Artikelserie “Heavy Metal Locations”: Turock

Turock (Peter Sievert)

Einst Pornokino, jetzt Metal-Schuppen

Das TUROCK hat nicht nur in Essen, sondern im gesamten Ruhrgebiet und weit darüber hinaus einen hohen Bekanntheitsgrad. Die meisten Tourneen nehmen den kleinen Laden im Herzen der Essener Innenstadt gerne mit. Innerhalb von gerade mal sechs Jahren wurde aus einer ehemaligen Mainstream-Disco namens Roxy ein Laden, der mit Konzerten und Metal-Partys den Durst nach lauter Musik stillt.

Text: Jenny Bombeck | Fotos: Dorian Gorr

Die schwere Eisentür wird von Besitzer Peter Siewert geöffnet. Der Duft eines verrauchten Raucherclubs macht sich breit und die ein oder andere Spinnwebe lässt grüßen. Alles Zeichen dafür, dass in diesen Räumen viel gefeiert und gebangt wird. Zum Putzen und Polieren bleibt da nicht allzu viel Zeit. Die Wohnungen über dem Turock gehören mit zum Club. Diese dienen den auftretenden Bands als Backstage-Räume und auch Peters Büro befindet sich dort. Doch jetzt geht es erst einmal in den ersten Stock, in die Etage, wo sich meist die Musiker zum feuchten Beisammensein zurückziehen und nach ihrem Auftritt den Adrenalinpegel mit Whiskey-Cola und Bier senken.

Peter lehnt sich relaxt in seinem Ledersessel zurück. Er hat eine anstrengende Woche hinter sich. Vergangenes Wochenende feierten 4000 Besucher beim Turock Open Air zwei Tage lang die von ihm gebuchten Bands ab. Die ganze vergangene Woche war er mit dem Abbau der großen Bühne beschäftigt. Trotzdem wirkt er gut gelaunt. Seinem Lächeln kann man ansehen, dass er auf seinen Laden stolz ist – den Laden, den er vor sechs Jahren aus dem Boden gestampft hat und der durch viel Engagement und eine gehörige Portion Idealismus zu einer Konzert-Institution geworden ist. Peter ist eigentlich gelernter Elektriker. Nur durch seine Eltern gewann er bereits während seiner Jugend einen Einblick in die Gastronomie. Der Weg zum Besitzer eines Clubs war quasi ein Sprung ins kalte Wasser für den aus Bayern stammenden Herren. Der Gebäudekomplex, in dem sich das Turock befindet, hat im Laufe der Jahrzehnte einiges mitgemacht. Angefangen hat alles mit einem kleinen Lichtspielhaus im Jahr 1911, das später zum Kino namens Roxy, dann zu einem sogenannten Spartenkino (sprich: Porno-Kino) und schließlich neun Jahre lang die Mainstream-Disco Roxy wurde.

Die Geburtsstunde

Vor sechs Jahren hat sich Siewert nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, das ehemalige Roxy zu mieten, um daraus ein Etablissement zu machen, in dem die Leute auf harte und laute Musik abgehen können. Als Kontrastprogramm wurden dort sogar ein paar Wrestling-Shows absolviert, die aber zu aufwändig und zu brutal wurden. Da Peter vor der Turock-Zeit arbeitslos war, kam immer wieder der Gedanke hoch, sich im Bereich Heavy Metal selbstständig zu machen.

„Ich hatte mit einem Freund zusammen ein Tonstudio und spielte zudem noch in einer Thrash-Band. Aber mein Wunsch war es schon immer einen eigenen Laden zu besitzen, ursprünglich sollte das eigentlich eine Kneipe sein“, erinnert ich der Dunkelhaarige. Erste Erfahrungen als Veranstalter hat Peter schließlich zusammen mit einem Kumpel in einem Jugendhaus sammeln können, in dem sie ein paar kleinere Konzerte organisiert hatten. Als die beiden vom leerstehenden Objekt hörten, war ihr erster Gedanke, ein alternatives Jugendzentrum für Jugendliche ab zwanzig zu eröffnen. Innerhalb kürzester Zeit verfassten die Freunde ein Konzept und legten dieses dem Vermieter vor. Jedoch regiert Geld die Welt und dieses wollten die Vermieter mit dem Laden verdienen. Ein Jugendzentrum passte da nicht ins Konzept, was auch Siewert einsah. So wurde ihm vorgeschlagen, den Laden selber zu eröffnen. Für seine Entscheidung hatte er 14 Tage Bedenkzeit. Als auch seine Frau einverstanden war, stand seine Entscheidung fest: Das Turock war geboren. Zumindest fast. Erst einmal durfte kernsaniert werden. Bis auf das Stahlgerippe musste alles raus und erneuert werden. Inklusive Sound- und Lichtanlage habe sein Schätzchen die Summe eines Einfamilienhauses verschlungen. Dies ist kein Pappenstiel, aber die Lage des Zweirocks habe alles wieder wett gemacht. So erklärt der stolze Besitzer den Grund für den Namen seines Babys: „Turock bedeutet phonetisch abgeleitet Zweirock: Freitags spielen wir Nu Metal und Crossover und samstags alles im Bereich Heavy Metal. So etwas gab es vorher in Essen nicht.“

Traumstart am Teufelstag

Im Jahr 2005 fing schließlich die Ära der Konzerte an. 700 Leute passen offiziell ins Innere des Turock. Mehr als 500 lässt Siewert jedoch für gewöhnlich nicht hinein. Auch nicht als nach einigen kleineren Veranstaltungen am teuflischen Datum, dem 06.06.06, der große Durchbruch für das beschauliche Turock stattfand. Niemand geringeres als King Diamond betrat die Halle. „Der Gig war seitens King Diamond maßlos überdimensioniert. Er kam mit zwei Nightlinern und einem 40-Tonner angereist und wir mussten 176 Cases ins Turock reinschieben. Die haben wirklich alles mitgeschleppt. Manche Teile waren sogar so groß, dass wir sie nicht noch einmal durch unsere Türen bekommen haben. Während des Gigs musste die arme Vorband sogar vor der Bühne auf Cases spielen, da sie diese nicht betreten durften. Aber das hat alles irgendwie funktioniert. Das Konzert war restlos ausverkauft, hat aber letztlich nichts für mich eingebracht, da der King eine satte Gage nimmt. Dennoch war es eine gute Veranstaltung und ein super Gig für mich, denn ab diesem Zeitpunkt war der Knoten geplatzt und das Turock bei allen Bookern vermerkt.“

Mittlerweile werden 70 Shows im Jahr veranstaltet und selbst Leute aus Holland kommen nach Essen, um nach den Konzerten noch ordentlich feiern zu können. Bei so vielen Auftritten erlebt man natürlich so einiges. Kein Wunder also, dass Siewert, der laut eigenen Angaben eine 70-Stunden-Woche hat, herrliche Anekdoten erzählen kann, die jeden zum Schmunzeln bringen: Zum Beispiel der Blaublüter Satyr, der den gesamten Backstage-Bereich für sich beansprucht und dem Chef den Eintritt in sein eigenes Büro verwehren möchte und dann auch noch in das 500 Meter entfernte Fitness-Studio gefahren werden möchte. Oder der durchgedrehte Taake-Sänger, der mit Hakenkreuz auf der Brust die Zuschauer mit Flaschen bewirft. Nach diesem Konzert fanden im Turock übrigens erst einmal knapp ein Jahr lang keine Black-Metal-Konzerte mehr statt.

Der eigene, kleine Betrieb

Doch auch wenn er höchstpersönlich Musiker von der Bühne schubsen oder zugedröhnte Sänger zum Backstage-Raum begleiten muss, liebt Peter Siewert seinen Job. Gemütliche DVD-Abende am Wochenende sind in diesem Job eine Rarität. Mittlerweile ist auch seine Frau mit ins Geschäft eingestiegen und hat ihren alten Beruf an den Nagel gehangen. Das sei auch besser so, denn sonst würden sie sich gar nicht mehr zu Gesicht bekommen, ist sich Siewert sicher. Seine Frau ist nicht die einzige Person, die für ihn arbeitet. Einen Konzertladen mit zwei Leuten betreiben zu können, das wäre äußerst naiv. Das Turock beschäftigt mittlerweile einen Auszubildenden, drei Festangestellte sowie 60 Aushilfen. Aus einem Club wurde ein mittelständisches Unternehmen. Dennoch lebt Peter hauptsächlich vom Freitagabend – der Abend, an dem eher Mainstream-Musik läuft. Dieser sei laut Eigenaussage der ertragreichste Tag. Die Konzerte hingegen werfen nicht ganz so viel ab. Geld verdiene er dennoch genügend, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Man dürfe es halt nur nicht auf die Stunden umrechnen.

www.turock.de