Der Mann im Schatten der Legende
Es gibt Bands, die sind unweigerlich mit einer bestimmten Person verbunden. Gleiches gilt für Jeff Waters und ANNIHILATOR. Ohne den Gitarristen mit den Flitzefingern könnte die kanadische Band unmöglich bestehen. Er ist es, der die Truppe aus der Feuertaufe hob, mit ihr 13 Alben einspielte und dabei durchweg das Bandkarussell rotieren ließ. Ein festes Line-Up hatten die Speed-Thrasher zu kaum einem Zeitpunkt in ihrer 26-jährigen Karriere. Ändert sich das nun? Mit Dave Padden hat sich Jeff erstmals einen Musiker ins Boot geholt, der im Laufe der vergangenen sieben Jahre an vier Alben mitgewirkt hat und versuchte, sich als die charakteristische Stimme der Band zu manifestieren. METAL MIRROR fühlte dem einzigen festen Annihilator-Mitglied neben Jeff Waters auf den Zahn. Sänger Dave Padden berichtet von unzähligen Solos, seinem Einfluss und der Arbeitsweise des Jeff Waters‘.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Brendan Burdan
Dave, du bist bereits seit sieben Jahren fester Bestandteil von Annihilator. Dennoch weiß man eigentlich nur wenig über dich. Die Band wird nach wie vor mit Jeff Waters assoziiert. Inwieweit fühlst du dich da als tatsächlicher Bestandteil der Band?
Annihilator sind mittlerweile auch meine Band. Da gibt es für mich keinen Zweifel. Für Jeff übrigens auch nicht. Ich habe ihm bei der Arbeit an vier Alben geholfen, so etwas schmiedet einen zusammen. Ich bin das längste, konstante Mitglied von Annihilator – neben Jeff versteht sich.
Was ist an dir anders? Warum konntest du deinen Platz in der Band finden und wurdest nicht wie die vielen Sänger vor dir wieder ausgetauscht?
Viele der vorherigen Mitglieder, die in den Jahren bei Annihilator kamen und wieder gingen, hatten Probleme mit der Hingabe für die Band. Es gab terminliche Schwierigkeiten wegen anderer Bands. Sie hatten Familie und konnten deswegen nicht touren, mussten anderen beruflichen Verpflichtungen nachgehen oder waren einfach gänzlich unzuverlässig.. Natürlich gibt es da auch viele unschöne Geschichten und Gerüchte. Die möchte ich hier aber jetzt nicht aufgreifen. Die kann man irgendwo im Internet nachlesen. Ich will bestimmt keinen Ärger verursachen. Ich weiß auch nicht, wieso ich es als einziger geschafft habe, mir einen festen Platz in Annihilator zu verschaffen. Ich glaube, das liegt daran, dass Jeff und ich einfach prima miteinander klar kommen. Wir schätzen uns gegenseitig und ich fühle mich der Band verpflichtet. Mittlerweile steuere ich ja neben dem Gesang sogar Gitarrenparts bei, man kann also davon ausgehen, dass ich die Band nicht so schnell verlassen werde.
War es für dich schwierig, dich in einer Band zu integrieren, die zuvor keine einheitliche, für die Band charakteristische Stimme hatte, da es zuvor schon so viele Sänger gab?
Ja, das war am Anfang natürlich nicht einfach für mich. Der Witz ist ja: Ich hatte vorher noch nie professionell in einer Band gesungen. Annihilator sind mein erster Lead-Singing-Job. Und da spürt man schon besonders viel Druck – vor allem, wenn man dann nicht in ein Paar Fußstapfen tritt, sondern gleich in sechs.
Glaubst du, dass es für jemanden wie Jeff Waters, der Zeit seines Lebens eigentlich immer im Alleingang gearbeitet hat, einfach ist, eine weitere Person an der Schaffung seiner Werke zu beteiligen?
Er möchte das durchaus. Natürlich geht es ihm in erster Linie darum, seine eigenen Ideen zu verarbeiten, aber er macht das mittlerweile seit 26 Jahren und hat 13 Alben veröffentlicht. Irgendwann braucht ein Songwriter da frische Impulse, die er wieder aufgreifen kann. Wenn man immer alles alleine macht, verliert man irgendwann die Objektivität. Ich glaube, er findet es durchaus gut, dass ich mich beim Songwriting beteilige.
Wie groß war denn dein Einfluss auf das neue Album?
Ich habe die Texte für manch einen Song geschrieben. Beim Gesang läuft es meist so ab, dass Jeff sich im Studio viele Gedanken dazu macht, wie dieser und jener Part eingesungen werden soll. Die gibt er mir dann. Das sind grobe Richtlinien, an die ich mich meist auch halte. Aber ich als Sänger gehe das Thema natürlich von einem anderen Standpunkt aus an. Ich greife seine Ideen also auf, gestalte sie um, passe sie meiner Stimme, baue sie aus oder übernehme sie auch manchmal direkt komplett, ohne etwas zu verändern. Ansonsten habe ich bei diesem Album auch die eine oder andere Melodielinie beigesteuert. Du siehst: Unsere Zusammenarbeit funktioniert gut.
Wenn man das 13. Album veröffentlicht, fragt man sich da nicht irgendwann, wo noch die Ideen für neue Musik herkommen sollen?
Es wird in der Tat nicht einfacher. Aber deswegen ist es ja so wunderbar, dass ich als weitere Person mit dabei bin und neue Ideen und frischen Wind in die Band bringe. Jeff hat allerdings sowieso immer Ideen. Ich glaube auch nicht, dass sich das irgendwann ändern wird. Er ist ein Vollblutmusiker, der dafür lebt. Diese Leidenschaft versiegt nicht und mündet eben in unzähligen Ideen. Solange die Leute noch neue Annihilator-Songs hören wollen, wird es wohl auch welche geben.
Wäre es nicht generell einfacher, wenn sich auch das restliche Line-Up einmal stabilisieren würde? Ich denke da vor allem an den Posten des Schlagzeugers. Ryan Ahoff, der in jüngster Vergangenheit aushalf, scheint ja auch schon wieder Geschichte zu sein.
Ja, mittlerweile spielt Carlos Cantatore die Drums. Ryan hat uns ein paar Jahre ausgeholfen und auch auf den Alben gespielt, aber für alles, was jetzt ansteht haben wir wieder einen neuen Mann. Jeff hat das immer so gemacht. Er sucht sich die Leute aus, die den akuten Anforderungen gerecht werden. Manchmal bleibt da einer eben was länger, aber manchmal wechselt das auch schnell. Natürlich wäre manches einfacher, wenn wir einen konstanten Drummer hätten. Aber so läuft es nun mal nicht bei Annihilator. Zumal es dafür auch nicht so viele geeignete Kandidaten gibt. Meist stehen dann andere Verpflichtungen im Weg. Bisher hat es auch ohne ganz gut funktioniert.
Das neue Album ist schlichtweg „Annihilator“ betitelt. Ist es dermaßen repräsentativ für eure Band, dass ihr selbstbewusst genug wart, um die Scheibe nach euch zu benennen?
Ja, ich würde schon sagen, dass sie Annihilator in allen Facetten repräsentiert. Dass wir das Album „Annihilator“ nannten, hat viele Gründe: Es fing damit an, dass wir einfach keinen guten Namen fanden. Die meisten Bands nehmen dann ja meist einfach einen guten Song ihres Albums und verwenden dessen Namen als Titel für das Album. Aber von den Titeln war keiner vom Namen her so herausragend, dass er einen passenden Titel abgegeben hätte. Dann probierten wir einige Arbeitstitel aus, aber die wurden alle wieder verworfen, weil sie einfach nicht das Gefühl des Albums einfingen. Dann fragte uns unser Management, warum wir das Album nicht einfach nach uns benennen sollen. Der Hintergedanke war tatsächlich, dass das Album unser Schaffen sehr gut repräsentiert. Das Album geht zurück auf alle Sound-Elemente, die den direkten Annihilator-Sound, der einem ins Gesicht schlägt, ausmachen. Außerdem fanden wir, dass wir uns das nach 13 Alben verdient haben.
Inwiefern seid ihr denn mit dem Album einen Schritt zurückgegangen?
Ich würde eigentlich nicht einmal behaupten, dass wir einen Schritt zurückgegangen sind, sondern eher nach vorne. Was ich damit meinte ist, dass wir aus allen Episoden die besten Elemente des Annihilator-Sounds herausgepickt und aufaddiert haben. Daraus hat sich ein unglaublicher Sound ergeben. Hinzu kommt, dass wir die aggressivste Produktion unserer Karriere haben.
Hat Jeff das Album erneut selbst produziert?
Ja, das macht er ja immer so. Er hat sein eigenes Studio zuhause. Da macht er alles. Nur das Drum-Recording machen wir immer woanders.
Warum habt ihr euch auf diesem Album für diese aggressive Produktion entschieden und nicht schon vorher?
Den genauen Grund kenne ich nicht. Ich denke, dass Jeff in den heutigen Zeiten mit der Produktion mithalten wollte. Er wollte, dass es richtig fett klingt. Es sollte anders als der typische Produktionsstil sein. Wir wollten die Aggression aus den Songs richtiggehend herausmeißeln und sie darstellen. Das Album ist wirklich super-heavy. Durch diesen Weg der Produktion strahlen auch die Songs eine viel aggressivere Energie aus.
Dass ihr jetzt bewusst eine Produktion wählt, die fett und aufgemotzt klingt, steht in direktem Kontrast zu der Meinung vieler Old-School-Maniacs, die derweil stärker denn je auf Produktionen im Achtziger-Stile schwören.
Ja, das ist wirklich ein Phänomen. Aber wir sind ja schon noch an eine Old-School-Produktion angelehnt. Davon haben wir uns ja nicht allzu weit entfernt. Es klingt nur etwas größer und aggressiver. Wir sind ja keinesfalls supermodern, wie dieses ganze neue Zeug, dass sich die Kids heute anhören. Wir mögen persönlich nur nicht den Begriff „Old School“ – da fühlt man sich immer wie ein alter Sack.
Angeblich ist „Annihilator“ euer „most pissed-off record“. Was ist es, das euch wütend macht?
Das Album ist zwar nicht superschnell oder besonders thrashy, aber es hat diese wütende, aggressive Attitüde. Wir schreiben vornehmlich über reale Dinge. Unser eigenes Leben läuft derzeit zwar sehr gut, aber auf der ganzen Welt läuft es scheiße. So etwas beeinflusst einen natürlich. Eine super Inspirationsquelle ist jeder beliebige Nachrichtensender. Wenn man sich Nachrichten anschaut, muss man wütend werden. Letztlich versuchen wir aber immer, aus den negativen Dingen auch positive Dinge zu entwickeln und versuchen dies auch textlich zu verdeutlichen.
Es gibt ja tatsächlich Leute, die bezeichnen euren Stil als „Groove Metal“. Kannst du das nachvollziehen?
Das höre ich jetzt das erste Mal im Bezug auf uns. Ich selbst sehe uns schlichtweg als Heavy-Metal-Band. Natürlich haben wir Thrash-Elemente und so, aber wir spielen letztlich ziemlich geradeaus und richtigen Heavy Metal. Wir decken dabei natürlich viele Stile ab und packen auch viel Groove dabei. Aber der reiht sich ein neben Speed und Thrash Metal sowie diesmal richtigen Blastbeats.
Ich habe nicht selbst nachgezählt, aber laut Promozettel spielt Jeff auf dem Album 66 Solos. War das eine Zahl, die er bewusst erreichen wollte?
Nein, das wurde nicht geplant, sondern ist ein reiner Zufall. Das gehört zu diesen Sachen, die passieren einfach. Jeff ging es nur darum, richtige Killer-Gitarren-Tracks zu haben. Beim letzten Album hat er auf Grund der vielen Gastbeiträge weniger auf sich selbst geachtet. Deswegen schlummerte da viel verborgene Energie. Diesmal wollte er den Leuten richtig in den Arsch treten und so viele Killer-Solos spielen, wie nur eben möglich. Für einen Musiker wie Jeff ist es leicht, so viele geile Solos aus dem Ärmel zu schütteln. Dass es letztlich 66 – übrigens ist das Jeffs Geburtsjahr – Solos geworden sind, zählte ein Mitarbeiter bei unserer Plattenfirma nach.
Apropos Plattenfirma: Ihr seid nun ganz frisch bei Earache Records gelandet. Vorher standet ihr bei SPV unter Vertrag. Was war der Grund für den Split? War der Vertrag ausgelaufen oder spielte da die Insolvenz der Firma eine Rolle?
Die Insolvenz war der Hauptgrund. Vorher lief alles super. Wir spielten tolle Touren mit Trivium und Iced Earth, waren stets in der Musikpresse vertreten, hatten tolle Promotion und von einem Tag auf den anderen stoppte das einfach. Es gab keine Interviews mehr, keine Promotion, nix. Wir riefen bei anderen Bands an und sie sagten uns, dass auch sie derzeit nichts mehr von SPV hören würden. Jeff spürte sofort, dass da irgendwas nicht stimmte und kontaktierte seinen Anwalt. Ihm war klar, dass Annihilator da so schnell wie es geht raus müssen. Zum Glück hat unser Anwalt dafür sorgen können, dass unser Vertrag gelöst werden konnte. Eine Woche später verkündete das Label die Insolvenz. Uns war wichtig, dass wir das Album nicht einem Label geben, bei dem es dann irgendwo Staub ansetzt und vergammelt. Dafür ist es einfach zu gut. Natürlich hilft Sony der Firma jetzt, aber damit wird es nicht wieder wie früher bei SPV. Wir sind jedenfalls sehr froh, dass wir bei einem anderen Label Fuß fassen konnten. Earache zeigte von Beginn an viel Interesse.
Ist es heute schwerer, selbst als etablierte Band, ein Label zu finden, da sich die gesamte Industrie in der Krise befindet?
Natürlich ist es hart. Aber so ist es nun mal. Damit muss man zurecht kommen. Als Musiker hat man es derzeit nicht einfach. Die Plattenfirmen müssen noch Wege finden, um neue Erlöse zu generieren und die Musik an den Mann zu bringen. Irgendwas muss und wird da passieren. Aber das ist Aufgabe der Plattenfirma, nicht der Musiker. Bis es soweit ist, verdienen wir in erster Linie etwas durch Touren.
Kannst du denn nur von den Tour-Einnahmen leben?
Natürlich nicht nur davon. Also wenn wir auf Tour sind, ist alles wunderbar. Da gibt es durchaus einiges Geld zu holen, das ist kein Problem. Das Problem ist eher: Zwischen den Touren vergeht natürlich viel Zeit, in der man auch irgendwie Geld verdienen muss. Jeff verdient seinen Unterhalt hauptsächlich, indem er andere Bands mixt. Ich arbeite bei anderen Bands, habe aber auch für diese Zeiten einen regulären Job.
Ihr seid eine der wenigen kanadischen Metal-Bands, die wirklich international einen Szene-Ruf genießt. Ich sprach kürzlich mit Lips von Anvil und eine Weile zuvor mit John von Exciter und beide bestätigten mir, dass es sehr viel schwerer als kanadische Band sei, international bekannt zu werden und Erfolg zu haben. Siehst du das auch so?
Ja, das ist es definitiv. Wenn man nicht das unfassbare Glück hat, bei einem internationalen Label zu landen, kann man es eigentlich komplett vergessen. Mit einem nationalen Label ist es unmöglich, in den USA Fuß zu fassen. Keine Ahnung woran das liegt. Dabei hat Kanada ja großartige Bands und Musiker, siehe Devin Townsend, Exciter und eben Anvil. Dennoch: Ohne einen richtigen Deal kriegt man in den USA keine Aufmerksamkeit.
Wie sehr fühlt man sich als in Kanada aufgewachsener Metalhead mit Bands wie Anvil verbunden, die ja derzeit wieder in aller Munde sind?
Zu denen hat man natürlich schon aufgeschaut. Eigentlich gibt es hier recht viele Metalheads, aber diese Szene hier wird immer älter. Die Teenies hören das gute Zeug irgendwie nicht mehr so gerne. Anvil und auch Exciter hatten auf die Metal-Generation hier natürlich einen riesigen Einfluss und man war schon irgendwie stolz, dass diese Bands von hier kamen. Leider habe ich den Anvil-Film noch gar nicht geguckt. All meine Kumpels sagen mir, dass ich mir den unbedingt anschauen muss. Ich hoffe, dass ich das in Kürze nachholen kann.








