Weil Jesus stinkt…!
Von der BPJM gefürchtet, von Black-Metal-Hardlinern gehasst und von ihrer stetig wachsenden Fanschar vergöttert: EISREGEN sind das Musterbeispiel für eine Band, die die Gemüter spaltet. „Schlangensonne“ heißt das frische Werk der Thüringer. Sänger und Texter Michael „Blutkehle“ Roth im Gespräch über provokative Texte, den musikalischen Schritt zurück und die Frage, warum Jesus auf dem Cover Titten hat.
Interview: Dorian Gorr | Fotos: Massacre Records
Michael, korrigiere mich, sollte ich mich irren, aber ihr geht mit „Schlangensonne“ musikalisch einen ziemlichen Schritt zurück. Das neue Album ist sehr viel mehr Metal als die vergangenen Werke. Empfindest du das auch so?
Ja, da hast du Recht. Allgemein hat die Härte der Riffs zugenommen. Nicht unbedingt von der Geschwindigkeit her, sondern vom Gesamtkonzept. Wir wollten wieder etwas dreckigere Gitarren haben, dadurch wirkt der Gesamteindruck des Albums härter.
Aber das betrifft ja nicht nur die Gitarren. Auch dein Gesang ist über die meisten Teile des Albums wieder sehr viel aggressiver. Natürlich haben wir typisch melodische Ausbrüche, aber allgemein schreist du mehr als vorher.
Ja, das stimmt auch. Ich rauche wieder. Vielleicht liegt das daran. So etwas macht die Stimme ja ein bisschen radikaler. Aber das war durchaus geplant. Wir wollten stimmlich wieder an Härte zulegen. Der Hintergrund ist der: Yantit und ich machen uns gerade an die Arbeiten für ein neues Nebenprojekt, das auf den Namen Marienbad hören wird. Dieses Projekt wird eine andere Schiene fahren, denn ich möchte, dass es sich von all den anderen Sachen, die wir bisher gemacht haben, unterscheidet. Dort werden beinahe ausschließlich cleane Vocals eingebunden. Dafür wollten wir uns diese cleanen Parts aufsparen. Gleichzeitig wird somit der harte Charakter Eisregens gewahrt – immerhin ist es das, was Eisregen groß gemacht hat: Deutsche Texte, die in dieser radikalen Stimmlage gesungen werden.
Marienbad wird ein weiteres Projekt von vielen sein, die ihr in der Vergangenheit auf die Beine gestellt habt. Spontan fallen mir da natürlich der Transilvanian Beat Club von Yantit und natürlich Eisblut ein. Inwiefern bedarf es da nach einem weiteren neuen Banner?
Dieser neue Name ist notwendig, weil die Musik, die wir mit Marienbad veröffentlichen wollen, zu keinem der vorherigen Projekte passen würde. Eisblut hat ja mehr die Prügelschiene bedient. Das passt nicht zu Marienbad. Dort wird es viel mit Orchestrierung geben, die Songs werden getragener und wahrscheinlich auch länger. Das wird sehr elegisch. Eisblut ist derweil auch eingeschlafen, weil ich kein Interesse daran habe, ein weiteres, aggressives Prügelalbum zu veröffentlichen. Außerdem bin ich nach wie vor sehr zufrieden mit dem Debüt. Ich sehe da schlichtweg keinen Handlungsbedarf, ein weiteres Album nachzuschieben, auch wenn das Debüt sehr erfolgreich war. Der Transilvanian Beat Club von Yantit liegt ebenfalls auf Eis und scheint weitgehend abgeschlossen zu sein. Grundsätzlich habe ich jetzt auch endlich genug Zeit für solche Projekte, da ich seit zwei Jahren hauptberuflich nur noch Musik mache. Da kann man sich um mehr solcher Sachen kümmern und sich da die notwendige Zeit nehmen. Die war früher nicht immer da, weil ich neben der Musik noch arbeiten ging.
Was war der ausschlaggebende Grund dafür, dass du dich dazu entschieden hast, hauptberuflicher Musiker zu sein?
Das kam für mich ganz natürlich. Eisregen sind konstant gewachsen und werden größer und größer. Ich war hauptberuflich Drucker. Und das kann einen kaputt machen, wenn man unter der Woche immer arbeitet und Sachen für die Band organisieren muss, um dann das komplette Wochenende für die Musik unterwegs zu sein. Da bleibt keine Freizeit. Irgendwann sah ich mich einfach gezwungen, eine Entscheidung zu fällen: Weiter auf den Beruf konzentrieren oder eben nur Musik machen. Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, die ich bisher noch kein einziges Mal bereut habe.
Und finanziell ist das kein Problem?
Nein, das passt schon. Es lässt sich davon leben. Natürlich kann man keine übermäßig großen Schritte machen, wenn man diese Form von Musik macht, aber es lässt sich meiner Familie gegenüber verantworten, dass ich diese Entscheidung getroffen habe.
Dein weiteres Standbein sind dann in dem Fall auch Marienbad, zu deren Musik dann ja auch scheinbar der Projektname wunderbar passen wird. Marienbad ist alleine vom Klang her unglaublich ruhig und ein sehr weiches Wort. Wie kamst du auf diesen Namen?
Der Name basiert auf einer realen Geschichte. Es gibt ein tschechisches Dorf, dessen deutscher Name so lautet. Dieses Dorf wurde in den Sechzigern geflutet und ging im Zuge dessen komplett unter. Und das Thema hat mich sehr fasziniert – auch weil meine Großeltern aus der Gegend stammen. Durch dieses Ereignis wurden viele Mythen und Legenden aufgearbeitet. Das fand ich sehr interessant für ein Konzeptalbum, auf dem sich gleichermaßen Fiktion wie Realität wiederfinden lassen. Das lyrische Konzept ist sehr interessant.
Wird es ähnlich wie bei Eisregen, sprich provokativ und schockierend?
Nein, das wird in eine ganz andere Richtung gehen. Wir behandeln dabei viele wirklich überlieferte Legenden, die kann man nicht einfach extrem ausschmücken und das würde auch überhaupt nicht zu den Klängen des Projekts passen. Natürlich finden sich unter diesen Legenden jede Menge düsterer Sachen und die haben wir uns natürlich herausgepickt. Das ist ganz klar. Demnach wird es auch für den typischen Eisregen-Fan sehr interessant, denn er kann das mal von einem anderen Spektrum aus erfassen. Es gibt Horror-Elemente, aber der Splatter-Aspekt fehlt.
Texte sind ohnehin ein gutes Stichwort. Die Texte eures neuen Albums werden nicht mehr abgedruckt. Beugt man mit dieser Maßnahme tatsächlich der immer drohenden Gefahr der Indizierung vor?
Wir sind damit in der Tat bisher sehr gut gefahren. Bei „Blutbahnen“ hatten wir die Verhandlung mit der BPJM und haben uns einmal intensiv mit diesem Gremium auseinandergesetzt. Es war schön, dass auch sie den künstlerischen Aspekt diesmal in den Vordergrund gestellt haben, sodass „Blutbahnen“ nicht indiziert wurde. Dabei wollten wir es aber noch nicht belassen, sondern wir haben uns mit diesen Leuten hingesetzt und geschaut, wie wir dafür sorgen können, dass beide Parteien zukünftig etwas glücklicher sind. Und dabei sind wir darauf gekommen, die Texte einfach nicht mehr komplett abzudrucken, um da die Angriffsfläche seitens der Behörden zu minimieren. Das ändert natürlich nichts an der Aussagekraft der Texte, die verändern sich dadurch ja nicht. Und wenn man möchte, findet man sie ohnehin im Internet, weil man meine Texte ziemlich gut heraushören kann. Zusätzlich haben wir diesen Aufkleber auf das Cover geklebt, auf dem wir warnen, dass labile Menschen sich zweimal überlegen sollten, ob sie sich diese CD holen. Der ist natürlich irgendwo Promotion, aber kann natürlich eine Abschreckung für labile Menschen sein, im Zweifelsfalle, wenn sie nicht sicher sind, ob sie die Texte verkraften, nicht zu dieser CD zu greifen.
Glaubst du, dass Eisregen von vielen Labilen gehört werden?
Ich glaube, dass es generell sehr viele labile Menschen gibt. Aber dass Eisregen auf diese Leute einen Einfluss haben, das glaube ich eigentlich eher weniger. Wir sind in dieser Welt ohnehin an einem Punkt angekommen, an dem niemand mehr normal ist. Diese Beschreibung trifft doch auf kaum jemanden mehr zu. Jeder hat seine Ticks oder Spleens. Da braucht es keine Band wie Eisregen, damit sich Menschen in eine radikale Ecke gedrängt sehen und aggressiv werden. In meinen Augen ist Metal eher ein Ventil für Aggressionen. Diese werden auf positive Art und Weise herausgelassen. Das sehen viele Leute leider nicht. Durch extreme Kunstformen, egal ob Filme oder Musik, können Taten vermieden werden, weil die Aggressionen vorher in positive Bahnen gelenkt werden. Ich denke eher, dass Eisregen keine Verrückten anstiftet, sondern eher dafür sorgt, dass es vielen Menschen besser geht.
Wir sprechen viel über die Texte im Allgemeinen. Lass uns doch mal einen detaillierten Blick auf einzelne Beispiele werfen. Beim Opener „N8Verzehr“ ist mir aufgefallen, dass ausnahmsweise einmal eine Frau der Täter in einem deiner Texte ist. Das ist doch ungewöhnlich oder?
Das gab es aber auch schon vorher, beispielsweise bei „Frischtot“ auf „Blutbahnen“. „N8Verzehr“ beschäftigt sich mehr mit der Hänsel- und Gretel-Thematik, allerdings interpretiere ich das sehr neuzeitlich und frei. Bei den Verhandlungen mit der BPJM war auch das mein Argument: Die meisten deutschen Märchen basieren auf sehr schockierenden, radikalen Geschichten. Hänsel und Gretel hat beispielsweise eine starke Verbindung zu Kannibalismus. Das habe ich umgesetzt und modern ausgestaltet. Aus dem Grund ist auch eine Frau der Täter. Grundsätzlich hast du aber Recht, dass die Täterrolle üblicherweise männlich ist. Das gehört zu diesem Genre irgendwie dazu.
Die Texte sind diesmal keinesfalls alle ausschließlich unterhaltend oder schockierend, sondern zum Teil auch sehr ernst. „Auf Ewig Ostfront“ befasst sich beispielsweise mit dem Krieg. Das ist kein Horror, das ist kein Splatter, da geht es um Krieg und um gefallene Soldaten. Geht man ein solches Thema mit mehr Vorsicht und Fingerspitzengefühl an?
Das versuche ich zumindest. Die Kriegsthematik hatten wir ja bereits bei „Eisenkreuzkrieger“. Ich finde schon, dass „Auf Ewig Ostfront“ in die Richtung Horror-Genre geht, aber „Der Tod senkt sich herab“ ist beispielsweise eine sehr ernsthafte Thematik und befasst sich mit dem Bombenangriff auf Dresden. Diese Geschichte hat mich sehr interessiert. Die Frage, wie sich die Leute wohl gefühlt haben müssen. Horror ist zum Teil auch blanke Realität, von daher passte dieses Thema sehr gut zu Eisregen. Natürlich gibt es Texte, wie damals „17 Kerzen am Dom“ (der Song behandelt den Amoklauf in Eisregens Heimatstadt Erfurt – dg), die versucht man ohne jede Form von schwarzem Humor zu schreiben, um die Leute auf den Ernst des realen Hintergrunds hinzuweisen.
Besteht da nicht auch die Gefahr, dass die Leute nicht erkennen, dass man dieses eine Mal nicht mit schwarzem Humor arbeitet?
Das glaube ich nicht. Man sollte die Menschen auch nicht unterschätzen. Die verstehen das. Letztlich bleibt es natürlich Unterhaltung, aber eben mit einem ernsten Hintergrund.
Der Song „Das Allerschlimmste“ ist eine wahre Hasstirade auf eine nicht näher identifizierte Person. Stand diesem Song eine reale Person Pate?
Ja, das kann man so sagen. Jeder Mensch kennt diese Gefühle. Man trifft im Leben einfach auf Menschen, bei denen man sich nur fragt, womit die das Leben verdient haben. Und man kann nichts dagegen machen, dass man eine solche Mordswut hat. Das kennt jeder. Das Lied ist diesbezüglich natürlich bewusst überstilisiert, dahingehend, dass sich die Gewaltfantasien immer weiter in brutalere Wünsche hineinsteigern.
Diente dir dieser Song als Katharsis? Konntest du dich dadurch abreagieren?
Ja, schon. Es hilft einem oft, Lieder zu schreiben. Dadurch werden negative Energien in etwas Positives verwandelt und es entstehen interessante Songs.
Mit dem Song „Zauberelefant“ rechnest du laut Promozettel mit der Feeder-Szene ab. Das klingt so, als sei es ein lang gehegter Wunsch von dir gewesen.
Ja, das stimmt. Ich hatte mir den Film „Feed“ angesehen und konnte eigentlich kaum fassen, dass das tatsächlich auf realen Begebenheiten basiert. Wenn man dann im Internet recherchiert, findet man etliche Foren, wo genau das passiert. Wo der Wert der Menschlichkeit mit Füßen getreten wird. Da sind viele Menschen unterwegs, die selbst wenn man nicht nach Spießer-Maßstäben richtet, nicht zu tolerieren sind. Ich fand es sehr interessant, diese Szene in einem Text zu verarbeiten. Diese Szene ist größer als man denkt – vor allem in den USA. Interessanterweise ist dabei die Rollenverteilung immer die gleiche. Der Mann ist immer derjenige, der füttert und die Frau diejenige, die gemästet wird. Diese Beziehung wird komplett vereinnahmt. Die Frauen können das Haus nicht mehr verlassen und sterben schließlich an Verfettung. Das ist eine unfassbar radikale Form, um seine Fetische auszuleben. Da es sehr morbide ist, hat es außerdem gut zu Eisregen gepasst.
Weiterhin wird in dem Song „Blute Aus“ die Cutting-Szene behandelt. Ihr bezeichnet diesen Trend als Unsitte, der Text wiederum ist jedoch so abstrakt, dass ich glaube, dass ihn kaum einer als Anti-Statement verstehen wird oder?
Das stimmt. Er ist sehr metaphorisch zu sehen. Ich habe bei unseren Konzerten schon Leute gesehen, die entsprechende Narben, teilweise noch frische, hatten. Da fragt man sich immer, warum diese Leute das tun, warum sie sich freiwillig Schmerzen zufügen. Mein Gedanke war, dass diese Leute diesen Kinderkram lassen würden, wenn sie einmal wirklichen Schmerz erfahren würden. Sich in unserer Wohlstandsgesellschaft freiwillig Schmerzen zuzufügen, ist doch absolut absurd.
Die abstrakten Texte gefallen mir sehr gut. An anderer Stelle empfinde ich die Provokation diesmal als zu plakativ, beispielsweise bei „Kai aus der Kiste“. Hätte man dieses doch sehr ernste Thema nicht nachdenklicher, abstrakter verpacken können?
Ich bin mit dem Kai sehr zufrieden. Die sozialkritische Komponente habe ich da bewusst gering gehalten. Der Auslöser dafür war, dass es hier diese Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ gibt, wo man Kartons mit Spielsachen in die Dritte Welt verschickt. Gleichzeitig kam dieser Skandal raus, dass in Österreich eine junge Frau 19 Jahre lang im Keller festgehalten wurde. Und das war nur einer von vielen Fällen. Diese Menschen sind dazu gezwungen auf engstem Raum zusammenzuleben. Das wollte ich kombinieren und in einem Lied zusammenfassen – mit sehr viel schwarzem Humor. Viele unserer Fans sehen das als das stärkste Lied des Albums an, trotz der fast balladesken Umsetzung.
Meine Frage zum Abschluss, weil ihr es so schön im Bonus-Track anschneidet: Warum hat Jesus auf dem Cover Titten?
Nun, die Schlangensonne ist ein Synonym für die Falschheit der Gesellschaft. Die Schlange gilt ja allgemein als falsches, hinterlistiges, heimtückisches Wesen. Das lässt sich leicht auf die religiöse Seite projizieren, weil viele Menschen dieses Erlöserbild von Jesus im Kopf haben – ein sehr männliches Bild. Wir empfanden es als wunderbare Provokation, Jesus einmal mit ein paar weiblichen Attributen auszustatten. Das war Yantits Idee und passte perfekt zum gesamten Album. Obwohl „Schlangensonne“ vorher geschrieben war, konnte man diese beiden Parts perfekt miteinander kombinieren. Und im Bonus-Track liefern wir ja letztlich die Erklärung dafür, warum Jesus wirklich Brüste hat: Weil Jesus stinkt!








