Interview: Armored Saint

Interview mit Armored Saint | Joey Vera

Viva La Raza

Nach zehn Jahren hatte wohl keiner mehr damit gerechnet, dass sich ARMORED SAINT noch einmal zurückmelden würden. Doch Totgesagte leben länger: Mit „La Raza“ meldet sich die Band um das Gespann John Bush und Joey Vera zurück. Im Interview erzählt Bassist Joey über die Entwicklung eines Albums, das eigentlich aus dem Nichts entstand.

Text: Dorian Gorr | Fotos: Metal Blade

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Im Jahr 2000 war gerade das Millenium angebrochen, viele Social-Media-Dienste gab es noch nicht, wichtige Szenebands fristeten noch ein Dasein als optimistische Garagen-Rocker und Armored Saint standen gerade mit „Revelation“ in den Startlöchern. In den vergangenen zehn Jahren ist viel geschehen, doch mit einem Nachfolger war nie wirklich zu rechnen. Und es machte auch nichts. Die Fans waren langes Warten gewohnt. Schon auf „Revelation“ hatten die Anhänger der Band aus Los Angeles fast zehn Jahre warten müssen. Wer die Karriere des Joey Vera ein bisschen verfolgt hat, wird jedoch wissen, dass dieser in den vergangenen Jahren nicht ganz untätig war, sondern auf verschiedenen Hochzeiten tanzte.

„Es kam mir nie so vor, dass ein langer Leerlauf bei uns bestand“, denkt Joey scheinbar laut nach. „Wir spielten ab 2001 diverse Shows, um das Album zu promoten, tourten durch Großbritannien und waren auf einigen europäischen Festivals, auch in Deutschland, vertreten. 2002 ging John zurück zu Anthrax, ich wiederum erneuerte mein Interesse für Faith No More. Mit denen wurden auch neue Alben veröffentlicht und ich ging viel auf Tour. Weiterhin nahm ich an einigen anderen Alben teil. Ich spielte bei Tribe After Tribe und habe mein zweites Soloalbum unter dem Projektnamen A Chinese Firedrill herausgebracht. Außerdem war ich selbst ein Jahr in Anthrax. Du siehst: Es war irgendwie nie Zeit für Armored Saint vorhanden“, legt Joey anschaulich dar.

Als man schließlich über ein neues Album hätte sprechen können, kam dem nie geplanten Vorhaben ein weiteres Problem in die Quere: John Bush verließ Anthrax (oder musste Anthrax verlassen, damit diese ihre Reunion mit Joey Belladonna feiern konnten) und beschloss, sich fortan aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen.

„Das war keine Entscheidung für immer. Das war uns allen schon klar. John braucht Musik. Aber in dem Moment stand ihm der Sinn eher danach, eine Familie zu gründen. Für ihn machte es keinen Sinn, sich direkt wieder an anderer Stelle auszutoben.“

Blut geleckt
Doch wie Joey schon sagt: Ein John Bush, der einst Metallicas Angebot ablehnte, deren dauerhafter Sänger zu werden, braucht die Musik. Und vielleicht braucht die Musik auch ihn. In einer Zeit, in der mehr Musik denn je produziert wird, braucht die Musikbranche Stimmen, die charakteristisch sind. Und, fernab davon ob man Johns Stimme mag oder nicht: Charakteristisch ist sie, die Stimme des glatzköpfigen Sängers, der schließlich wieder Blut leckte, als Joey ihm ein paar Songs vorspielte.

„Es war keine bewusste Entscheidung, wieder ein Armored-Saint-Album zu machen. John und ich sind seit vielen Jahren sehr enge Freunde, unabhängig davon, ob wir gemeinsam Musik machen oder nicht. Als wir irgendwann 2008 mal wieder zusammen abhingen, zeigte ich ihm ein paar Songideen, die ich kurz zuvor geschrieben hatte. Er hörte sie und steuerte sofort eigene Ideen bei. Diese Art der Zusammenarbeit bei uns ist absolut organisch. Ich merkte, dass seine Kreativität brodelte, also beschlossen wir, dass wir einfach Spaß haben wollen und ein paar Songs zusammen komponieren. Dabei ging es aber noch lange nicht um Armored Saint“, plaudert Joey über den Entstehungsverlauf von „La Raza“.

Nachdem sie aus Spaß vier Songs geschrieben hatten, beschlossen die beiden, dass sie daran wieder so viel Gefallen gefunden hatten, dass sie gemeinsam ein Album aufnehmen wollten.

„Zuerst dachten wir daran, ein neues Projekt zu gründen. Dann wurde uns allerdings klar: Wenn John Bush singt und ich daran beteiligt bin, wird es eh jeder mit Armored Saint vergleichen, also können wir es auch gleich unter diesem Namen herausbringen“, so Joey.

Gesagt, getan. Die anderen Mitglieder waren ebenfalls Feuer und Flamme. Dass die weiteren Songs mit dem Hintergedanken entstanden, dass sie der Inhalt des nächsten Albums von Armored Saint sein würden, hätte einen kleinen, aber vorhandenen Einfluss gehabt.

„Unsere ersten Songs waren stärker am Blues-Rock orientiert, die kann man auf dem Album noch leicht identifizieren. Es kann aber durchaus sein, dass durch den Gedanken, dass wir wieder Musik für Armored Saint schreiben, die härtere Schlagseite auf dem Album stärker zur Geltung kam“, mutmaßt der Bassist mit dem Irokesen. „Allgemein fühle ich mich aber nicht dazu verpflichtet, eine bestimmte Mindestmenge Heavy Metal einzubinden. Wichtig ist nur, dass die Gitarren und Drums fett produziert  sind. Der Sound muss Druck haben. Außerdem muss John singen. Ab dann ist es ein würdiges Armored-Saint-Album.“

Und ein würdiges neues Album ist „La Raza“ geworden. Bleibt nur zu hoffen, dass die Anhänger der Truppe nicht erneut zehn Jahre warten müssen, bis es die nächste Scheibe der Band gibt.
www.armoredsaint.com

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