Interview: Shining – “Selbstzerstörungswahn”

Interview mit Kvarforth (Shining)

Selbstzerstörungswahn

Rückkehr der Skandalnudel: Niklas Kvarforth setzt auf dem siebten SHINING-Album abermals alles daran, seinen Ruf als extremer Künstler zu festigen. Extrem in jeder Hinsicht: Provokante Bühnenauftritte, frauendfeindliche Aussagen und das offen bekundete Wohlgefühl über das Leid anderer gehören bei Kvarforth zum guten Ton. Dass neben Heroinkonsum, Selbstzerstörung und Schizophrenie die Musik weitgehend fantastisch ist, gerät dabei leider viel zu oft in Vergessenheit. Ein kontroverses Gespräch mit einem extremen Sänger, der sich währenddessen durch seine Whiskysammlung trinkt.

Interview: Dorian Gorr | Fotos: Spinefarm

Niklas, wie geht es dir?
Mir geht es gut. Ich schenke mir gerade ein Glas ein.

Schön. Ich frage nur, weil das neue Shining-Album den Schluss zu lässt, dass du derzeit übermäßig depressiv bist.
Nun, ich leide nach wie vor unter zwei Krankheiten, die mich dazu zwingen, täglich Medikamente zu nehmen. Aber das Album wurde ohnehin vor vier Jahren geschrieben und vor drei Jahren aufgenommen. Zu dem Zeitpunkt stand ich enorm unter dem Einfluss von Heroin. Mittlerweile habe ich damit aufgehört.

Ging das so einfach?
Nein, das war das schwerste, was ich jemals in meinem Leben zu bewerkstelligen hatte. Heute nehme ich nur noch Kokain, manchmal auch Amphetamine, aber kein Heroin mehr.

Kokain ist also okay, Heroin nicht?
Schon. Ich fände es allerdings super, wenn wegen des Albums viele unserer Hörer anfangen, Heroin zu nehmen. Heroin ist der Teufel.

Was würde es dir denn bitte bringen, wenn sich deine Zuhörer mit Heroin umbringen?
Das ist das Ziel eines jeden Künstlers, dass er die Leute so beeinflussen kann, dass sie so etwas tun.

Aber du könntest doch auch das Ziel haben, die Leute dahingehend zu beeinflussen, dass sie etwas sinnvolles mit ihrem Leben anfangen. Das wäre auch eine Herausforderung und würde mehr Sinn machen als Heroin.
Es ist doch sehr nützlich, wenn sie Heroin nehmen. Das würde eine Kettenreaktion auslösen, ihr Leben und das ihrer Familie und ihres Umfeldes zerstören. Aber das hängt wohl mit der individuellen Definition von positiv und negativ zusammen. Für mich wäre das jedenfalls positiv.

Es ist für dich positiv, wenn deine Zuhörer sich und ihre Familien zerstören?
Ja, natürlich. Das ist doch die höchste Ehre für den Künstler. Du bist doch Deutscher, oder? Dann kennst du doch auch Goethe. Sieh dir die Werther-Geschichte an. Die beeinflusste hunderte junge Menschen, sich zu töten. Das ist die größte Widmung, die man dem Künstler entgegenbringt, weil man dessen Kunst so ernst nimmt. Goethe war auch froh darüber, dass sich die Leute umgebracht haben. Da bin ich mir sicher. Er hätte das nur niemals laut gesagt, weil es zu Kontroversen geführt hätte.

Aber nochmal: das eigene Leben umzukrempeln, etwas sinnvolles damit anfangen zu wollen, wäre doch ein noch größerer Tribut an den Musiker.
Alles ist relativ. Meine Wünsche und Ansichten darüber was sinnvoll ist, mögen anders sein.

Magst du mir verraten, unter welchen Krankheiten du leidest?
Ich bin schizophren und bipolar. Selbstzerstörerisch war ich ohnehin schon immer – vor allem wenn es um Shining geht. In der Vergangenheit habe ich absichtlich mich, meine Familie, meine Freundinnen betrogen, zerstört, verloren. Ich habe stets eine negative Sphäre um mich herum kreiert, damit ich diese Musik machen kann. Ich sabotiere mein Leben, das wird immer so sein.

Wie äußert sich deine Krankheit?
Ich habe Panikattacken und flippe oft vollkommen aus. Ich wurde deswegen schon in der Irrenanstalt eingesperrt. Dreieinhalb Monate habe ich dort verbracht, nachdem ich am Bahnhof eine Panikattacke bekommen hatte und anfing, irgendwelche Passanten zu verprügeln. Die Polizei nahm mich mit. Ich wurde für nicht zurechnungsfähig erklärt und man schickte mich in die Anstalt, damit man meinen mentalen Status evaluieren konnte. Dort fand ich übrigens unser aktuelles Cover-Bild in einer Obdachlosenzeitung. Es umschreibt den Titel des Albums (zu deutsch: geborener Verlierer – Anm. d. Verf.) perfekt.

Solch depressive Musik zu schreiben, das ist für viele eine Katharsis. Bei dir hatte ich hingegen nie den Eindruck, dass du dich damit von den negativen Gefühlen befreien willst.
Das stimmt auch. Je mehr Musik ich schreibe, umso depressiver werde ich. Ich habe meine Musik nie zur Therapie genutzt. Jeder Song ist eine schlechte Erinnerung. Wenn ich dann beim Konzert auf die Bühne gehe und zehn Songs spiele, sind das zehn schlechte Erinnerungen, die ich wieder durchlebe. Das hilft mir natürlich nicht. Aber ich bin ein selbstzerstörerischer Mistkerl.

Aber warum denn eigentlich? Schlimme Kindheit oder was kommt jetzt?
Nein. Man darf niemandem die Schuld für so etwas geben. Ich hasse die Leute, die immer alles auf ihre Vergangenheit schieben. Selbst wenn dein Vater dich vergewaltigt hat oder du von deiner besoffenen Mutter missbraucht wurdest, ist das keine Entschuldigung für deine Probleme. Es darauf zu schieben, ist ein leichter Weg, um vor dem Problem zu flüchten, das in einem liegt.

Na, wenn du meinst. Also bist du selbst an deinem Selbstzerstörungstrieb schuld?
Ja, natürlich. Meine Vergangenheit hat natürlich dazu beigetragen, aber ich gebe ihr dafür keine Schuld und beschwere mich nicht. Eher danke ich meinem Vater, dass er mir die Augen für die Dunkelheit in der Welt geöffnet hat. Er hat mich nicht vergewaltigt, aber er war ein schlechter Vater, der viel Dunkelheit in mein Leben brachte. Meine heutige Beziehung zu ihm besteht nur noch darin, dass er mir meine Amphetamine bringt. Mein Vater ist mein Drogendealer.

Planst du, selbst mal Kinder zu haben?
Werde ich bestimmt. Nicht momentan, aber es kann durchaus passieren. Ich war auch vier Jahre lang Vaterersatz für ein kleines Mädchen. Das habe ich super gemacht. Ich wäre ein toller Vater.

Auf dem neuen Album hören wir viele Songs, die weniger brutal sind. Welche Möglichkeiten geben dir diese Lieder im Gegensatz zum Black Metal?
Seit 1996 mache ich diese Musik, manchmal erkundet man andere Dinge. Metal ist mir ohnehin ziemlich egal. Ich höre eigentlich mehr Pop, Rock, HipHop und Trip Hop. Außerdem viel Weihnachtsmusik.

Weihnachtsmusik? Das ganze Jahr über?

Ja. Es gibt diese schwedische Sängerin namens Carola. Die hat vier tolle Platten mit Weihnachtsmusik herausgebracht. Die höre ich ständig. Meine Freundin hasst das zwar, aber wen interessiert das. Die ist eine Frau, also hat sie ohnehin nichts zu melden.

Die Meinung von Frauen spielt deiner Meinung nach keine Rolle?
Natürlich nicht. Man darf Frauen nicht vertrauen. Die haben drei Löcher, das ist unnatürlich.

Mann und Frau sollten in meinen Augen gleichberechtigt sein. Hältst du davon nichts?
Keine Ahnung. Ich diskriminiere niemanden. Egal ob du Mann, Frau, schwarz, gelb, weiß, grün oder sonst etwas bist, du bist gleich wertlos.

Aber jetzt hast du doch trotzdem eine Sonderbehandlung eingeführt, weil deine Freundin nicht mit über die Musik bestimmen darf.
Ja, klar. Aber das liegt daran, dass sie einen beschissenen Geschmack hat. Sie hört sich gerne Lifelover an. Wenn du Underground-Black-Metal hören willst, bitte. Aber auf keinen Fall in meinen vier Wänden. Black Metal ist doch nichts als ein schlechter Witz, außer vielleicht Watain.

Komischerweise haben Shining überproportional viele weibliche Fans.
Ja, total verrückt. Ich scheine für viele ein Sexsymbol zu sein, was seltsam ist. Aber gut, es spielt keine Rolle. Die meisten weiblichen Shining-Fans sind eh ziemlich hässlich. Wir sind ohnehin keine Black-Metal-Band. Ich bin zwar ein Teufelsanbeter, aber ich bin der einzig religiöse Mensch in der Band. Wir sangen nie über den Satanismus, also sind wir keine Black-Metal-Band. Wir sind eine dunkle Heavy-Metal-Band. Mehr beeinflusst durch Mercyful Fate als durch Mayhem.

Kommen wir mal zurück auf das Album: „Tilsammans Är Vi Allt“ ist in meinen Augen der beste Song, vor allem wegen dem Gastsänger Hakan Hemlin. Wer ist das?
Er war in den Neunzigern ein riesiger Popstar hier in Schweden. Danach stürzte er durch Drogen ab. Er ist hier aber immer noch den meisten Leuten ein Begriff. Ich wollte ihn auf diesem Lied dabei haben, weil es ein Liebessong ist. Allerdings einer, der sich an Heroin richtet. Das wusste Hakan nicht. Er kannte nur den Refrain, der grob übersetzt lautet: „Ohne dich bin ich nichts, ohne mich bist du nichts, nur zusammen sind wir ganz!“ Das war das einzige, was er hörte, also dachte er, es sei ein normaler Liebessong. Als die schwedischen Medien erfuhren, dass er auf einem Song singt, der Heroin gewidmet ist, war das ein großer Skandal. Vielleicht haben wir damit seine Karriere zerstört, das wäre ziemlich cool.

Ist er sauer? Er hätte allen Grund dazu!
Keine Ahnung. Aber das werde ich bald herausfinden. Wir wollen ein Video zu dem Song machen. Da soll er dabei sein. Mal sehen, vielleicht haut er mir eins auf die Fresse dafür.

Wie kamst du überhaupt dazu, mit Heroin anzufangen?
Ich lebe in Oslo. Das ist die Heroin-Hauptstadt Europas. Komm hier mal mit dem Zug am Hauptbahnhof an. Da sitzen überall die Junkies und setzen sich einen Schuss nach dem anderen. Ich habe schon immer mit der Dunkelheit experimentiert. Auf jedem Weg. Also gehörte auch Heroin dazu.

Bereust du es?
Natürlich nicht. Man kann nicht bereuen, was in der eigenen Vergangenheit liegt. Es ist eine weitere Erfahrung. Ich habe es probiert, es hat mich gefickt und es war das Schlimmste auf der Welt, wieder davon loszukommen. Ich denke jeden Tag an Heroin, aber werde es nie wieder nehmen.

Was ich bei Shining nicht wirklich verstehe: Ihr habt die ganze Provokation, vor allem auf der Bühne, doch eigentlich überhaupt nicht nötig. Eure Musik spricht doch eigentlich für sich. Warum fügt ihr euren Auftritten nach wie vor diese Extradimension hinzu?

Alles auf der Bühne ist spontan. Ich sitze nicht im Backstage-Raum und überlege mir, bei welchem der Songs ich mich mit einer Rasierklinge aufschneide. Das passiert aus dem Moment heraus. Allerdings musste ich jetzt bei unserem deutschen Booker einen Vertrag unterschreiben, dass ich mich nicht mehr schneiden werde, damit wir auf größere Tourneen kommen. Wir wollen nicht mehr mit irgendwelchen Black-Metal-Bands touren. Da passen wir nicht hin. Ich sehe Shining eher als Vorband für Danzig oder Alice Cooper.

Als ein interessantes Element der Provokation fand ich, dass du mehrfach auf der Bühne mit eurem Bassisten herumgeknutscht hast. Ist Homosexualität in dieser Szene, die an Kreuzigungen und Satansbeschwörung gewöhnt, aber oft homophob ist, der neue Weg, um das Publikum noch zu schocken?
Nein. Keine Ahnung. Ich habe das nur gemacht, weil der Bassist heterosexuell ist und es ihn anekelte, mich zu küssen. Ich wollte ihm damit Leid zufügen. Ich bin zwar selbst heterosexuell, aber der Meinung, dass Homosexualität satanisch und blasphemisch ist, weil es sich direkt gegen die Bibel richtet. Homosexualität anzupreisen ist Gotteslästerung und damit wieder interessant. Auch wenn ich mich selbst dabei ekel. Aber wie gesagt: Ich bin ein selbstzerstörerischer Mistkerl.
www.myspace.com/shininghalmstad