Interview: Sodom (Titelstory)

Interview mit Tom Angelripper (Sodom)

Meister der Verdorbenheit

Seit mehr als 25 Jahren stehen SODOM repräsentativ für die deutsche Thrash-Szene. Mit dem zweiten Teil der umfangreichen Dokumentation „Lords Of Depravity“ wagt die Band um ihren Fronter Tom Angelripper einen Rückblick auf eine Karriere, die von vielen Hochs, wenigen Tiefs und jeder Menge Skurrilitäten gezeichnet war. Eines hat sich die Band trotz allem bewahrt: Ihre Bodenständigkeit.

Text: Dorian Gorr | Fotos: SPV / Sodom / Tom Angelripper

Der Ruhrpott. Schmelztiegel der deutschen Gesellschaft. Es ist der dichteste Ballungsraum Deutschlands. Hier kommt alles zusammen. Ruhrpottler sagen oft, dass ein Außenstehender das Lebensgefühl dieses fünf Millionen Menschen umfassenden Gebietes nicht nachvollziehen kann. Und sie haben Recht. Für Außenstehende wirken die ewigen Wüsten aus Stahl, die vielen Industriegebiete und der grammatikalisch haarsträubende Ruhrpott-Dialekt der Einwohner nicht gerade einladend. Der Ruhrpott ist in weiten Teilen die Heimat einfacher Leute. Die Arbeiterklasse war und ist hier zuhause. Man ist bodenständig. Und doch zog von diesem Zentrum der Kultur eine Band los, um die Heavy-Metal-Welt zu erobern: Sodom.

Tom Angelripper ist ein Kind des Ruhrgebiets. Mit Sodom hat er in der ganzen Welt gespielt, zwölf Alben veröffentlicht und ist seit über 25 Jahren eines der repräsentativsten Aushängeschilder, wenn es um Heavy Metal aus Deutschland geht. Und doch merkt man dem Sänger und Bassisten in jeder Sekunde die Bodenständigkeit an. Tom ist der Typ, mit dem man sich von ganz alleine gut versteht, der Kumpeltyp, mit dem man liebend gerne in der Kneipe um die Ecke sitzt, um gemeinsam ein paar Bier zu trinken. Jemand, bei dem während des Gesprächs nie das Gefühl aufkommt, dass sich hier gerade ein Musiker mit einem Journalisten unterhält. Tom ist bodenständig. Und passt damit hervorragend zu der Gegend, in der er aufgewachsen ist – und in der auch heute noch wohnt.

„Na klar, ich wohne immer noch in Gelsenkirchen“, verrät Tom mit bestem Ruhrpott-Dialekt. „Ich sehe mich nicht als Rockstar. Ich kenne viele Musiker, die sich selbst so darstellen und das verachte ich. Ich gehe noch immer gerne mit meinen Kollegen in die Kneipe. Hier wohne ich, das hier ist meine Heimat. Ich bin hier verwurzelt, im Ruhrpott. Für mich ist es nach einer Tour immer am schönsten, hierhin zurückzukommen. Die Leute behaupten immer, dass Musik das Wichtigste ist. Aber das stimmt nicht. Freundschaften und Heimat sind wichtiger. Letztlich bin ich auch nur ein Metal-Fan, der ab und zu für eine Stunde auf die Bühne darf, um Musik zu machen.“

Keine Frage, für die zahlreichen Sodom-Fans, die rund um den Globus verteilt sind, ist er weit mehr als das. Für sie ist er der Rockstar zum Anfassen. Der Typ Musiker, der auch nach der Show noch in der Halle bleibt, um Hände zu schütteln, Autogramme zu geben und Bier zu trinken – alles Eindrücke, die auch auf der neuen DVD „Lords Of Depravity 2“ festgehalten wurden. Wie der Name es andeutet, ist die DVD der Nachfolger von „Lords Of Depravity“, jener DVD, die vor fünf Jahren erschien und die Geschichte von Sodom bis ins Jahr 1995 ausführlich dokumentierte. Das Konzept ist das gleiche: Neben der Jubiläums-Show auf dem Wacken Open Air 2007 und den üblichen Bonus-Spielereien, gewähren Tom Angelripper, Gitarrist Bernemann und Schlagzeuger Bobby Schottkowski einen tiefen Einblick in den Werdegang der Thrasher. Und sie sind nicht alleine: Während monatlich zahlreiche DVDs herauskommen, in denen Bands vor der Kamera kurz und bündig interviewt werden, kommen bei Sodom eine unüberschaubare Anzahl von Musikern, Journalisten, Freunden, Produzenten und Kollegen zu Wort, die ausführlich die Jahre 1996 bis 2009 beleuchten – alles unterstützt mit Bildern, Videoausschnitten und Interviews. Und es verwundert nicht, dass ein ausführlicher Blick auf die Sodom-Geschichte nicht auf eine DVD zusammenfassbar ist: Sodom haben viel erlebt, entsprechend viel zu erzählen und erinnern sich lebhaft zurück bei ihrer Reise in die eigene Vergangenheit.

„Für mich war die Sichtung des alten Materials zwar eine ganze Menge Arbeit, aber ich habe sehr oft herzhaft lachen müssen“, erzählt Tom. „Das war schon beim ersten Teil so. Da kommt Zeug zum Vorschein, da konnte ich mich gar nicht mehr dran erinnern. In all den Jahren ist ja viel verloren gegangen und es entfallen einem dann viele Details. Wenn man sich dann die alten Videotapes anguckt, fällt einem dann auf einmal wieder alles ein, wer da mit dabei war und was genau abging. Uns war wichtig, dass wir dem Fan die Möglichkeit geben, hinter die Kulissen zu blicken. Ich finde, dass man das bei anderen Bands viel zu wenig sieht. Die Leute beneiden einen immer darum, dass man beispielsweise in Südamerika oder so gespielt hat. Aber wir wollten auch zeigen, dass in diesen Ländern auch viel Tragik dabei ist und keinesfalls alles schön ist. Das gilt auch für die USA, wenn man da an der Grenze von den Securitys gefickt wird. Eigentlich wollten wir mal einen richtigen Road Movie machen und zeigen, wie es auf Tour abgeht und womit man sich herumschlägt. Das mussten wir leider recht kurz halten.“

Dennoch kriegt man einen guten Eindruck von den Problemen, die vor allem entstehen, wenn man auf Tour in einem Land ist, in dem die Standards, was Sicherheit, Unterbringung und Equipment angeht, nicht mit den hiesigen vergleichbar sind. Da gibt es Veranstalter, die verschwinden mit den Eintrittsgeldern, ohne die Gage bezahlt zu haben, das Schlagzeug muss aus unterschiedlichsten Drumsets zusammengepuzzlet werden und Fans klettern über Dachfenster in die Halle, weil es keine Tickets mehr gibt.

„Natürlich wären das alles gute Gründe, um nicht mehr in diesen Ländern zu touren. Das Essen ist schlecht, die Hotels sind oft grottig, das Equipment ist oft Mist, teils sind es 60 Grad auf der Bühne und du bist froh, dass du noch lebst, wenn das Konzert vorbei ist. Das sind meist zwei Wochen, in denen du weder richtig lebst und nicht mal richtig kacken gehen kannst. Irgendwie erlebt man diese Trips immer wie im Wahn und geht nur von Show zu Show“, so Tom.

Hinzu kommt: Geld verdient man mit einem zweiwöchigen Ausflug nach Peru oder Uruguay keinesfalls.

„Wir sind am Ende immer froh, wenn wir wenigstens die Kosten wieder rausbekommen. Es ist die Dankbarkeit der Fans, die uns immer wieder dahin zurückbringt. Wir haben unglaublich viele Sodom-Fans in Südamerika. Die lieben Metal und feiern jede europäische Band ab, die dahinkommt. Deswegen machen wir das immer wieder.“

Der Tod des Witchhunter

Die Touren durch Südamerika sind nur ein Teil dessen, was man auf der neuen DVD zu sehen bekommt. Ein weiteres Ereignis, das ausführlich behandelt wird, ist der Tod eines Menschen, der in der Metal-Szene für viel Aufsehen gesorgt hat: Es war der 8. September 2008 als Chris Witchhunter an den Folgen seiner jahrelangen Alkoholsucht starb. Bis zu seinem Tod hatten der erste Sodom-Schlagzeuger und Tom Angelripper ein gespaltenes Verhältnis zueinander. Umso schwieriger war es, dieses Thema adäquat auf der DVD umzusetzen. Sodom haben es geschafft Chris Witchhunter in einem realistischen Licht als den Menschen darzustellen, der er Zeit seines Lebens stets war: Ein schwieriger Mensch mit einem schwerwiegenden Alkoholproblem, der aber gleichzeitig wegweisendes Idol für zukünftige Thrash-Schlagzeuger war.

„Ursprünglich wollte ich das gar nicht auf die DVD packen. Eigentlich sollte die DVD beim Wacken Open Air 2007, wo wir unser Jubiläum gefeiert haben, enden. Das war der ursprüngliche Plan, aber viele Leute haben uns nach dem Auftritt schon angesprochen und wollten wissen, woran es liegt, dass Chris nicht mit dabei ist. Also hatten wir vor, das kurz anzuschneiden, damit die Leute es nachvollziehen können. Als er dann starb, war schnell klar, dass man dieses Thema nicht eben schnell nebenbei abarbeiten kann. Das Thema Chris Witchhunter ist ja durchaus kontrovers. Bei der Jubiläumsshow mussten wir ihn zuhause lassen, weil er sich weigerte, mit uns die Stücke zu proben. Ein solcher Auftritt ist zu wichtig, um sich nur darauf zu verlassen, dass ein launischer Typ wie er die Stücke tatsächlich beherrscht. Der Typ war nicht nur geil. Ich finde, dass der Toto das sehr schön auf der DVD erzählt. Er hat ja vor ein paar Jahren die „The Final Sign Of Evil“ produziert und damals viel Zeit mit ihm verbracht. Ohne Toto hätten wir die gar nicht herausbringen können, weil nur er die Geduld dafür hatte. Ich hätte nach dem dritten Tag gesagt: „Witchhunter, leck mich am Arsch, jetzt trommel den Scheiß ein oder lass es.“ Aber der Toto sagte immer, dass er das schaffen wollte. Ich selbst durfte nicht dabei sein, wenn Chris Sachen eingespielt hat. Das wollte er ja nicht. Es war keinesfalls einfach mit Witchhunter, aber sein Tod kam natürlich sehr plötzlich. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet und das hat mich sehr getroffen. Mir war auch wichtig, dass seine Verwandtschaft sich äußern kann.“

Und die Verwandten sind nicht die einzigen Personen, die bei dem Abschnitt zu Wort kommen. Viele Musiker verabschieden sich von Chris mit ein paar Kommentaren – manche etwas oberflächlicher als andere. Die besten Einblicke in den Charakter von Chris Witchhunter kriegt man in der Tat während der Kommentare von Thorsten „Toto“ Hain, Produzent von „The Final Sign Of Evil“, der zuletzt der einzig verbliebene Mensch war, der noch einen Zugang zu dem eigenwilligen, launischen Chris Witchhunter fand und beschreibt, was für ein grundsätzlich lieber, aber auch komplexer Mensch der Trommler war, der am 8. September starb.
Chris Witchhunter mag der extremste Fall sein, doch ist er nur einer von vielen Musikern, den Sodom im Laufe der Jahre zurückließen. Dass der Zusammenhalt unter den ehemaligen und heutigen Sodom-Mitgliedern trotz früherer Streitigkeiten groß ist, beweist nicht nur die Jubiläumsshow, sondern auch das immer wieder stattfindende „Klassentreffen“, das auf der DVD dokumentiert ist und bei dem außer Chris Witchhunter nur Gitarrist Dirk „Strahli“ Strahlmeier, der irgendwo im Drogenmilieu verschollen ist, fehlt.

„Ich habe gehört, dass irgendeiner ihn mal in Düsseldorf gesehen hat. Da soll er angeblich die Obdachlosenzeitung ausgetragen haben. Ich habe auch schon mal bei der Drogenhilfe in Düsseldorf angerufen, aber die dürfen mir natürlich keine Auskunft geben. Ein Kumpel von mir ist Polizist, den bat ich mal, sich umzuhören und mal zu recherchieren, was aus dem geworden ist, aber der konnte mir auch nichts sagen. Strahli hat irgendwann alle Kontakte zu früher abgebrochen und ist im Drogensumpf hängen geblieben. Ich finde so etwas sehr schade“, so Tom.

Die Gefährten

Mit Bobby und Bernemann hat der Sodom-Boss nach Jahren der Rotation das stabilste und produktivste Line-Up gefunden. Ihr Einstieg ist es, der den zweiten Abschnitt in der Sodom-Historie markiert. Und man kann sich mit Leichtigkeit vorstellen, warum es mit den beiden nicht zu den für Sodom vorher üblichen Reibereien kam: Bobby und Bernemann sind bescheidene, ruhige und scheinbar durchweg gut gelaunte Zeitgenossen. Schlagzeuger Bobby hat während all der Interviews auf der DVD nicht nur stets ein Lächeln auf den Lippen, sondern auch immer eine tolle Anekdote parat. Bernemann, dessen Mähne weiß-silbern strahlt, wirkt wie ein von tausend Erinnerungen umtriebener Heavy-Metal-Intellektueller, der meist in Gedanken versunken an der Kamera vorbei blickt, wenn er in seinem Gedächtnis kramt.

„Natürlich funktioniert Sodom mit den beiden besser als je zuvor“, weiß auch Tom. „Sonst wären wir niemals seit so vielen Jahren zusammen. Mit Sicherheit gibt es Leute, die finden den Witchhunter oder den Blackfire irgendwie kultiger. Die werden eben mit den glorreichen Achtzigern verbunden. Aber so wie es jetzt ist, funktionieren Sodom. Wir sind abgeklärter und vor allem: Wir sind alle auf einem gleichen Level. Wir haben das gleiche Alter und haben das gleiche Verständnis von Professionalität. Es gibt nicht mehr diese Ego-Trips, die wir früher austragen mussten. Das war mit einem Chris Witchhunter ganz anders. Damals wollte sich jeder in den Vordergrund drängen. Dabei ist es nun einmal so, dass der Sänger einer Band das Markenzeichen wird. Damit muss man als Schlagzeuger oder als Gitarrist, der nicht singt, klar kommen. Und das können Bobby und Bernemann.“

Vergangene Tage

Dass die Assoziation mit den glorreichen Achtzigern dafür sorgt, dass Musiker wie Frank Blackfire oder Chris Witchhunter unter Thrash-Fans Kultstatus genießen, ist laut Tom wenig verwunderlich.

„Die Achtziger waren der Wahnsinn. Das war einfach eine unglaublich geile Zeit. Ich würde gerne mit einer Zeitmaschine dahin zurückreisen. Wir waren jung, überall war etwas los und wir haben jeden Tag etwas unternommen. Damals haben sich all die geilen Bands frisch gegründet und überall liefen die Kuttenträger rum. Wir haben diese Musik gelebt. Wir waren in jeder Metal-Disco Stammkunden und haben uns dort richtig weggeschädelt. Das war ein riesiger Haufen. Die Altenessener, die Bottroper und die Gelsenkirchener – wir waren ein großer Verein“, schwärmt der Sodom-Boss von vergangenen Zeiten.

Und es waren auch einfachere Zeiten, um im Musikgeschäft Fuß zu fassen. Die Labels hatten noch Geld, die Bands freuten sich über steigende Umsätze und ein Label wie SPV, das letztes Jahr Insolvenz anmeldete, war im Begriff, ein Metal-Imperium aufzubauen. Ihrem Label hielten Sodom dennoch die Treue.

„Heute ist überall weniger Geld vorhanden, das geht ja nicht nur SPV so. Deren Fehler war, dass die noch den großen Bands mehr gezahlt haben, als deren Verkäufe wieder reinbrachte. Klar, wir hätten wechseln können. Wenn eine Firma insolvent ist, sind die Verträge frei. Aber wir sind bei SPV geblieben. Wir haben mit denen immer gut zusammengearbeitet. Diejenigen, die die Krise zu verantworten haben, sind ja jetzt auch weg. Das Label ist jetzt etwas kleiner, was uns eigentlich gut tut, weil man sich deswegen noch besser um Sodom kümmert. Wir sind nun nicht mehr ein Nebenprodukt bei denen, sondern werden behandelt wie in den goldenen Zeiten dieser Branche“, freut sich Tom.

Die goldenen Zeiten. Viele junge Bands träumen davon, einmal das erleben zu können, was Sodom und Konsorten vor über 20 Jahren miterlebten. Nicht ohne Grund huldigen viele junge Bands diesen Zeiten – sowohl musikalisch als auch optisch.

„Ich glaube nicht, dass eine Band, die sich heute gründet, noch einmal so einen Szenestatus für den Thrash Metal bekommen kann. Diese Zeiten kann man nicht kopieren. Das ist Vergangenheit. Es ist eigentlich utopisch, wenn eine Band von heute Old School Thrash Metal macht. Das war die Musik, die wir damals zu dieser bestimmten Zeit gemacht haben, so etwas lässt sich nicht zurückholen. Ich finde es ja ganz erfrischend, wenn eine Band wie Ketzer das auch optisch so umsetzt, aber letztlich covern die. Die covern vielleicht keine ganzen Stücke, aber sie covern einen ganzen Stil und damit kommt man nicht nach oben. Die müssen ihren eigenen Stil finden“, ist sich Tom sicher.

Letztlich sei auch nur das der Grund, warum es bis heute drei Bands sind, die vorrangig mit dem deutschen Thrash Metal der Achtziger verbunden werden: Kreator, Destruction und eben Sodom, so ist sich Tom sicher, hätten zwar alle grob einen ähnlichen Stil gespielt, dies aber auf völlig unterschiedliche Weise.
Über das Verhältnis dieser drei Bands wurde und wird immer viel spekuliert. Klar: Das große deutsche Thrash-Triumvirat besteht aus vermeintlichen Konkurrenten. Tom sieht das anders.

„Ich habe es nie so empfunden, dass wir wirkliche Konkurrenten waren, weil wir eben aus einer Richtung kommen, aber alle ganz anders klingen. Ich kenne viele Sodom-Fans, die Destruction hassen und umgekehrt. Wir haben uns alle unterschiedlich entwickelt und haben ein super Verhältnis zueinander. Wir treffen uns ja auf so vielen Festivals und haben dann viel Spaß miteinander. Wir respektieren uns gegenseitig und albern viel herum. Von Konkurrenzkampf kann da nicht die Rede sein“, ist er sich sicher.

Bei diesen Treffen würde man lediglich immer daran erinnert, wie schnell die Zeit vergangen ist.

„Die Zeit ist verflogen. Manche Sachen kommen mir vor, als wären sie erst letzte Woche passiert. Bald haben wir 30-jähriges Jubiläum. Wenn ich die Jungs, also Mille oder Schmier, treffe, dann scherzen wir darüber auch. Wir werden alle älter. Natürlich hält das Musikerdasein einen mental fit, weil man sich viel kreativ beschäftigt, aber körperlich geht es mit uns genau so bergab wie bei jedem anderen auch. Vor allem manche Tour ist gesundheitsschädlich. Deswegen versuche ich ja auch immer einen Ausgleich zu schaffen, wenn ich zuhause bin. Ich versuche mich gesund zu ernähren und bei der Jagd Stress abzubauen.“

Tom, der Familienpapa

Zuhause ist es doch am schönsten. Manchmal wünsche er sich etwas mehr Ruhe im Leben, gibt Tom ohne Umschweife zu.

„Natürlich sehnt man sich manchmal danach, einfach sieben Stunden arbeiten zu gehen, dann nach Hause zu kommen und Feierabend zu haben. So etwas gibt es als Musiker nicht. Da macht man jeden Tag etwas. Aber letztlich bin ich nicht der Typ, der zuhause still sitzen kann. Ich muss immer etwas machen.“

Dass er mit Sodom regelmäßig die ganze Welt bereist, erfordert nicht nur viel Selbstdisziplin und Hingabe, sondern auch viel Verständnis seitens der eigenen Frau. Auf der Bühne mag man es dem langhaarigen Fronter vielleicht nicht ansehen, doch  privat ist Tom Angelripper, bürgerlich übrigens Thomas Such, lieber Familienvater von zwei Kindern.

„Meine Frau kenne ich seit 1986. Die habe ich unabhängig von der Band kennengelernt. Irgendwann hat sie sich an die Musik gewöhnt. Seitdem sind wir zusammen. Meine Frau hat unsere Kinder groß gezogen, das ist schon sehr bewundernswert. Meine Tochter ist mittlerweile 17, mein Sohn ist 13. Das macht einen schon stolz. Wenn man zwei gut geratene Kinder am Start hat, fragt man sich schon, was man eigentlich mehr vom Leben will? Da weiß man, dass man etwas aus dem eigenen Leben gemacht hat. Und alleine hätte ich die nie großziehen können, ich war ja immer viel unterwegs“, weiß Tom.

Zu richtigen Metal-Fans sind seine Kinder trotz des väterlichen Musikerdaseins nie geworden.

„Die sind natürlich irgendwie damit groß geworden, dass ihr Vater Metal-Musiker ist und sie haben mitbekommen, dass das viel Arbeit ist. Aber denen ist Papa eher peinlich. Bei denen in der Klasse sitzen teilweise Jungs, die tragen Sodom-Shirts, aber sie selbst sind keine Metal-Fans geworden. Aber man kann so etwas ja auch nicht erzwingen“, lacht der 47-Jährige.

Dass aus Thomas Such ein wegweisender Metal-Musiker geworden ist, war anfangs auch den eigenen Eltern nicht so lieb.

„Seit „Agent Orange“ bin ich hauptberuflich Musiker. 1989 habe ich aufgehört im Bergbau zu arbeiten. Allerdings zum Leidwesen meiner Eltern. Mein Vater wollte mich gerne in der Zeche sehen. Wäre ich dort geblieben, könnte ich nächstes Jahr schon in den Vorruhestand gehen. In meiner Familie waren alle im Bergbau. Mein Onkel hat mir damals meinen Job vermittelt. Die zehn Jahre, die ich dort gearbeitet habe, möchte ich auch nicht missen. Ich bin da richtig stolz drauf und habe meine damaligen Kollegen auch richtig vermisst, als ich dann nur noch Sodom gemacht habe. Zum Glück sieht man sich auch heute immer mal wieder und trinkt ein paar Bier zusammen.“

Sein absoluter Traumberuf sei jedoch stets der Posten eines Försters gewesen. Seine Leidenschaft für Natur und Wälder lebt er deswegen heute als Hobbyjäger aus.

„Ich bin schon als kleines Kind durch die Wälder getobt. Später als Jugendlicher bin ich regelmäßig am Sonntag um 4 Uhr morgens aufgestanden, habe das Fernglas, eine Thermoskanne Kaffee und einen Rucksack eingepackt und bin in die Wälder gefahren, um Rehwild zu beobachten. Mich hat diese Faszination nie losgelassen. Anfang der Neunziger habe ich dann meinen Jagdschein gemacht. Seitdem bin ich mehr oder weniger regelmäßig aktiv und habe seit ein paar Jahren mein eigenes Revier.“

Den Vorwürfen vieler Tierschützer und -liebhaber sei man als Jäger oft ausgesetzt.

„Die haben nicht verstanden, dass der Jäger kein Mensch ist, der wahllos Tiere ermordet. Man kümmert sich ja um die Natur. Wenn 20 Rehe im Revier sind und die zehn Weibchen permanent schwanger sind und zwei Jungtiere werfen, dann ist das eine Zuwachsrate von 200 Prozent. Da muss der Jäger einschreiten und ein paar wegnehmen. Der Tierbestand kann sich explosionsartig vermehren, der Wald wird hingegen nicht größer.“

Kein Ende in Sicht

Trotz regelmäßiger Jagdtrips haben er und seine beiden Gefährten alle Vorbereitungen getroffen, damit noch in diesem Jahr ein neues Sodom-Album erscheint.

„Wir fangen jetzt mit der Vorproduktion an. Unser Produzent ist diesmal Waldemar Sorychta, der ja sehr viel Erfahrung hat. Ich fand unsere letzte Platte gut, aber es mangelte noch etwas an der Produktion. Da kann man noch mehr rausholen. Deswegen ist Waldemar quasi als viertes Bandmitglied dabei. Der soll alles aus uns herausholen und greift auch ins Arrangement ein, wenn er selbst der Meinung ist, dass irgendetwas scheiße ist. Man selbst ist ja oft sehr unkritisch, was die eigenen Songs angeht. Wir brauchen da wen, der Ahnung und das richtige Ohr hat. Wir wollen diesmal noch mehr Augenmerk auf die Refrains legen. Letztlich ist das einzige Kriterium, dass es nach Sodom klingt. “

Textlich werden sich Sodom abermals mit dem Unheil der Welt auseinandersetzen. Laut seinem Bekanntenkreis seien es die besten Texte, die Tom je geschrieben hätte. Anschließend wird es erneut auf Tour gehen. Ein Ende der Sodom-Geschichte ist nicht in Sicht – auch wenn die Haare grauer werden.

„Das Alter hindert einen nicht daran, so eine Musik zu machen. Solange man sich nicht auf die Bühne quält, mache ich mit Sodom weiter. Wenn ich merke, dass es im Arsch nicht mehr kribbelt, wenn man auf die Bühne geht, dann werde ich darüber nachdenken, ob ich noch Bock habe, damit weiterzumachen. Aber solange es auf der Bühne nicht gerade sechzig Grad warm ist, macht mir das alles noch immer viel Spaß.“

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