Festival-Bericht: Dong Open Air 2011 – “Die Macht der Veränderung”

Iced Earth auf dem Dong Open Air 2011

Die Macht der Veränderung

Es ist ein Jahr des Ausprobierens für das DONG OPEN AIR: größere Bands, teurerer Ticketpreis, größere Bühne und ein Tag mehr. Im Gästebuch auf der offiziellen Webseite wurden bei so viel Veränderung nicht nur positive Stimmen laut. Viele befürchteten, dass das Dong Open Air seinen Charakter verlieren würde. Zu Unrecht? METAL MIRROR war vor Ort.

Text: Dorian Gorr & Jenny Bombeck
Fotos: Dorian Gorr

Donnerstag, 14. Juli
Dass sich das Dong in den vergangenen Jahren verändert hat, wird einem spätestens bewusst, wenn man sich auf dem asphaltierten Weg befindet, der den Dongberg hochführt. Vor einigen Jahren lag hier noch Schotter und Kies. Doch sonst ist die Atmosphäre nach wie vor intakt. Die fleißigen Besucher schwitzen, während sie mit Bollerwagen und Riesenrucksäcken versuchen, den Berg zu bezwingen. Die gemütlicheren fahren mit dem Shuttle-Bus. An der Bergspitze angekommen ist alles wie immer: Festivalstimmung. Ein Dixiklo begrüßt einen umgekippt (war das Mutter Natur oder übereifrige Besucher?), vor einem liegt eine Campingfläche voll von grölenden Besuchern und bunten Zelten. Das Klirren aneinanderschlagender Bierflaschen und der Durcheinander-Mix hunderter CD-Anlagen sind der Soundtrack in dieser Atmosphäre. Am Rande: das große Partyzelt. Wirkt von außen allerdings nicht größer als in den Jahren davor. Überraschend ist: Trotz dem Genöle vieler, man würde nicht am Donnerstag anreisen können, ist der Dongberg bereits proppevoll.

Vor wirklich vielen Nasen spielen die beiden Opener, Crosshead und Shraphead, jedoch trotzdem nicht. Dabei ist das vor allem bei Crosshead schade, denn der groovige Thrash aus der Nachbarstadt Krefeld wirkt erstaunlich frisch. Die modernere Ausrichtung des Festivals verkörpern anschließend Bloodwork. Dass die Band sich mittlerweile auf den Festivalbühnen zuhause fühlt, lässt die routinierte, wenn auch musikalisch unspektakuläre Performance erahnen. Im Zelt ist es zu dem Zeitpunkt aber so oder so ziemlich voll. Draußen tobt nämlich das Unwetter. Zelte fliegen davon, Pavillons werden auseinander gerissen und der Regen prasselt einem seitlich ins Gesicht. Festivalbesucher hüpfen in Regencapes über Pfützen und versuchen sich ins Trockene zu retten. Und dafür ist das Zelt die beste Adresse. Zumal mit MOTORJESUS die erste Band auf der Bühne steht, die ausnahmslos zu punkten vermag. Die Heavy-Rocker aus dem nahen Mönchengladbach sind seit Jahren Stammgäste auf dem Dong Open Air und haben entsprechend leichtes Spiel. Songs wie „Return Of The Demon“ oder „Legion Of Rock“ haben Ohrwurmpotenzial genug, um das Publikum vor der Bühne mitzureißen. Rampensau Birx ist zwar stimmlich nicht in jedem einzelnen Moment auf der Höhe. Dem Partyfaktor des Auftritts schadet das jedoch nicht.

Nach dem Heimspiel können Evile eigentlich nicht mehr gewinnen. Der britische Thrash wird zwar ambitioniert und mit genügend Old-School-Attitüde vorgetragen, scheitert aber letztlich daran, dass er die entfachte Partystimmung nicht ausreichend bedient. Obendrein sind die Besucher durchnässt und frieren.

Freitag, 15. Juli
Am nächsten Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Die Sonne strahlt. Der Matsch an den Schuhen trocknet und bildet harte Schutzkrusten. Und der Bierdurst ist zurück. Als Harasai zum Melo-Death-Angriff blasen, sitzen manche bereits beim ersten Bier, für manche ist es aber auch das letzte, bevor man sich ins Zelt verkriecht, um auszunüchtern. Viel Action geht vor der Bühne jedenfalls nicht. Ob es am modernen Sound liegt oder ob die Leute einfach noch zu müde sind, keine Ahnung. Trotz Anfeuerung des Sängers bleiben die Reaktionen jedenfalls verhalten.

Auf der Suche nach dem Publikumsgeschmack versagen auch Past M.D. Mittagshitze und theatralischer Melodic Rock – irgendwie geht das nicht zusammen. Und auch Ichor können wenig reißen. Aggressiver Doppelgesang und Blastbeats in allen Ehren, aber wenn man diese Genreklischees so einseitig bedient, darf man sich über die entstehende Langeweile im Publikum nicht wundern.

Contradiction sind die erste Band des Tages, die einen zumindest musikalisch mit auf große Fahrt nehmen. Zwar durchaus altbacken, aber eben mit der notwendigen Portion Originalität gesegnet, feuern die Wuppertaler ihr Old-School-Thrash-Brett ab. Richtig viel Zuspruch erntet die Band dabei aber komischerweise nicht. Es bleibt die Ahnung, dass hier sehr viel mehr drin gewesen wäre. Vielleicht hätte man die Band später am Abend spielen lassen sollen. Scheinbar fehlt Contradiction der nötige Partyfaktor. Das eingängige, tanzbare Element. Das liefern nämlich kurze Zeit später Vogelfrey. Die aus Hamburg kommenden Folk-Metaller bedienen zwar überaus oberflächlich alle Mittelalter-Plattitüden, stoßen damit aber auf Begeisterung beim Publikum. Ist ja auch klar: Zu den Songs der Marke Schandmaul und Letzte Instanz lässt sich wunderbar bechern.

Diese These sieht sich beim Auftritt von Virgin Snatch schnell bestätigt: der Thrash Metal, den die polnische Band mit Urgewalt herauskloppt, ist überaus amtlich und druckvoll, findet aber bei kaum Besuchern wirkliches Gefallen. Null Eingängigkeit, nur das volle Brett, in der Nachmittagssonne können die Jungs damit nur verlieren.

Eine Schnittstelle zwischen musikalischer Ernsthaftigkeit und eingängigen Folk-Parts versuchen Balfor aus der Ukraine zu schaffen. Und auch wenn es in diesem Genrewust aus Black und Pagan Metal etliche Bands gibt, die das um Längen besser machen, laufen Balfor nicht völlig auf. An den schüchternen Ansagen sollte die Band jedoch zukünftig arbeiten.

Genügend Selbstbewusstsein strahlen Artas hingegen aus. Die Thrasher aus Österreich kommen erstaunlicherweise besser an als Virgin Snatch und Contradiction zuvor. Über die Gründe kann man nur spekulieren, denn musikalisch sind sie zumindest Contradiction weit unterlegen. Aber: Artas strahlen jugendliche Frische, hohe Energie und eine moderne Herangehensweise an das Genre aus. Was manch einen Kuttenträger nur den Kopf schütteln lässt, kommt vor allem bei aufgeschlossenen Moderne-Liebhabern gut an.

Dass man nicht modern sein muss, nur weil man jung ist, stellen Hackneyed unter Beweis. Die Jungspunde werden oft als Hype verschrien, von ergrauten Death-Metal-Fans belächelt und von ihren älteren Konkurrenten verflucht. All das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass Hackneyed live eine Macht sind. Zumindest heute. Wie ein Automatismus legt sich ein Schalter um, als die Jungs und das Mädel die Bühne betreten. Ob das alles noch ehrliche Emotion, ehrlicher Hunger und ehrliche Energie ist, die man da sieht, darüber mag man in so einem Moment gar nicht nachdenken. Die Songs fetzen, die Band wirbelt über die Bühne, von so viel Frische dürfen sich die Lästermäuler eine dicke Scheibe abschneiden.

Allerdings müssen sich auch Hackneyed dem Headliner geschlagen geben. Iced Earth mischen in diesem Sommer die Festivalsaison auf. Ein letztes Mal, könnte man vermuten. Denn ohne Matt Barlow hat diese Band verloren. Auch ohne seine lange Matte ist er pures Charisma. Sein Schwager und Iced-Earth-Chef Jon Schaffer sorgt parallel für die nötigen Rockstar-Posen. Kein Wunder, dass das Zelt aus allen Nähten platzt und die Besucher durchzudrehen scheinen. Die Stimmung ist von Sekunde eins an unschlagbar, die Setlist ein Traum für alle Fans: „Melancholy“, „Watching Over Me“, „I Died For You“, „Vengeance Is Mine“ und zum Abschluss „Iced Earth“ – ein absoluter Traum, der die Messlatte für die Headliner im nächsten Jahr sehr hoch hängt. Ob Overkill das am nächsten Tag schlagen können?

Samstag, 16. Juli
Bis man eine Antwort auf diese Frage bekommt, dauert es noch einige Stunden, die man mit guten und weniger guten Bands verbringen kann. Zur letzteren Kategorie gehören Shellycoat, die den letzten Dongtag eröffnen und als Punk-Band angekündigt werden. Wer an Bad Religion, NofX, Wizo, die Sex Pistols oder Exploited dachte und sich deswegen zu früher Stunde aus dem Zelt gequält hat, macht nach dem ersten Song schleunigst wieder Kehrt. Weichgespülter Rock, weibliche Plastikstimme, angepasste Songs – mit Punk hat das kaum Schnittmenge. Die anschließenden Symbolic halten immerhin, was sie versprechen: Melo-Death mit einer Menge Growls und leichtem Thrash-Einschlag. Wirklich spannend wird die Musik dadurch aber nicht. Die Riege belangloser Bands wird mit Red Circuit fortgesetzt. Die Power-Metaller sind hochmotiviert, treffen aber zu nullkommanull Prozent den Geschmack des Publikums. Wie schon am Vortag Past M.D. ist das hier zu versteift und theatralisch, um wirklich jemanden ins Zelt zu bewegen.

Die erste Band, die zu begeistern weiß, ist Canopy. Die britischen Melo-Deather greifen nicht ganz so tief in die Klischeekiste, haben einen sehr druckvollen Sound gepachtet und genügend Spannweite von eingängig bis frickelig, um irgendwie anders zu sein als die Vielzahl an Melo-Death-Bands, die man hier und woanders sieht.

Die größte Überraschung des Tages sind jedoch Vulture Industries. Und es ist bezeichnend, dass es wieder eine experimentierfreudige Truppe ist, die solch eine Begeisterung hervorrufen kann. Die Norweger gehen ihren Black Metal überaus avantgardistisch an, streuen sehr progressive Parts ebenso ein wie den direkten Black-Metal-Knüppel. Was sonst auf Festivalbühnen regelmäßig versagt, entpuppt sich hier als Überraschungshit und sorgt für einen regelrechten Ansturm auf den Merchandise-Stand, wo nach kurzer Zeit alle mitgebrachten CDs vergriffen sind. Das Wetter (erneut strömender Regen und starker Wind) mag den Norwegern übrigens zusätzlich in die Karten gespielt haben.

Mit charakterstarkem Death Metal geht es weiter. The Rotted sehen zwar ziemlich groggy aus, als sie auf der Bühne stehen, lassen aber dennoch ein Brett vom Stapel, das an Dynamik und Tempo mit der gestrigen Hackneyed-Show mithalten kann. So viel Begeisterung wie Vulture Industries lösen die Prügelfetischisten aber nicht aus. Dass Gitarrist Tim trotz ernsthafter Handverletzung übertrieben schnell und weitgehend tight spielt, nötigt zusätzlichen Respekt ab.

Orden Ogan sind die Partyband des Tages. Eine Power-Metal-Band, die mit Eingängigkeit und tanzbaren Songs, wie „We Are Pirates“, zum Tanzen einlädt. Die ständigen Blind-Guardian-Vergleiche wirken zwar wie aus der Luft gegriffen, aber tatsächlich schaffen Orden Ogan es, musikalische Qualität mit flacher Unterhaltung zu kombinieren, wenn auch mit einer etwas zu selbstverliebten Attitüde.

In eine ganz andere Richtung schießen Dew-Scented. Leif Jensen und seine Thrash-Kollegen haben mittlerweile auf so ziemlich allen Brettern Deutschlands gespielt, klar dass da das Dong Open Air nicht fehlen darf. Auf anderen Festivals hat man zwar schon mehr Zuspruch auf Songs wie „Cities Of The Dead“ gesehen, ein ordentliches Aufwärmprogramm für die beiden nachfolgenden Bands ist das aber in jedem Fall. Zumal es so leichter fällt, sich mit den doch noch weitaus brutaleren Hatesphere anzufreunden. Die dänische Brutalo-Kapelle, einst optimistisch als die nächsten Slayer gehandelt, fordert Action und kriegt Action. Den Songs geht zwar immer wieder der Charakter und die Individualität verloren, aber wer sich einfach mal herrlich simpel die Rübe abschrauben möchte, wird mit den Stakkato-Beats, der wütenden Aura und dem Death-Thrash-Tornado bestens bedient.

Und dann sind wir auch schon an dem Punkt angekommen, an dem die alles entscheidende Frage beantwortet werden kann: Können Overkill den phänomenalen Auftritt von Iced Earth noch einmal toppen? Natürlich können sie. Bobby Blitz ist der einzige Mensch auf dem Festival, der noch charismatischer ist als Matt Barlow. Die Energie, die die New-York-Thrasher entfesseln, ist verboten gut. Bobby posiert, geht theatralisch mit, singt so unverkennbar grandios, dass das ganze Zelt einem Kollektivausraster verfällt. „Hello From The Gutter“, „Rotten To The Core“, das partytaugliche „Old School“, die Metalhymne „In Union We Stand“ – Overkill decken mühelos alle wichtigen Geschmäcker des Heavy Metals ab und spielen sich um Kopf und Kragen. Als es nach anderthalb Stunden Thrash Metal der Güteklasse A heißt „We don‘t care, what you say. Fuck You!“ taumeln die Thrash-Fans freudetrunken aus dem Partyzelt. Da stört selbst Matsch und Regen nicht. Heute Nacht schläft man mit einem Lächeln auf den Lippen und der Gewissheit, den bisher besten Headliner-Auftritt auf dem Dong Open Air gesehen zu haben. Ja, es hat sich verändert, das kleine Festival in Neukirchen-Vluynn. Aber nicht zum Schlechten. Veränderung ist gut, solange Auftritte wie die von Iced Earth und Overkill dabei herauskommen. Wird das im nächsten Jahr nochmal zu toppen sein?

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