Eine Wissenschaft für sich
Heavy Metal findet nicht nur auf matschverschmierten Zeltplätzen und in stickigen Konzerthallen statt: Die lauteste Musikrichtung des Planeten entert neuerdings auch die akademische Welt. Anfang Juni findet in Braunschweig mit METAL MATTERS eine wissenschaftliche Tagung statt, die sich mit dem Thema Heavy Metal befasst. METAL MIRROR horchte bei Initiator Prof. Dr. Rolf Nohr nach und fand heraus: Die akademische Welt ist mehr Metal als man es zunächst annehmen mag.
Interview: Dorian Gorr | Foto: R. Nohr
Herr Nohr, Heavy Metal ist keinesfalls ein von der Wissenschaft überaus beachtetes Feld. Wie kamen Sie als Professor für Medienkultur und Medienästhetik an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig darauf, sich einem solchen Thema anzunehmen?
Mein Schwerpunkt liegt in der Medienkultur und dort interessiere ich mich vor allem für die populäre Kultur, dies stets von einem medienwissenschaftlichen Standpunkt aus. Ich habe bereits Themen wie Computer-Spiele, Tarzan-Filme oder Foto-Fix-Automaten aufgegriffen. Mich interessiert einfach, wie populäre Kultur funktioniert. Als ich mit meinem Kollegen Herbert Schwaab eines Abends bei einem Bier zusammensaß, fiel uns auf, dass es sehr viele tolle Studien zu vielen anderen Musikrichtungen gibt. Diese befassen sich mit der Produktivität von Fans und der ästhetischen Kraft von Subkulturen. Und das gibt es mit Techno, Punk und HipHop, aber der Heavy Metal ist nur sehr vereinzelt vertreten. Und das ist ein Versäumnis. Als Mitteleuropäer sollte man eine Form der Sozialisation mit Heavy Metal hinter sich gebracht haben. Das ist ein wichtiges Thema, also haben wir die Tagung ins Leben gerufen und das Feedback war toll.
Dass Sie sich diesem Thema annehmen, ist das auch eine Reflektion Ihres eigenen musikalischen Geschmacks?
In der Tat hat mich die Stromgitarre bis heute nicht losgelassen. Ich komme aus Ludwigsburg, wo die Rockfabrik der einzige Laden ist, indem man richtig schön laute Musik hören kann. Dort bin ich mit Metal früh in Kontakt gekommen und blieb dran kleben. Heute höre ich zwar auch viel Funk, Punk und Jazz, aber den Metal habe ich nie endgültig hinter mir gelassen.
Die Tagung findet vom 3. bis zum 5. Juni statt. Das ist in drei Wochen. Läuft derzeit alles nach Plan?
Komplett nach Plan natürlich nicht, das wäre ja auch zu schön. Inhaltlich steht das gesamte Programm. Als wir den Ruf an die deutschen Hochschulen rausschickten, um Vortragsthemen zu sammeln, ertranken wir beinahe in eingesandten Aufsätzen. Aus Erfahrung mit anderen wissenschaftlichen Tagungen kann ich behaupten, dass wir rund dreimal so viele Einsendungen hatten, wie es sonst üblich ist. Das hat uns umgehauen. Es ist offensichtlich ein Bedürfnis da, sich diesem Thema auch wissenschaftlich anzunähern. Derzeit befinden wir uns in der Phase, dass wir die Tagung auch ins Gedächtnis der nicht-wissenschaftlichen Öffentlichkeit rufen möchten. Wir möchten das nicht hinter verschlossenen Akademikertüren abhalten, sondern öffentlich. Außerhalb dieser Türen gibt es sehr viele Leute, die sehr reflektiert mit dem Thema Heavy Metal umgehen können.
Mit welchen Strategien kann man den normalen Fan auf solch eine Tagung locken? Bei vielen potenziellen Besuchern wird eine Berührungsangst mit der wissenschaftlichen Welt und ihrer eigenen Sprache bestehen. Wie überbrückt man diese Distanz?
Das ist stets die Schwierigkeit und größte Herausforderung. Das ist ein heikles Thema. In der Tat neigen die Wissenschaftler gerne dazu, sich in ihrer eigenen Sprache zu verstecken. Ich bin angesichts der Liste unserer Referenten jedoch zuversichtlich, dass das kein Problem wird. Das sind weitgehend junge Akademiker, die mit viel Leidenschaft bei der Sache sind und in der Lage sein werden, Thesen auch in fünf klar verständlichen Sätzen auszudrücken. Außerdem werden wir viel Luft für Diskussionen lassen, damit Fans nicht nur nachfragen, sondern sich auch beteiligen können. Mir ist jedoch wichtig, dass wir uns auch nicht in einem reinen Fan-Kontext bewegen. Ich diskutiere auch gerne in der Kneipe darüber, wer der beste Gitarrist der Welt ist, aber das ist wenig wissenschaftlich. Das muss man ausblenden. Die beiden Pole Wissenschaft und Fantum müssen sich einander annähern.
Wenn so viele Aufsätze eingingen, nach welchen Kriterien wird da gewichtet, wer eingeladen wird und wer nicht?
Das ist unglaublich schwierig. Wir haben versucht, Themenkomplexe herauszuarbeiten, von denen wir überzeugt waren, dass diese genannt werden müssen. Das betrifft Bereiche wie Ästhetik, Ökonomie, Repräsentationskultur, Fankultur und Musikalität. Dann haben wir die Aufsätze den Kategorien zugeordnet und uns überall versucht, die besten herauszusuchen, was sehr schwer war, da die Paper eigentlich durchgehend eine sehr hohe Qualität hatten.
Sie und Herr Schwaab moderieren die Tagung, haben aber keinen eigenen Beitrag, den Sie vorstellen. Wieso?
Sowohl Herr Schwaab als auch ich hatten durchaus Interesse, haben uns dann aber angesichts der Vielzahl an tollen Einsendungen vornehm zurückgehalten. Ich hätte sonst gerne Heavy Metal mit meinem anderen Spezialgebiet, den Computerspielen, kombiniert und einen wissenschaftlichen Beitrag über Brütal Legend geleistet.
Inwiefern ist in Ihren Augen Heavy Metal anders als andere Wissenschaftsgegenstände?
Das schwierige ist, wir haben gar keinen richtigen Gegenstand. Wenn ich über Metal rede, spreche ich dann von CDs, von Gruppen, von der Musikindustrie? Das sind alle konkrete Gegenstände, aber Metal ist ja mehr als das. Dahinter steckt viel Identifikationspotenzial, Gefühl, eine Bindung, das können wir gar nicht eingrenzen oder einen Forschungsgegenstand fixieren. Das wird vielleicht sogar die Hauptaufgabe dieser ersten Tagung sein: Den Gegenstand herauskristallisieren. Mit was müssen wir uns beschäftigen, wenn wir über Metal nachdenken? Da steckt eine große Bandbreite hinter und die ist durchaus beeindruckend.
Wenn man sich ein bisschen mit der Materie und Wissenschaft befasst, wird ja schnell offenkundig, dass dort viel Potenzial vorhanden ist. Warum wurde das lange nicht gesehen oder behandelt?
Ich habe dazu folgende These: Metal ist eine spezielle Subkultur, die nach außen hin für viele dreckig, flach und irgendwie eklig wirkt. Da sind die langen Haare, picklige Jungs, irrsinnig laute Musik, scheinbar keine Ästhetik, keine Politik, das ist keine coole Avantgarde. Beim Punk ist das beispielsweise ganz anders. Der hat anscheinend immer einen Weg gefunden, die Hochkultur zu durchstoßen. Das machte ihn für Wissenschaftler so interessant. Wenn ich heute nach einer Konferenz mit Kollegen zusammensitze und wir über Musik reden, sind die meisten von denen früher Punks gewesen. Das ist irgendwie edel und wild. Das ging gegen das Establishment. Wenn ich dann sage, dass ich mit 14 an der Bushaltestelle laut Accept gehört und Bier gesoffen habe, gehen die Reaktionen immer in Richtung „Aber aus dir ist ja doch noch was geworden“. Das durchsticht nicht die Hochkultur und wird deswegen anders wahrgenommen. Deswegen wirkt Metal so, als sei dort auf dem ersten Blick nichts zu holen. Deswegen glaube ich, dass sich die Leute lange Zeit gescheut haben, sich diesem Gebiet anzunähern. Mit Computerspielen war es das gleiche. Als ich vor 15 Jahre wissenschaftliche Aufsätze über „Doom“ schrieb, da musste ich mich richtig verteidigen. Dabei kann man im Metal genau die gleichen Dinge entdecken, die den Punk für die Wissenschaft so interessant gemacht haben: Da gibt es eine hochdifferenzierte, politische, ironische Kultur zu entdecken. Natürlich gibt es im Metal Politik, natürlich gibt es Ästhetik, natürlich gibt es eine unglaubliche Musikalität und natürlich ist Metal hochironisch. Es steckt viel mehr im Gegenstand drin. Deswegen ist er es wert, dass man ihn untersucht. Er hat viel Potenzial.
Was liefen denn früher für Platten bei dem 14-Jährigen, der sich an der Bushaltestelle betrunken hat?
Ich bin 1968 geboren und habe mich über Hard-Rock-Sachen, wie Whitesnake, Led Zeppelin und Deep Purple, zu Black Sabbath und schließlich zu Iron Maiden, Saxon und Accept herangetastet. Das war meine musikalische Sozialisaton.








