Outlaw-Thrasher mit Zero Money
Gegen den Strom: Seit seinen Jugendtagen gibt sich Joel Grind seinem post-apokalyptischen Thrash hin. Der Geschmack der restlichen Welt interessiert den Vinyl-Sammler nicht. Mit TOXIC HOLOCAUST hat der aus Portland stammende Einzelgänger das ideale Vehikel für seine musikalische Retro-Visionen gefunden. Im Interview spricht Joel darüber, wie es ist, als wirkliche Band zu arbeiten, warum er mit Label weniger Geld verdient als ohne und warum die Band temporär ein neues Logo hat.
Text: Dorian Gorr | Fotos: J. Robbilard
Toxic Holocaust haben es nicht leicht. Während in Deutschland die Retro-Thrash-Welle tobt, steht bei den amerikanischen Teenagern überwiegend moderne Mucke auf dem Spielplan. Deathcore, Metalcore, moderner Death Metal. Musik, mit der Joel Grind, Bandgründer und lange Zeit einziges Mitglied von Toxic Holocaust, nichts anfangen kann. Schlechte Laune hat er dennoch nicht. Toxic Holocaust sind gerade zurück von ein paar Shows an der Ostküste.
„Zu unseren Shows kommen immerhin zwischen 300 und 500 Leuten. Wir haben Glück, dass wir uns in all den Jahren einen Fankreis erspielt haben. Zum Teil kommen auch Punk-Fans zu uns, das sind nicht alles Thrasher.“
Und selbst wenn es nur 50 Zuschauer jeden Abend wären, den eigenen Sound anzupassen, käme für Joel und Toxic Holocaust niemals in Frage. Old-School-Thrash mit einer Prise Black Metal und einer rotzigen Note Punk, dafür steht die Band aus Portland seit jeher. Und damit sind sie in den USA weitgehend Außenseiter. Entsprechend dauerte es, bis Joel Musiker fand, die würdig, erfahren und fokussiert genug waren, dass man Toxic Holocaust in den Status einer richtigen Band erheben konnte. Mittlerweile hat Joel das Einzelprojekt-Dasein seit drei Jahren hinter sich gelassen. Sehr zu seiner Begeisterung, wie er auskunftsfreudig zu Protokoll gibt.
„Ich möchte das nicht mehr missen. Ich kann mich viel mehr aufs Songwriting konzentrieren und verbringe weniger Zeit mit den Aufnahmen. Früher musste ich ja jedes Instrument selbst einspielen, das hat mich immer viel Zeit gekostet. Zumal ich kein besonders guter Drummer bin. Ich kann ein paar Beats spielen, aber ich bin selten in der Lage, die Dinge, die ich im Kopf habe, dann auch genau so umzusetzen“, erklärt der Blondschopf.
Umso wichtiger war es für ihn, möglichst schnell einen festen Drummer zu finden, der seine Visionen umsetzen konnte. Allerdings gestaltete sich ironischerweise gerade die Verpflichtung eines guten Drummers als schwierigster Schachzug. Al Chambers war der erste Drummer, den Toxic Holocaust verpflichten konnten, der aber nach nur einem Jahr wieder ausstieg.
„Al hatte genug mit seiner Band Zeke zu tun. Und der Lebensstil von Toxic Holocaust passte nicht zu ihm. Der ist um die 40, da hat man keinen Bock mehr, acht Monate des Jahres in einem Van herumzureisen. Mir macht das noch immer Spaß, aber ewig werde ich das auch nicht können. Irgendwann muss man sich etwas einfallen lassen.“
Doch was das sein soll, weiß Joel nicht. Derzeit ist das Touren die einzige Möglichkeit, um sich mit Toxic Holocaust über Wasser zu halten. Und trotzdem mache die Band „zero money“. Daran hat sich auch durch den Vertrag mit Relapse Records nichts geändert. Ganz im Gegenteil. „Es ist ironisch, aber als ich noch alles selbst machte und die Alben im Alleingang herausbrachte, machte ich mehr Geld mit Toxic Holocaust. Es müssen mittlerweile einfach viel mehr Leute bezahlt werden. Aber es hören ja nicht unbedingt mehr Leute unsere Musik.“
Mehr Arbeit, weniger Geld
Das wirft die Frage auf: Wozu brauchen Bands im Allgemeinen, und Toxic Holocaust im Speziellen, überhaupt noch Plattenfirmen, die die Musik für sie veröffentlichen und vertreiben? „Ich glaube auch, dass ein Label nicht unbedingt wichtig ist. Ich habe Toxic Holocaust komplett im Alleingang aufgebaut. Aber ab einem gewissen Grad will man sich nicht um all die Business-Scheiße kümmern. Wenn man jeden Tag Sachen verschickt, das Booking macht, sich um jeden einzelnen Aspekt der Band eigenhändig kümmern muss, dann hält einen das vom Wesentlichen ab: der Musik“, begründet Joel die Wahl, nach Jahren des Einzelgängerdaseins bei Relapse Records zu unterschreiben.
Es hat sich viel gewandelt im Hause Toxic Holocaust. Man könnte fast sagen: die ehemalige Rotznase des Black-Thrashs ist erwachsen geworden. Eine renommierte Firma im Rücken, weitere Musiker an der Flanke und sogar ein neues visuelles Cover-Konzept, das nichts mehr mit den grellen Artworks vorheriger Alben gemein hat, inklusive neuem Logo. Eine Entscheidung, die in der Fangemeinde für Unmut sorgte. Joel beschwichtigt: „Das ist kein dauerhafter Wandel. Auf der nächsten Scheibe wird das wieder ganz anders aussehen. Die Scheibe ist aber düsterer als die vorherigen Alben, das sollte auch visuell zum Ausdruck gebracht werden. Das Cover ist in schwarz-weiß gehalten. Richtig Old-School. Es zeigt die griechische Götting Hekate, die Tote zum Leben erwecken sollte. Das ist richtig finsteres Zeug. Jedenfalls hätte das grelle, futuristische Toxic-Logo nicht zu diesem Artwork gepasst. Lustig war es aber schon, wie sehr sich die Leute online darüber ausgekotzt haben.“
Das Aushängeschild
Etwas hat sich jedoch nicht geändert: all dem Wandel zum Trotz ist und bleibt Joel Grind nach wie vor einziges Aushängeschild der Outlaw-Thrasher. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man sich die aktuellen Promobilder anschaut, auf denen seine beiden Musikerkollegen nicht zu sehen sind. Übertriebener Hang zur Selbstdarstellung? Joel lacht. „Nein, nein. Das hatte ganz andere Gründe. Als es in die heiße Phase des neuen Albums ging, hatten wir noch immer keine neuen Bandshots, aber mittlerweile hatte ich einige Interviews gegeben und die Presse fragte nach Promobildern. Mir und Relapse Records war klar, dass wir keinesfalls die bunten Bilder der letzten Platte nehmen konnten. Die passten einfach nicht zur roheren Ausrichtung der neuen Scheibe.“ Neue Bandfotos mussten also her. Allerdings tat sich ein Problem auf: die anderen Jungs wohnen bis zu sechs Flugstunden weit entfernt. „Ich kannte einen Fotografen, der schnell ein paar neue Fotos von mir machte. Wir werden noch richtige Bandfotos nachliefern, aber vorerst mussten die Shots von mir genügen.“









