Von der Freiheit, sich selbst zu lieben
RHAPSODY OF FIRE richten ihren Blick heuer nicht nur auf ein neues Album, sondern gleichzeitig auf den Schlussakkord eines inhaltlichen Konzeptes, welches die Italiener über die längste Zeit ihres Bestehens begleitet hat. Keyboarder und Bandmitgründer Alex Staropoli spricht über das Ende einer Ära und die mystische Zukunft.
Text: Miriam Görge | Fotos: Nuclear Blast
Man hatte es nicht immer leicht im Hause Rhapsody Of Fire. Ob es nun die erzwungene Änderung des Namens war, oder aber extreme Streitigkeiten mit dem ehemaligen Management, wegen derer sogar sämtliche Aktivitäten für einen gewissen Zeitraum eingestellt werden mussten. Alles Schnee von gestern, trotzdem sind es solche Ereignisse, die darin resultieren, dem Wort „Freiheit“ plötzlich einen viel größeren Stellenwert zuzumessen.
Einen Schlussstrich ziehen
Viele Jahre ist es her, dass Bandchef Luca Turilli zur Feder griff und ein Fantasy-Epos zu Papier brachte, welches fortan von seiner Band vertont werden sollte: die „Emerald Sword Saga“. Das aktuelle und neunte Konzept-Album „From Chaos To Eternity“ beschließt das Ende dieser Geschichte. „Sicher, für unsere Fans mag das Ende überraschend kommen“, räumt Alex ein, „aber es liegt in der Natur der Sache, dass so etwas irgendwann beim Finale ankommt. Wir wussten ehrlich gesagt schon vor fünf Alben, wann dieser Zeitpunkt erreicht sein wird. Schließlich kannten wir alle Lucas Geschichte.“
Doch auch wenn der Masterplan einen solchen Ausgang der Ereignisse schon lange vorausgesehen hat, bleiben gemischte Gefühle nicht aus. Nach fast 15 Jahren unter dem Banner des smaragdenen Schwertes, muss sich auch der fröhlichste Italiener eingestehen, zumindest ein wenig traurig zu sein. Doch der Blick nach vorne trocknet die Tränen und offenbart eines im Besonderen: Freiheit. „Natürlich hatten wir durch die Saga ungeahnte Möglichkeiten, uns auszudrücken und zu etablieren: Die Orchester, mit denen wir zusammen arbeiten konnten, oder vor allem die Kooperation mit Christopher Lee, der mit seiner tiefen Stimme als Erzähler einige unserer Alben unglaublich bereichert hat. All das werden wir sicher vermissen, aber primär fühlen wir uns aktuell frei, ganz neue Seiten in unserer eigenen Geschichte aufzuschlagen.“
Geheimnisvoll sein
Ein neues Kapitel aufschlagen ist ein gutes Stichwort, auch wenn Tastenakrobat Alex sich schon unwissend gibt, bevor die Frage überhaupt in Richtung Zukunft steuert: „Wir wollen jetzt unbedingt erstmal touren und auf der ganzen Welt das Ende einer Ära zelebrieren. Würdest du mich jetzt fragen, was das nächste Album bringt, ich könnte dir nichts sagen, weil wir es selber noch nicht wissen.“ Natürlich nicht. Immerhin wurde mit Release schon bekannt gegeben, dass nicht nur die Saga, sondern mit ihr auch die Fantasy-Konzeption definitiv ein Ende gefunden hat. Wer jetzt müde lächelt ob der Vorstellung, die Italiener besingen demnächst die Schönheit ihres Landes, dem ist zumindest bedingt beizupflichten, mag man sich gerade diese Band nur schwerlich ohne Schwert und Heldenmythos vorstellen. Doch Alex bleibt eisern und räumt auf Nachfrage schmunzelnd ein, dass natürlich schon Ideen durch die Bandköpfe schwirren, aber „es ist zu früh darüber zu reden. Wir nehmen uns jetzt alle Zeit, die wir brauchen, auch um das aktuelle Album zu promoten. Was unsere Zukunft in Hinsicht auf die thematische Konzeption für unsere Fans bereithält, möchten wir noch für uns behalten und die vielen Ideen reifen lassen. Das Geheimnis behalten wir definitiv für uns!“
Eine musikalische Neuorientierung hingegen wird es ebenso gewiss nicht geben, denn mit dem eigenen Klang ist man mehr als zufrieden. „Das ist die Musik, die wir lieben. Darüber hinaus denke ich, wir sind einzigartig in dem was wir tun. Welche andere Band hat auf einem einzigen Album eine solche Klangbandbreite wie wir? Diese Variabilität ist es, die wir lieben. Das werden wir weiter verfolgen.“
Nun mögen böse Zungen behaupten, Hochmut käme vor dem Fall, doch müsste sich eigentlich auch der lauteste Widersacher eingestehen, dass Staropolis Worte so realitätsfern nicht sind, denn an Abwechslung mangelt es auch auf „From Chaos To Eternity“ nicht. „Wir haben gegenüber vielen anderen Künstlern den Vorteil, über jemanden wie Fabio zu verfügen. Wir betrachten es als großes Geschenk, einen absoluten Ausnahmesänger in unserer Band zu haben. Seine Stimme kann so viele Facetten zeigen, dass wir im Grunde komponieren können, wonach uns der Sinn steht.“ Ja, Oktavenakrobatik auf höchstem Niveau.
Doch auch ein anderer „Sänger“ hat es den Symphonic-Metallern langfristig angetan: „Die Zusammenarbeit mit Christopher Lee war immer fantastisch. Besonders damals bei „The Magic Of The Wizard Dream“. Da kam er zu uns und sagte, er möchte singen. Und so schrieben wir den Song für ihn. Das Duett zusammen mit Fabio war unglaublich intensiv und die Entstehung ein unvergessliches Erlebnis für uns! Die Kooperationen mit Lee werden wir vermissen.“
Auf vielen Hochzeiten tanzen
Das Talent von Sänger Fabio Lione ist nicht nur der Band selbst aufgefallen. Zuletzt nahmen Kamelot seine Dienste in Anspruch, weil deren Sänger Roy Khan gesundheitsbedingt die anstehende Tour absagen musste. Inzwischen ist klar, Khan hat sein Amt völlig niedergelegt und die Power-Größe steht ohne Stimmgewalt da. Nach der, allseits als erfolgreich empfundenen Zusammenarbeit werden Spekulationen laut, ob da nicht ein neuer Nebenjob auf Lione wartet. „Bis dato wurde Fabio nicht gefragt. Natürlich war das Gastspiel außerordentlich erfolgreich, nicht zuletzt weil er unglaublich gut vorbereitet war und schon vor Tourbeginn alle Texte kannte und die Lieder so singen konnte, wie Fans der Amerikaner es gewohnt sind.“ Auszuschließen sei es da natürlich nicht, dass Kamelot auf das Stimmwunder zukommen würde. „Fabio ist mit Leib und Seele Sänger und wir touren nicht 12 Monate im Jahr. Es wäre absolut in Ordnung, wenn er die Chance ergreifen würde, so sie ihm zuteil wird.“
„Es ist schlichtweg so, dass Fabios Stimme absolut einzigartig ist. Du hörst ihn, und du weißt sofort, dass er es ist. So etwas bringt dich dann natürlich in eine missliche Lage. Ich sehe mich unfähig, den Namen eines Sängers zu nennen, der Fabio ersetzen könnte!“ Bleibt im Grunde am Ende nur die Hoffnung, dass Herr Lione dieses Kompliment zu schätzen weiß. „Never change a winning team“ ist im Zusammenhang mit dem Besetzungs-Karussell sowieso der beste Rat, den man erteilen kann. Dieser Ansicht ist auch Staropoli, der mit Helloween ein gutes Beispiel in den Raum wirft: „Natürlich, das ist eine großartige Band, aber niemand wird deren Songs jemals so singen können wie Michael Kiske es getan hat. Es geht hier nicht darum, ein guter oder schlechter Sänger zu sein, davon gibt es viele. Die Sache ist die, dass du ein einzigartiges Timbre brauchst, das, wie Liones und Kiskes, einen speziellen Wiedererkennungswert hat.“
Die Freiheit, kitschig zu sein
Im Grunde sind solche Lobeshymnen im inoffiziellen Gerne der Selbstdarsteller nichts Ungewöhnliches. Bemerkenswert ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der Keyboarder Alex fernab jeglicher wahrnehmbarer Arroganz seine Liebe offenbart. Und wo derlei Gefühle im Spiel sind, ist es nicht sonderlich schwer, schlussendlich beim Thema Kitsch anzukommen. Diese Problematik ist der Band nicht völlig neu, und Alex reagiert auf die Frage, wie man es sich erkläre, dass viele die Band für den Inbegriff des Kitsches halten, gelassen schmunzelnd. „Ich habe absolut keine Idee. Ich bin immer offen für Meinungen und Kommentare. Jeder darf denken, was er will. Was ich allerdings nicht mag, ist, wenn diese Meinung eher einer Verurteilung von oben gleicht. Es ist völlig in Ordnung, wenn Leute unsere Musik nicht mögen. Ich mag auch nicht jede Stilrichtung. Aber ich fälle deswegen keine abwertenden Urteile. Besonders damals, als wir zu dritt angefangen haben, hatten wir mit solchen Vorwürfen hier bei uns in Italien zu kämpfen. Die Leute meinten, es wäre alles zu dick aufgetragen, zuviel Ego, als hielten wir uns für die Retter des Heavy Metals. Wir haben einfach nur das gemacht, woran wir Spaß hatten und nach wie vor haben. Musik bedeutet die Freiheit, zu tun, was man möchte, weil man es liebt!“ Wer kann da schon widersprechen? Schon der römische Philosoph und Kirchenlehrer Augustinus von Hippo statuierte seinerzeit „Dilige et quod vis fac“. Liebe, und dann tu was du willst, denn im Namen der Liebe kann nichts Falsches passieren. In diesem Sinne…









