Der Kampf gegen die Metal-Verräter
Alle Jahre wieder: DARKTHRONE veröffentlichen seit ihren Anfangstagen in beinahe taktgenauen Abständen neue Alben. Auf „Circle The Wagons“ hat sich die Band erneut ihrem ureigenen Mix aus Punk, Speed Metal und Black-Metal-Einflüssen verschrieben. METAL MIRROR sprach mit der verschrobensten Musiker-Ikone, die Norwegen zu bieten hat: Gylve „Fenriz“ Nagell, den Mann aus den Wäldern.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Peaceville & Darkthrone
Fenriz, lass mich dir abermals gratulieren zu einem weiteren, unkonventionellem Album, das Black-Metal-Wurzeln und Punk in einem wüsten Mix vereint. Du und Nocturno Culto, ihr werdet einfach nicht müde, weitere Songs zu schreiben oder?
In meinen Augen hat das, was wir auf dem Album abliefern, in keinem Part etwas mit Black Metal zu tun. Ich ordne unsere Mucke mehr im Heavy Metal, Speed Metal und NWOBHM-Punk ein. In diese Richtung werden wir uns auch weiterhin entwickeln. Aber in der Tat haben wir durchgehend neue Ideen. Aber im Jahr vier oder fünf Songs zu schreiben, kann man auch nicht unbedingt eine Dauerbelastung nennen. Ich habe im Zeitraum von 1993 bis 1996 elf oder zwölf Alben erschaffen, vier davon im Alleingang. Von daher: Ich bin ein ganz anderes Arbeitstempo gewöhnt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich heutzutage sehr viel länger an Songs arbeite als früher. Ich gehe das Zeug immer wieder durch und stelle sicher, dass es gut genug für Darkthrone ist – zumindest in meinen Augen. Heute kann man das eher Songwriting nennen. Früher haben wir einfach die fettesten Riffs genommen und sie aneinander geklebt.
Diesmal scheint der Albentitel eine wirkliche Message verbreiten zu wollen. Im Promotext sprichst du von Verrätern, die sich in der Domäne des Heavy Metals breit machen. Von welchen Bands oder Genres sprichst du da?
Die Verräter sind all die Produzenten, die den „modernen“ Sound in den Heavy Metal gebracht haben. Das geht zurück bis in die frühen Achtziger und dehnte sich dann in den späten Achtzigern auf den extremeren Metal aus. Ich habe das seit jeher bekämpft. Jeder der einen Click-Drum-Sound dem Drum-Sound der Siebziger vorzieht, betrügt die Seele des Heavy Metals. Die Leute haben selbst die Wahl, nur werden sie oft indirekt dazu gezwungen. Die Produzenten und die jungen Bands oder auch die alten Bands, die sich reformieren, haben jeden Bezug zu den Wurzeln verloren. Für die Produzenten ist das natürlich eine angenehme Arbeitsweise: Einen Plastiksound zu fabrizieren, ist einfacher für sie. Fickt sie alle!
Darf man aus diesem Statement ableiten, dass Heavy Metal im Underground bleiben sollte?
Nein, würde ich nicht so sehen. Es ist ganz simpel: Rohe Musik sollte einen rohen Sound haben. Heutzutage sieht die Landschaft aber anders aus: Die Hälfte aller sogenannten „Metal“-Releases klingen nach einem Stück Plastik und haben keine Seele. „Hound Dog“ von Elvis Presley klingt 10.000 Mal besser. Das müssen die Leute wieder verstehen. Die Kids müssen erkennen, dass es eine Alternative zu diesem Müll gibt. Hier müssen klare Statements, wie ich sie äußere, her. Nur so kann sich die Situation verbessern.
Siehst du Darkthrone trotz zahlreich verkaufter Platten als Under- oder als Overground-Act?
Underground bezeichnet für meine Begriffe einen bestimmten Sound, da der Overground sich selbst aussucht, was er repräsentieren möchte. Der Großteil von denen, die sich auf Hochglanzcovern präsentieren, stehen exemplarisch für den Verräter-Sound. In diesem Kontext sind wir mit Sicherheit eine Underground-Band. Ich repräsentiere den Underground. Mein Blog, durch den ich Wissen über hunderte von Bands verbreite, befasst sich nur mit dem Underground. Mich interessieren vor allem die Anfänge von Genres. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich eine neue musikalische Szene nämlich immer im Underground. Wenn dann all die Trittbrettfahrer auf den Zug aufspringen und seelenlose Kopien herausbringen, interessiert mich eine musikalische Szene meist schon lange nicht mehr. Eine Band, die wie Dimmu Borgir klingen möchte, deren Sound man für tausend Dollar in einem Plastik-Computer-Studio bekommen kann, aber nicht so viele Alben verkauft wie Dimmu Borgir, ist für meine Begriffe dennoch eine Overground-Band. Dabei geht es nicht um Verkäufe oder die Anzahl der Fans, es geht um die Einstellung. Autopsy haben beispielsweise viele Alben verkauft, sind aber dennoch bei ihrem typischen rohen Sound geblieben, sie haben die richtige Einstellung, eine Underground-Einstellung. Die Frage, die ich all den Gehirngewaschenen immer stelle, ist folgende: Warum sollte man überhaupt eine verzerrte Metal-Gitarre spielen, wenn man dann letztlich einen glatt gebügelten Plastiksound haben möchte? Das passt nicht zusammen.
Das sind durchaus harte Töne, die du anschlägst. Es ist aber doch auch problemlos möglich, dass der moderne und der rohe Metal nebeneinander koexistieren oder?
Natürlich ist das möglich. Das sehen wir ja derzeit. Die Metal-Welt ist unglaublich riesig, das ändert aber nichts an meiner Einstellung. Ich werde diese Hobbits auch weiterhin dissen und bekämpfen, wo immer ich kann.
Auf „Circle The Wagons“ macht ihr abermals keinen Schritt zurück zum True Norwegian Black Metal, ein Genre, das ihr mehr als die meisten anderen Bands geprägt habt. Fühlst du dich dieser Szene überhaupt noch verbunden?
Nein. Wir haben auch nie diesen typischen norwegischen Stil gespielt. Als wir uns True Norwegian Black Metal nannten, da meinte ich damit lediglich: Wir sind eine Black-Metal-Band aus Norwegen. Das war alles. Den norwegischen Stil haben nach uns Bands wie Burzum, Mayhem und Thorns praktiziert. Verbunden fühle ich mich dieser Szene nicht. Ich fühle mich eigentlich nur der Musik verbunden, die ich auch damals schon gehört habe. Eine repräsentative Auswahl habe ich auf meinem Old-School-Sampler veröffentlicht. Damals hatten die modernen Arschlöcher noch nicht den Black Metal überfallen. Ab 1994 ging es mit dieser Musik bergab. Einige wenige Bands, die seitdem erschienen sind und geile Musik machen heißen Old, Hellrealm, Faustcoven, Vomitor, Orcustus, Nattefrost und Teitanblood. Diese Bands spielen Musik, die so klingt, als sei sie irgendwann zwischen 1981 und 1991 aufgenommen.
Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass Darkthrone einen massiven Einfluss auf die Black-Metal-Welt hatten. Auf den vergangenen Alben habt ihr euch in eine ganz andere Richtung entwickelt. Siehst du hier abermals die Möglichkeit, dass viele Trittbrettfahrer folgen werden?
Ja, schon. Aber wir gehen eh nur unseren eigenen Weg. Bei Darkthrone existiert kein Plan. Wir reden nicht über eine Richtung. Nocturno und ich schreiben seit 1991 zusammen Songs, wir wissen immer, was der andere gerade musikalisch benötigt. So lässt sich auch erklären, dass wir derzeit nicht einen einzigen, festgelegten Stil spielen. Es ist ein Mix, der von so vielen Bands beeinflusst wurde, dass es die Trittbrettfahrer nie erahnen könnten, wohin es uns als nächstes verschlägt.
Ein anderes Thema: Wie du mit Sicherheit wissen wirst, ist Varg Vikernes neuerdings wieder auf freiem Fuß und hat ein neues Burzum-Album veröffentlicht. In den Neunzigern wart ihr gut befreundet, wie hast du all den Medienrummel um seine Freilassung erlebt?
Das einzige was ich wirklich bemerkenswert finde, ist dass sich 1993 niemand für mein Verhältnis zu Varg interessiert hat, heute stehen die Leute und vor allem die Journalisten aber Schlange. Wie die Klatschweiber. Mir hat das früher besser gefallen. Ich tratsche keine Gerüchte umher, mir geht es um Musik.
Hast du denn heute noch oder wieder Kontakt mit Varg?
Ja, wir stehen derzeit in Kontakt. Er meldete sich im Juni 2009 bei mir und seitdem haben wir immer wieder miteinander zu tun.
Was sagst du zu dem neuen Album?
„Belus“ ist großartig. Ich erkenne auf dem Album, dass er optimistisch ist und sich wieder auf die Dinge konzentrieren möchte, die wirklich etwas bedeuten, vor allem die Natur.
Vor einer Weile erschien eine CD, die sich „Engangsgrill“ nannte und neben einigen Aufnahmen von Nattefrost ein paar deiner alten Doom-Songs von Fenriz‘ Red Planet enthielt. Wie kam es dazu, dass dermaßen alte Songs heute veröffentlicht wurden?
Das ist eine lange Geschichte. Das Original-Tape wurde aufgenommen als Startschuss für ein gesamtes Doom-Metal-Album, das ich für Peaceville aufnehmen wollte. Allerdings stieß ich dann zu Valhall. Das war 1993. Und wir spielten ziemlich genau den gleichen Stil, also gab ich mein Projekt auf und widmete die Songs Valhall. Das Original-Tape wurde nie wirklich verbreitet, aber ein paar Freunde von mir hörten es. Apollyon von Aura Noir fand es so geil, dass er sich eine Kopie machte. Nach einer wilden Party hat er es irgendwann einmal Nattefrost vorgespielt, der es so geil fand, dass er die Idee mit der Split ins Leben rief.
Du hast jetzt aber nicht Blut geleckt und wirst demnächst wieder ein paar ältere Projekte von dir ausgraben oder?
Ach, ich weiß nicht. Vielleicht. Ich bin aber derzeit sehr zufrieden mit der Freiheit, die ich mir mit Darkthrone erlaube. Heute kann ich auch irgendwelche epischen Songs für Darkthrone schreiben. Ehrlich gesagt: Ich schreibe derzeit an den epischsten Songs seit neunzehn Jahren. Man darf gespannt sein.
Wenden wir uns einem weiteren Hobby von dir zu, für das du mittlerweile bekannter zu sein scheinst als für die Musik: deine Zelttrips. Wieviele waren es denn im vergangenen Jahr?
Im letzten Jahr habe ich meinen Oslo-Rekord aufgestellt: 40 Trips im Zeitraum von März bis Oktober – und das mit festem Job und ohne Führerschein. Ich weiß nicht, ob ich diesen Rekord noch einmal schlagen kann. Der sorgte auch dafür, dass das Darkthrone-Album um zwei Monate verschoben wurde und ich auch sonst nur wenig Zeit für nicht viel anderes hatte. Ich nutzte so gut wie jedes Wochenende an dem gutes Wetter war und 85 Prozent meiner Urlaubstage. Ich bin verrückt.
Hinter uns liegt ein unglaublich kalter Winter. Alle Norweger mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe, sagten mir, dass es bei euch noch extremere Ausmaße angenommen hat. Hat der hartnäckige Winter einen Einfluss auf deine Zelttrip-Planung?
Ein bisschen schon. Im vergangenen Jahr mussten wir während der ersten beiden Trips noch Skier benutzen, um uns durch die Wildnis zu kämpfen. Das ist auch okay, aber man muss halt mehr herumschleppen. Das ist nicht übermäßig komfortabel und es ist auch nicht so schön, weil man weniger zu erblicken hat.
Beim letzten Interview erwähntest du, dass du mittlerweile oft Begleitung auf den Trips hast. Genießt du die Gesellschaft der anderen oder bist du lieber alleine unterwegs?
Ich bin gerne in Gesellschaft unterwegs. Ich habe dadurch schon viele Freunde gewonnen. Eigentlich ist es schon fast eine Bedingung, dass man Camp-Trips mögen muss, wenn man wirklich mit mir befreundet sein möchte. Denn dort lernt man sich wirklich kennen. Auf diesen Trips hat man Zeit, um wirklich miteinander zu reden. Das ist nicht diese oberflächliche Scheiße, die man im City-Nachtleben erfährt.
Ich weiß, dass du gerne Bands weiterempfiehlst. Was wird sich denn auf deinem mp3-Player befinden, wenn du die diesjährige Zelttrip-Saison eröffnest?
Eine unmögliche, wenn auch sehr gute Frage. Ich denke, dass mindestens Songs von 500 Künstlern mitgenommen werden. Auf den Zelttrips werden rund sechs bis sieben Stunden Musik pro Tag gespielt, meist Compilations. Das ist der einzige Weg, auf dem ich Freunden meine Musik vorstelle und weiterempfehle, was ich entdeckt habe. Deswegen bleibt nicht genug Zeit, um ganze Alben zu hören. Zwei Songs, die dieses Jahr definitiv gspielt werden sind: „Shark World Deceiver“ von Sonic Ritual, der mit Abstand beste Song, den ich im vergangenen Jahr in einer Sammlung von über achtzig Demos entdeckt habe, und „Midnight Rider“ von Metal Inquisitor. Außerdem natürlich meine Lieblingssongs vom ersten Saxon-Album, mit dem eröffnen wir normalerweise die Zeltsaison.
Hast du übrigens mal dieses Monument der Hingabe erblickt: www.takemetoyourfenriz.com. Diese Seite ist komplett dir gewidmet, mit Interviews, Videos und der Überschrift „Fenriz ist der großartigste Mensch, der je über die Erde wandelte“. Was hälst du davon?
Ich weiß nicht recht. Letztlich ist es egal, ob da Lobeshymnen stehen oder „Fenriz ist ein Arschloch“. Wenn der Boss es über Google findet, bedeutet das so oder so Ärger. Es war schon früher anstrengend eine „Berühmtheit“ zu sein, aber seitdem es das Internet gibt, ist das alles hoffnungslos. Unendlich viele Seiten voller Hass, man ist wie ein Fuchs auf einer Fuchsjagd. Hunderte Leute geben sich auf MySpace, Facebook und Twitter als Fenriz aus, es ist unmöglich, all diese Fake-Profile zu löschen. Was glaubst du, wie es sich anfühlt zu wissen, dass just in diesem Moment irgendwer mit jemandem schreibt, von dem er glaubt, dass es Fenriz ist? Was mich allerdings am Internet wirklich ankotzt, ist die Tatsache, dass die Leute in dieser zweiten Realität leben. Sie verbringen jeden Tag Stunden vorm Computer, aber keine einzige Minute im Wald. Diese Leute wissen nicht, wieviel Energie man aus den Wäldern mitnimmt. Ich ziehe mich seit dem Internet noch lieber in die Wälder zurück. Da gibt es all diese Idioten zum Glück nicht.
Wissen die Leute, mit denen du täglich zusammenarbeitest, eigentlich um deinen Status in der Metal-Szene?
Zunehmend, ja. Ich arbeite dort schon seit 1988, da fing ich gerade als Musiker an. Heute hat die Firma über 2000 Mitarbeiter. Und die paar wenigen Male, die ich mich nicht geweigert habe, im Fernsehen aufzutreten, haben das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht. Ich bin bei den meisten allerdings als „Wald-Gylve“ bekannt, da ich Teil der größten norwegischen Natursendung war. Was mir der Sender vorher nicht gesagt hatte: sie wiederholen diese Episoden immer und immer wieder.
Da du unsere Leser beim letzten Mal so schön mit ein paar Brocken Deutsch begeistert hast, würde ich dich bitten, das Interview mit ein paar deutschen Worten abzuschließen.
(in gebrochenem Deutsch – dg) Ich habe Kartoffeln in meine Ketzer. Ketzer sind eine coole Band, aber ich habe keine Ahnung, was das Wort heißt. Ich denke oft darüber nach, welche Bedeutung es wohl hat und komme jedes Mal auf etwas anderes. Heute habe ich das Gefühl, dass es eine Art Mixer ist. (Wieder in gebrochenem Deutsch) Die Waffel-Röhre is too thick. No problem, just use meine Ketzer!
www.darkthrone.no








