Interview: Ghost – “Die Geister, die ich rief…”

Interview mit Ghoul (Ghost)

Die Geister, die ich rief

GHOST sind das derzeit größte Phänomen der Rockmusik: Mysteriös, dunkel, eingängig. Die Musik der sechs Geheimniskrämer spricht Musikfans unterschiedlichster Stilrichtungen an. Obendrein wird viel gerätselt, wer sich hinter den fünf namenlosen Ghouls und dem im Papstkostüm auftretenden Sänger namens Papa Emeritus verbirgt. Spekulationen und Gerüchte gibt es viele. Sicher ist nur: die Band kommt aus Schweden und die Band begeistert die Massen. METAL MIRROR hatte die Chance, mit einem der Ghouls ein telefonisches Interview zu führen.

Interview: Dorian Gorr | Fotos: Rise Above

Ghoul, erst einmal vielen Dank für die Möglichkeit dieses Gesprächs. Wie kommt es, dass ihr eure Meinung geändert habt und nun doch telefonische Interviews gebt? Ursprünglich wurde das rigoros abgelehnt, sofern ich mich erinnere.
Wir sahen uns dazu gezwingen, dass zu tun, weil man viel Zeit dadurch spart, wenn man nicht alle Interviews mit der Band gemeinsam beantwortet und die Antworten aufschreibt. Uns war es dennoch wichtig, dass wir nicht in das Interviewmuster anderer Bands verfallen, die acht Interviews in wenigen Stunden hintereinander machen. Man erkennt das immer sehr gut, wenn man diese Interviews nachher liest: sie transportieren alle die gleiche Stimmung. Wir machen deswegen nur einige ausgewählte Interviews und wechseln uns ab.

Da ihr so ein Mysterium zu sein scheint, darf man die Frage wohl stellen: Wie habt ihr überhaupt zusammengefunden?
Manche von uns kannten sich schon seit vielen Jahren und haben bereits gemeinsam Musik gemacht. Andere wurden gezielt für dieses Projekt rekrutiert. Die Gründung von Ghost verlief aber anders als es bei den meisten Bands der Fall ist. Normalerweise entwickelt sich eine Band, während sie schon an der Öffentlichkeit agiert. Wir haben zwei Jahre lang an den Songs und dem gesamten Konzept gearbeitet und erst dann bekannt gegeben, dass es diese Band gibt. Das Label musste nur noch die Unterschrift unter ein komplett fertiges Konzept setzen.

Was genau ist die Motivation, komplett anonym zu bleiben? Warum dieses Mysterium?
Was wir verfolgen, ist eine hundertprozentige Show-Erfahrung für das Publikum. Das soll mehr sein als Musik. Es muss eine Show sein, die aus Aspekten wie Musik, Stimmung, Geruch und Gefühl besteht. Und damit man so etwas erreichen kann, wussten wir, dass wir unsere Gesichter da heraus halten müssen. Wir wollen die Grenze zwischen Theater und Show durchbrechen und eine cineastische Wirkung wie ein Film oder ein Theaterstück entfachen. Viele Filme werden aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachtet, je nachdem, ob man den Schauspieler kennt oder nicht.

Hast du dafür auch ein Beispiel?
Ja. Nehmen wir „Seven“. Vor diesem Film kannte kaum jemand Kevin Spacey. Das machte ihn sehr glaubhaft in der Rolle. Man hatte keine Verbindung zu ihm. Mittlerweile hat man ihn in 20 anderen Filmen gesehen und wenn man jetzt „Seven“ schaut, sieht man nicht nur den Psychopathen, sondern man sieht auch den Charakter aus „American Beauty“, der eben da einen Psychopathen spielt. Weil wir den Menschen dahinter kennen, nehmen wir den Film anders war. Aus diesem Grund ist es uns wichtig, dass wir unsere individuellen Personen aus der Musik von Ghost heraushalten, damit das Konzept so funktionieren kann, wie es gemeint ist.

Ist die Maskerade nicht letztlich auch ein Marketing-Werkzeug für euch?
Nicht wirklich. Zumindest war es ganz anders gedacht. Wir machten es ja gerade umgekehrt. Wieviele Bands gibt es, die damit werben, dass bei ihnen Bassist A von Band B spielt. Wir haben das genaue Gegenteil getan und wollten all diese Verweise ausblenden. Es sollte nur um die Musik und die Show gehen. Ironischerweise brachte uns das Album sehr viel mehr Aufmerksamkeit als wir jemals gedacht hätten und auf einmal will jeder wissen, wer hinter der Band steckt. Diesbezüglich haben wir also versagt. Aber glücklicherweise sind die meisten Texte nach wie vor über unsere Musik, nicht über unsere Identität.

Aber euch muss doch klar sein, dass eure Identitäten früher oder später enthüllt werden. Ihr zieht immer größere Kreise, geht auf große Touren. Der Kreis der Eingeweihten wird mit jedem Tag größer oder nicht?
Ja, natürlich. Das ist uns auch bewusst. Aber bisher hat das gut funktioniert. Die Leute, die Bescheid wissen, fühlen sich besser dadurch, etwas zu wissen, was sonst kaum jemand weiß. Das gibt ihnen ein besseres Gefühl als es weiterzuerzählen. Komplett anonym kann man in der Musikindustrie nicht arbeiten. Es gibt immer jemanden, den du nach einem Glas Wasser fragen musst. Also wird es auch immer Leute geben, die wissen, wer hinter der Band steckt. Und ja, das wird irgendwann weitere Kreise ziehen. Aber wir werden uns diesbezüglich niemals formal erklären, also ist die Atmosphäre noch intakt und es würde nicht das Ende der Band bedeuten.

Um eure Identitäten zu verhüllen, habt ihr euch verkleidet. Fünf dunkle, einheitlich gekleidete Ghouls und ein Fronter im Papst-Outfit. Warum dieses Image?
Wir spielen mit religiösem Symbolismus. Der Vatikan ist sehr mächtig in der gesamten westlichen Welt. Er verbreitet Schrecken seit Jahrhunderten. Selbst überzeugte Atheisten haben meist viel Respekt vor einer Persönlichkeit wie dem Papst. Das passte gut in unser Konzept, denn wir verspotten diesen traurigen Versuch der Menschen, eine Form von Göttlichkeit zu erreichen. Der Papst verkörpert das ideal. Man gewöhnt sich dran, in diesen Outfits zu spielen. Es ist wie ein seltsames Ritual, das viel Spaß, aber auch sehr einsam macht. Denn während der Show sieht man nicht viel und wir sprechen nicht miteinander auf der Bühne. Eine einsame Erfahrung ist das.

Die meisten Bands, die antireligiös und satanisch sind, wählen den Black Metal als Ausdrucksform. Ihr habt euch dem okkulten Rock und Dunkel-Doom-Pop verschrieben. Wieso dieser Stil?
Weil er mehr Leute berührt. Warum sollte satanische Musik krachig und unzugänglich sein? Die Musik mit einer wirklich misanthropischen Message, das ist nicht der Black Metal, sondern der Rock‘n‘Roll und der Pop. All diese antihumanistischen Themen, all das, was die christlichen Wertvorstellungen untergräbt, wie: Krieg keine Kinder, denk nur an dich selbst, stirb jung, fick dich durch die Gegend, das wird von der Popkultur sehr viel eher gelebt. Das ist böse. Das ist misanthropisch.  Die großen Anführer misanthropischer Musik waren Elvis Presley, die Beatles und neuerdings Lady Gaga. Sie lebt das Untergraben konservativer Moralvorstellungen offen aus und erreicht damit mehr Menschen als es alle Black-Metal-Bands zusammen tun.

Nicht mit Lady Gaga, aber immerhin mit den überaus populären In Flames werdet ihr im Herbst auf Tour gehen. Was ist das Ziel eurer Reise? Das Rockstartum?
Auf gewisse Art und Weise, ja. Allerdings kannst du mir glauben, dass man wenig Groupies abbekommt, wenn man anonym bleibt. Wir spielen solche Tourneen, weil sie unserem langfristigen Ziel dienen: eine große Produktion und Show aufzufahren. Das benötigt eine größere Bühne. Wir wollen später einmal abendfüllende Shows darbieten, die viel Tiefgang und Dramaturgie haben. Um dorthin zu kommen, brauchen wir größere Bühnen, mehr Fans, mehr Albenverkäufe. Deswegen gehen wir mit Bands wie In Flames auf Tour: Wir wollen neue Fans anziehen. Selbst wenn es nur 10 Prozent der Anwesenden mögen, ist das mehr, als wenn wir im Alleingang losziehen würden.

Und was danach? Ein zweites Album?
Ja. Viel kann ich dazu nicht sagen, nur: die Songs stehen fast alle schon, das Konzept stand schon während des ersten Albums und es wird erneut auf Rise Above erscheinen. Auf dem ersten Album geht es auf der B-Seite um die Geburt des Antichristen: bei „Death Knell“ wird die Nonne geschwängert, in „Prime Mover“ wächst der Fötus in ihr heran und in „Genesis“ wird er geboren. Dort endet das erste Album. Und dort wird das zweite Album weiter machen: beim Aufstieg des Antichristen.

www.ghost-official.com

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