Interview: Edguy – “Uncoole Superheroes”

Uncoole Superheroes

Mitinitiatoren des Power-Metal-Revivals Ende der 90er Jahre, deutscher Metal-Exportschlager Nummer 1 und Chartstürmer. All das sind Errungenschaften, die sich EDGUY in der Vergangenheit auf die Flagge schreiben konnten. Heute jedoch weiß Mastermind Tobias Sammet zu berichten, dass es in den jüngst vergangenen Jahren nicht mehr ganz so hip ist, Edguy zu sein und begründet ebenso schlüssig wie unbescheiden, dass ihn und seine Mannen das nicht im Geringsten juckt. Denn es ist eben nichts toller als Edguy zu sein.

Text: Miriam Görge | Fotos: Nuclear Blast

Was immer man Bandchef Tobias Sammet vorwerfen möchte, übermäßige Bescheidenheit ist es höchstwahrscheinlich nicht. So ist es wenig verwunderlich, dass man in der Edguy-Zentrale mehr als zufrieden zurück und besonders hinsichtlich des neuen Albums „Age Of The Joker“ nach vorne schaut. „Das Album ist so bunt, jeder Song hat auf andere Art und Weise seine individuellen Stärken und viele Elemente sind sehr untypisch für uns. Gerade das macht es für einen Künstler sehr spannend. Es ist einfach, neue Farbe ins Spiel zu bringen und völlig von dem wegzugehen, was man früher gemacht hat, aber das wollen wir nicht. Ich habe bei dieser neuen Platte das Gefühl, dass es unglaublich ist, wie eine Platte trotz so einer Vielfalt derart extrem nach Edguy klingen kann. Das ist das Ultimative, was man als Band erreichen kann.“ Und wenn es schon kein anderer tut, dann schlägt man sich eben selbst zum Ritter, denn viele Bands gibt es Tobias’ Ansicht nach nicht, die von sich behaupten können, einen unverkennbar eigenen Sound mit immens großer Vielseitigkeit zu vereinen.

Selbstbewusster Joker
Derlei Aussagen mögen so manchen Kritiker schnell zum Phrasendrescher werden lassen und im Hinterkopf hallen die Worte „Eigenlob stinkt“ nach. Riecht man hier etwa Arroganz? Mitnichten, auch wenn Tobi selten müde wird, sich am Schaffen von Edguy zu erfreuen. „Ich gehe einfach noch heute mit einer Unbedarftheit an alles ran und sage Dinge aus einer gewissen Echtheit heraus. Ich mache mir da auch nicht so viele Gedanken und lasse mir keinen Maulkorb anbinden. Aber ich weiß, dass wir sehr gut sind. Diese Überzeugung habe ich schon immer gehabt. Wir haben Außergewöhnliches geleistet und auch sehr viel Glück in unserer Karriere gehabt. Die Zeit, mir deshalb den ganzen Tag auf die Schulter zu klopfen, habe ich allerdings nicht und ich sitze auch nicht hier und denke mir „meine Fresse, bist du ein geiler Hecht“. Würdest du in meinem Freundeskreis fragen, käme niemand auf die Idee, mich als arrogant zu bezeichnen. Vieles von dem „auf die Kacke hauen“ ist Teil der Show und ich parodiere einfach den Prototypen des Rockstars. Das ist nicht alles bierernst.“ Also alles halb so wild und schließlich wurden die Hofnarren bereits im Mittelalter dafür bezahlt, anderen Laune zu bereiten. Als Spaßmacher der Saison eckt man vermutlich zwangsweise einfach mal an und wer den Hohn hat, braucht ja bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen.

Schatten der Vergangenheit?
Mangelnde Bescheidenheit ist jedoch nicht der einzige Vorwurf, mit dem sich die Band konfrontiert sieht. Hier und da grassieren Gerüchte, im Hause Edguy hätte man gar keinen Bock mehr auf die Klänge der alten Tage. Das möchte Tobi nicht unterschreiben: „Eigentlich bin ich sehr zufrieden mit unserer Diskographie. Klar würde ich heute viele Sachen anders machen, aber eine Platte wie die „Kingdom Of Madness“ musste einfach so klingen, damit wir eine „Vain Glory Opera“ machen konnten. Das gilt im Grunde für jedes Album und ich kann auch heute bei den alten Sachen noch viele gute Momente und Ideen ausmachen, auch wenn sie dem Sammet von heute so nicht mehr in den Sinn kommen würden. Jeder einzelne Fehler, der gemacht wurde, war wichtig und notwendig, um zu dem zu werden, was wir heute sind. “ Gesetzt den Fall es käme zu einer Invasion von Außerirdischen, die unwahrscheinlicherweise noch dazu Interesse daran hätten, einen repräsentativen Song des Quintetts zu hören – ja, scheinbar wird Edguy diese Frage häufig gestellt (gottlob nicht von mir), was Tobi immer wieder zum Schmunzeln bringt, da sich ihm deren Sinn nicht so sehr offenbaren möchte – würde heuer die Wahl auf ein Stück vom neuen Album fallen, was in Augen des Fronters jedoch nur allzu natürlich ist. „Sicher, wir sind sehr überzeugt von der „Age Of The Joker“ und werden auch viele Songs auf der kommenden Tour spielen, andere Sachen gehören jedoch genauso dazu und wollen von unseren Fans gehört werden.“

Die Qual der Wahl
Wie die Setlist auf der kommenden Tour aussehen wird, steht noch nicht fest. Seit Jahren haben Edguy keine Headliner-Tour mehr gespielt und freuen sich umso mehr darauf. Welche alten Songs dazu ausgekramt werden, die es vielleicht live schon länger nicht mehr zu hören gab, ist eine diffizile Geschichte. „So ein Entscheidungsfindungsprozess wird von Album zu Album nicht leichter.“ Lachend fügt Tobi hinzu: „Besonders dann nicht, wenn du nur gute Platten machst. Wenn man schlechte Alben machen würde, hätte man einen großen Vorteil.“

Ja, es ist nicht leicht talentiert zu sein und jedem einzelnen Fan kann man es sowieso nicht recht machen. Zumal das Edguy-Publikum inzwischen fast so bunt ist wie das neue Album. Von einem Internetpoll, um die Fans am Entscheidungsfindungsprozess teilnehmen zu lassen, hält Tobias nichts. „Im Ansatz ist das ja keine schlechte Idee, aber wie repräsentativ ist so etwas? Schau dir allein die Reaktion bei der Bild-Online Umfrage bezüglich zu Guttenbergs Abgang damals an. Das spiegelt nie und nimmer die allgemeine Meinung wider. Außerdem glaube ich, dass ein großer Teil unserer Fans nicht mal regelmäßig das Internet benutzt, was ich im Übrigen sehr sympathisch finde!“

Die Dramaturgie, welcher es für ein gelungenes Konzert bedarf, wollen Edguy selbst schmieden, schließlich wissen sie selbst besser, wie die Fans auf welche Songs reagieren.

In der Erfolgsachterbahn

„King Of Fools“ rief damals derart große Begeisterung hervor, dass einem Edguy irgendwann aus einer TV-Chart-Show entgegenlächelten. Und plötzlich hatten die Fulderaner ein neues Prädikat: Chartmucke. Tobi nimmt diesem Stempel spielend den Wind aus den Segeln: „Ich finde das witzig, wenn Leute immer wieder per se von Chartmucke reden. Was ist das denn? Judas Priest, Slayer? Oder nimm als Beispiel Iron Maiden. Die könnten sich auf den Kopf stellen und würden trotzdem in den Charts landen. Die sind ein Spiegel dessen, was die Leute hören wollen und zeigen, dass du als Band viele Fans hast. Aber das ändert ja nichts an deiner Musik. Du hast als Künstler ja gar keinen Einfluss darauf und kannst schlecht sagen, dass du von Media Control nicht gewertet werden möchtest.“

Ob „Age Of The Joker“ die Charts stürmt, ist ungewiss und egal. Das Medieninteresse an Edguy hat in den vergangenen sechs Jahren nach Sammets Empfinden eh nachgelassen. „Damals beim großen Heavy-Metal-Revival hat sich die Presse überschlagen, heute ist das alles ziemlich abgeflacht und wir sind inzwischen ziemlich uncool. Da gibt es andere Bands und eine andere Art von Musik, die gerade gefeiert wird. Wir warten jetzt einfach bis die Bands, die momentan im Fokus stehen, ihre zwei erfolgreichen Alben durch haben und dann ist das Thema wieder gegessen, die gehen zurück an die Wursttheke und dann sind vielleicht wir wieder im Fokus. Das ist alles nicht so wichtig. Wenn du, wie auf unserer Tour mit den Scorpions, vor einem Publikum bestehen kannst, was dich eigentlich gar nicht sehen will, weil du dein eigenes Ding durchziehst, dann ist es völlig irrelevant, ob du gerade der letzte Schrei bist oder nicht.“ In Tinnitus Sanctus Amen.

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