Artikel: Roger Tullgren

Roger Tullgren

Süchtig nach hartem Stoff

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“, sagte einst Friedrich Nietzsche. Doch kann Musik so sehr mit dem Alltag verschmelzen, dass sie zur Sucht wird? Dass man eine Abhängigkeit verspürt, die man sonst nur von Betäubungsmitteln, Tabak oder Alkohol kennt? Laut einem schwedischen Gerichtsurteil ist das möglich. ROGER TULLGREN, 45-jähriger Heavy-Metal-Fan aus Südschweden, ist der vermutlich erste Mensch, dem von einem Psychologen eine Musiksucht attestiert wurde. Da ihn diese bei der Ausübung eines Berufs eingeschränkt habe, erhielt er über Jahre eine Erwerbsminderungsrente vom Staat ausgezahlt.

Text: Dorian Gorr | Fotos: Dorian Gorr & Roger Tullgren

Die Nägel sind schwarz lackiert. Um das rechte Handgelenk sind unzählige Bändchen gebunden, die in den verschiedensten Farben dokumentieren, auf welchen Musik-Festivals ihr Besitzer schon gewesen ist. An allen zehn Fingern glitzern Silber- und Goldringe. Es sind überwiegend große, in das Metall eingearbeitete Totenköpfe, die einen von den Händen aus anstarren. Keine Frage, Roger Tullgren fällt auf. Seine langen, schwarzen Haare, in die rote Strähnen eingefärbt sind, wehen ihm über die breiten Schultern. Seine Jeansweste ist übersät mit Aufnähern von Bandlogos. Roger Tullgren ist ein Heavy-Metal-Fan. Doch nicht nur irgendein Fan. Er ist der erste, der laut einem offiziellen psychologischen Urteil süchtig nach Heavy Metal ist.

Die Liebe seines Lebens
Seit über vierzig Jahren hört Roger Heavy Metal. Gerade einmal sechs Jahre war er alt, als sein Bruder ihm beim Babysitten das erste Album von Black Sabbath vorspielte.

„Ich erinnere mich da noch so intensiv dran, als sei das erst gestern gewesen. Er spielte mir ‚Black Sabbath’ von Black Sabbath vor und ich saß dort wie gebannt. So etwas hatte ich noch nie gehört. Bei meiner Mutter liefen sonst nur ABBA und die Beatles. Was ich auf dieser Vinylplatte hörte, war total anders. In dem Moment wurde ich süchtig nach dieser Musik“, ist er sich sicher.

Was er selbst schon 1971 herausfand, bescheinigte ihm 2007 auch ein schwedisches Gericht und gewährte ihm dadurch Bezug einer Erwerbsminderungsrente. Dem Urteil vorausgegangen war die Diagnose eines Psychologen, der dem damals 42-Jährigen attestierte, bei der Suche und Ausübung einer Arbeit durch seinen Musikgeschmack eingeschränkt zu sein, sodass der Staat helfend einschreiten müsse. Schon Jahre vorher lebte Tullgren von der Sozialhilfe. Mehrere Jobs gab er auf, weil diese sich nicht mit dem von ihm gewählten Lebensstil vereinbaren ließen. Er weigerte sich stets, sein Erscheinungsbild während der Arbeitszeit anzupassen, hörte bei der Arbeit Musik und ging auf bis zu 300 Konzerte pro Jahr, was vermehrt zu Arbeitsausfällen führte. Das Gutachten kam schließlich zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Verhalten um eine sozialmedizinische Behinderung handele.

„Ich war damals selbst verblüfft von dem Urteil“, gibt Roger zu, der nun 25 Prozent seines Einkommens vom Staat bezog, während er als Küchenhilfe in einem Restaurant arbeitete.

In seiner Stimme schwingt eine Menge Stolz mit, als er von den Untersuchungen und dem Urteil des Psychologen erzählt. Als ihm das Attest  für das Gericht ausgehändigt wurde, habe seine erste Frage gelautet, ob er eine zweite Kopie bekommen könne. Heute hängt diese über seinem Bett. „Für mich war dieses Urteil das Paradies. Ich liebe diese Musik und das wurde mir nun auch offiziell bescheinigt“, so Roger mit einem fröhlichen Grinsen. So positiv wie er betrachtet das allerdings nicht jeder. Zwar berichtet Roger von unzähligen Heavy-Metal-Fans, die ihm daraufhin Fanpost schickten, doch es meldeten sich auch viele kritische Stimmen.
Die Argumentation der Kritiker ist dabei ebenso schlüssig wie rational. Der Konsum von Musik, so exzessiv er auch sein mag, zählt für die meisten als Hobby. Kritiker befürchten: Ein Urteil wie das im Falle des Roger Tullgren öffne nun Tür und Tor für weitere Menschen, die behaupten, abhängig von ihrer Freizeitbeschäftigung zu sein. Erschwerend kommt für viele hinzu, dass Roger durch das Urteil in seinem Verhalten bestärkt würde. Eine Therapie oder einen Entzug, wie man sie bei anderen Abhängigkeiten durchführen würde, blieb bei ihm aus.

„Es wurde damals über einen Entzug nachgedacht. Aber dazu kam es nie, weil der Fall so selten ist, dass es dafür kein Entzugskonzept gibt“, so Roger.

Doch ohnehin käme ein freiwilliger Heavy-Metal-Entzug für ihn nicht in Frage. Er brauche diese Musik rund um die Uhr.

„Ich bin süchtig danach. Ich kann keine andere Musik hören. Wenn ich auf Partys bin und es läuft etwas anderes, dann höre ich entweder Musik auf meinem MP3-Player oder ich fahre nach Hause. Ich brauche diese Musik sogar während ich schlafe.“

In Deutschland nicht möglich
Dass das Urteil in Schweden gefällt wurde, verwundert nicht. Das Land ist bekannt für seine liberale Rechtsprechung, die schon einige andere Skurrilitäten zutage brachte. In einem anderen Land sei ein solcher Fall nicht denkbar, ist sich auch Roger Tullgren sicher.

„Mich rief eines Tages der norwegische Premierminister an. Er erklärte mich für verrückt und sagte mir, dass so etwas in Norwegen niemals möglich sein würde“, erzählt Roger.

Und auch in Deutschland scheint ein solches Urteil unmöglich. Denn hierzulande gilt Musik nicht als ein Stoff, der eine Abhängigkeit bedingt.
Deutschland hält sich an die von der Weltgesundheitsorganisation 1957 herausgegebene Definition. Demnach sei eine Abhängigkeit immer auch von einer Intoxikation begleitet. Als ein Stoff, der eine solche Vergiftung herbeiführt, zählt Musik jedoch nicht.

„Es handelt sich dabei um eine Störung der Selbstkontrolle. In Bezug auf Musik haben wir damit noch nie zu tun gehabt, aber es wird derzeit viel über pathologisches Glücksspiel diskutiert, das vielleicht nach einem ähnlichen Muster funktioniert. Bisher gibt es jedoch unter den Experten bei diesen Erkrankungen keinen Konsens darüber, wie man damit verfahren soll“, so Christa Merfert-Diete, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Prävention bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS).

Im Falle der Musik liege keine medizinische Grundlage vor und entsprechend sei keine Rehabilitationsmaßnahme möglich.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Renate Thiemann, Pressereferentin beim Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV). In Deutschland sei eine Erwerbsunfähigkeitsrente in einem Falle wie dem von Roger Tullgren nicht denkbar.

„Eine Musiksucht ist nach dem derzeit gültigen Klassifikationsschema keine anerkannte Diagnose. Musik wird von den bei uns zuständigen Ärzten nicht als Suchtmittel anerkannt. Deswegen sind staatliche Zuschüsse nicht möglich. Grundsätzlich wäre es aber vorstellbar, dass sich hinter einem musiksüchtigen Verhalten eine psychische Erkrankung verbirgt, die Leistungen von Sozialversicherungsträgern nach sich ziehen könnte“, erklärt Thiemann.

Dabei würde es sich vorranging um Leistungen der Krankenversicherung handeln. Allerdings müsse in einem solchen Fall der Betroffene auch bereit sein, sich behandeln zu lassen, um eine Veränderung seines Verhaltens anzustreben.

„Offensichtlich handelt es sich bei dem Fall von Roger Tullgren aber nicht um eine Krankheit mit Leidensdruck, sondern eher um persönliche Vorlieben und einen Lebensstil“, vermutet Thiemann.

Leidenschaft statt Leidensdruck
Mit ihrer Vermutung hat Renate Thiemann Recht. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man sich mit Roger Tullgren unterhält. Der 1,90 Meter große Schwede zelebriert sein Dasein als Heavy-Metal-Fan mit jeder Faser seines tätowierten Körpers. Von Leidensdruck keine Spur. Ganz im Gegenteil: Roger genießt seine Sonderbehandlung durch andere Heavy-Metal-Fans. Zwar gibt es auch unter den Anhängern der harten Klänge viele Kritiker, doch hat sich Tullgren durch die Suchtdiagnose zu einer Kultfigur für viele, vor allem schwedische Heavy-Metal-Fans, verwandelt. Aus diesem Status schlägt er mittlerweile sogar Kapital und erschuf sich seinen „absoluten Traumjob“: Nachdem das Restaurant, in dem er als Küchenhilfe angestellt war, zumachte, fing er an, Festival-Reisen zu veranstalten.

„Ich organisiere große Trips mit anderen Heavy-Metal-Fans zu Konzerten und Festivals. Ich plane alles, kümmere mich um die Formalitäten, lege auf der Hin- und Rückfahrt Musik auf und mache mit den Leuten vor Ort viel Party“, erklärt Roger seine neue Berufung.

Viel Geld verdiene man damit zwar nicht, aber es komme so viel herum, dass er seit Anfang des Jahres nicht mehr auf das Geld des Staates angewiesen sei.

„Ich schaue jetzt erstmal, wie das diesen Sommer läuft und sehe mich dann vielleicht nach weiteren Jobs um. Ich habe ja auch drei Kinder, von denen eines bei mir lebt. Meine Freundin arbeitet als Köchin, sodass genug Geld da ist. Notfalls würde ich aber auch wieder auf die staatliche Unterstützung zurückgreifen, wenn ich dafür meinen Traum weiterleben kann.“