Interview: Lantlôs

Interview mit Herbst (Lantlôs)

Heimatlos im Rausch

Zwischen Depression, Rauscherfahrung und einer kalten musikalischen Verlorenheit haben sich LANTLÔS in die Seelen vieler Post-Black-Metal-Fans gespielt. Bandchef Herbst berichtet von seinem zukünftigen Wandel und der Quelle seiner Inspiration: seiner psychischen Erkrankung.

Interview: Dorian Gorr | Foto: Prophecy

Herbst, mit Lantlôs hast du dein zweites Album veröffentlicht. Genrekonventionen sind dir tatsächlich gänzlich fremd oder?
Ja, scheinbar schon. Ich denke schon noch, dass das Album in erster Linie Black-Metal-Fans gefallen wird, da die Musik ja durchaus hart und extrem ist. Dennoch muss man offen sein, um sich damit anfreunden zu können. Dass meine Musik nicht in das enge Genre-Korsett des True Black Metal passt, liegt daran, dass ich selbst so etwas nie gehört habe. Zu Bands wie Darkthrone, Burzum und Mayhem habe ich einfach keinen Zugang. Vielleicht bin ich mit meinen 20 Jahren auch zu jung dafür. Ich habe im Black-Metal-Bereich mit ganz anderen Sachen angefangen, beispielsweise „Fuck The Universe“ von Craft. Mittlerweile höre ich fast gar keinen Black Metal mehr.

Wäre es dann nicht reizvoller für dich, auch Musik zu veröffentlichen, die du selbst hörst?
Ja, das ist schon reizvoll und wird auch passieren. Die Songs auf „Neon“ sind bereits zweieinhalb Jahre alt. Der Release hat sich auf Grund meines Wechsels von ATMF zu Prophecy ziemlich verzögert. Die nächste Platte wird sehr viel weniger Black-Metal-Anteile enthalten.

Derzeit hast du eine kleine Fanbasis, die Lantlôs als Underground-Tipp betrachten – dies aber auf Grund der Tatsache, dass du Black Metal spielst. Werden Label und Fans begeistert sein, dass du einen Wandel vorhast?
Ich weiß schon jetzt, dass jetzige Lantlôs-Fans die Platte nicht mögen werden. Aber von Labelseite gibt es keine Einschränkungen. Die fanden die ersten Demos bereits okay.

Und was diejenigen denken, die dich bisher als Geheimtipp weiterempfehlen, ist dir vollkommen egal?
Das muss es doch oder? Natürlich ist es mir nicht egal, wenn jemand mir ins Gesicht sagt, dass das was ich mache totale Scheiße ist. Aber man darf sich davon nicht beeinflussen lassen. Die Musik ist der Ausdruck des eigenen Selbst. Das ist der Sinn der Musik. Angenommen ich kann mit den Reaktionen nicht umgehen, dürfte ich keine Musik veröffentlichen. Meine Musik soll nur einen Ausdruck haben, mich bewegen, ganz egal ob es ein negativer oder ein fröhlicher Ausdruck ist. Meine Musik ist Ausdruckskunst, etwa so wie bei einem Künstler, der Farbe an die Wand schmeißt und damit nur festhält, was für Gefühle und Emotionen er in diesem Moment hat. Bei mir schlägt sich das im Ausdruck der Musik nieder.

In welche Richtung wirst du dich denn stilistisch wandeln?

Es wird deutlich härter, aber eben ein anderes Genre sein. Der Gesang wird extremer werden, aber alles auf andere Art. Ich möchte nicht zuviel verraten, um den Überraschungseffekt zu wahren. Ich kann aber verraten, dass es strukturlos, superanstrengend und sehr sperrig wird.

Ist das etwa ein Qualitätsmerkmal für Post Black Metal?
Das weiß ich nicht, wie kommst du darauf?

Nun, Sperrigkeit ist eine negativ belegte Vokabel. Sperrigkeit zieht normalerweise Minuspunkte nach sich. Bei dir scheint es aber zukünftig das Konzept zu sein. Du stehst also für die Sperrigkeit ein. Entsprechend die Frage: Sollte diese Musikrichtung deiner Meinung nach so sein?
Nein, das ist nur wie ich finde, dass meine Musik gut klingt und einen Ausdruck hat. Ich sehe momentan keinen anderen Weg als komplexere Musik zu machen. Der höhere Grad an Nihilismus, der in die Atmosphäre einfließt geht wunderbar damit einher. Ein schwerer Zugang zur Musik ist ein Stilmittel, das durchaus seine Wirkung zeigt.

Der Bandname entstammt dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie heimatlos. Laut Metal-Archives hast du ihn gewählt, weil du dich nirgendwo zuhause fühlst.
Ja, das stimmt sogar. Um das zu erklären, muss ich etwas ausholen. Als ich 17 geworden bin, habe ich ein psychologisches Phänomen an mir beobachten können. Ich habe erst kürzlich herausgefunden, dass sich das Derealisation nennt. Das äußert sich dahingehend, dass man keinen Bezug zur Realität hat. Dass man die Umwelt anders, wie durch einen Filter wahrnimmt. Das ist sehr schwer zu beschreiben. Es fühlt sich an wie ein dauerhafter Rausch, der nicht kontrollierbar ist. Dem entspringt das gesamte Lantlôs-Konzept.

Auf Grund dieses Phänomens, dieser Erkrankung, fühlt man sich mit nichts verbunden?
Man nimmt die Umwelt einfach anders wahr. Es ist alles irreal, das Leben fühlt sich an wie ein Film. Jede Entscheidung die man fällt, bedeutet nichts. Das ist ein seltsames, entrücktes Gefühl, das man nicht kontrollieren kann.

Das klingt auch leicht nihilistisch oder?
Das Nihilistische ist immer stärker dazugekommen, weil ich anfangs nicht damit umgehen konnte. Irgendwann fragt man sich, was man ist, warum man hier ist, was um einen herum ist. Das sind Fragen, die allgegenwärtig sind, nicht nur während einer philosophischen Stunde. Sobald ich etwas sehe, frage ich mich, ob das wirklich da ist oder nicht. Wenn dieses Gefühl, diese Gedanken, normal werden, dann wird man zwangsläufig nihilistischer, weil man alles hinterfragt.

Mal ehrlich: Das sollte aber doch behandelt werden oder?
Das habe ich getan, dennoch habe ich das Gefühl mittlerweile dauerhaft. Ich kann aber heute damit umgehen. Ich habe Freunde, gehe normal arbeiten und bin kein Wrack. Ich verwandele diese Rauscherfahrungen in Musik. Nur so ist „.Neon“ entstanden.

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