von Hypocrisy und Pain gut tut.“
Nach ein paar großen Schlücken Tee wird es schließlich Zeit sich zu verabschieden und sich noch ein wenig für die anstehenden Auftritte auszuruhen: Get well soon, mayor Tägtgren!

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