Festivalbericht: Summer Breeze – “Metal-Hochburg im Süden”
Metal-Hochburg im Süden
Mitte August und es ist wieder Zeit für eine sommerliche Brise Metal. Das Summer Breeze wartet wie jedes Jahr mit einer guten bis fast schon zu gemischten Mischung aus sehr vielen Rock- und Metalbereichen auf. Dieses Jahr u.a. mit HammerFall, In Extremo und Bolt Thrower. Der Metal Mirror war da, um sich ein Bild zu machen.
Text: Elvis Dolff & Christoph Sperber
Fotos: SummerBreeze
Nachdem sich einige lokale Bands im „New Blood Award Contest“ gemessen haben, geht es am Mittwoch auch schon mit den ersten Leckerbissen los, wozu sich auch schon massig Fans eingefunden haben. So als erstes aus dem mittleren Osten: Melechesh, die gekonnt und überzeugend ihre Form des Black Metals präsentieren. Nicht nur, dass deren Kompositionen mit vertrackten Melodien und östlichen Elementen dem Ohr eine interessante Abwechslung bieten, nein – den Kerlen nimmt man den Black Metal auch mehr ab als ihren europäischen Verwandten in der Gattung der Pandabären.
Mit Destruction kommt eine der für das Konzert angesagten deutschen Thrash-Größen zum Zuge. Ein wenig fehlt Schmier & Co aber leider die Energie. Trotz allem lassen sich Klassiker wie „Nailed To The Cross“ wunderbar abfeiern. Vader sorgen im Anschluss für die nötige Portion tödliche, polnische Nackenbrecher. Mit starkem Set und dem abschließenden Cover-Medley wissen sie das immer noch zahlreiche Publikum zu überzeugen. Nachdem der polnische Panzer das Schlachtfeld verlassen hat, trumpft zu später Stunde noch die britische Heavy-Fraktion von Hell auf. Mit Nosferatu am Bass, Jesus mit Alu-Dornenkrone am Gesang und fast einwandfreier Gitarren-Wipp-Choreographie sind die Jungs zumindest um jeden Show-Effekt bemüht. Musikalisch kommt da leider nicht so viel.
Donnerstag: Zahnschmerzen
Den Donnerstag eröffnen auf der Party-Stage die Hannoveraner Thrasher Cripper. Die Band um Frontröhre Britta Görtz weiß den Opener-Slot sinnvoll zu nutzen und das Publikum aufzuwecken. Starke Band! Überraschend mitreißend sind darauf The Haunted. Wenn sie auch nicht mehr die Jüngsten sind, schaffen sie es doch, einfach Metal zu zelebrieren. So mancher Metaller lässt sich davon mitreißen, ein bisschen des guten alten Göteborger-Sounds zu hören.
Im Anschluss wird es schwarz auf der Party Stage. Nach einem soliden Auftritt der Black-Metal-Hoffnung Der Weg Einer Freiheit, die aber auf Platte mehr überzeugen können, starten Vreid durch. Die Songs grooven und „Speak, Goddammit“ oder auch die älteren Songs wissen die Fans zu greifen. Leider ist der Sound live oft nicht so clean und simpel wie auf der Platte, wo gerade das den Groove ausmacht. Auf der Main Stage gibt’s im Anschluss eins der ersten Highlights des Festivals: Die Kalifornier Suicidal Tendencies wissen das Publikum mit einer ihrer seltenen Audienzen umzuhauen. Von „Join The Army“, „Possessed To Skate“, „You Can’t Bring Me Down“ bis zu „Institutionalised” – egal, die Bühnenpräsenz der Jungs ist einfach nur unschlagbar. Jedem Fan wird hier ein kurzer, aber umso besserer musikalischer Orgasmus geschenkt.
Mit der aufkommenden Dämmerung spielen Arch Enemy auf. Angela Gossow teilt ihr Leid mit ihrer Community und kündigt an, dass jeder ihrer Schreie heute ernst gemeint sei, da sie Zahnschmerzen plagen. Der Auftritt wird begleitet von einer ungewöhnlich großen Pyroshow, die eher die Feuerwehr als einen Arzt auf den Plan ruft. Musikalisch gibt‘s hier keine Überraschungen.
Ordentlich gefüllt ist das Partyzelt, als Decapitated die Bühne stürmen und ihr Riffgewitter losbrechen lassen. Der Sound ist ordentlich druckvoll, die Musik ist es ohnehin und so wird einem hier einer der Aggressionshöhepunkte des Festivals geboten. Headliner des Donnerstags sind In Extremo. Wohl ein teurer Name, den man gekauft hat, um mehr Leute anzulocken. Denn wirklich auf ein Metal-Festival scheinen die nicht mehr zu passen. Ihre neuen Songs rangieren irgendwo zwischen Enttäuschung und Kopfschütteln. Trotzdem müssen davon einige runtergeträllert werden. Zudem wirkt die ganze Band nicht wirklich bei der Sache, kleine technische Probleme kommen hinzu und der Sänger gibt sich zu den ach-so-gefühlvollen Texten so künstlich und unemotional wie ein durchschnittlicher MTV-Popstar. Großer Höhepunkt des Konzerts scheint „Herr Mannelig“ zu sein, eines der wenigen älteren Stücke. Wer Mittelalterrock will, ist mit anderen Bands des Festivals weit besser bedient.
Freitag: Schweres Geschütz
Melodic-Death-Metal-Höhepunkt des Festivals sind die Finnen Kalmah. Geile Musik mit leichten Abstrichen im Sound. Dazu die provokanten Bemerkungen des Sängers über deutschen Fußball. Gibt es da irgendeine finnisch-deutsche Erbfeindschaft? Na ja, solange wir deren Musik haben stimmt alles!
Unpassend zum immer noch sonnig warmen Wetter ist der düstere Sound von Enslaved. Der ist im Großen und Ganzen gut, kann aber doch nicht so zünden wie erwartet und wirkt zu diesem Zeitpunkt vor diesem Publikum vielleicht etwas deplatziert. Stilistisch sehr exotisch zeigen sich Graveyard mit ihrem Sound, der in Richtung Black Sabbath oder Led Zeppelin geht. Geile Musik, die nur bei ein paar der Besucher wirklich ankommt. Auffallend ist der total genervte Sänger, der wohl gerne überall wäre, nur nicht auf dem Summer Breeze. Ein bisschen mehr Spaß täte der Sache sicher gut.
Während psychedelische Klänge das Party-Stage-Publikum in Sicherheit wiegen, walzt mehr oder minder frontal der fette Bolt-Thrower-Panzer das Main-Stage-Publikum nieder. Legendär wie diese Band ihren eigenen Status in der Szene hält und wie die musikalische Kriegsmaschinerie jeden einfach nur immer wieder umhaut. Mit „IV Crusade“, „Killchain“, „…For Victory“ oder „When Cannons Fade“ ja auch überhaupt kein Wunder. Ein weiteres Highlight im Kampf um die beste Band – auch wenn Bolt Thrower unfairerweise immer die schwersten Geschütze auffahren. Neaera haben schon vor zwei Jahren einen gewissen Legendenstatus mit ihrer Show auf dem Breeze erreicht. Mit dem jetzigen Auftritt wird der Status noch ein ganzes Stück weiter ausgebaut. Voller Energie gehen die Jungs ab und animieren das Publikum zu einem Circle Pit durch das ganze Zelt. Nur ein paar Klassiker fehlen.
Der nächste Headliner steht an: Hammerfall. Und auch wenn die Band die Gemüter spaltet, versammelt sich eine ganze Meute vor der Hauptbühne – ob zum Veralbern oder Mitgrölen. Der Auftritt flattert jedenfalls recht unspektakulär vorbei. „Heeding The Call“, „Hammerfall“, „Hearts On Fire“ oder „Let The Hammer Fall“ sind aber zumindest Songs, die auch Nicht-Hammerfäller kennen und gebührend mitgrölen. Gut, solide, aber unberauschend. Für Fans von Kataklysm gibt es dieses Jahr eine hübsche Überraschung: Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums wird eine DVD aufgenommen, teils mit Songs, die bisher noch nie gespielt wurden. Dazu gibt es eine große 20 aus Wunderkerzen. Toll! Und beim Publikum kommt das „Hypergeblaste“ auch ganz gut an – trotz einiger technischer Probleme.
Relativ spät finden sich doch noch einige gefallene Krieger zum Einherjer-Gig im Zelt ein. Die Band, die nach einigen Jahren Abstinenz und mutmaßlichem Aufenthalt in Valhall zurückgekehrt ist, spielt überwiegend Songs ihrer neuen Platte, weiß aber mit ihrem Viking Metal nicht allzu viele Hörnerschwinger mitzureißen.
Samstag: Alles Gitarristen
As I Lay Dying gehören klar zu den Bands, die die Massen mitreißen können und bleiben damit schon fast hinter den Erwartungen zurück. Was trotzdem heißt, dass das Breeze ordentlich zu kochen anfängt. Vielleicht hätten ein paar mehr alte Songs noch etwas mehr rauskitzeln können, als super Liveband demonstrieren sie sich aber auch so.
„Der nächste Song geht raus an all die Gitarristen.“ Diese Ansage sagt alles – willkommen zu Obscura! Mit neuem Bassisten (noch etwas unsicher wirkend) wird die musikalisch-technische Extreme des Breeze definiert. Und richtig gut scheint das bei den ersten Reihen anzukommen. Wahrscheinlich alles Gitarristen… Sonst auch geil, aber wohl zu komplex für den Sound eines Festivals und die Ohren alkoholgeschwängerter Besucher.
Ähnlich komplex schallen die Berliner The Ocean ihren aggressiven Post-Metal-Sound in Richtung Publikum. Ihre Kombination aus sphärischen Klangwänden und Hardcore-esken Ausbrüchen und starken Melodie-Passagen wirken wundervoll verstörend bis markerschütternd mitreißend. Ein Gefühlsausbruch jagt den nächsten. Sehr stark!
Nach dem ganzen Trubel um Nightwish ist es interessant zu sehen, wie sich Tarja denn so mit ihrer neuen Truppe macht. An den Charme der wilden Musiker vor Nightwish reichen sie nicht annähernd heran. Was sich um Tarja schart, sind ein paar gute Musiker, die aber viel zu steif wirken. Und Tarja selbst? Ist nicht wirklich in Bestform und wirkt etwas künstlich. Und dann der Höhepunkt: ein Kerl kommt auf die Bühne und hält eine kurze abgelesene Rede über Tarja und sie erhält eine Urkunde oder etwas Ähnliches. In jedem Fall nervt das Rumgelaber und Tarjas I-Love-Yous. Da hätte man mehr Musik machen können.
Danach: wunderschönes Kontrastprogramm, wieder ein deutsches Thrash-Urgestein. „Free Fire Zone with my M-16!“ – manch einem scheinen Sodom nicht wirklich zu gefallen, eine geile Show kriegen sie aber trotz allem noch locker zu Stande. Mit Onkel Tom wirkt alles sehr lässig, es gibt Kommentare zu Fußball, Thrash-Klassiker und das Gelände ist bis hinten durch besetzt.
Den letzten Deutschland-Gig überhaupt spielen heute die Niederländer God Dethroned. Mit Songs wie „Serpent King“, „Poison Fog“ oder „Storm Of Steel“, kombiniert mit der erstmals live gespielten Nummer „Soul Capture 1562“ und dem mehr als symbolischen Abschlusssong „Under The Sign Of The Iron Cross“ gelingt auch der Abschied vom deutschen Publikum. Das Interesse aber hält sich in Grenzen für das oft im Schatten gestandene Stiefkind der Death-Metal-Szene. Ein Abschluss-Gig hätte ein größeres Publikum verdient gehabt.
Ein in jedem Fall noch einsatzwilligeres, wenn auch definitiv dezimierteres Publikum können hingegen die Schweden Vomitory auf den Plan rufen. Hier werden bei vielen noch einmal die letzten Reserven mobilisiert. Starker Gig, mitreißende Show zu später Stunde und ein würdig-brutaler Abschluss des 2011er Summer Breezes.
Zurück bleibt der Eindruck, ein starkes Festival besucht zu haben, dass aber immer größer zu werden scheint und dadurch langsam weniger Spaß macht – besonders wenn man auf Camping-Platz N zelten muss: „N wie N-ter dem Wald“. Das hat schon Ansätze von Wacken-Dimensionen. Soll es da wirklich hingehen?



