Artikel: Until The Light Takes Us

Until The Light Takes Us

Von Mord zu Mainstream

Mord, Kirchenbrandstiftung, Waffen, Satanismus – viele Mythen und Legenden ranken sich um Norwegens Black-Metal-Szene der Neunziger. Nun versucht die Dokumentation „UNTIL THE LIGHT TAKES US“ hinter die Kulissen zu blicken.

Text: Dorian Gorr | Fotos: Rapid Eye Movement

Die norwegische Black-Metal-Szene übt seit jeher eine gewisse Faszination aus – nicht nur auf Black-Metal-Fans. Es ist die Sensationsgier, die die meisten antreibt. Denn die Anfang der Neunziger entstandene Bewegung bietet viel Futter, um diese Gier zu stillen. In keiner anderen Szene ist eine scheinbar vorhandene Ideologie, die Idee einer Rebellion, so sehr mit der Musik verschmolzen, wie es dort geschehen ist. Doch wo viel Sensationsgier herrscht, da droht auch stets die Gefahr einer Verzerrung. Bilder werden gezeichnet, die nicht zutreffend sind, die Wahrheit verformt und Legenden zurechtgebastelt. „Until The Light Takes Us“ ist ein Versuch, hinter die Kulissen zu blicken und die Geschichte des norwegischen Black Metals zu erzählen – ohne Schockeffekt und Legendenbildung.

Audrey Ewell und Aaron Aites, zwei aus den USA stammende Independent-Doku-Filmer, haben sich mit den Widrigkeiten des Independent-Film-Business (sprich: Finanzierungsprobleme) herumgeschlagen, sind schließlich für zwei Jahre nach Norwegen gezogen und vor Ort den Protagonisten der Szene auf die Pelle gerückt. Bei Spaziergängen, auf Kunstausstellungen, im Gefängnis und im Keller des zum Kult hochstilisierten Helvete, einst Sammelpunkt der norwegischen Black Metaller. Sie erzählen die Geschichte der Kirchenbrandstiftung, der Morde und dem musikalischen Underground-Phänomen anhand zwei Protagonisten: Varg Vikernes (Burzum) und Gylve „Fenriz“ Nagell (Darkthrone).

„Es gab nicht viel Auswahl, welche Personen man bei einer solchen Dokumentation in den Fokus rückt. Es gab vier zentrale Figuren. Zwei davon (die beiden Mayhem-Mitglieder Dead und Euronymous – dg) sind tot, die anderen beiden haben wir in den Fokus des Films gerückt. Bevor wir uns entschieden, für den Film nach Norwegen zu ziehen, war uns klar, dass wir den Film nur machen würden, wenn die beiden im Fokus stünden. Alles andere wäre uninteressant gewesen“, ist sich Aaron sicher. Seine Regiepartnerin Audrey fügt hinzu: „Es wäre leicht gewesen, mit dem Film nur zu schocken. Aber das wollten wir nicht. Wir wollten es menschlicher darstellen. Und diese ursprüngliche Freundschaft dieser zwei Leute, die durch unterschiedliche Aktionen so verschiedene Pfade gegangen sind, bot sich dafür an. Wir erzählen die Black-Metal-Geschichte durch das Leben der beiden.“

Und so sieht man Bilder, die teilweise so gar nicht aufschlussreich zu sein scheinen, einem aber auf dem zweiten Blick viel über die Ästhetik, die Mentalität der damals aufkeimenden Szene verraten. Da ist Fenriz, der Underground-Fetischist, der in abgelegenen Hinterhof-Flohmärkten einkauft, ein Faible für moderne Kunst hat und sich wünscht, Black Metal wäre niemals ein Trend geworden. Ein Typ, aus dem eigentlich niemand schlau wird. Der in einer unordentlichen, kleinen Wohnung zwischen Wäscheständern und Vinyl-Platten lebt, obwohl er in einer der erfolgreichsten Bands Norwegens spielt. Und natürlich Varg Vikernes, ein zwischen musikalischem Genie und ideologischem Wahnsinn getriebener Skeptiker, der in regelmäßigen Abständen seine Ideologie neu definiert und zum Zeitpunkt des Films noch seine 15-jährige Haftstrafe wegen Mordes absitzt. Mit dem ihm eigenen Charme ruft er die Revolution gegen Medikamente, Demokratie, Christentum und McDonalds aus. Augenscheinlich hochintelligent, nicht unbedingt unsympathisch und doch verloren auf Pfaden, die einem hochgradig zuwider sind. Verzettelt in Ansichten, die man wahlweise als paranoid oder grenzenlos dumm bezeichnen muss – und die man selbst kaum noch ernst nimmt, wenn man bedenkt, wieviele verschiedene Paar ideologische Schuhe sich Vikernes bereits angezogen hat.

Absurde Kritik?

Kritik an dieser Vorgehensweise der Regisseure hagelte es in der deutschen Presse von vielen Seiten. Der SPIEGEL meckerte, es könne nicht sein, dass Personen wie Varg Vikernes unkommentiert zu Wort kommen und ihre – in der Tat zum Teil falschen – Interpretationen der Geschehnisse verbreiten dürfen. Aaron und Audrey lachen nur laut, als sie mit der Kritik konfrontiert werden. „Das ist doch absurd. Wie sollten wir als Dokumentarfilmer uns denn von einem Subjekt unserer Dokumentation distanzieren? Das Doku-Genre hat sich in jüngst einem Wandel verschrieben. Immer mehr Dokumentationen kommen heraus, in denen der Filmemacher selbst zum Handlungsobjekt wird. Wie bei Michael Moore, der selbst vor die Kamera tritt und dem Zuschauer erklärt, wie er die Dinge zu sehen hat. Ich finde diesen Wandel nicht gut. Ich finde nicht, dass man dem Publikum extra erzählen muss, dass der Mörder, der im Gefängnis sitzt, nicht der netteste Mensch der Welt ist. So dumm ist das Publikum doch nicht“, echauffiert sich Audrey lautstark und fordert weiterhin: „Lasst uns den Menschen doch etwas mehr Verstand zusprechen. Ich glaube, dass die Zuschauer die Moral einer Figur, die offensichtlich eine gewalttätige und einschlägige Vergangenheit hat, akkurat einschätzen können, auch ohne dass wir vor die Kamera treten und erzählen, dass Varg ein böser Kerl ist.“

Man muss sich den Film mehr als einmal anschauen, um zu verstehen, dass die Dokumentation nichts ausblenden oder beschönigen will, sondern sich lediglich zur Aufgabe gemacht hat, die Personen so darzustellen, wie sie sind. Und dazu gehört eben auch ein lächelnder Hellhammer (Schlagzeuger von Mayhem – dg), der dem anonym auftretenden Bard „Faust“ Eithun Respekt dafür zollt, eine „Schwuchtel“ umgebracht zu haben. „Natürlich ist das eine extreme Szene“, stimmt Audrey zu. „Ganz genau das ist es. Aber genau deswegen müssen wir uns doch nicht von diesem Statement distanzieren. Die Szene spricht doch für sich selbst. Da müssen wir unser Publikum doch nicht wie Kinder behandeln und ihnen sagen, dass das keine vernünftige Ideologie ist.“

Dass bestimmte Parts aus Vargs Biografie ausgeblendet werden (oder besser: nicht zur Sprache kommen), lässt sich laut Audrey und Aaron sehr simpel erklären: „Die Leute sind so geil darauf, dass wir Varg als Neonazi darstellen. Richtig wollüstig. Varg ist durch viele Ideologien gewandert. Das macht er noch heute. Derzeit nennt er sich Odalist. Diese Person hat ein fließendes Verständnis der eigenen Ideologie, aber die Leute wollen, dass man ihn ausschließlich als Neonazi darstellt. Dieses offensichtliche Verlangen wollten wir nicht erfüllen. Der Film soll keine Biographie über Varg Vikernes sein. Und wenn man ihn aufmerksam sieht, dann erkennt man auch, dass wir seinen Wandel vom Satanisten, zum Neonazi, zum Skinhead, zum Heiden darstellen“, behauptet Audrey.

Unter der Oberfläche?

Es sind zweifellos eher neue Eindrücke als wirkliche Erkenntnisse, die im Film gezeigt werden. Eindrücke von der Person Vargs, von der Verschrobenheit Fenriz‘, von der selbstzerstörerischen, künstlerischen Ader Frosts, von Hellhammers verquerer Moral. Doch wäre es auch naiv anzunehmen, dass dieser Film für Black Metaller gemacht wurde – eine Sorge der Vertriebspartner, die sich spätestens seit den ersten Auszeichnungen auf Filmfestivals erledigt hat. Damit erreicht der Film mehr Publikum als seinerzeit das oft zitierte Buch „Lords Of Chaos“, das zwar einen Eindruck der Hintergründe vermittelte, aber ein vorschnell getroffenes, vereinheitlichtes Bild eines Gebräus aus Neonazis und Satanisten zurückließ, anstatt wirklich unter der Oberfläche zu forschen.

Doch tut „Until The Light Takes Us“ das? Schwer zu sagen. Der Film wirkt wenig in einen Rahmen eingegossen. Zum Teil wird nicht richtig klar, was genau Audrey und Aaron zum Ausdruck bringen und darstellen wollen. Viel mehr gibt der Film ein Stimmungsbild wieder. Er zeichnet den Kampf für die norwegische Kultur nach, zieht Parallelen zwischen dem Black Metal mit seiner Low-Fi-Attitüde und moderner Kunst und versucht zu erklären, wie das extreme Verhalten einiger Jugendlicher in scheinbar organisiertem Widerstand gegen das Christentum mündete – und in einer Musik, die einst verteufelt wurde und heute gesellschaftsfähig scheint.