Interview – Anvil (Titelstory)

Interview mit Steve "Lips" Kudlow (Anvil)Eine Geschichte über Freundschaft, Hingabe und Heavy Metal

Ironie des Schicksals: ANVIL, die kanadischen Metal-Pioniere, waren jahrelang in der Versenkung verschwunden. Erfolglose Touren und schlecht produzierte Alben, die ohne Label herausgebracht wurden, gehörten zum Alltag von Steve „Lips“ Kudlow und Robb Reiner. Nun ist es die Dokumentation des Misserfolgs, die der Band nach über dreißigjährigem Bestehen ein neues Hoch verschafft. Ein Hollywood-Drehbuchautor war es, der sich dem Schicksal seiner ehemaligen Lieblings-Band annahm und deren Alltag in eine Dokumentation verwandelte. METAL MIRROR über einen Film, der eigentlich von viel mehr handelt als dem Alltag in einer Heavy-Metal-Band.

Text: Dorian Gorr | Fotos: Anvil

Das Schicksal wählt oft merkwürdige Wege für die Bewohner dieses Planeten. Oft sind es winzige Handlungen, die wir im Hier und Jetzt tun und die einen mehr als zwanzig Jahre später wieder einholen. Dinge, die einem damals unbedeutend und alltäglich erschienen, können sich in Selbstläufer verwandeln. Oder auch in Eintrittskarten in eine Welt, von der man jahrelang geträumt hat. So ist es Anvil ergangen.
An dieser Stelle einen in Eigeninitiative entworfenen Rückblick auf die Geschichte dieser Heavy-Metal-Band niederzuschreiben, wäre komplett unnötig, fasst doch alleine der Trailer für den aktuellen Kinofilm alles perfekt zusammen. 1978 gegründet galten Anvil ursprünglich als eine der wegweisendsten Heavy-Metal-Bands. Sie spielten Heavy Metal bevor die große Heavy-Metal-Welle über Europa und die USA hereinbrach. Touren führten die Kanadier unter anderem (und wie im Vorspann gezeigt) mit Bands wie den Scorpions, Whitesnake und Bon Jovi zusammen. Doch während all diese Bands teilweise bis heute Millionen von Alben in aller Herren Länder verkaufen, verschwanden Anvil in der Versenkung. Endgültig verschwunden war die Band nie; wirklich präsent jedoch auch nicht. Ohne Plattenvertrag, mit einigen eher schlecht als recht veröffentlichten Alben und im Kern aus zwei komplementären Charakteren bestehend, die die 50 mittlerweile überschritten haben, tagsüber ihren Jobs nachgehen, um am Abend vom Rockstar-Dasein träumen – in diesem Zustand befanden sich Anvil bis ins Jahre 2008. Doch wie gesagt: Manchmal wählt das Schicksal merkwürdige Wege und die winzigen Handlungen haben große Auswirkung.
Die winzige Handlung war im Falle Anvil weniger eine Handlung als eine Begegnung. Wir schreiben das Jahr 1982. Anvil touren gerade durch England und legen einen Stopp im Marquee in London ein. Ein 15-jähriger Teenager schafft es irgendwie, sich an Security und anderen Fans hindurchzuschleusen und gelangt in den Backstage-Bereich, indem sich die Anvil-Jungs aufhalten. Er selbst stellt sich als „Englands größter Anvil-Fan“ vor. Der Jungspund heißt Sacha Gervasi und ist den Kanadiern auf Anhieb sympathisch. Lips erinnert sich noch heute lebhaft und mit einem Lächeln zurück.

„Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich es hier mit einem außergewöhnlichen Jungen zu tun hatte. Er hatte ein unglaubliches Interesse an allem. Wir freundeten uns quasi über Nacht an. Wir blieben noch in London und er führte uns zwei Tage lang herum, zeigte uns alles, was man von London gesehen haben sollte.“

Anvil verließen London, doch die Freundschaft blieb bestehen. Mehrfach besuchte der junge Sacha Gervasi die Anvil-Jungs in ihrem Heimatland.

„Als er uns in Kanada besuchen kam, waren wir gerade auf dem Sprung. Wir sollten auf Tour gehen, also dachten wir uns: ‚Hey, warum sollten wir den Jungen nicht mitnehmen?‘ Sacha heuerte kurzerhand bei uns als Roadie an und begleitete uns auf mehreren Touren“, erzählt Lips.

In den Folgejahren verloren sich Anvil und Sacha zunehmend aus den Augen.

„Es war ganz offensichtlich und für mich total klar, dass diesem Jungen ein besonderes Leben bevorstand. Er hatte wahnsinnig viel Talent, schrieb sich in Filmschulen ein und machte schließlich Karriere als Drehbuchautor. Verdammt, dieser Typ hat mit Steven Spielberg zusammengearbeitet“, ist Lips noch heute hörbar beeindruckt.

Tatsächlich war es Gervasi, der mit zwei weiteren Autoren das Drehbuch zu dem Spielberg-Film „Terminal“, mit Tom Hanks in der Hauptrolle, schrieb. Dass er seiner Filmographie heute mit „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ einen Dokumentarfilm über seine einstige Lieblingsband hinzufügen kann, ist hingegen beinahe Zufall, wie auch Lips weiß.

„Im Jahr 2005 besuchte Sacha in Los Angeles ein Metallica-Konzert und fühlte sich unweigerlich an Anvil erinnert. Zuhause recherchierte er, fand heraus, dass es uns nach wie vor noch gab und kontaktierte uns. Ich besuchte ihn in Los Angeles und konnte meinen Augen nicht trauen. Der 15-jährige Junge war ein gestandener, überaus erfolgreicher Mann geworden. Als er hörte, dass wir heute im Durchschnitt vor vielleicht 200 Zuschauern spielen, konnte er seinen Ohren nicht trauen. Was er aber umso beeindruckender fand, das war unsere Einstellung. Damals wie heute haben wir nichts als selbstverständlich hingenommen. Wir fühlten uns nicht unwohl, wir dachten auch nicht wirklich darüber nach, wohin uns der Weg noch führen würde, wir machten einfach nur weiter, mit der Musik, die wir lieben. Diese Einstellung fand er bemerkenswert und schlug uns vor, einen Dokumentarfilm über uns und unseren Alltag mit Anvil zu drehen.“

Von Lachen und Leiden

Gesagt, getan: Über 320 Stunden Filmmaterial hat das Kamerateam, das die Anvil-Jungs in all ihren Lebenslagen begleitete, zusammengetragen. Und es ist ein vielschichtiges Bild. Mal lacht man, mal leidet man mit Anvil. Es geht an die Substanz, zu sehen, wie die Band jede Gelegenheit wahrnimmt, um den Traum doch noch ein bisschen länger zu leben – oder besser gesagt, ihm hinterherzujagen. Die meisten Versuche sind zum Scheitern verurteilt. Da ist die unfähige Promoterin, deren Organisationstalent an blanke Inkompetenz grenzt. Da sind die leeren Hallen und Konzerte, die in einer Art Wohnzimmer vor vier Leuten gespielt werden. Da wird sich mit Club-Besitzern um ein paar Dollar Gage geprügelt und im Wohnwagen unter Schlafsäcken gezittert. Züge werden verpasst, andere Musiker verdrehen peinlich beschämt die Augen, wenn sie im Backstage-Bereich eines großen Festivals mit Lips‘ Leidenschaft konfrontiert werden, und bandinterne Streitigkeiten werden vor laufender Kamera ausgetragen.

„Ich verspreche dir, keine Szene wurde nachgestellt oder besonders in Szene gesetzt. Die Kamera war einfach immer dabei. Sie störte in solchen intimen Momenten, wie dem Streit zwischen mir und Robb, nicht mehr, weil wir einfach komplett an sie gewöhnt waren. Das Kamerateam hat uns rund um die Uhr begleitet, ab einem gewissen Zeitpunkt beachtet man sie gar nicht mehr“, versichert Lips auf die Frage, ob manche Szenen aus dramaturgischen Gründen besonders ausgebaut oder gar nachgestellt wurden.

Doch Nachstellen, Tricksen und Täuschen haben Anvil nicht nötig. Anvil sind echt. Sie sind ehrlich. Sie sind viel origineller und viel echter als es jemals ein Hollywood-Drehbuch sein könnte. Und sie sprechen eine Thematik an, die weit darüber hinausgeht, was der Film im ersten Moment zu sein scheint. Er ist nicht nur eine Dokumentation über Heavy Metal, nicht eine Dokumentation dessen, was es bedeutet, in einer weitgehend erfolglosen Heavy-Metal-Band zu spielen. Dieser Film behandelt tiefergehende Themen, wie Freundschaft und Hingabe. Nicht ohne Grund wird der Film im Deutschen mit „Die Geschichte einer Freundschaft“ untertitelt (der originale Untertitel lautet lediglich „The story of Anvil“).

„Ich denke auch, dass im Zentrum dieses Films nicht das Leben einer Heavy-Metal-Band steht. So etwas könnte man mit jeder x-beliebigen Band drehen. Es geht darum, ein Leben voller Hingabe für die eigene Kunst darzustellen. Wir wollten uns als das zeigen, was wir sind: zwei Freunde, die gemeinsam ihre Leidenschaft ausleben“, stimmt Lips zu.

Kein Wunder also, dass der Film keinesfalls nur Heavy-Metal-Fans anspricht. In den Kinosälen tummeln sich Zuschauer unterschiedlichster Couleur. Und auch die Hollywood-Prominenz zeigt sich begeistert.

„Ich glaube, dass sich all jene, die irgendwie künstlerisch tätig sind, egal ob bildende Kunst, Schauspieler oder Musiker, sehr gut in diesem Film wiederfinden. Auf einem Filmfestival, wo wir den Film vorstellten, lernten wir Dustin Hoffman kennen, der uns sagte, es sei der beste Film, den er jemals gesehen hätte. So ein Kompliment muss man erst einmal sacken lassen“, gluckst Lips enthusiastisch.

Und Oscar-Preisträger Hoffman ist nicht der einzige prominente Fan der Dokumentation. Auch Jimmy Page, Paul McCartney, Michael Moore oder Keanu Reeves äußerten sich begeistert über die Geschichte einer einmaligen Freundschaft. Wie tief die Bande sind, die Robb Reiner und Steve „Lips“ Kudlow verbinden, kann man als Außenstehender, der nur über eine Filmlänge einen Einblick in die Dynamik dieses ungleichen Duos bekommt, nur vermuten. Offensichtlich ist: Die beiden Musiker, die sich im Teenageralter kennenlernten, sind unterschiedliche Charaktere. Während Robb sich oft still im Hintergrund aufhält, sich zum Malen zurückzieht und ohnehin die Ruhe selbst zu sein scheint,  ist Lips ein Energiebündel voller Stimmungsschwankungen und Emotionen. Der Sänger mit den stets ungekämmten Wuschelhaaren flucht, weint, lacht und redet am Fließband. Er ist es, der im Film enthusiastisch jeder Idee nacheifert. Derjenige, dem es noch mehr an die Nieren geht, wenn Anvil wieder einmal vor leerem Hause spielen. Und derjenige, der einen Robb Reiner, den Fels in der Brandung, braucht, um sich an dessen Schulter auszuweinen.

„Ich kann die Freundschaft, die mich und Robb verbindet, unmöglich in Worte packen. Wir haben gemeinsam alles erlebt. Wir haben oft unsere Meinungsverschiedenheiten, aber daran ist unsere Freundschaft immer weiter gewachsen. Im Film gibt es eine Szene, als wir uns versöhnen, da sage ich Robb, dass er die wichtigste Person in meinem Leben ist. Und das meine ich auch so. Natürlich hat dieser Satz meine Frau verletzt, aber zum Glück ist sie eine sehr rational und logisch denkende Person. Ich kenne Robb dreimal so lange wie sie, das lässt sich nicht vergleichen. Das ändert nichts an der Tatsache, dass ich meine Frau liebe und sie ein elementarer Bestandteil meines Lebens ist“, so Lips.

Dass ihr Ehemann zukünftig noch häufiger als ohnehin schon unterwegs sein wird, darauf kann sich Lips Ehefrau schon heute einstellen. Denn Anvil feiern derzeit wieder große Erfolge. Es ist die Ironie des Schicksals, dass es das Dokument ihrer Misserfolge ist, dass die kanadische Band wieder in die Köpfe der Heavy-Metal-Fans zurückruft. Unter anderem wird die Band auf dem diesjährigen Wacken Open Air spielen und steht derzeit wieder bei einem Label unter Vertrag, das das Album, an dem die Band gerade arbeitet, herausbringen wird. So wie es scheint, hat sich alles zum Guten gewendet für die unbeirrbaren Kanadier. Jetzt müssen Anvil diesen auf einem Film basierenden Status nur noch musikalisch rechtfertigen. Lips zeigt sich wie gewohnt optimistisch:

„Wir arbeiten derzeit an neuen Songs und spielen etliche Live-Shows. Für Anvil läuft es super. Ich würde auch nicht sagen, dass wir bis hierher Fehler gemacht haben. Nur durch alles, was wir erlebt haben, sind wir an dem heutigen Punkt angekommen. Alles kommt wie es kommen soll, ich bin dankbar für jedes Hoch und jedes Tief.“

www.myspace.com/anvilmetal

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