Festival: Wacken Open Air 2010 (Titelstory)

Wacken Open Air 2010

Horror-Shows, Mosh-Verbote und Glam Rock

Das WACKEN OPEN AIR hat einen Höheflug: Jahr um Jahr ist das Kultfestival im Norden Deutschlands ausverkauft. Mittlerweile geben sich auch die ganz großen Bands die Ehre, dem Event einen Besuch abzustatten – und finden eine Veranstaltung vor, die mittlerweile weit mehr ist als ein Musikfestival. Auf den folgenden Seiten soll es sich jedoch nicht um Mittelaltermärkte, Wrestling und Met-Kirmes drehen, sondern um das was wirklich zählt: die Musik. Wie sich die Bands auf den Hauptbühnen schlugen, warum es ein Circle-Pit- und Wall-Of-Death-Verbot gab, was die Nebenbühnen zu bieten hatten, das alles erfahrt ihr auf den folgenden Seiten.

Tag 1, Donnerstag, 5. August

Als Opener stehen SKYLINE bereit. Die Band hat sich dadurch einen Platz im Billing verdient, dass man der Headliner des ersten Wacken Open Airs war und Wacken-Boss Thomas Jensen den Bass zupfte. Gäste wie Udo Dirkschneider und Doro werten das Set zwar auf, irgendwie unnötig ist der Gig dennoch.

Nach einer recht überflüssigen Award-Verleihung der Kollegen vom Metal Hammer darf der Meister des Schock-Rocks heran. Ein morbider Finsterling ist Vincent Furnier, alias ALICE COOPER, zwar nur noch auf der Bühne – die Rolle des Bühnenbösewichts verkauft der Mann mit den geschminkten Augen jedoch auch heute noch sehr gut. Und das muss er auch. Denn nur dank dem bunten Spektakel, mit überdimensionalen Heroinspritzen und Gummipuppen, die von Alice zusammengeschlagen werden, kann er davon ablenken, dass die Gesangsleistung in vielen Momenten alles andere als rund ist. Songs wie  „I‘m Eighteen“, „No More Mr. Nice Guy“, „Dirty Diamonds“, „Feed My Frankenstein“, „School‘s Out“ oder „Only Women Bleed“ und „Poison“ erhalten zwar durch die massive Publikumsbeteiligung im Refrain ihren ganz eigenen Gänsehaut-Moment, die Stimme von Alice Cooper selbst bröckelt jedoch in mehr als einem Moment. Entschädigung gibt es mit – zugegeben: unterhaltsamen – Mummenschanz. Alice lässt sich köpfen, in die Zwangsjacke stecken und schließlich erhängen, nur um immer wieder putzmunter auf den Bühnenbrettern zu erscheinen. Dass es irgendwann Zeit wird, endgültig abzutreten (natürlich nur von der Bühne), daran erinnert dieser Auftritt jedoch zweifellos.

Ein ähnliches Fazit hätte man während der ersten Minuten von „Kickstart My Heart“, dem Opener von MÖTLEY CRÜE, auch ziehen können. Vince Neil wirkt so, als wäre er noch nicht auf der Bühne angekommen. Einzelne Worte werden verschluckt, Textpassagen vergessen und stattdessen unkontrolliert hoch gequietscht. Die ersten Sekunden sind eine Qual für gestandene Mötley-Crüe-Fans. Man befürchtet Schlimmes. Zum Glück findet Vince schnell zu alter Stärke. Schon zu Beginn von „Wild Side“, dem zweiten Song auf der Setlist, singt der fröhlich grinsende Sänger mit der blonden Matte auf gewohntem Niveau, während er wie ein aufgeregter Teenager über die Bühne hüpft. Für viel Bewegung sorgt auch Bassist Nikki Sixx, dessen elastischer Mikrofonständer hin- und herwackelt. Tommy Lee, Star der Mainstream-Regenbogenpresse, hat hinter einer gigantischen Double-Bass-Drum Platz genommen und zertrümmert sein Drumset, auch wenn man seinem Gesicht ansieht, dass er auf die fünfzig zugeht. Am mitgenommensten sieht jedoch Gitarrist Mick Mars aus. Den Zylinder tief ins Gesicht gezogen, ein leichter Anflug eines diabolischen Grinsens auf den blassen Lippen und die Arme steif und angewinkelt – die schwere Knochenkrankheit, unter der Mick seit seiner Jugend leidet, hat ihre Spuren hinterlassen. An der Gitarre ist der fast 60-Jährige jedoch nach wie vor unübertroffen. Gleiches gilt für die Songs, die die Band im Gepäck hat und die sich wie eine Best-Of-Zusammenstellung der Crüe lesen: „Shout At The Devil“, „Live Wire“, „Dr. Feelgood“ und „Girls Girls Girls“ sind ebenso ein Garant für ausgelassene Partystimmung wie das aktuelle „Saints Of Los Angeles“. Ein absolutes Highlight.

Mit einem Highlight geht es weiter: IRON MAIDEN betreten den härtesten Acker der Welt. Goldkehlchen Bruce Dickinson vorne weg. Mit Eddie-Show und viel guter Laune soll es auch dieses Mal wieder episch werden. Man startet mit dem „Doctor, Doctor“-Cover ins Set und überwältigt mit  „The Wicker Man“ als Einstiegssong. Gefolgt von „Ghost Of The Navigator“ und „Wrathchild“ geht es mitgrölartig weiter. Gefühlte 80.000 Kehlen schmettern jedes Opus der Briten mit voller Inbrunst mit – allein das bestätigt den Gott-Status im Headliner-Bereich. Weiter geht es mit ein paar ruhigeren Songs, dem neuen Song „El Dorado“ und „Dance Of Death“. Spätestens bei „Blood Brothers“ brechen alle Dämme. Dem verstorbenen Ronnie James Dio gewidmet, holt die Metal-Meute 200 Prozent aus ihrer Stimmgewalt heraus und sorgt somit für einmalige Gänsehautstimmung und einen großen Augenblick auf diesem Wacken. Doch Steigerung ist möglich: Ein Klassiker wird nach dem anderen gespielt, von „Brave New World“ über „Fear Of The Dark“ bis „Iron Maiden“. Den Abschluss machen „The Number Of The Beast“, „Hallowed Be Thy Name“ und „Running Free“. Wenn nach dem Sixpack ein Metaller noch nicht durchtrainiert und voll auf Maiden ist, kann man ihm auch nicht mehr helfen. Insgesamt wieder ein überwältigender Gig, auch wenn nicht so viel Show und Drumherum wie sonst dabei ist. Trotzdem ein ein würdiger Abschluss der Night To Remember.

Tag 2, Freitag, 6. August
Black Stage

Die Katerkur zum Frühstück servieren DEW-SCENTED. Die deutschen Thrash-Fanatiker um Sänger Leif Jensen haben zwar anfangs noch Müh und Not, die Leute vor der großen Bühne von den eigenen Kloppern zu überzeugen, mit zunehmender Spielzeit tauen jedoch nicht nur die Jungs auf der Bühne auf, sondern auch diejenigen, die sich für den Gig aus den Zelten quälten.

ORPHANED LAND ergeht es im Anschluss anders als Amorphis auf der Nebenbühne. Zwar sind bei den Israelis weniger Leute da als bei Amorphis, dafür steigt die Laune der Anwesenden umso drastischer bei Songs wie „Birth Of Three“ oder „Sapari“. Als am Ende Sänger Kobi auch noch „Norra El Norra“ anstimmt, steigt die Vorfreude auf die kommende Tour.

Zum Mittagessen gibt es den ganz normalen Wahnsinn: DIE APOKALYPTISCHEN REITER verwandeln den Acker für eine Stunde lang in ein ausgeflipptes Tollhaus. Angesichts der Energie, die Fuchs, Volk-Man, Neuzugang Ady und Sadomaso-Keyboarder Dr. Pest (angetrieben von Trommler Sir G.) auf der Bühne ausstrahlen, ist es kein Wunder, dass die Stimmung im Publikum bereits bei den ersten Klängen von „Wir sind das Licht“ zu explodieren scheint. Zwar spielen die Reiter ihr seit einer Weile einstudiertes, routiniertes Programm ab, das lassen sie jedoch so aussehen, als wäre die Setlist speziell für das Wacken Open Air zusammengeschustert worden. Beschweren kann man sich darüber jedoch nicht: Neben den neuen Stücken („Adrenalin“, „Der Adler“) gibt es auch Klassiker wie „Unter der Asche“, „We Will Never Die“ und „Reitermania“ auf die Ohren.

Gerade schien dem Fronter noch die Sonne aus dem Arsch, jetzt ist Spaßverbot angesagt: Nachdem vor genau einem Jahr ENDSTILLE erstmals ohne Fronter Iblis auftraten, präsentieren sich die Kieler heute gefestigt. Neuer Fronter ist ex-Nagelfar und Graupel-Sänger Zingultus, dem die schwarz-weiße Schminke schon während der ersten paar Minuten vom Gesicht tropft. Der neue Fronter hat leider ein altes Problem nicht behoben: Der Sound ist bei Endstille abermals unterdurchschnittlich bis hin zu katastrophal. „Endstilles Reich“ erkennt man erst nach Minuten. Die Gitarren klirren viel zu laut und verwaschen aus den Boxen, Zingultus wirkt ab und zu etwas unbeholfen auf der Bühne und Cruor und Lars Wachtfels stehen wie Denkmäler an den Flanken des Fronters. Hinzu kommt, dass die Band viele wichtige Songs ignoriert. Lediglich gegen Ende kommen obligatorische Tracks, wie „Biblist Burner“, „Dominanz“ und „Frühlingserwachen“ zum Vorschein, unterstützt vom mexikanischen Gastsänger, der sich unnötigerweise mit einem Messer die Zunge aufschneidet.

Um ARCH ENEMY ist es in jüngster Zeit ein wenig ruhig geworden. Viele Fans warten sehnsüchtig auf eine Neuveröffentlichung. Umso mehr freut man sich dann auch auf ein Lebenszeichen in Form eines Auftritts. Die Mannen um Grunzerin Angela wirken routiniert und die Band ist dank der großen Live-Erfahrung auf Perfektion getrimmt. Klassiker und Hitgranaten der Marke „My Apocalypse“, „Dead Eyes See No Future“ oder „We Will Rise“ dürfen natürlich nicht fehlen. Der Meute vor der Bühne gefallen diese Songs noch immer und so wird fleißig im Chor mitgegrunzt. Nichtsdestotrotz fehlt Arch Enemy das gewisse Etwas am heutigen Tag. Denn auch ein routinierter Auftritt kann schnell langweilig werden.

Das Highlight des Abends ist gleichzeitig mit einer ganzen Menge Angst verbunden. SLAYER-Auftritte sind immer ein bisschen wie Russisch Roulette spielen. Man weiß nie, was man bekommt. Mehrere Konzerte der laufenden Tour wurden bereits abgesagt, da Toms Kehlkopf abermals Probleme machte – eine traurige Tradition, die bereits seit Jahren jede Slayer-Tour überschattet. Die Frage des Abends also: In welcher Verfassung befindet sich Frontschlächter Tom Araya heute? Heute sind die Bedenken jedoch unbegründet. Schon während „World Painted Blood“ wird klar, dass Toms Stimme einen guten Tag erwischt hat. Klar, in die ganz hohen Regionen stößt der Mann mit dem ergrauten Bart nicht mehr vor, aber angesichts der vorher ausgemalten Horror-Szenarien ist man überaus positiv überrascht, mit wieviel Schwung die Songs vorgetragen werden. Den Rest erledigen die Hits. Allesamt Kult und Heavy-Metal-Geschichte. Wer Songs wie „Dead Skin Mask“, „Seasons In The Abyss“, „Hell Awaits“, „Raining Blood“, „South Of Heaven“ und zum Abschluss des Sets „Angel Of Death“ dabei hat, der braucht sich um Show-Effekte oder eine ambitionierte Bühnen-Performance keine Sorgen mehr zu machen. Diesen Tipp mögen Kerry King und Jeff Hannemann beherzigt haben, die sich zwar immer wieder ein paar Meter über die Bühne bewegen, aber eher routiniert als enthusiastisch wirken. Was soll‘s, Spaß machen die Songs ja auch so.

Das anschließende Kontrastprogramm, in Form des Mittelalterspektakels CANTUS BURANUS, kann danach nur verlieren. Corvus Corax stecken hinter dem Projekt, das um 2 Uhr in der Nacht, nach einem Slayer-Auftritt, versucht, die letzten Headbanger mit einer Mischung aus Orchester, Chor und mittelalterlichen Instrumenten zum Bleiben zu bewegen. Keine Chance!

True Stage

AMORPHIS machen den Anfang auf der True Stage, können das noch schläfrige Publikum aber nicht richtig aus der Reserve locken. Zwar ist der Bereich vor der Bühne gut gefüllt und auch Fronter Tomi macht ordentlich Dampf, trotzdem kommt erst zum Schluss mit dem Bandklassiker „Black Winter Day“ richtig Stimmung auf. Der Rest des Sets ist nichts für den frühen Morgen.

Ein Außenseiter mit ihrem extravaganten Musikstil, der sich aus Nu-Metal und lateinamerikanischen Stilen zusammensetzt, sind ILL NINO allemal auf dem Wacken Open Air. Mit einer 15-minütigen Verspätung  beginnt der Auftritt, leider mit total matschigem, lauten Sound. Der Gesang ist viel zu leise und die E-Gitarren scheppern einem um die Ohren, was aber die eingefleischten Anhänger der Band nicht abhält, zu springen und zu feiern. Wer die Band vorher schon nicht mochte, wird mit dem Auftritt jedoch keinesfalls überzeugt.

Was wäre brüllende Sonne ohne etwas Country? Die siebenköpfige Band THE BOSS HOSS aus Berlin lassen das Wacken eine riesige Party feiern. Mit Cover-Songs wie „Jesus Built My Hotrod“ von Ministry und Klassikern wie „Yee Haw“  überzeugen die Jungs nicht nur optisch mit ihren Feinripphemden und Stetsons, sondern auch musikalisch als angenehmes Kontrastprogramm.

KAMELOT sind über den großen Teich geflogen, um das ländliche Wacken mit ihrem melodischen Power Metal zu verzaubern. Dank Songs wie „Ghost Opera“, „The Great Pandemonium“ oder „March Of Mephisto“ gelingt ihnen das auch bis zum Schluss. Sänger Roy Khan ist stimmlich gut drauf und auch die Fans sind gewillt, Kamelot die Ehre zu erweisen und die Band vor der Stage zu unterstützen.

Männer in Röcken, eine Reibeisen-Stimme und illustre Gäste auf der Bühne: Willkommen beim Headliner. GRAVE DIGGER haben sich für ihr 30-jähriges Jubiläum einiges einfallen lassen. Chris Boltendahl selbst steht im Kilt auf der Bühne und sinniert mit seinem unverkennbaren, hoch-heiseren Organ über Schottlands Vergangenheit. „William Wallace“, „The Bruce“ und „The Battle Of Flodden“ gedenken an britische Schicksale und erfreuen gleichzeitig durch den knackig-druckvollen Sound auch die Ohren all jener Headbanger, die für die Bühnenoptik wenig übrig haben. Doch das Hingucken lohnt sich: Als zu „Rebellion“ nicht nur die A-Capella-Clowns Van Canto Chris Boltendahl begleiten, sondern auch Blind-Guardian-Fronter Hansi Kürsch im Schottenrock auf die Bühne kommt, ist der Jubel groß. Und er wird noch größer, als der mittlerweile kurzhaarige Ausnahmesänger eine Gesangsleistung abliefert, die einen vorfreudig auf die kommende Tour stimmt. Und Hansi ist nicht der einzige Metal-Promi, der Grave Digger Tribut zollt. Auch Doro Pesch steht zwischenzeitlich auf der Bühne. Noch größeren Enthusiasmus ruft allerdings der Zugabenblock hervor, der mit „Excalibur“ und „Heavy Metal Breakdown“ den Geburtstagsauftritt mit einem Knall abschließt.

Es ist unwahrscheinlich, dass ANVIL auch ohne die Hilfe ihres Films auf dem Wacken spielen würden – geschweige denn zum Abschluss auf der True Stage. Der Film hat seine Wirkung gezeigt. Man ist gespannt auf die beiden Protagonisten Steve „Lips“ Kudlow und Schlagzeug-Ungetüm Robb Reiner. Für die Musik scheint sich nur ein Bruchteil der Anwesenden zu interessieren. Und vorwerfen kann man es niemandem. Denn wenn Anvil eines sehr deutlich machen, dann dass sie zwar eine sympathische, authentische, liebenswerte Truppe sind, die aber vollkommen zurecht nie den Sprung in die Premiere League des Old-School-Metals geschafft hat. „This Is Thirteen“ langweilt mit Einschlaf-Tempo, „Thumb Hang“ ist kein schlechter Song, rechtfertigt aber auch nicht die späte Spielzeit. „666“ macht Laune, kann aber trotzdem nicht mit den wirklichen Hits des Genres mithalten. Einzig das abschließende „Metal On Metal“, auf das jeder gewartet zu haben scheint, ist ein wirklicher Song für die Ewigkeit. Spaß macht der Auftritt nur, weil es einfach gut tut, dem überglücklichen Lips beim Spielen zuzuschauen. Die Haare ungekämmt und strubbelig, ein debiles Grinsen auf den Lippen und die Klampfe, die zwischendurch auch mal mit einem Vibrator gespielt wird, fest in den Händen. Anvil profitieren von dem Dokument ihres Scheiterns – und ziehen damit massenweise die Zuschauer vor die Bühne. Das ist viel Ironie für einen Freitagabend in Wacken.

Tag 3, Samstag, 7. August
Black Stage

Staublunge am Morgen: Wer vor Showbeginn daran zweifelte, dass EKTOMORF ihre Schwierigkeiten haben werden, das Wacken aufzuwecken, wird Minuten später eines Besseren belehrt. Vor der Black Stage wirbelt sich eine gigantische Staubwolke in die Luft, hervorgerufen durch die unzähligen Mosher, die sich dem Groove der Band hingeben. Egomane Zoltan Farkas hüpft direkt fröhlich mit, während er seine Gitarre malträtiert und einen Zweiminüter nach dem nächsten raushaut. Nur ein kleiner Verbesserungsvorschlag fürs nächste Mal, lieber Zoltan: Lass‘ die Akustikgitarre stecken. Das will niemand hören.

Ähnliche Störelemente gibt es bei UNLEASHED nicht. Das schwedische Death-Metal-Urgestein gibt sich gewohnt authentisch und verliebt in den eigenen Sound. Johnny Hedlund strahlt zwischendurch wie ein Schuljunge und ballert dabei Songs wie „Shadows In The Deep“ und natürlich „Death Metal Victory“ raus. Solide und überzeugend, aber eben keine Offenbarung.

Das All-Star-Team des brutalen Death Metals, LOCK UP, um Vocalist Tompa Lindberg (bekannt von At The Gates und The Crown) sollen am Nachmittag für das ein oder andere feuchte Äuglein sorgen – und lassen kaum eines trocken. Auf dem Rezept des Augenarztes Dr. Lockup stehen unter anderem „Horns Of Venus“, „Submission“, „Broken Word“, „The Jesus Virus“, „Hate Breeds Suffering“ oder „Cascade Leviathan“. Dass diese Heilmethode nicht bei jedem anschlägt, sieht man dem Gros des Publikums an. Denen ist die Medizin wohl zu hart oder verkopft.

Hart, ja. Verkopft, nein. Ein Auftritt von CANNIBAL CORPSE ist und bleibt eben ein Auftritt von Cannibal Corpse. Die Death-Metal-Legende nimmt auch nach über zwanzig Jahren keine Gefangenen. George, der alte Corpsegrinder, lässt den Nacken kreisen, dass es einem beim Zuschauen schwindlig wird, während einem die Brutalo-Nummern der Marke „I Will Kill You“, „Evisceration Plague“ und zum Abschluss natürlich „Hammer Smashed Face“, die Death-Metal-Hymne schlechthin, in den Arsch treten. Großartige Überraschungen bleiben freilich aus, enttäuscht wird man bei diesem Dampfhammer-Auftritt aber ebenfalls nicht.

Schluss mit Heiterkeit und Sonnenschein: IMMORTAL treten als Verfechter der nordischen Finsternis auf die Bühne und starten mit „All Shall Fall“ einen Blizzard, der all den Unmut über den gerade mal durchschnittlichen Auftritt von vor zwei Jahren vergessen lässt. Abbath ist in Topform, schaltet im richtigen Moment die richtigen Gitarreneffekte dazu und krächzt in seiner unverkennbaren Raben-Manier, während Kumpel Horgh majestätisch die Felle foltert. Dass dem Hünen nicht schon nach Sekunden Farbe gemischt mit Schweiß vom Körper tropft, ist ein biologisches Unding. Kritik lässt sich lediglich an der Setlist üben. Dass es von den ersten vier Alben kein Song, nicht einmal die schwarze Hymne „Blashyrkh (Mighty Ravendark)“ in die Setlist geschafft hat, gehört eigentlich verboten. Vom fünften Album, dem fantastischen „At The Heart Of Winter“, hat sich ebenfalls nur „Withstand The Fall Of Time“ einen Platz sichern können. Keine Frage, Immortal haben Bock auf ihre neuen Songs, übertreiben es dabei aber. Mit „All Shall Fall“, „The Rise Of Darkness“, „Hordes To War“ und „Norden On Fire“ besteht die Hälfte des Sets aus aktuellen Songs, der Rest wird mit „Damned In Black“ sowie den Hits des „Sons Of Northern Darkness“-Album aufgefüllt, wie der Titeltrack, das selten live gehörte „Beyond The North Waves“ und zum Abschluss die Prügelnummer „One By One“. Man müsste Abbath und seiner Gefolgschaft für diese Setlist sauer sein, kann man aber nicht, da die Jungs sich mit einer Energie und einem Sound präsentieren, der endgültig keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass diese Band zurück ist.

Zurück sind auch FEAR FACTORY. In neuer, alter Konstellation pflegt die Furchtfabrik wieder Musik zu veredeln. Manufaktur-Manager Burton C. Bell und Dino Cazares haben ihre Unternehmensziele endlich wieder auf einen Nenner gebracht und präsentieren diese Re-Fusion stolz auf der Bühne. Mit dem neuen Brecher-Album im Gepäck und Walzmaschinen wie „Powershifter“ macht man genauso Nägel mit Köpfen wie mit Altmetall á la „Shock“, „Martyr“, „Demanufacture“ oder „Replica“. Bleibt zu hoffen, dass der augenscheinliche Nachfrageanstieg nach dieser neuen Produktreihe auch die Macher zu mehr und mehr Output bewegt.

True Stage

Nach dem Groove-Stelldichein von Ektomorf auf der Nachbarbühne, geht es mit Morgengymnastik weiter. Heutiger Fitness-Coach: die Jungs von CALIBAN. Die moderne Fraktion freut sich über den Mix aus Hardcore und Metal – so sehr, dass man sich glatt über das Circle-Pit-Verbot hinwegsetzt.

Die totale Live-Power und wohl stärkste Old-School-Thrash-Party des Jahres feiern OVERKILL. Von „Rotten To The Core“, der „Wrecking Crew“, „Hello From The Gutter“, „Coma“, „Hammerhead“ bis hin zum nicht immer zu hörenden Klassiker „In Union We Stand“ ist alles dabei. Bobby Blitz überrascht immer wieder mit seiner Energie und der Kraft, das Publikum mitzureißen. So cool und kompromisslos können nur Overkill spielen. So muss Thrash Metal klingen! Den Abschluss und die sinnbildliche Krone aufs eigene Haupt setzen „Elimination“ und das obligatorische „Fuck You!“, diesmal mit integriertem Cover von Motörheads „Overkill“.

Singt er live oder singt er nicht live? Blackie Lawless haftet der unangenehme Ruf an, dass er es sich öfter gerne mal bequem macht und seine Stimme lieber vom Band abspielt, anstatt live zu singen. Heute ist das jedoch anders. Im schwarzen Football-Trikot, mit weißen Fransenstiefeln und großer Sonnenbrille auf der Nase betritt einer der egozentrischsten Protagonisten des Heavy Metals die Bühne und überrascht durch stimmliche Qualität sowie ein ausgezeichnetes Händchen für die Songauswahl. Doch eigentlich ist es auch leicht eine gute Setlist zusammenzuschustern, wenn man sich bei so vielen Hits bedienen kann wie W.A.S.P. Der Start mit „On Your Knees“ fällt überaus gelungen aus, das Cover von The Whos „The Real Me“ sowie der kultige Hit „L.O.V.E. Machine“ ebnen den Weg für den einzigen  neuen Song des Abends, „Babylon‘s Burning“. Im weiteren Programm reiht sich Hit an Hit. Das Medley aus „Hellion“, „I Don‘t Need No Doctor“ und „Scream Until You Like It“ treibt einem das Pipi in die Augen, das sich endgültig in einen Bach aus Freudentränen verwandelt, als „Chainsaw Charlie“ und die Ballade „The Idol“ gespielt werden. „I Wanna Be Somebody“  (inklusive Singsang-Mitspiel) macht zum Abschluss den Sack zu. Was?! Das war tatsächlich schon eine Stunde Spielzeit?

„Dead Or Rock“ heißt es als die Spaßkanone Tobias Sammet und der EDGUY-Anhang die Bühne stürmen. Neben neuen Songs wird selbstverständlich auch der ein oder andere Klassiker wie „Tears Of A Mandrake“ gespielt. Hier heißt die Devise: Mitklatschen und kräftig Mitsingen. Markus Grosskopf, Bassist von Helloween, hat einen Gastauftritt,  da „Eggi“ auf die Bestätigung wartet, dass er Vater geworden ist. Mit viel guter Laune und einem herausragenden Gesang wird die Setlist fortgeführt und erreicht ihren Höhepunkt schließlich mit „King Of Fools“, womit ein tadelloser Auftritt der hessischen Band endet.

Dass am Nachmittag im Pressebereich aufkeimende Gerücht, statt SOULFLY würden Blind Guardian spielen, sieht sich mit einem Schlag widerlegt, als ein aufgequollener Max Cavalera die Bühne betritt und ein Groove-Feuerwerk veranstaltet. Die brasilianische Seelenfliege beißt sich auch dieses Jahr wieder in so mancher Ohrmuschel fest. Max Cavalera kann eigentlich kaum enttäuschen. Entweder man geht gar nicht erst hin, weil schon zu oft gesehen oder man lässt sich dann doch wieder vom südamerikanischen Charme einlullen. Mit „Eye For An Eye“ und auch den Old-School-Klassikern von Sepultura gewinnt man fast jedes metallische Herz. „Jumpdafuckup“ und „Back To The Primitive“ sorgen für weitere Schleifsteine zur Abrundung des Sets und des Auftritts.

Seine ehemalige Band feiert gerade ein aufsehenerregendes Comeback, keine Frage also, dass der „German Tank“ nachlegen muss. Den Abschlussgig auf dem Wacken Open Air zu spielen, stellt da eine hervorragende Gelegenheit dar, um der Heavy-Metal-Welt da draußen zu zeigen, dass es sich für Udo Dirkschneider gelohnt hat, bei U.D.O. zu bleiben. Zwar startet der Mann mit den Lungenflügeln aus Stahl noch ausschließlich mit Eigenkompositionen, die aber (wie „Dominator“ oder „The Bogeyman“ zeigen) nicht weniger überzeugen können. Doch immer wieder schimmern Accept im Set durch. Erst wird die „Princess Of The Dawn“ besungen, nach einem anschließenden Gitarrensolo der „Midnight Mover“ zitiert und schließlich das „Metal Heart“ in Wallung gebracht. Als Zugabe gibt es nach „Holy“ auch noch das obligatorische „Balls To The Wall“. Zweifellos: Udo und seine Truppe haben es drauf, aber im direkten Vergleich zu den aktuellen Accept-Shows unterliegt der deutsche Metal-Panzer hinsichtlich der zur Schau gestellten Spielfreude.

Bevor die Lichter des Wacken Open Airs 2010 endgültig erlischen und die Tore geschlossen werden, geben sich SUBWAY TO SALLY für ein kleines Intermezzo die Ehre. Die Folk-Metaller dürfen auf fast keiner Ausgabe des Open Airs fehlen und covern D-A-Ds Hit „It‘s After Dark“. Danach ist auch schon Schluss und alle Fans des größten Metal-Festivals trinken entweder ihre letzten Bierchen oder stolpern erschöpft in ihre Zelte. Unter ihnen sind auch:

Dorian Gorr, Jenny Bombeck, Elvis Dolff, Benjamin Gorr, David Dankert und Bastian Gorr

Lies den vollständigen Bericht, inklusive Veranstalter-Interview und vielen weiteren Infos in METAL MIRROR #45